Manfred Fuhrmann: Zu Durs Grünbeins Gedicht „In der Provinz 5“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Durs Grünbeins Gedicht „In der Provinz 5“ aus dem Band Durs Grünbein: Nach den Satiren. –

 

 

 

 

DURS GRÜNBEIN

In der Provinz 5
(Bei Aquincum)

Wie vom Reisewagen gestreift eines fliehenden Siedlers
Lag auf der Römerstraße die tote Amsel, zerfetzt.

Einer, der immer dabei war, den nie was anging, der Wind
Hatte aus Flügelfedern ein schwarzes Segel gesetzt.

Daran erkanntest du sie, von fern, die beiseitegefegte,
Beim Einfall der Horde an die Erde geschmiegte Schwester.

Ob Daker und Hunnen, Mongolenpferde und Motorräder –
Schimpfend hatte sie abgelenkt von der Nähe der Nester.

Mehr war nicht drin. Sieht aus, als sei sie gleich hin gewesen.
Der miserablen Sängerin blieb nur sich querzulegen.

Damals im Staub grober Quader, heute auf nassem Asphalt.
Immer war Völkerwanderung, meistens Gefahr auf den Wegen.

 

 

Nekrolog auf eine Amsel

Das Druckbild trügt nicht: Das Gedicht hat eine strenge Form. Es besteht aus zwölf Zeilen oder besser Versen, da jede Zeile sechs Hebungen enthält, so daß sie zum Teil genau dem Schema des Hexameters entsprechen. Je zwei Verse bilden eine Strophe; jede Strophe endet mit einem Punkt. Je zwei Strophen sind dadurch zu Paaren verbunden, daß sich das letzte Wort jeder zweiten auf das letzte Wort jeder ersten Strophe reimt.
Die Überschrift deutet an, daß das Gedicht einem Zyklus angehört. Es steht am Ende einer Reihe von fünf ,Nature-morte‘-Skizzen: mit Tierkadavern in europäischen Landschaften. Die Titel werden jeweils durch einen geographischen Namen näher bestimmt. Die vorangehenden Namen – wie „Normandie“, „Auf Gotland“ – sind sofort verständlich; nur „Aquincum“ bleibt dunkel.
Immerhin gibt der Autor Hinweise. Die „Römerstraße“ der ersten Strophe wird durch die „groben Quader“ der letzten bestätigt. Die Mitte des Gedichtes nennt, vorbereitet durch „Horde“, drei Völkernamen: „Daker“,„Hunnen“, „Mongolen“, und am Ende erscheint eine historische Kategorie: „Völkerwanderung“.
Das Gedicht spielt offenbar auf den Zusammenbruch des weströmischen Reiches zu Beginn des 5. Jahrhunderts an. Aquincum, Grenzfeste und zugleich Hauptstadt der Provinz Pannonia inferior, lag an der Stelle des heutigen Buda, des rechts der Donau gelegenen Teils von Budapest. Die Ortsangabe enthält den Schlüssel für die drei Völkernamen: Dort tummelten sich in der Spätantike die aus ihren Wohnsitzen im Karpatenbogen verjagten Daker und die aus Innerasien vorprellenden Hunnen, und im hohen Mittelalter, um das Jahr 1242, auch Mongolen, Teile der ,Goldenen Horde‘.
Die exponierende erste Strophe zielt auf einen bestimmten historischen Sachverhalt. Während die Barbarenflut in den Kernländern des Reiches kein völliges Ende herbeiführte (die dort Ansässigen arrangierten sich mit den Eindringlingen), versanken die Randgebiete, die Alpen- und Donauprovinzen, in einem Chaos, das von der bestehenden Zivilisation nichts übrigließ.
Die zweite Strophe malt mit knappen Strichen aus; zugleich versetzt sie das Geschehen in die Zeitlosigkeit der unbeteiligten Natur. Die dritte wiederum kehrt mit dem „Einfall der Horde“, dem Pendant des „fliehenden Siedlers“, in die historische Szenerie zurück und fährt fort auszumalen: Während die beiden Partizipien der ersten Strophe, „gestreift“ und „zerfetzt“, die Tötung der Amsel beschrieben hatten, befassen sich die entsprechenden Wörter der dritten mit dem Schicksal des Kadavers.
Sollte schon die erste Gedichthälfte nicht einfach Vergangenheit schildern („Daran erkanntest du sie“: als handele es sich um jüngst Geschehenes), hebt die vierte Strophe die Einheit der Zeit auf, und der Begriff ,Horde‘ erweist sich als Klammer, welche die Nichtseßhaften von einst mit denen von heute verbindet.
Dem Nekrolog auf die Amsel (aus der Perspektive eines Zeugen, etwa eines Fahrers: „Mehr war nicht drin“) folgt die Schlußbetrachtung, wie am Ende einer Tierfabel: die „Schwester“ der Gedichtmitte hatte ja bereits angedeutet, daß die Amsel ein Bild für den Menschen sei. Noch einmal geht es um Einst und Jetzt, die sich im Äußerlichen unterscheiden („Asphalt“ statt „grober Quader“), im Kern aber einander gleich sind – das „Immer“, das zunächst nur die Natur charakterisiert hatte, ergreift nun auch die menschliche Dimension, die Geschichte.
Ein kunstvolles und beziehungsreiches, ein jedenfalls diagnostisches und vielleicht auch prophetisches Gedicht: Es könnte ja sein, daß das Sinnbild ,Rom in der Völkerwanderungszeit‘ weiter reicht als bis zum modernen Massentourismus.

Manfred Fuhrmann, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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