Kito Lorenc: Wortland

Lorenc-Wortland

REDE-WENDUNGEN

Ich steh auf Messers Schneide
knietief in der Kreide
als fünftes Rad am Wagen
und will ein Schnippchen schlagen.

Auf dem Zahnfleisch krieche
ich in Teufels Küche.
Der Teufel malt mich an die Wand
und legt mir Feuer in die Hand.

Ich sauf im Sitzen Tinte,
werf Korn in meine Flinte,
streu Puder auf mein Haupt und jag
die Katze aus dem Klammersack.

Und wie’s mich juckt, so kommen
die Felle angeschwommen
mit Zähnen auf den Haaren,
die noch voll Suppe waren.

Kaum hab ich einen blassen Dunst
der Tuten- und der Blasenkunst,
da beißt die Maus den Faden ab,
der ich den Marsch geblasen hab.

 

 

Fünf Fragen an Kito Lorenc

Marieluise de Waijer-Wilke: Hat es schon Interviews mit Ihnen gegeben und in welchen Zeitschriften? Ein Porträt über Sie, verfaßt von Rainer Kirsch in Liebes- und andere Erklärungen (1972), erwähnt die große Bekanntheit und Anerkennung Ihres Werkes im slawischen Raum…

Kito Lorenc: Zu dieser slawischen Resonanz also. Das Paradebeispiel ist hier, soweit mir bekannt geworden, die im Beograder Verlag Rad 1976 erschienene Anthologie Slovenske rime (Slawische Reime) von Stevan Raičković, die für serbokroatische Leser aus allen übrigen slawischen (Haupt-) Sprachen je einen Dichter in der Originalsprache und in serbokroatischer Nachdichtung vorstellt. Und da ist der Sorbe Kito Lorenc – in der üblichen slawistischen Sprachaufteilung – nach dem Russen Boris Pasternak, dem Ukrainer Maksim Rylski, dem Belorussen Janka Kupala, dem Polen Julian Tuwim, dem Tschechen Vitězslav Nezval, dem Slowaken Laco Novomeský und vor der Bulgarin Elisaweta Bagrjana, dem Slovenen Alojz Gradnik und dem Mazedonier Blaže Koneski eingereiht. Wahrhaftig ein erdrückender Vergleich für einen, der doch schon nach Lebensjahren und Werkumfang nur ein Benjamin ist neben diesen Großen! Es zeigt aber deutlich eben die Rolle, in die ich mich – analog zur traditionellen Rolle der Sorben als „Benjamin der slawischen Völker“ – sehr bald nach 1961, schon mit meinen vielfach unzulänglichen Anfängen versetzt sah. Meist geschah das (sonderlich in den sechziger Jahren, ehe ich in der DDR mit deutschsprachigen Arbeiten bekannter werden konnte) im Rahmen von Buch- und Zeitschriftenanthologien sorbischer Poesie, die nun, erstmals so zahlreich und auch wesentlich früher als Anthologien deutschsprachiger DDR-Dichtung, in fast allen slawischen Sprachen erschienen. Und vermittelt war es meist über die bis ins frühe 19. Jahrhunden zurückreichenden kulturellen Wechselbeziehungen zwischen den Sorben und den übrigen Slawen, durch z.T. schon vor 1945 geknüpfte, aber auch zahlreiche neue Kontakte. Dabei handelte es sich, strenggenommen, zunächst eher um sorabophile philologische als schon um literarische Repräsentationen. So gab es zwar damals in bekannten Zeitschriften des slawischen Auslands einzelne Rezensionen, Übersetzernotizen, Informationen zu meiner Arbeit und Person, doch kaum eingehendere Reaktionen wie Interviews, Abhandlungen usw. Eine der wenigen Ausnahmen bildeten hier, etwas später, die Beiträge des Prager Slawisten und Übersetzers Josef Vlášek (Der dialektische Parallelismus in der Poetik von Kito Lorenc, Slavia Occidentalis 1974, u.a.), in denen er auch meinen literarischen Bilinguismus richtig einordnete. Josef Vlášek war auch beteiligt an den Nachdichtungen der bisher einzigen Buchauswahl meiner Gedichte in einer Fremdsprache, der tschechischen Sammlung Nový letopis (Neue Jahresschrift, Prag 1972), die seinerzeit weder im Sorbischen noch im Deutschen ein Gegenstück hatte, weil ihr sowohl deutsche als auch sorbische Originale zugrunde lagen. In den siebziger Jahren dann, nach meiner „Selbstintegration“ in die deutschsprachige DDR-Lyrik (durch die deutschen Autorfassungen in Struga, 1967, und vor allem die nur-deutschsprachigen Gedichte in Flurbereinigung, 1973), wurde ich auch in die nun zunehmend erscheinenden slawischen Anthologien der DDR-Lyrik aufgenommen – beispielsweise in die russische Poezija GDR (1973), nachdem ich in Belorussisch (1969) und Ukrainisch (1971) bereits durch Anthologien sorbischer Poesie vertreten war.

Waijer-Wilke: Bis zum Alter von vierzehn Jahren sprachen Sie nur deutsch, während ihres Slawistik-Studiums begannen Sie sorbisch zu schreiben. In der „Struga-Konfession“ sprechen Sie von dem Einfluß, den die Volksdichtung hatte, und welche Rolle Ihre „Entdeckung“ des sorbischen Werkes Ihres Großvaters, Jakub Lorenc-Zalěski, spielte. Rainer Kirsch schreibt in dieser Entwicklung der Begegnung mit Johannes Bobrowski und seinen Gedichten („Schattenland Ströme“) die entscheidende Rolle zu. Wie sehen Sie diese beiden Teilaspekte(-phasen?) in Ihrer Entwicklung?

Lorenc: Das sind in jedem Fall frühe, zum Teil sehr frühe, Entwicklungen und Verwicklungen. Wer oder was dabei „die entscheidende Rolle“ gespielt hat, wage ich nicht zu entscheiden. Rainer Kirsch erwähnt ja die Begegnung mit Bobrowski nur als Voraussetzung, daß ich „wieder auch deutsch“ schrieb. Dies trifft es schon eher. Aber ohne meinen sorbischen Dichter-Großvater wäre ich gewiß, überhaupt nie zum Schreiben gekommen. Ich erinnere mich willkürlich an Johann Peter Hebels „Kannitverstan“ und glaube jetzt zu wissen, warum die Geschichte mich als Kind wieder und wieder fesselte, seit ich sie in einem alten deutschen Schullesebuch gefunden hatte. Der Großvater war mein Herr Kannitverstan! Er lag da in seinem „engen Grab“, dem Schränkchen mit den Freiexemplaren (oder den unverkäuflichen?) seiner Bücher, den Manuskriptstößen, die alle in Sorbisch die Aufschrift „Kannitverstan“ trugen. Es ist doch klar wie in Hebels Anekdote (wenn auch alles übrige jetzt etwas seitenverkehrt und einseitig herangezogen), daß ich von der unverständlichen Predigt dieser Schriften „mehr gerührt“ war als von der so verständlichen meines lebendigen deutschen Lehrer-Großvaters mit seinen germanischen Heldengeschichten, auf die ich eben nicht so „achtgab“. Ich kannte keine rätselvollere Erwartung als jene auf die Wunder, die sich mir offenbaren würden, könnte ich erst die Papiere aus dem Schränkchen lesen, ja wohl überhaupt auch in der andern Sprache leben. Ich würde das „große Haus“ des unbekannten Herrn betreten, sein „reiches Schiff“ besteigen und das Land Kannitverstan erkunden, das, wie eine Antiwelt in meiner eigenen existierend, gleich hinter unserer Türschwelle begann. Wenn ich Stubenhocker in den Schulferien am Schreibtisch saß und, während mein „praktischerer“ Bruder auf dem Holzplatz beim Bretterstapeln helfen mußte, erste Versuche in Großvaters nautischen Künsten unternahm; auf Deutsch vorerst noch, so ließ mein Vater mich widerstrebend und heimlich stolz gewähren – gewiß aus Pietät vor dem Herrn Kannitverstan, die ihm zeitlebens geblieben war. Als ich mir später von den sorbischen Nachbarn ihre Volkslieder vorsingen ließ, erzählten sie mir, daß das der sonderbare alte Herr – mein – Großvater auch schon von ihnen verlangt habe, als sie noch jung waren, aber in der Kneipe, gegen eine Runde; die er ihnen schmeißen mußte, weil das Sorbische öffentlich verpönt war. Ich gab ihnen das Pullchen, das ich vorsorglich mithatte, trotzdem. Öfter und öfter besuchte ich dann das Großvater-Land, erfuhr es, erschreibe es mir immer noch auch mit sorbischen Gedichten und indem ich es mir und andern ins Deutsche „übersetze“. Beispielsweise sein symbolistisch-expressionistisches Prosapoem Kupa zabytych (Die Insel der Vergessenen), an dem ich bisher noch immer gescheitert bin. Gewiß sollte jedes literarische Einzelwesen in einem möglichst frühen Stadium seiner Ontogenese die literarische Phylogenese gerafft und andeutungsweise wiederholen. Aber so spät noch dies embryonale Gefühl, daß man sich vom eigenen Großvater auf Schritt und Tritt überholt vorkommt!? Unverhältnismäßig lange beschäftigte mich die Folklore, deren Bergung schon 1842/43 in Haupt/Smolers Sammelwerk Volkslieder der Sorben in der Ober- und Nieder-Lausitz kulminierte und die nach allem möglichen romantizistischen Verbrauch dem Großvater in der „Insel der Vergessenen“, also Anfang der zwanziger Jahre, nur noch Kinderspiel war. Da auch war schon das sorbische „Schattenland“ entworfen, „Land-ohne-Schatten“ hieß es bei ihm, in dem er die Geister der sorbischen Dichter in ihren Zeiten und Kulissen auftreten ließ und, um sein Leben fragend und befragt, sich selbst. Mußte ich erst einen sarmatischen V-Effekt aus Bobrowski beziehen, ehe ich dies Sorbisch-Einmalige für mich wiederholen konnte, ohne es doch schon einzuholen? Immerhin mag man mir ein gewisses sorbisch-deutsches Informationsgefälle zugute halten, für das ich nun wirklich nichts kann und das ich wohl auch etwas ausgleichen half, indem ich meine kleine Stammesgeschichte zu ausführlich repetierte. Wie eben jetzt noch einmal.

Waijer-Wilke: Inzwischen liegt die von Ihnen besorgte, sorbisch und deutsch edierte erste umfassende Anthologie sorbischer Literatur vor (Reclam Verlag Leipzig 1981). Wie würden Sie das Unternehmen Sorbisches Lesebuch charakterisieren?

