Lavinia Meier-Ewert: Zu Jan Wagners Gedicht „dobermann“

Im Kern

Im Kern

– Zu Jan Wagners Gedicht „dobermann“ aus Jan Wagner: Achtzehn Pasteten. 

 

 

 

 

JAN WAGNER

dobermann
für Ron Winkler

dies ist das dorf, und dies am waldesrand
die wasenmeisterei, von deren dach
ein dünner rauch sich in den himmel stiehlt.

die leeren felle an der wand. der korb
mit welpen, ihre augen noch vernäht
von blindheit: so beschnüffeln sie die welt.

noch ist es früh, und in den städten schlafen
die landvermesser und die kartographen.
im garten jener brunnen voller durst.

apolda, thüringen: die tote kuh
am feldrand, ein gestrandeter ballon,
von seuche aufgebläht. sie wird

dort liegenbleiben: unter einem kleingeld
von sternen schreitet er, an dessen seite
zwei schwarze klingen durch die landschaft schneiden.

 

Unter den Sternen von Apolda

Man könnte Wasenmeisterei nachschlagen, ja. Aber dann: Kein deutschlehrerhaftes Dingfestmachen dessen, was „uns“ dieses Gedicht „sagen will“; und bloß nicht die Verse nach Reimschemata durchkämmen. Wie fein Jan Wagner dieses Gedicht gearbeitet hat, spürt man ja.
Wie hier in Bildern und Klängen plötzlich etwas aufblitzt, das vorher nicht da war. Man kann sie atmen, die kühle Morgenluft am Waldrand bei Apolda. Und da, im Zwielicht: ein einsames Häuschen, aus dem „ein dünner Rauch sich in den Himmel stiehlt“. Man liest und fährt – als wäre dies der Vorspann eines Thrillers – mit der Kamera nach drinnen: in die eher unheimliche als heimelige Stube des Herrn Dobermann.
Zwischen Hundefellen weht ein Hauch von Hexenküche. Hier erledigt der Hausherr, was die diesseits der Stadtgrenze lieber nicht so genau wissen wollten. Karl-Friedrich-Louis Dobermann (1834–1894) ist der Wasenmeister, was im Oberdeutschen (und poetischer) ein Abdecker ist, also einer, der tote Tiere beseitigt und verwertet.
Unter anderem. Denn Herr Dobermann, ein städtischer Angestellter aus Apolda, hatte noch einen Zweit-, Dritt- und Viertjob. Er verdingte sich als Hundefänger, Hundesteuereintreiber und Nachtwächter – auch mit Hund. Aus den schärfsten Exemplaren, derer er habhaft wurde, schuf er sich einen furchtlosen Gefährten, der bis heute seinen Namen trägt. „unter einem kleingeld / von sternen schreitet er, an dessen seite / zwei schwarze klingen durch die landschaft schneiden.“
Jan Wagner – der dieses Gedicht dem Jenaer Dichterkollegen Ron Winkler gewidmet hat – schreibt in so eleganter Sinnlichkeit über einen Hundezüchter wie über Heringspastete oder das Kochen von Quittengelee. Alltägliches beginnt zu leuchten – sogar Torf, wie in den Regentonnenvariationen, für die er 2015 den Leipziger Buchpreis erhielt, als erster Lyriker überhaupt.
Und sogar Apolda (von dem man nur kurz denkt, es sei die „tote Kuh am Wegesrand“). Dort haben sie nun, neben Bronze-Hunden, noch eine Ode an den Dobermann. Was, immerhin, ein ideeller Trost ist in Zeiten, da der letzte Züchter gerade aufgegeben hat: Dobermänner aus Apolda gibt es nicht mehr.

Lavinia Meier-Ewertaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

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