Lorenc: Ich will es, angeregt von dem Begriff Anthologie-„Blütenlese“, zunächst durch die Blume sagen. Es ist schon ein verschieden Ding, ob man einen mehr oder weniger eigenen Weg über eine viel besuchte, weite und breite Wiese spaziert und von ihren mehr oder weniger bekannten Blumenarten mit Kennerblick einen Strauß schöner Exemplare pflückt, der durch neuartiges Arrangement, Weglassen und Hinzufügen von den gewohnten Angebinden sich reizvoll abheben mag und den Betrachter dennoch vertraut anmuten wird – oder ob man auf einem wenige Grasbatzen großen, zwischen den berühmten Wiesen kaum wahrnehmbaren Flecken, der die längste Zeit „Unland“ gewesen ist, sagen wir: 53 ausgewählte von den etwa 800 Insektenarten, die dort eine Blüte besuchten, bei, sagen wir: ausgewählten 160 ihrer An- und Abflüge notgedrungen etwas mikrologischer beobachtet, aufliest, beschreibt, um sich – noch dazu als, sagen wir: halb Sammler halb Schmetterling – und andern eine erste lebendige Vorstellung von diesem Biotop machen zu können. Jetzt muß ich doch deutlicher werden. Es war vor dem Sorbischen Lesebuch nicht einmal in deutschen Slawistenkreisen sonderlich bekannt: Selbst in Sorbisch gibt es bisher keine vollständige Literaturgeschichtsdarstellung oder auch nur ihre Skizze, kaum schon gesammelte Werke und sichere Wertvorstellungen, auf die sich solch eine Anthologie hätte stützen oder berufen können.
Und noch weniger konnte man es als ohne weiteres einsichtig voraussetzen, daß sie als sorbisch-deutsche Zweisprachenedition gleichermaßen für die Sorben selbst nicht nur elementare literatur-vermittelnde, sondern auch schlechthin sprachmittlerische Aufgaben zu tragen hatte: Die zwei Schrift- oder Standardsprachen Obersorbisch und Niedersorbisch, in welche sich das heutige Sorbisch aus Gründen gliedert, deren Vorgeschichte bis in die slawische Besiedlung zurückreicht, unterscheiden sich neben ihrer geographischen Abgrenzbarkeit voneinander so beträchtlich, daß ohne entsprechende Vorbildung der Sorbe in der Oberlausitz nicht das niedersorbische, der Sorbe in der Niederlausitz nicht das obersorbische Schrifttum rezipieren konnte noch kann. Schon deshalb gab es nie so etwas wie eine gesamtsorbische Literaturöffentlichkeit (für die allerdings in der Vergangenheit auch nahezu sämtliche außersprachlichen Voraussetzungen fehlten). Und vor allem: Der Prozeß sprachlicher Assimilation, den im Großteil des insgesamt ja schon „gemischtnationalen“ Territoriums besonders ungünstige historische Umstände verstärkten und nachwirkend in Gang hielten und den neue mächtige, gesamtgesellschaftliche Faktoren (berufliche Mobilität, großräumige Industrialisierung, Massenkommunikation usw.) beschleunigten, erwies sich bei aller Förderung der sorbischen Sprache und Kultur als unumkehrbar. Doch mehren sich besonders bei den jüngeren, weitgehend schon nicht mehr sorbischsprachigen Generationen Anzeichen einer ethnischen Selbstverständigung, die auch die deutschsprachige Aneignung sorbischer Literatur oder deutschsprachiger sorbischer Literatur einschließt. Auch eine sorbische Lesermehrheit kann also zu irgendeiner Gesamtvorstellung ihres sorbischsprachigen Literaturerbes vorerst nur anthologisch und nur mit Hilfe der deutschen Sprache gelangen. Dennoch galt es nicht nur einen lang anstehenden Nachholbedarf an Information gewissermaßen literatur-darstellerisch zu befriedigen. Da ich am Lesebuch auch als Mitautor; als „sich selber auswählender“ Anthologist beteiligt war, mußte daraus zugleich ein aktueller Selbstdarstellungsversuch sorbischer Literatur werden, bei dem – das lehrte er mich in fünf Jahren – Darstellung nur über schwierige Selbst-Suche, im Doppelsinn, gelingen kann. Gerade in der Praxis des zweisprachig schreibenden sorbischen Gegenwartsautors kollidiert ja ein nationalliterarisch überliefertes Selbstverständnis, dem die sorbische Sprache, ihre Pflege und Bewahrung wesentlichste, unverzichtbare Determinante sein mußte, sehr konkret und oft krisenhaft mit den heute so veränderten Entstehungs- und Wirkungsbedingungen sorbischer Literatur. Gerade ihm stellt man und stellen sich ja die Sprachenfragen, welche von „sorbischer“ (seiner eigenen) Seite etwa lauten: Warum schreibst du jetzt auch deutsch, da es doch noch einige Tausend sorbischsprachiger Leser gibt; da doch ein gutes sorbisches Buch einmal seinen Übersetzer finden wird; da die noch junge, unverbrauchte sorbische literatursprachliche Tradition in größeren Gattungen, dem Roman, eben erst deutlicheren Höhepunkten zustrebt; und da sie, deutsch unterbrochen, überfremdet, ihren in der „sorbischen nationalen Wiedergeburt“, vor 150 Jahren, so schwer errungenen slawisch-autochthonen Charakter einbüßen müßte? Und von „deutscher“ (auch schon der eigenen) Seite: Warum schreibst du überhaupt noch sorbisch, da alle Sorben deutsch können und der sorbischsprachige Teil mit den historischen und regionalen Varianten des Schriftsorbischen Lese- und Übersetzungsnöte hat; da der Anwendungsbereich der Schreibsprache schon historisch aufs Literarische, der der Sprechsprache heute erst recht auf bestimmte Lebensgebiete eingeschränkt ist und sorbischsprachige Literatur also Gefahr läuft, sich entweder elitär zu verflüchtigen oder mundartlich zu versickern; da die meisten Sorben heute auch, vielleicht sogar vorwiegend deutsche Literatur rezipieren, wie die meisten sorbischen Autoren sich auch, vielleicht sogar vorwiegend, an deutschen Mustern orientieren, gesonderte literarische Wertvorstellungen also wohl kaum noch ins Gewicht fallen; da übrigens viele sorbische Autoren in der Geschichte, stets mehrsprachige Leute, selbst nach der „nationalen Wiedergeburt“ noch über bestimmte Themen, für gewisse Adressaten immer auch deutsch schrieben, es mithin Haarspalterei wäre, deutschsprachige Literatur von Sorben aus ethnischer Sicht sorbische, aus sprachlicher Sicht deutsche Literatur zu nennen…
Man sieht: Beide Fragestellungen, für sich genommen, vereinseitigen das Problem, können dem Gegenstand nicht gerecht werden. Daher das Dilemma bisheriger sorbischer Anthologisten, die deutschsprachige Literatur von Sorben, soweit sie nicht auch in sorbischen Autorfassungen vorlag, vor ihren zweisprachigen Lesern wie Fremdsprachenliteratur behandelten, ausließen oder ins Sorbische übersetzten; oder die Doppelarbeit der zweisprachig schreibenden Autoren selbst, die zwei Sprachfassungen „ein und desselben“ Werkes nebeneinanderstehen, anstatt lieber ein neues in nur einer der beiden Sprachen zu schreiben. Erst in der Gegenüberstellung, der wechselseitigen Korrektur, Verfremdung, Durchdringung kommt es auch hier zu etwas Neuem, kommt man von den Sprachenfragen auf die eine Frage nach einem sorbischen literarischen Bewußtsein neuer Identität, das ja nur in der besonderen strukturellen Verbindung, der widersprüchlich-produktiven Einheit all seiner vergangenen und gegenwärtigen und zu gewärtigenden Elemente erreichbar sein kann. Das war auch meine Frage, und ich habe sie durch das Sorbische Lesebuch wenigstens richtigzustellen versucht, indem ich diese zwei- und mehrsprachige Identitätssuche in ihren geschichtlichen Stationen und Wandlungen zum Leitmotiv nahm, wie es der sorbischen Literatur in ihren besten Zeugnissen bis heute eigen ist. Der kritische Gegenwartsmoment: Jenes paradoxe „will uns ein entschwundner Ort anziehn Eh wir / zu Haus sind wir zu Haus wieder weg“, gewiß auch verlustbewußte Abkehr von jeglicher (u.a. sprachlicher) Exklusivität, bedeutet im zweisprachigen Liebesgedicht des jüngsten Lesebuch-Autors nicht Absage an das „Haus unserer Literatur, das viele opfervoll, aber nun doch nicht umsonst gebaut haben“ (die älteste Autorin im Schlußwort), sondern mehrdimensionale Bewegung in und aus seiner Richtung.

Waijer-Wilke: Das Sorbische Lesebuch bringt Beispiele früherer Gestaltung des Themas der Industrialisierung der Lausitz von Autoren, die in einer nichtsozialistischen Gesellschaft lebten. Ich denke z.B. an die Novelle von Jan Skala (geb. 1889) „Der alte Šymko“ (1924). Dort heißt es:

Über dieses Idyll brach vor einigen Jahrzehnten mit Eisenbahnen, Maschinen, Elektrizitätswerken, Braunkohlengruben, Dampfziegeleien das moderne Industriezeitalter herein gleich einem brüllenden Höllenkoloß, der seine Pranken bald in Gestalt riesiger Schornsteine in den Himmel stößt, bald als Schienenstränge polypenarmig um das ganze Heideland schlingt und aus seinem feuerspeienden Maul Gift in die sorbischen Dörfer bläst: Mit den Zyklopenaugen der großen Scheinwerfer schreckte er in den Nächten die Menschen und verheerte ihr Herz, wie er es jetzt noch verheert, mit jedem neuen Tag. Das Kapital macht Jagd auf die Sorben, und die Meute der Schmarotzer – Beamte, Grubenbesitzer, Pfaffen und sonstiges Geschmeiß – mästet sich dabei.

(Sorbisches Lesebuch) Worauf legen Sie heute den Akzent bei Ihren Darstellungen dieses Themas: Bedeutet die Industrie Fluch oder Fortschritt für die sorbische Lausitz?

Lorenc: Von Fluch oder Fortschritt für irgendwen oder was kann hier überhaupt erst die Rede sein, wenn man z.B. auch die Folgen der Kraftwerksemissionen für den Wald- und Menschenbestand nicht nur der Lausitz in Mit-Rede, öffentliche, stellt. Für den Fortbestand der sorbischen Sprache ist die erweiterte Kohle- und Energiegewinnung in der Lausitz kaum noch „merkmalhaft“: Die Sprachsituation konnte, wie ich schon anzudeuten versuchte, nicht komplizierter als kompliziert werden; und die sorbische Lausitz (ihren Abgesang las man schon 1782 in Jan Hórčanski’s anonymer Schrift „Gedancken eines Ober-Lausitzer-Wenden über das Schicksaal seiner Nazion“) gab es nicht, auch nicht mehr als agrarisch „heile Welt“ von Sprachinseln, zumal die Industrialisierung gerade der – auch heute meistbetroffenen – Mittel- und Niederlausitz schon Ende des 19. Jahrhunderts begann. Das gegenwärtige Riesenausmaß des Vorgangs, soviel läßt sich sagen, verursacht aber – als augenfälligster jener neuen Faktoren, die in den letzten Dezennien die Kommunikationsverhältnisse weiter zuungunsten des Sorbischen veränderten – vorübergehend eine vielleicht heilsame Megalopsie: Dort, wo Tagebaue jäh ein weiteres Loch in der sorbischen Dialektlandschaft aufreißen, das nicht mehr zu flicken ist, wo der alte Sippenspeck bäuerlicher Reliktkultur plötzlich abgeschnitten ist, anstatt sich nostalgisch zu verzehren, wird man auch deutlicher an den kulturwüchsigeren Erbteil nationaler Substanz und seine höhere Gattung von Solidarität gewiesen. So erinnert man sich daran, daß eben der Skala des „Alten Šymko“ 1919/20 ein sorbisch-deutsches, mit der Novemberrevolution sympathisierendes (und von meinem unternehmenden Großvater finanziertes) Tageblatt „für alle schaffenden Stände der Lausitz“, also auch für die schon weitgehend deutschsprachige Industriearbeiterschaft redigierte – in Weißwasser, einem ihrer damals noch jungen städtischen Zentren. Dorther kam, von den Kohlengruben in ein neues Bett verdrängt, das abwässergetrübte Rinnsal Struga, an dem ich mich 1967 mit einem sorbisch-deutschen Gedichtzyklus in meiner Monumentalversion sozialistischer Landschaftsgestaltung versuchte. Da diskutiert, im Schlußteil, dieser „Versuch über uns“ polemisch sich selber, und es ist beschwörend vom Aufschluß der „Tagebaue unserer Herzen“, von einem „Gesetz von der Erhaltung der Liebe“ die Rede; sozusagen in arbeitsteiliger Harmonie mit den Bergbauingenieuren und Energiewirtschaftlern, dazu noch den Umweltschützern, Denkmalspflegern und Landschaftsplanern. Um das Bild von damals zu runden: Ich schickte mich an, Abraummassen von zweisprachigen Baggerängsten und Schornsteinprotzereien wegzuräumen, inventarisierte folklorische Bodenfunde und förderte aus dem freigelegten Geschichtsprofil des Landstrichs biographische Dichterstoffe zutage, mit denen ich wohl auch eine Art lyrischer Kohleveredlung betrieb. Das ist mir heut schon nicht mehr feierlich – jenes verheißende Menschenseelen – Ingenieurunwesen. Die Kohlen stimmten, und der Schornstein rauchte – ja. Dafür entschädigten wir und dachten uns schadlos zu halten mit zusätzlicher Düngung der Kiefern- und Fichtenschonungen aus der Luft, mit Kunst-Dünger zur Menschenschonung. Wir schrieben das Won Um zu groß und lieferten frei Welt, was uns Luft zum Atmen war – als ging es uns nicht um Welt, als wäre sie bloß um uns, nicht wir in ihr und sie nicht in uns.
Ich habe den „(er)läuternden, (ver)klärenden Filter des Gedichts“ (Struga-Konfession) geändert. Er läßt mir nichts Quasiges mehr durchgehn, und hinzuzufügen habe ich ihm nur die Prise Sprach-Kontraststoff der – beispielsweise – auch das unsichtbare SO2 sichtbar macht.

Waijer-Wilke: In Ihren Gedichten vergewissert sich das lyrische Ich immer wieder des Du. Sie sind auf Dialog angelegt, und es kommt Ihnen darauf an, den sorbischen Leser zu erreichen:

Aber in welcher Sprache, daß ihr mich hört,
red ich zu euch, meine Freunde, bei Tag?

und:

Eines Modells nur bedarf es. So tat ich
mich, um, hier, in diesem Stück Deutschland, das
für mich ein Black-box, die Eingaben mach ich
meiner Gedichte ohne Verzückung, jedoch
voller Sehnsucht nach euern Ausgaben. – – –

(Beide Beispiele aus dem Langgedicht „Versuch über uns“).

Den Struga-Gedichten vorangestellt sind denn auch themengleiche Verse von Johannes Bobrowski:

Eulenschreie
so in der Nacht
reden die Dörfer, wie sag ich,
daß ihr mich hört,
Sorben…

aaaaaaaaJohannes Bobrowski
aaaaaaaaJakub Bart in Ralbitz

Gelingt dieser Dialog?
Gibt es eine große sorbische Lesergemeinschaft?

Lorenc: Es stimmt, speziell der Versuch über uns von 1967, aus dem Sie nun Ihrerseits zitieren, war vor allem an sorbische Freunde gerichtet, meine ehemaligen Kommilitonen vom naturwissenschaftlich-technischen Bereich, die ich dann in unserer verschiedenartigen Praxis in der Lausitz etwas aus den Augen verloren hatte. Auch daher dort das Bemühen, mich ihrer, der Programmierer-Sprache zu bedienen. Abgesehen davon, daß dies auch ein Disput mit meinem Alter ego war (ich befaßte mich damals mit informationstheoretischer Metrikanalyse und hatte eine Schwäche für kybernetische Literaturmodelle), kam es mir – zunächst – selbst innerhalb des Sorbischen weniger auf „viele“ Leser als auf freundschaftlichen Gedankenaustausch, auf „Rückkopplung“ überhaupt an. Obwohl es durchaus eine respektable sorbische Leserzahl gibt – ein Buchabnehmerkreis für Belletristik hat um 1.200 Abonnenten (muttersprachliche konfessionelle Literatur bis zu 12.000), und mit einigen hundert Lesern, zu urteilen nach Auflagenhöhen sorbischer Gedichtbände, dürfte auch wohl ein deutscher Lyriker ganz zufrieden sein. Gerade in diesem Genre – ob sorbische oder deutsche DDR-Lyrik, macht hier nach meiner Erfahrung nicht den Unterschied – findet ja sowas wie Dialog noch immer nur vor allem im Freundes-, Verwandten- und Bekannten-, Kollegen- und Spezialistenkreis statt. Ich möchte deshalb einige sorbische Besonderheiten beiseite lassen und ungesäumt zum Kern Ihrer Frage kommen, wie ich ihn verstehe – jenem „,.. wie sag ich, / daß ihr mich hört…“, also den Voraussetzungen für Öffentlichkeit in unserem Land nachgehn, soweit sie heute bei mir, in meiner lyrischen Sprache liegen könnten.
Überlegungen solcher Art mußte ich neuerlich anstellen, als ich mir Rechenschaft geben wollte über einen Wandel in der Sprechweise meiner Gedichte (er klang in der vorigen Antwort schon an), der „sich“ gleichsam unmerklich und spontan vollzogen hatte, als Gefühl-nicht-mehr-so-schreiben-zu-können wie noch in den sechziger Jahren. Ich merkte, daß ich mich zunehmend rieb an der Sprache der Massenmedien und an vorherrschenden öffentlichen „Sprachregelungen“. Wie sie sich hergestellt haben oder herstellen, kann und will ich nicht untersuchen. Ich gebe hier nur einige Beobachtungen, wie sie jeder machen kann, in einem sicher unvollständigen Stichwortkatalog wieder:

1. Grandiosität (Repräsentation, Feierlichkeit, Ausführlichkeit bei Amtsaufzählungen, offizielle Stilfärbung, Pleonasmen, aufgeblähte Formulierung, Dingwortkrankheit u.s.w.);
2. Komplizierung ( starker Verallgemeinerungsdrang bei oft geringfügigem Gegenstand bzw. thematischer Enge und gleichzeitigem Zwang zu Linearität und Simplifizierung mit ihrem Wiederholungsballast von überanstrengten Begriffskomplexen);
3. Fundusbildung („Sprachkapital“ von Versatzstücken, Schablonen, Klischees als Voraussetzung, um damit „wuchern“ oder überhaupt „mitreden“ zu können);
4. Übergreifende Wirkungen (sprachliche „Umweltbelastung“, Einordnungsdruck auf andere Formen des gesellschaftlichen Bewußtseins, Infizierung, Amputation und Selbstamputanon des unmittelbar-individuellen Ausdrucks, Aushöhlung von Vorstellungsgehalten und -werten, Vordringen funktionsloser Strukturelemente, auswuchernde Verwendung des anonymen Kommuniqué-Stils, verbale „Vergegenständlichung“ des Menschen vom Prozeßgestalter zum Prozeßbegleiter, Wortfetischismus und -entfremdung).

Als ich diesen Befund gleich einem Raster an meine neueren Gedichte legte, bemerkte ich, wie sie ihn mit ihrer gewandelten Sprechart, die mich zunächst irritiert hatte, durch eine andere Behandlung der Realität (und nicht schlechthin nur mehr andere Realität) parierten, in wachsender Tendenz auch sprachkritisch parodierten. Wie man ein „stehendes Heer“ von Wendungen, mit seinen Regeln entwaffnend regellos verfahrend, nach allen Regeln der Kunst aus der Fassung bringt („In Erwägung, daß alle Bürger ohne Unterschied sich zur Verteidigung des nationalen Territoriums bereithalten, wird das stehende Heer abgeschafft“, Brecht: Commune), weil es mit seiner angemaßten Sonderstellung die allgemeine Bewegung und Bereitschaft der Wörter/Gedanken/Menschen behindert.
Diese Kunstregeln im einzelnen abzuleiten erspare ich mir – sie waren ja auch nie, wie auch jene schleichend grassierende „Sprachregelung“ nicht, ein vorgefaßtes Programm, und müßten sich gegen sich selbst wenden, würden sie nun ihrerseits zur Schablone erklärt: doch sind sie eben in der bezeichneten allgemeinen Bewegung und Bereitschaft, mit unterschiedlichen Akzentuierungen, auch aus der Praxis meiner Kollegen mehr und mehr ersichtlich. Als Faustregel kann demnach wohl gelten: Wenn Lyrik hier, und überhaupt Kunst heute, nicht Selbstgespräch bleiben, sondern den Dialog, also Gemeinschaft will, darf sie an einem öffentlichen Sprachzustand nicht vorbeigehn, der die „große Aussprache“ der vielen hemmt. Nach einem Wort des Konfuzius (abgewandelt). „Wer die öffentlichen (Sprach-)Zustände ändern will, muß bei der (eigenen) Sprache beginnen.“ Ja er muß, weil jene Sprachhemmung regelrecht Schule macht, damit schon bei Gedichten für Kinder beginnen.

Nachwort, Ostern 1983

DDR-Schriftsteller sprechen in der Zeit

Gerd Labroisse und Ian Wallace: Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht Ihre Äußerungen im früheren Interview ein und wie würden Sie dort angeschnittene Fragen ergänzen wollen?

Kito Lorenc: In den Antworten auf die Fragen des Interviews von 1983 war ich ja zunächst gehalten, meinen literarischen Weg bis dahin etwas nachzuzeichnen und dabei auch bestimmte sorbische und DDR-Entwicklungen, nicht ohne selbstkritisch-kritische Hinterfragung. Diese Sicht von damals, die als Art Bilanz auch am Schluß meines Auswahlbandes Wortland. Gedichte aus zwanzig Jahren (Leipzig 1984) Platz fand, möchte ich schon so stehen lassen. Da muß und kann ich auch gar nichts zurücknehmen nach dem Ende der DDR, aus „heutiger Sicht“. Gewiß, ich habe die in den letzten Zeilen jenes Gesprächs apostrophierte „große Aussprache“ in die gleichzeitig auch distanzierenden/relativierenden Gänsefüßchen gesetzt, wohl weil ich empfand, daß hinter ihr sowas wie die „Vorstellung des Großen Marsches“ herumgeisterte, „der politische Kitsch, der die Linken aller Zeiten und aller Richtungen vereinigt“ (Milan Kundera). Trotzdem wünschte ich diese Aussprache herbei, obwohl – wäre sie denn ausgebrochen, hätte ich an ihr wahrscheinlich lieber doch nicht teilgenommen. Aber nun gar darüber Genugtuung zu empfinden, schon damals auf einige Endzeichen gedeutet und einige Dinge beim rechten Namen genannt zu haben – so tut man den Dingen nicht Genüge. Mancher hat dies oder jenes früher und konsequenter ausgesprochen, auch man selber mitunter viel-deutlicher in den Gedichten, die mehr Aussichten zeigen können als ihr Autor Einsichten formulieren kann oder will. Andere Fragen, die der Um-Welt oder die nach einem „sorbischen literarischen Bewußtsein neuer Identität“, sind ja mit der Auflösung der DDR keineswegs „gelöst“. Immerhin wurden sie in der DDR gestellt. Und ich will nicht vergessen: An Nachwort-Stelle eines auflagenhohen Leipziger Reclambändchens konnte man 1983/84 auch äußern, daß in der DDR mit einer „angemaßten Sonderstellung die allgemeine Bewegung… der… Menschen behindert“ wurde. Äußern freilich nur in der „Sklavensprache“: Den Sack Sprachzustand schlug man, den Esel Gesellschaftszustand meinte man. An anderer Stelle, in der tschechischen Wochenzeitung Tvorba, sagte ich es 1987 unumwundener, ebenfalls mit Blick auf die Kindergedichte, auf die am Schluß des Interviews von 1983 hingewiesen war:

Das Gedicht also jetzt, in den Achtzigern, als bissig-lustiges Gesellschaftssprachspiel, in welches mit sogenannten Kindergedichten auch die Schüler einbezogen werden, oder es wird doch wenigstens so getan, als lachten über gewisse Gesellschaftszustände, die sich nicht zuletzt in Sprachentartungen verraten, schon die Hühner oder die Kinder.

Labroisse/Wallace: Welche Chancen sehen Sie für sich als Autor in den wesentlich veränderten Verhältnissen seit der Wende? Erfahren Sie die neuen literarisch-gesellschaftlichen Verhältnisse (auch in bezug auf die Distribution) als Erleichterung, vielleicht auch als kreative Herausforderung, oder eher als Bedrohung?

Lorenc: Die literarisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR waren es ja eben erst noch, die zunehmend bedrohlich auf mich wirkten. Damit meine ich nicht nur das bedrückende Erleben ihrer fortschreitenden Pervertierung, welches allgemein war bei jenen, die sich einst mit dem guten Beginn, dem „revolutionären Neuaufbau“ (Hans Mayer) dieses Landes indentifizieren konnten. Wenn andere, darunter Autoren, direkten Repressalien massiver ausgesetzt waren – auch mir schien mein Maß an Beklemmung, Lähmung, Zermürbung am Ende gerüttelt voll und fürder unerträglich. Zum Beispiel bekam auch ich 1976, gewiß im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Biermanns, unverhofft Besuch von zwei Herren; sie führten, um mich (wie sie sagten) vor „schädlichen Einflüssen“ zu bewahren, ein freundliches Gespräch mit mir, das einem Verhör glich und eine Folter war, und beschlagnahmten einige Konterbande aus meinem Arbeitszimmer, u.a. ein Bändchen konkreter Poesie. Mit Gedichten wie „Blankorevers“ und „Bartpflege“ (sie waren dem Abdruck des Interviews in Deutsche Bücher beigegeben) versuchte ich darüber hinwegzukommen. Die Bedrohung blieb seitdem, latent, gegenwärtig. Sie konnte sogar „kreative Herausforderung“ sein, doch das „bissig-lustige Gesellschaftssprachspiel“ des Gedichts ließ mir ein schales Gefühl zurück: In der Sklavensprache ist man nicht frei, die mir mitgespielt hatten, spielten mit – es lief wohl hinaus auf eine Krümmung und Verengung, einen Kurzschluß meines Weges. Auch um den endlich herbeizuprovozieren, ging ich Ende 1988 mit einem Samizdat-Verszyklus zum Verbot der sowjetischen Zeitschrift Sputnik in der DDR und mit den nachfolgenden Gedichten „gegen den großen Popanz“ auf Kollisionskurs. So war die „Wende“, ihr friedlicher Ausgang zugleich ein glimpflicher aus meiner eigenen Krise. Die hallt und zittert noch nach, aber ich empfinde, da die Fixierung gebrochen ist, schon Erleichterung. Und vielleicht finde ich, so spät noch, die Kraft, zu manch alten, verschütteten Plänen vorzudringen, sie, mich wieder freizulegen. Auch meine letzte, die Lebensangst, unter den realen vier Himmelsrichtungen.

Labroisse/Wallace: Meinen Sie, daß ,DDR-Literatur‘ eine abgeschlossene Epoche ist oder halten Sie es für möglich, daß von dieser Literatur bzw. von Ihnen selbst etwas DDR-Spezifisches in die deutschsprachige Literatur weiterhin eingebracht werden kann?

Lorenc: Auf Definitionsfragen will ich mich nicht einlassen. Aber ist die Literatur der „alten“ Bundesländer eine abgeschlossene Epoche? Und die der neuen altenerstmal schon? Wie teilt übrigens ein sorbischer oder deutsch-sorbischer Autor seine Bücher ein: in sorbisch- und deutschsprachige DDR-Literatur früher, doch ab jetzt in sorbisch-bundesrepublikanische Literatur? Und ob nicht aus der abgeschlossenen Institution DDR noch bestimmte Spezifika weiterwirken können, mit denen auch Staat zu machen wäre, nur eben nicht wieder DDR? Und was ist in der Literatur mit dem gewissen Mehr an Gehalt, also wenn ein Autor aus/in/zur Zeit der DDR etwas für ihn DDR-Spezifisches intendiert hat, und Leser deutschsprachiger Literatur nach dem Ende der DDR aus seinem Werk etwas für ihre Zeit und ihr Land Gültiges herauslesen – ist das dann noch etwas DDR-Spezifisches? Da ich aber auch zu meiner Arbeit befragt bin, möchte ich per Zitat antworten, aus der Rezension eines Niederländers über meinen bereits erwähnten Gedichtband Gegen den großen Popanz (1990 printed in the GDR):

,Popanz‘ bedeutet Schreckgespenst, Strohpuppe und ist das Synonym für das Ungeheuer, den Roboter, für jede Staatsmaschinerie. Im Titelgedicht aus dem historischen Jahr 1989 schreibt Lorenc: „gegen den großen Popanz stinkt keiner an“, und die Austauschbarkeit des Popanzes drängt sich auf. Nach der Aufhebung der DDR, gegen deren Bevormundung Lorenc anschreibt, ist mancher DDR-Bürger, der sich in die Arme des reichen Onkels BRD legte, enttäuscht über die Popanz-ähnlichen Züge des Kohl-Staates. Mit anderen Worten: daß die DDR nicht mehr existiert, ist noch kein Grund, die Gedichte von DDR-Lyrikern nicht mehr lesen zu wollen. (Ewout van der Knaap in: Tsaj- Toeng, unabhängiges Organ des Instituts Deutsch der Rijksuniversiteit Utrecht, 2/1991)

Labroisse/Wallace: Sehen Sie für sich im vereinten Deutschland eine politische Aufgabe als Autor, oder hat (jetzt) Schreiben eine rein bzw. weitgehend ästhetische Funktion?

Lorenc: Besorgte Freunde aus westlichen Ländern, die die frühere Bundesrepublik Deutschland gut kennen, haben mir im vorigen Jahr unabhängig voneinander, doch übereinstimmend geraten, jetzt schnell eine „Nische“ zu finden. Gewiß meinten sie damit auch „Marktlücke“, aber zugleich etwas wie einen Ruhe-punkt und Rückhalt in der hektischen, alles nivellierenden „Kommunikationsgesellschaft“, eine, wenngleich bescheidene, (sorbisch-exotische?) Pfründe, ein sicheres, nur von mir besetztes Nest, vielleicht sogar ein – unauffälliges? Denn auf einem Wochenmarkt, wo jeder Händler seinen festen, unverwechselbaren Stand hat und sich nur um seinen Kram schert, fällt doch gerade der auf, der mit einem Bauchladen herumzieht, nicht Fisch nicht Fleisch feilhält, das Publikum anrempelt und die Marktordnung stört. Jedenfalls erinnerte mich das mit der Nische eigentümlich an die DDR, von der man ja sagt, sie sei eine „Nischengesellschaft“ gewesen. Dort bezog es sich auf die Mitläufer des Systems, ihre (politische) Zurückhaltung nach der Devise „Nur nicht auffallen!“, ihren Rückzug in die „privaten Nischen“, die Hobbys etwa, „die kleinen Geselligkeiten… in den Datschen-Siedlungen, den Schrebergärten und auf den Campingplätzen, die immer weniger für Wanderer zur Verfügung standen, sondern zu festen Wohnwagenburgen erstarrt waren“ (nach Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR, Berlin 1990). Um Angepaßtheit ging, geht es in jedem Fall, um ein Auskommen, kreuzweis. So gab es den DDR-Schriftsteller in der Tribünennische hinter den Mächtigen, der „sich immer als einen politischen Schreiber verstanden hat“ und noch in seinen kritischen Äußerungen angepaßt war. Aber es gab auch den als Hermetiker, als Ästhet beargwöhnten, den Vogelfreien, der sich eine neue, eine andere Sprache erfunden hatte, weil er nicht die angepaßte benutzen wollte.
Sie verstehen, wie ich’s meine. An keine Spielregeln halten werde ich mich im vereinten Ernst.

Labroisse/Wallace: Haben Sie in der Zeit der Wende überhaupt schreiben können? Haben Sie sich schriftstellerisch mit den Ereignissen der letzten anderthalb Jahre auseinandergesetzt? Werden Sie sich in Zukunft mit dieser Thematik beschäftigen?

Lorenc: Rechnet man den „Umbruch in der DDR“ wie der Spiegel (2/1990) vom 2. Mai 1989 bis 12. April 1990, dann habe ich während dem für meine Verhältnisse recht häufig Gedichte geschrieben, das heißt in der knappen ersten Hälfte dieser Zeit noch etwa 20 der rund 50 neuen Gedichte des letzten Bandes, den ich am 15. September 1989 abschloß. Dort mag man wohl noch die steigende Temperatur spüren, aber die „Klimax“ vom Oktober/November schon nicht mehr, obwohl das letzte Gedicht zufällig so heißt. Dann verschlug es mir den Atem, und in den Atempausen konnte ich nur Übersetzer- und Herausgeberarbeiten machen. Sechs, sieben Gedichte bis jetzt erst wieder seit September 1990, die nun sicher Befindlichkeiten der Nach-„Wende“ andeuten mit Titeln wie „was geschäftliches“ oder „in der kehre“. Oder sind es eher noch Wurmfortsätze des „Popanzes“? Zu welcher Thematik, zu dieser oder einer anderen, ich zurückkomme, kann nur die Zukunft erweisen.

Gerd Labroisse und Ian Wallace (Hrsg.): DDR-Schriftsteller sprechen in der Zeit. Eine Dokumentation, Rodopi, 1991

Kito Lorenc (geb. 1938),

Enkel des sorbischen Autors Jakub Lorenc-Zalěski, studierte nach dem Besuch der sorbischen Oberschule Slawistik
in Leipzig, wurde Mitarbeiter des Instituts für sorbische Volksforschung in Bautzen, dann Dramaturg am Ensemble für sorbische Volkskultur. Jetzt lebt er als Schriftsteller in Wuischke am Czorneboh.
In seinen sorbischen und seinen deutschen Gedichtbänden: Nowe časy – nowe kwasy (1961), Struga (1967), Kluče a puće (1971), Flurbereinigung (1973) u.a. erweist er sich als einer der originärsten Dichter der sorbischen wie der DDR-Poesie. Der Reclamband, die umfassende Sammlung seiner Lyrik, enthält neben den deutschen auch Proben sorbischer Texte, Kinderreime und einige Übertragungen (so aus dem von Lorenc herausgegebenen Sorbischen Lesebuch).
Die Dichterin Elke Erb schrieb über ihn:

Obwohl es in den Requisiten dieses Gauklers überall blinkt und eulenspiegelt, macht er sich nicht verdächtig, eine Elster zu sein. Im Gegenteil, dieser ortsansässige Mann vom fahrenden Volk stellt mit seinem hergebrachten Tischleindeckdich in Rechnung, was er verzehrt.

Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, Klappentext, 1984

Interview für die Wochenzeitung Tvorba in Prag

Jitka Mišová: Wie sehen Sie die Rezeption der sorbischen und deutschen Poesie in der ČSSR und im slawischen Raum?

Kito Lorenc: Hierzu kann ich – weil ich andere Unterlagen im Moment nicht zur Hand habe – nur hinsichtlich der sorbischen Lyrik und speziell meiner etwas sagen. Anthologien sorbischer Poesie, in denen ich neben anderen Gegenwartsautoren vertreten war, erschienen seit Beginn der 1960er-Jahre nach und nach in fast allen slawischen Sprachen. Seit Beginn der 1970er-Jahre bin ich auch in Anthologien der DDR-Lyrik vertreten, die im slawischen Sprachraum veröffentlicht wurden. Zusammenhängen mag dies auch damit, dass Letztere lediglich deutschsprachige Gedichte berücksichtigen, mit denen ich erst später hervorgetreten bin. Eine Anthologie lužickosrbské poezie (unter dem Titel Vřesový zpěv) erschien erst 1976 im Verlag Odeon, erarbeitet und übersetzt von Josef Suchý. Dagegen war auf Tschechisch bereits 1972 – als erste in einer Fremdsprache überhaupt – eine gesonderte Auswahl meiner Gedichte erschienen, Nový letopis im Verlag Práce, übersetzt von Josef Suchý und Josef Vlášek, Meine zweite Auswahl in einer Fremdsprache folgte sicher nicht von ungefähr auf Slowakisch – in einer ansehnlichen, von Vlastimil Kovalčík betreuten und übersetzten Ausgabe für den Kruh milovníkov poézie (Hl’boke kluče, Bratislava 1984). Eine weitere, wiederum tschechische Gesamtauswahl soll etwa 1989 bei Odeon folgen (in der Reihe Plamen, Edice současné zahraniční poéziei), wahrscheinlich unter dem Titel Zeměslov. Eigenartig ist dabei auch, dass meine Sammlungen in Ihrem Land den in der DDR erschienenen sorbischen und deutschen Gedichtbänden immer etwas voraus haben, indem sie sowohl sorbisch- als auch deutschsprachige Übersetzungen vorstellen.

Mišová: Sind Sie typisch mit Ihrem bilingualen Denken? Gilt der Entschluss zum Bilingualismus auch für Ihre Kollegen, für jüngere sorbische Autoren? Wie soll ein sorbischer Autor schreiben?

Lorenc: Falls Sie mit der Frage zunächst ein Allgemeines ansprechen wollen – ich meine schon, dass mein literarischer Bilinguismus keine individuelle oder sorbische Ausnahmeerscheinung ist, sondern – soweit ich das übersehe – für ethnische Minderheiten und für Berührungszonen verschiedener Sprachen überhaupt (natürlich in persönlich und situationsbedingt unterschiedlicher Ausprägung) charakteristisch werden kann, gewiss manchmal auch literarisch bedeutsam. Denken Sie nur an den okzitanisch (provenzalisch) und französisch schreibenden Dichter Frédéric (Frederi) Mistral oder an den deutsch und französisch dichtenden Yvan Goll. Die Situation in der zweisprachigen Lausitz (wobei sich das „zweisprachig“ nur auf den nummerisch heute weit geringeren, in seinem historischen Siedlungsgebiet schon die Minderheit bildenden sorbischen Bevölkerungsanteil bezieht) erfordert Zweisprachigkeit eigentlich von jedem sorbischen Autor, der dieser Situation noch einigermaßen gerecht werden will. Die wichtigsten sorbischen Autoren, auch die jüngeren, schreiben heute in beiden Sprachen. Unter ihnen bin ich insofern nicht ganz „typisch“, als das Sorbische meine „Zweitsprache“ ist, während es bei den anderen die „Erstsprache“ bzw. Muttersprache ist. Ein sorbischer Autor (oder der Herkunft nach sorbisch-deutscher wie ich) wird je nach literatursprachlichem Vermögen oder angestrebtem Resonanzraum sorbisch und/oder deutsch schreiben, doch er sollte, selbst wenn er ausschließlich für Sorben schreiben will, dies sprachlich realistisch tun, das heißt – mit den Worten eines sorbischen Linguisten gesprochen – die doppelte, sorbisch-deutsche Sprachkompetenz sorbischer Leser nutzen und z.B. auch in sorbischsprachigen Werken mit deutschen Zitaten arbeiten usw.

Mišová: Inwieweit ist die lyrische Sprache Ihrer Gedichte von der sorbischen Volksdichtung, von Ihrem Großvater J. Lorenc-Zalěski und Johannes Bobrowski beeinflusst worden?

Lorenc: Jeder Autor ist ja vielen, z.T. nie bewusst gewordenen Einflüssen ausgesetzt, und andere sucht er sich – aber sei’s drum: Die Volksdichtung war es anfänglich, indem ich sie direkt zitierte, oder auch durch ihre sprachpoetisch-inhaltliche Gestimmtheit, später, indem ich mit zunehmend literarischer „Verfremdung“ aber auch mit einer Art sprachlicher Verfremdung, wenn ich die Bedeutungsunterschiede zwischen Deutsch und Sorbisch gegeneinander ausspielte) den nationalspezifischen und so schön vogelfreien Bildvorrat der Sprachfolklore ausbeutete.
Der sorbische Großvater vor allem war es, der anfangs mein sorbisches Dichten gewissermaßen motivierte (deutsche Gedichte schrieb ich daneben ja schon lange und vorerst für die Schublade) und der in meinen Versen späterhin selber zum Motiv wurde mit den Rätseln seines Lebens und seiner Schriften. Johannes Bobrowski hat mich bei unserer ersten und einzigen persönlichen Begegnung 1964 (er starb 1965) in einer für mich schwierigen Entscheidungssituation, als ich glaubte, meine deutschsprachige Entwicklung nur unter Verzicht auf das Sorbische voran bringen zu können, entschieden auf dieses Sorbische gewiesen. Und er hat mir mit seinen Gedichten dann für mein sorbisches Thema 1966/67 endlich auch in deutscher Sprache die Zunge gelöst, indem seine freirhythmischen Landschafts- und Poträtgedichte mir damals das sichtbar beste Beispiel waren, als ich mein – dem seinen gar nicht so unähnliches – Anliegen in eine möglichst komplexe und überschaubare Form und in eine angemessene lyrische Sprache bringen wollte. Dies galt vor allem für den zweisprachigen Zyklus Struga. Wobrazy našeje krajiny / Bilder einer Landschaft (erschienen 1967) und unmittelbar danach.

Mišová: Wie hat sich der lyrische Gestus in Ihren Gedichten von den 1960er- zu den 1980er-Jahren verändert?

Lorenc: Um die Wende zu den 1970er-Jahren begann mich mehr und mehr die Sprache an sich zu faszinieren, die Sprache nicht mehr nur als Mittel, sondern auch als Gegenstand der Mitteilung als mitteilenswert, die Sprache in ihrem höchst poesiewürdigen Eigenwert, nicht (mehr) als besondere Sprache der Poesie. Lyrisches Ansingen oder geschichtlich-dialektisches Argumentieren trat zurück gegenüber dem Sprachspielerischen, das nun, so scheint mir, das Sprachkritische in Gang brachte und den (Sprach-)Humor in mir freisetzte mit all seinen Spielarten etwa auch des „schwarzen Humors“, des Frivolen, Blasphemischen usw. Das Gedicht also jetzt, in den Achtzigern, als bissig-lustiges Gesellschaftssprachspiel, in welches mit sogenannten Kindergedichten auch die Schüler einbezogen werden, oder es wird doch wenigstens so getan, als lachten über gewisse Gesellschaftszustände, die sich nicht zuletzt in Sprachentartungen verraten, schon die Hühner oder Kinder. Aber machen wir doch bitte mal einen Tapetenwechsel vom Lyriker weg zur anderen Hälfte meiner Existenz.

Mišová: Also zum Sorbischen Lesebuch: Nach welchen Kriterien – falls es welche gab – haben Sie die Texte zusammengetragen, welche Intention stand dahinter? Offensichtlich ist Ihnen die Adäquatheit der Texte, die Eigentümlichkeit des Originals bei der Übersetzung (die Ihnen, glaube ich, sehr gut gelingt) wichtig?

Lorenc: Mit dem 1981 im Reclam Verlag zweisprachig erschienenen Sorbischen Lesebuch / Serbska čitanka wollte ich in erster Linie eine für Sorben wie Deutsche gleichermaßen lesbare chronologische Darstellung der sorbischen Literaturentwicklung anhand charakteristischer bzw. mustergültiger literarischer Beispiele geben, also das, was man ein „literarisches“ Lesebuch nennt. Das war die Intention des Herausgebers, Übersetzers. Doch durch meine unumgängliche Mitautorschaft, d.h. Selbstaufnahme in die Anthologie, aber auch durch die bei jeder Übersetzung unumgängliche Übersetzungsinterpretation wurde ich dabei zugleich genötigt, meinen Ort in der sorbischen Literaturtradition und ein möglichst objektives Verständnis ihres Ortes in der slawischen und deutschen Literaturtradition zu finden und darzustellen. Die Kriterien für die Aufnahme der Texte waren entsprechend komplex, in der Hauptsache aber drei; die sprachlich-literarische Qualität, d.h. auch der Innovationswert für ein gegenwartsbezogenes Verständnis, die Repräsentanz hinsichtlich der Chronologie und Synchronität des modellierten Literaturprozesses und schließlich kompositorische Rücksichten im Hinblick auf eine übersichtliche, abwechslungsreiche Gestaltung der Sammlung. Die Mühe und Verantwortung des immer ja – ob nun bewusst oder unbewusst – interpretierenden Übersetzens beginnt bekanntlich schon bei der Auswahl des Übersetzungswürdigen, doch manche Freude stellt sich auch erst nach wiederholten, anfangs aussichtslos erscheinenden Versuchen ein, wenn ein hartnäckig sich widersetzender Text sich schließlich doch noch in die anderen Sprache fügt. Mit den „Eigentümlichkeiten des Originals bei der Übersetzung“ ist es ein eigen Ding. Ein naives Wort-für-Wort- und Ton-für-Ton-Übertragen ist in keinem Falle möglich, wenn man die Literaturtradition, aus welcher, diejenige, in welche hinein und selbst diejenige, gegen welche man übersetzt, auch nur einigermaßen kennt. Sonst könnte es einem schon mal passieren, dass man beispielsweise ein unerkanntes sorbisches Morgenstern-Plagiat unfreiwillig haarscharf neben das ungewusste Morgenstern-Original hin-übersetzt.

Unter dem Titel Interview für die Literarische Beilage Kmen der Wochenzeitung Tvorba in: Brücken. Germanistisches Jahrbuch DDR–ČSSR, 1987

Durch lauter gleich Frühnebeln schleiernde Hüllen

– Laudatio auf Kito Lorenc zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises 1991. –

Als ich Kito kennenlernte, saßen wir zu mehreren gereiht um den Tisch eines offiziellen Hauses, aber während der bestärkenden Freude, auch Neugierlust, wie sie Anwesenheit mit Fremde und Nähe erweckt, während der Bestärkung und parteiischen Freude an deinesgleichen, wie sie aus der unverlöschlich gewissen Gegenwart eines solchen Boten am Tisch und den sich im Gespräch eröffnenden Sichten erwuchs, – wanderten imaginär meine Füße weit fort von der Marter des Hinterhoflärms unserer Privatwohnung in Berlin-Mitte, war ich imaginär unterwegs zu Kitos Land, welches, getauft von einer immerhin noch nicht verlöschten Überlieferung, als grüne Lausitz mir hinter ihm auftauchte, ramponiert zwar, wie jedes aus dem Unheil der Gegenwart entworfene Heil, aber immerhin. Hilfesuchend strebte ich zu ihr, schiffbrüchig, nach einem Strohhalm, könnte ich sagen, ginge es an, das mißgünstig Überständige des auszuhaltenden (lautstark als das Neue verlautbarten) Haushalts und Alltags – ein Meer zu nennen. Schiffbrüchig, sage ich aus Gastfreundschaft für surrealistische Verbindungen, schiffbrüchig war das Ohr. Das Ohr ertrank im Lärm, nicht wahr. Der Lärm war falsch und taub, nicht wahr.

Wessen Ohr ein Herz hat, kann Geflüster hören
Sinkt das Schiff Hund ist es falsch geführt.

Mandelstam, übertragen von Endler.

Ein Vogel sang in der Frühe, nein
ein gemeiner Haussperling.

Kito Lorenc, 1976. Nicht wahr. – Aber ja, wir erreichten das andere Ufer. Kito brachte uns unter in der verfallenden Mühle von Großhähnchen, einen langen Sommer, der bis in die Regen reichte, als wir am Ende die teichlose Schrotmühle in Wuischke am Czorneboh kauften, sie dem Abriß entrissen.
Was war die Botschaft des Boten am Tisch? – Daß er nicht mehr, wie er getauft war, Christoph hieß. Daß er sich für das Erbteil seines 1939 verstorbenen Großvaters Jakub Lorenc entschieden hatte, den Dichter, den sorbischen Patrioten und Antifaschisten mit dem Pseudonym Zalĕski, zu verstehen als „der hinter den Wäldern“. Emigration des Enkels zum Großvater, des deutschen Sägewerkerssohns und -enkels Übertritt aus dem deutschdominierten bürgerlichen Fortkommen, dessen Kraft im DDR-Nachkrieg gebrochen war, zur übervorteilten, aus dem Bäurischen ins bürgerlich Industrielle kaum aufgekommenen Minderheit der Sorben, welcher der Nachkriegsstaat einen gewissen Spielraum geschaffen hatte. Die Kinder des Sägewerkers in Schleife lernten Sorbisch in der Internatsschule in Cottbus, legten das Abitur ab und studierten fern der Heimat, Kito Slawistik in Leipzig. Sein Bruder wurde Schauspieler am sorbischen Theater in Bautzen, Kito ebendort Mitarbeiter am Institut für sorbische Volksforschung. In seinem 1983 der Niederländerin Marieluise de Waijer-Wilke gegebenen Interview erscheint das Land der Sorben in zwei metaphorisch gefaßten Sichten, der des Kindes und der des Wissenschaftlers. Die Sicht des Kindes:

Ich kannte keine rätselvollere Erwartung als jene auf die Wunder, die sich mir offenbaren würden, könnte ich erst die Papiere aus dem Schränkchen lesen, ja wohl überhaupt auch in der andern Sprache leben: Ich würde das ,große Haus‘ des unbekannten Herrn betreten, sein ,reiches Schiff‘ besteigen und das Land Kannitverstan erkunden, das, wie eine Antiwelt in meiner existierend, gleich hinter unserer Türschwelle begann.

Wen trägt man zu Grabe? Kannitverstan. Das ewige Irrlicht aus dem Schatzkästlein. Eine Antiwelt und existent.
Kito hatte sich für seinen Großvater entschieden, ähnlich und unähnlich unserer, seiner Kollegen, Auszug in das Totenreich der Lebendigen, nicht alternden, oft früh und gewaltsam Verstorbenen, deren Reihe im Verlag Volk und Welt als internationale Weiße Reihe mit dem im Krieg verschwundenen jungen Ungarn Radnoti in der Übertragung Fühmanns begann. Es war ein Austritt aus dem anscheinend Gesicherten, der also wohl Bestärkung brauchte, um so mehr, da er nicht Flucht war, sondern In-Angriff-Nahme, und der Not gehorchte, da er dem Vorgefundenen den Gehorsam der Ohnmacht, der parasitären Anpassung versagte, als wir die Wiederholung der Geburtstagsfeiern korrigierend übersetzten in die Wiederholung der Geburten, als wir, den Regelkreis der sich um die Geburtstagstorten versammelten Verwandtschaft verlassend, erweiternd, in die Verwandtschaft der Toten fanden, der einmal Lebenden, ein für allemal Lebenden, die uns Anfängern nicht zumuteten zu verzwergen.
Im Gegenteil. Kito über seinen Großvater in dem Interview 1983:

Beispielsweise sein symbolistisch-expressionistisches Prosapoem „Kupa zabytych“ (Die Insel der Vergessenen), an dem ich bisher noch immer gescheitert bin. Gewiß sollte jedes literarische Einzelwesen in einem möglichst frühen Stadium seiner Ontogenese die literarische Phylogenese gerafft und andeutungsweise wiederholen. Aber so spät noch dies embryonale Gefühl, daß man sich vom eigenen Großvater auf Schritt und Tritt überholt vorkommt!?

Und weiter, paradigmatisch, im paradigmatischen Text:

Unverhältnismäßig lange beschäftigte mich die Folklore, deren Bergung schon 1842/43 in Haupt/Smolers Sammelwerk, Volkslieder der Sorben in der Ober- und Nieder-Lausitz kulminierte und die nach allem möglichen romantizistischen Verbrauch dem Großvater in der „Insel der Vergessenen“, also Anfang der zwanziger Jahre, nur noch Kinderspiel war. Da auch war schon das sorbische „Schattenland“ entworfen, „Land-ohne-Schatten“ hieß es bei ihm, in dem er die Geister der sorbischen Dichter in ihren Zeiten und Kulissen auftreten ließ und, um sein Leben fragend und befragt, sich selbst.

Den Anschluß an ein Volk, ein noch, immer noch lebendes und ein Volk ohne Zukunft, hatte der Sorbe den Deutschen voraus. Noch einmal, nun vor Kitos Botschaft von den Sorben, ließen die Schultern die Cheopspyramide der industriellen Zivilisation als deutschen Bau hinter sich. Mit der Verszeile „Solingen Solingen Krupp“ des von Kito edierten und übertragenen, siebenundzwanzigjährig gleich Radnoti im Krieg verschollenen sorbischen Dichters Jurij Chěžka war für mich fortwirkend jene Esse signalisiert, unter der der Ruhrpott schmurgelte, jene Metropolis, wo das Tageslicht Grubenlampe hieß („Denn du hast dein helles Licht bei der Nacht“), wo der Stahl des starken Arms geschmiedet wurde zum Eisernen Gustav und zum Golem das Gelenksystem des Gemüts. Immer wieder nur spürte ich, in den Gesprächen Kitos anderen, sorbischen Gründen nachlauschend, meine deutschen Schultern im Gefüge des Industriegiganten. Und die Augen suchten und fanden in der grünen Lausitz das Zeugnis des sorbischen Flechtzauns neben den preußischen Latten und Pfählen der Deutschen, damals, Anfang der siebziger Jahre noch. Die Augen erholten sich an dem melodiösen Wellenschlag in den Bewegungen der Sorben neben den ins Unmusikalische abgesunkenen der Deutschen, und während die magische Farbkraft der Ostereier die Augen dreist blendete, wiegte die Ohren der Beerenleserinnen-Gesang der sorbischen Muhme, ihrer Malerin, der so war, wie ihr Name klang: Kudželina. Und nicht endete.
Leichter wohl als wir anderen, die im Deutschen Heimatlosen, konnte sich Kito in seiner sorbischen Antiwelt der „helle Zukunft“ genannten Droge entziehen, nicht soviel Gegengift brauchte er, das von der Aufklärung dem Absolutismus entwendete Gift des Fortschrittsglaubens zu entkräften, das uns so splendid verabreicht wurde. Dagegen traf ich in Kitos Denken, so überraschend wie ermutigend, die Aufrichtigkeit eines bürgerlichen Aufbaus an, wie zum Beispiel als ich, restlos absorbiert von einer Erkundung der Gedichtwerkstatt der Zwetajewa, zu Kito hin meinte: Ich arbeite in einer solchen Aufregung, und nachher, wer liest das denn? – und Kito sanft und solide erwiderte: Nein, das stimmt nicht, die Studenten brauchen das! Kito, als wir ihn kennenlernten damals am Tisch, würde bald, wie das Frühjahr den Winter zurückläßt, die Existenz des Mitarbeiters im Institut für sorbische Volksforschung verlassen und den Kleinstadt-Haushalt in der Wendischen Straße in Bautzen, die Orte, in die seine Jugend gemündet war, und würde unser nächster Nachbar werden unter dem Czorneboh, unser Nachbar mit, im Unterschied zu uns, einem ständigen Wohnsitz dort, nach einer Überbrückungszeit mit seiner Liebsten in einem Taubenschlag auf dem Land, wo wir ihn antrafen vor seinem Sekretär, der hinter seiner Schubfächerstirn nahezu unendlich reich gefüllt war mit Arbeitsvorhaben zur sorbischen Tradition, in deren Kontinuum er sich selbst mit jeder Faser und allen Pulsen hineingab, ohne daß die Fraglichkeit einer Zukunft des Sorbischen, genauer: die Unfraglichkeit sorbischer Zukunftslosigkeit (angesichts der Flurbereinigung, wie sein erster nur-deutschsprachiger Gedichtband, 1973, hieß, angesichts der „Folgen der Kraftwerkemissionen für den Wald- und Menschenbestand nicht nur der Lausitz“, wie er 1983 sagt) – ohne daß die in die Zukunft abgewürgte Perspektive eine Veto-Macht dagegensetzen konnte.
1961–72 Arbeit am Institut für Sorbische Volksforschung, 72–79 Textdramaturg am Staatlichen Ensemble für sorbische Volkskultur in Bautzen. Seit 79 freischaffend. Herausgeber einer Reihe sorbischer Poesie-Alben. Leiter eines Zirkels sorbischer Lyriker. Herausgeber und Übersetzer von Handrij Zejler: Der betreßte Esel. Sorbische Fabeln, Bautzen 1969. Jurij Chěžka: Poezija malej komorki / Poesie der kleinen Kammer, Bautzen 1971, sorbisch und deutsch – wie schließlich das Sorbische Lesebuch, Serbska čitanka. Aus fünf Jahrhunderten sorbischer Literatur, Leipzig 1981. Eine langjährige, eine Pionierarbeit, deren Drucklegung noch einmal zwei Jahre dauerte. (Dem Lektor, bei Reclam, Hubert Witt, sei hier noch einmal Dank gesagt.) Im Interview von 1983 seine Arbeit an dieser ersten vollständigen Darstellung sorbischer Literaturgeschichte charakterisierend, gelangt der Autor zu jener Wissenschaftsmetapher, die ich oben erwähnte:

Ich will es, angeregt von dem Begriff Anthologie – „Blütenlese“, zunächst durch die Blume sagen. Es ist schon ein verschieden Ding, ob man einen mehr oder weniger eigenen Weg über eine vielbesuchte, weite und breite Wiese spaziert und von ihren mehr oder weniger bekannten Blumenarten mit Kennerblick einen Strauß schöner Exemplare pflückt, der durch neuartiges Arrangement, Weglassen und Hinzufügen von den gewohnten Angebinden sich reizvoll abheben mag und den Betrachter dennoch vertraut anmuten wird – oder ob man auf einem wenige Grasbatzen großen, zwischen den berühmten Wiesen kaum wahrnehmbaren Flecken, der die längste Zeit „Unland“ gewesen ist, sagen wir: 53 ausgewählte von den etwa 800 Insektenarten, die dort eine Blüte besuchten, bei, sagen wir: ausgewählten 160 ihrer An- und Abflüge notgedrungen etwas mikrologischer beobachtet, aufliest, beschreibt, um sich – noch dazu als, sagen wir: halb Sammler, halb Schmetterling – und anderen eine erste lebendige Vorstellung von diesem Biotop machen zu können.

Ein wenige Grasbatzen großer Flecken. „Landschaften, zerschnitten von den Isoglossen der Dialektologen“, wie es in dem Gedicht „Flurnamen“ noch 1972 heißt, und weiter dort:

anzupeilen über Kimme und Gerstenkorn: kein Wasserhindernis.
Es ist Lužica – Lausitz, der Grassumpf, nasser Wiesengrund
im schönsten: Ich halte mein Sieb drauf, gleich
springen die Quellen hervor.

Oder soll ich mich
unter den Mairegen stellen, ihm
Löcher in den Sand bohren
und er redet und redet
und ich tanze und tanze
bis der Flachs mir ans Kinn reicht,
der Hanf mir die Ohren zuwächst
und mein Blut schwarz wird?

Sitzen zwei
unterm Wacholderstrauch, sind sonst
wie ein Hund und eine Katze.
Sagt der eine: Es hieß da was wie, aber
ich erinnere mich nicht.
Sagt der andre: Besonders im Sommer spür ichs, weil
ich es da viel brauche.
Und sie sprechen irgend anders, obwohl
man alles versteht.
Oder man scheint es nur zu verstehen, denn
ist es vorbei, war alles ein Traum.
Es sind Läuseknicker.

So sieht keine Pfründensuche, keine voluntaristische Annexion der eigenen Herkunft aus, nicht wahr. – In einer eigentümlichen Distanz hielten wir uns zu allem Verlautbarten. Sie war natürlich, kam aber nicht etwa aus einer dem Individuellen unbeschadet erhaltenen Fülle, sondern prägte sich aus im genauen Maß der wahrgenommenen, wirkenden Realität. Und in dieser Distanz, deren Bildung die DDR-Spezifik nur modifizierte, hatten wir nichts für uns erwartet von diesem Nachkrieg, von dem wir nicht wußten, daß er vierzig Jahre währen würde und nach ihm kein Friede erstrahlen. Was heißt: Wir wußten nicht? Es interessierte uns nicht. Die Zukunft interessierte uns nicht. Wir waren ihr freilich erzogen. Aber an dem „und der Zukunft zugewandt“ der Nationalhymne im unwillkürlichen Eis der Distanz vorbeihörend, blickten wir ins Zaumzeug, in die Zügel, in die Züge dessen, was war. Und das, was war und behauptete, der Zukunft zugewandt zu sein, war es nicht begründet und geprägt von der Vergangenheit? War nicht auch alle Legitimität, die die Ideologie für den DDR-Staat ins Feld führen konnte, begründet im Herkommen, im eingeklagten Menschenrecht der vom Kapitalismus erzeugten Arbeitermassen, in der Arbeiterbewegung und dem antifaschistischen Kampf, ganz so, wie der Feudalherr auf das verbriefte Lehen sich begründete, der Bürger auf seinen Stand in der Zunft und in heiler Herkömmlichkeit bis heute auf den ererbten Besitz? War diesem Zaumzeug, diesen Zügeln, diesen Zügen die Verbindung mit einem Volk nicht überlegen an Alter und Würde wie auch in der Lebendigkeit als intelligiblem Gebilde?
Achtziger Jahre: Kito am Schreibtisch, ein Foto von Christian Borchert im Literaturkalender. Die erste Erholung: ein gutes Foto; die zweite Erholung: Ach, einmal doch wieder, unter all diesen, diesen Begünstigten – einer von uns. Nach ein paar Tagen merke ich erstaunt, und wende deshalb wochenlang dieses Wochenblatt nicht um, daß mich das Foto begütigt. Es wendet sich meinem armen Gewissen zu, so lange, bis es sich erhellt. Denn immer hinterrücks angegriffen, hatte das Gewissen ratlos einen Vorwurf zu erdulden, von einer Kehrseite her. Was du auch tust nämlich, in deinen Vorgängen, den schonungslosen, heftigen Gängen gegen das böse Komplott der ererbten Bedingungen, in den Angriffen auf ihre den blinden Fleck besetzende Trutzburg, das Versteck der Fälscher und Brunnenvergifter, der frechen Zwingherren und Vampire, was du auch erreichst, Pappe rodend vom Herzensgrund, daß dir das Lachen vergeht, gegen das dinosaurische Ungetüm verabsolutierter Kultur, den Killer-Mechanismus ihrer unsichtbaren codes, gegen das einer uneinnehmbaren Festung gleiche Idyll der Unterlegenheit, was du auch tust und erreichst in diesen Text-Situationen, die dir keine Wahl lassen – nachher, hinterher, hinterrücks dich anfallend: Was scheppert da so, blechern, aus dem eigenen Text, röchelt verdorrend, was schurrt da, gurgelt? Und hast du nicht, gejagtes Wild, den Jäger gehetzt? Aber nein, das Schreiben ist nicht verwerflich, so verwerflich kann das Schreiben nicht sein, sieh doch hier, am Schreibtisch Kito, das siehst du doch, sprach das Foto begütigend dem Erschrecken ins schüchterne Ohr.
Ein Schritt aus dem Komplex, dem ungenügenden, der ungenügenden Bedingungen, folglich Behinderungen, ein Schritt hinaus aus ihrem vermauerten Komplott ins Angrenzende, Nächstliegende – er scheint eine explosive Kraft zu erfordern. Aber er sprengt ihn nicht weg, den Komplex, er führt ihn nur zurück, streng pars pro toto, führt die Bedingungen zurück aus der Fetischisierung, stellt sie frei, ja, die Schande des Verhängnisses ihnen von der Stirn streicht eine solche Bewegung. Vor der Klärung aber, solange man sich innerhalb des Komplexes befindet, solange er ausschließlich und alleinherrschend und verödend wirkt, bestimmt eben diese Wirkung auch die Sicht der Gegenwirkung: Es ist, als sei sein Ungenügen und mit ihm das gesamte Verhängnis auf den Punkt zu bringen, der „das Nichts“ heißt, als sei das Übel zu vernichten, das Komplott zu vernichten. Vernichtung der Vernichtung. – Was ich nun überlege, ist, daß eine Antiwelt wie die Kitos, auch übrigens mit der klarer und im Großen faßlichen Vernichtung, die sie erfahren hat, als wirkliche andere Welt eine Entspannung in den verspannten Raum der vorherrschenden bringt. Eben dies war die bestärkende Botschaft des Boten am Tisch: die reale andere sorbische Welt, auch wenn sie in der Interpretation nur gelebt hätte, verwandelte sich für uns, pars pro toto, real und als Modell, in den Erweis weiterer, innerhalb und außerhalb der Menschenhaut bereiter Möglichkeiten. Einer ambivalenten Indifferenz gegen den Spannungsraum auf Kitos Seite, sagen wir etwa im Schabernack seines, auch von der sorbischen Volkspoesie her erblühten, Metaphernspiels, hätte auf unserer Seite eine ebenso ambivalente Arroganz entsprochen: Naja, als Sorbe. Naja, die Sorben. Kunststück.
Der Indikativ ließ keine Ambivalenz. Die sorbischen Erbschaften in der Lyrik Kitos als etwas anzusehen, was nur seine Sache war, hätte der gebotenen Verbindlichkeit widersprochen und wäre unsererseits ebenso indifferent gewesen, und zwar poetologisch und politisch indifferent, wie wenn wir uns erlaubt hätten, über die alternative Poesie der zwanzig Jahre Jüngeren zu sagen: Naja, eine neue Generation, zwanzig Jahre jünger… Und gerade Kito ging seinerseits im Indikativ des vom Zustand des Gemeinwesens her erforderten (also auch ermöglichten) Gangs der Korrektur so exemplarisch vor, daß Adolf Endler in seiner ersten umfassenden Erkundung der neuen Anlagen eben auf ihn als den Garanten für die kritische Potenz auch der älteren Generation wies.
„Vom Weiher her ruf ich“, sprach Kitos Vers in dem Zyklus „Anrufungen“, 1966,

Vom Weiher her ruf ich, um die Schläfen
noch den Flaum des Schlafs, hölzernes
Schnarren der Kinderrassel
[…]

Ist es wahr, wurde ich neulich von einer Schweizerin gefragt, daß bei euch das Wort immerhin viel galt? (Umkehrung: Im Kapitalismus kannst du alles sagen, nur es schert keinen.) Ich zuckte zurück, erschrocken plötzlich vor der Diffamierung des Worts in dieser bekannten Aufwertung der real gewesenen politisch-neurotischen Empfindlichkeit totalitärer Gebieter gegen Verlautbarungen. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, spricht der Tod im Leben. Es dauerte freilich, bis uns die Lüge und – die zunehmende Verkommenheit der Verkündungen im Polit-Komplott die anfänglich geglaubte Verheißung aus dem Bild getrieben hatten. Die erste direkte Mahnung, die unsere Seite, aus dem „Seit an Seit“ heraus jenen nach der Ausgrenzung Biermanns öffentlich hatte zukommen lassen, öffnete uns endgültig die Kerkertür jenes Unterkommens, das man Opposition nennt, verwies uns in die freien Jagdgründe selbständiger Ergründung. Kito Lorenc 1981:

Denn Forschereigenschaften sind überall
vonnöten am Czorneboh wie in den Anden
am Czorneboh vielleicht noch eher wo
fast nur bekannte Dinge
unbekannt plötzlich kommt jemand
drauf baut dem Froschauge aus
dem Wiesentümpel’s Sputnikbeobachtungs
gerät nach

Abbau der Beachtung, Reduktion auf das Realmaß…
Deutet nicht das Schnarren der Kinderrassel an, was die Ohren zu hören bekamen? Was wurde aus der Hoffnung, in dieses Schnarren etwas zu übersetzen, was ein dem Flaum des Schlafs um die Schläfen verwandtes Erwachen gewesen wäre, wo ging sie hin, die mit jeder Geburt in die Welt gesetzte Hoffnung auf eine vox humana? 1965, in dem Gedicht „Aber wenn ihr weint“:

Abends
als die Sträucher flüsternd
ins Zimmer wachsen und in den staunenden Mond
vorm Fenster, und die Luft
kocht über von den fliegenden zuckenden
Herzen der Junikäfer und Fledermäuse, ist
Sommer.

Der Abend dieses Tages kennt nur noch die Frühe und die Nacht. Tagsüber schreien die Sägen vor dem Holzhaus. Kito 1967, als der Großvater (Der Dichter Hinter-den-Wäldern):

Der ich dalieg, stählern umklammert,
ergriffen von Walzen, schon unterm Gatter,
dem riesig vorm Himmel orgelnden, dröhnenden,
und hör im Blutsturm noch grölen die Sägen:
Solingen Solingen Krupp.

1973, in dem großen Gedicht „Bautzen – Neue Ansicht vom Proitschenberg“, das der Geschichte befiehlt, ihr Gesicht zu zeigen:

Exkurs I

schrie meine Stimme, heulte
das milzenische Kyrcujolsa
entgegen dem Kyrie des heiligen Heinrich
(Stirb, Flins – das Hungergebrüll
des opferrünstigen Götzen
gurgelt im Talschlund
) […]

Dann, zwei Seiten weiter, im selben Gedicht eine Zukunftsvision:

[…] und meine Stimme federleicht wird, weggehn
in die ferneren, fremderen Wälder,
zwölf Nächte träumen, zwölf Tage aber
Eier suchen, ja vielleicht Eier, viele viele
verschiedenfarbige Eier und anders wie nie
zurückkehren an den Steilhang, und die Osterwiese
finden und ganz von vorn wieder anfangen
Eier-zu-schieben vom Proitschenberg,
als wär nichts gewesen.

Es war noch Zeit, hier im Spielraum fraglicher Vorzukunft, eigensinnig zurückzufordern, was Sehnsucht gewesen war, das symmetrische Gegenbild sorbischer dörflicher Armut:

Käme Herr Bäcker sein Herz ein alter Pulsnitzer
Lebkuchen, o durch wieviele Berge Grießbrei sich
durchfressen müssen dies süßeste Plätzchen das letzte
zu finden: Den Bach vanillen um den braunen Pudding-
hang hin zu den ferneren Baumtörtchen über Hügeln
von Marzipan die Luthereiche krokant die Wiese puder-
zuckerbereift die Wege Sträußelkiesel wenn der Abend-
kandis aufgeht verhängt man die Fenster mit
Plinsen: Ja jeder hätte so gern so eine niedliche
Mühle an der Hand so seine wenn nicht dann
malt er sie sich, nur nachts, traun, träumt
man dort was sonst bloß in Gedichten passiert eben
das würde man sich nie träumen lassen ausgerechnet
den Spruch zu vergessen das lächerliche klipp klapp
plötzlich klappt es nicht mehr und mehr mahlt es
das Salz in die Tränen man sieht
nicht mehr durch

1982 wird die Forderung böse:

[…] und alle die da lebten als sie da lebten
und es ihnen gefiel daß sie da lebten
müssen da sein und es muß
Weihnachten Geburtstag Ostern Pfingsten
Erster Ferientag Besuch da sein
und ein grundloser Bücherschrank muß da sein
und eine Truhe mit unleserlichen Papieren
und ein verbotenes Zimmer
und eine schwarze Küche
und eine versteckte Durchreiche
und ein Vorhang mit Paradiesvögeln auf einem Lebensbaum
und ein Bild von einem Fest im Freien loben links in das von unten rechts
ein Bote eine schlimme Nachricht bringt
Ich soll nicht beißen und spucken
Ich soll 1000 mal nicht beißen und spucken
Ich soll Ich soll nicht beißen und spucken
1000 mal im ganzen Satz
[…]

Der symmetrische Spiegel dieses zweiten Katalogs ist ein Alltag im Jenseits, ein Tag mit dem Datum 20.08.09.00:

Aktiviert

Die Frau
hoffentlich!
im großen Plastbeutel aus der Küche
an der richtigen Fußleiste
Die Kinder
hoffentlich!
mit der Schultasche überm Kopf
im richtigen Straßengraben
Ich
im Kalkanstrich
gleich vom Dienst durchs Wasserhindernis
hinters Waldstück zum Geschädigtennest
Hoffentlich!
tönt mein Zirkelleiter
von der Ersten Hilfe bei Lyrik
tönt es durch die Schutzmaske
den erhabenen Hintern wendend
gegen die wechselnden Epizentren
hoffentlich! tönt er
war es nicht einer Ihrer unterkühlten Texte
der im Schützengraben geraucht hat

Im Winter 88 auf 89 kam eine „unverkäufliche Abschrift“ an, in der es zierlich hieß:

kaputt VI

bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel

Nun kommt also Kito mit seiner Arthrose den weiten Weg hierher, um, wie siebzig andere vor ihm, den Heinrich-Mann-Preis zu empfangen. Und die Kasse ist leer. Ich voriges Jahr hatte ja ein Loch im Konto zu stopfen und begrüßte außerdem die „Keime eines Neuen“, wie man sagt. Und dieses zweite Motiv hatte sogar den Vorrang, es war meine erste spontane Reaktion, dank einer DDR-typischen hochmütigen Geradsinnigkeit, wie sie nämlich jenseits der Marktwirtschaft und Warengesellschaft und außerhalb der Melancholie des Sichabfindens sowie außerhalb der masochistisch-stumpfsinnigen Gier einschlägig parasitärer Existenz sich behaupten und im Lichte des gesellschaftlichen Zustands und Binnenmarkts strikt auf die sachlichen Belange in jedem beliebigen Zusammenhang gerichtet halten konnte. Eine gewisse Ignoranz gegen die Zukunft zeichnete diese Geradsinnigkeit aus, Ignoranz zugunsten einer Aufmerksamkeit für „die Keime eines Neuen“ in der Gegenwart, nachdem die Zukunft, als Deckname für den Mord am geborenen und lebenden Heil erkannt, aus dem Blickfeld weggestorben war. Eine Ignoranz auch gegen den Geltungsanspruch der stets nur überlebenden statt lebenden Morphologie der Vergangenheit.
Der Preis, in welchem Zustand ist er, nach jenen siebzig anderen, die ihn entgegengenommen haben, nach den siebzig Deutschen, nun, da ihn der Sorbe erhält? Vermag ich denn zu fassen, auf welche Noblesse es deutet, daß Kito ihn heute annimmt? Während mir diese Noblesse Kitos gegenwärtig ist, wenn auch kaum faßlich in ihrer vollen Dimension, will ich, verehrte Anwesende, nicht verhüllen, daß mir im Charme der mittellosen Vergabe dieses Preises etwas wie eine künftige Noblesse gesellschaftlicher Partner durch lauter gleich Frühnebeln schleiernde Hüllen zaghaft aufscheint. Und sei sie noch so irrlichternd, vergänglich, trügerisch und kaum existent, so grüße ich sie doch, Ihrer, der verehrten Anwesenden, Teilhabe ebenso sicher, wie der Hahnenschrei sicher sein kann des bereits erwachten menschlichen Ohrs in seiner Reichweite.

Elke Erb, neue deutsche literatur, Heft 462, Juni 1991

Klassiker der Gegenwartslyrik: Kito Lorenc – Am 18.9.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin in Lesung und Gespräch moderiert von Thomas Rosenlöcher.

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Ulf Heise: Zwang zur Genauigkeit: Am Montag feiert Kito Lorenc seinen 75. Geburtstag
Leipziger Volkszeitung, 4.3.2013

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde OhlbaumGalerie Foto Gezett +
Dirk Skiba Autorenporträts
Nachrufe auf Kito Lorenc: SZ ✝︎ MDR ✝︎ SAdK

 

Bestiarium Literaricum-Der Lorenc

 

Kito Lorenc und Miodrag Pavlovic erhalten den Petrarca-Preis 2012.

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