Marie-Elisabeth Lüdde: Zu Horst Samsons Gedicht „Dahingehen. Den Thüringer Freunden“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Horst Samsons Gedicht „Dahingehen. Den Thüringer Freunden“ aus Wulf Kirsten (Hrsg.): Eintragung ins Grundbuch. 

 

 

 

 

HORST SAMSON

Dahingehen. Den Thüringer Freunden

Ich bin die Wunde und der Dolch.“ Baudelaire

Soeben bin ich, schreibe ich, heimgekehrt,
vom klirrenden Feld.
Nirgendwo ist es schöner zu sein
Um diese Lebenszeit, Jahreszeit, nirgendwo

Ist man geschlossener und offener
für Mitstürzende,
Als beim Dahingehen
In der Stille

Des Reifes und des Reifens,
Da Äußeres sich innen sammelt: Brechende
Grashalme, überstürzte Hasen – gewaltig spürst du
In der Natur das eigene

Gewicht. Und obwohl du in friedlicher Absicht da bist,
Kannst du nichts verhindern, kannst nicht
Verhindern, daß Rehe vor dir fliehen in weißes Land,
Während du hingerissen

Sie gleiten siehst wie Tänzerinnen vom Bolschoi,
Liebend und verwundbar
Bilder der Natur empfängst und Gericht hältst über das
Imaginäre und unsere Anwesenheit darin.

 

Exil und Heimat

Vielleicht ist der Sommer nicht die richtige Jahreszeit für dieses Gedicht. Denn in ihm herrscht Winter: klirrender Frost und reifbedecktes Land. Die Thüringer Freunde sind in Gedanken dabei – als Mitstürzende, auch sie gefährdet und verwundbar.
Wer ist der Dichter, dessen Sprache so bildstark das Schweigen bricht? Der rumäniendeutsche Schriftsteller Horst Samson wurde 1954 in der rumänischen Baragansteppe geboren, in einem Erdloch, das seinen verbannten Eltern als Zuflucht diente. Dies gleicht einem mythischen Ort, wie das Idagebirge, in dem man den trojanischen Königsohn Paris aussetzte. Er wurde gerettet, weil eine Bärin ihn säugte. Die Bärin, die Horst Samson säugte, ist unüberhörbar die Sprache mit ihrer Vieldeutigkeit, mit ihren Bildern, mit ihrer Erfahrungsschwere.
Einige Jahre nachdem die Familie Samson endlich heimkehren durfte, kam der Diktator Ceauşescu an die Macht. Später schloss Samson sich in Temeswar einer Schriftstellergruppe an, zu der auch die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller gehörte. 1976 feierte er sein literarisches Debüt, wurde vom rumänischen Geheimdienst Securitate verfolgt und erhielt 1984 Schreibverbot. Nachdem ihn die Securitate mit dem Tod bedroht hatte, emigrierte er mit Frau und Sohn 1987 in die Bundesrepublik. Viele rumäniendeutsche Dichter wanderten in diesen Jahren aus: in den Westen, in die Verzweiflung oder in die Schnapsflaschen, wie es in einem Gedicht Samsons heißt. Seine Gedichte sind Zeugnisse der Flucht aus der einen Welt und des Ankommens in einer anderen Welt, Deutschland, das doch ein fremdes Land bleibt, auch wenn es zum Glück in dieser wie in jener Welt Freunde gibt.
In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Gerhard-Beier-Preises sagte Horst Samson über seine Gedichte:

Sie spiegeln exemplarisch die Zeitläufte des Emigranten, die fortgesetzte Suche nach Vaterländern und verlässlicher Verortung, nach unverbrauchter Sprache und einem Stück blauen Himmel, die Heimat sein können. […] Aber das Gedicht ist […] in persönlichen Notzeiten des Getriebenseins auch Heimat für alle, die keine haben.

Für die Reise ans Ende der Welt sind Freunde notwendig. In dem Gedicht „Sonate in vier Sätzen“ schreibt Horst Samson über seine Thüringer Freunde:

Sie hörten zu, sie fragten nicht, was der Fremde
Hier sucht, woher er kommt oder wann
Er geht…

Das heutige Gedicht enthält ein Sehnsuchtsbild, nämlich liebend und verwundbar zu bleiben. Sehnsucht ist ein wunderbarer Ausdruck von Skepsis gegenüber dem Bestehenden. Horst Samsons Gedicht ist eine Gegenwehr – die vielleicht nichts nützt, aber in jedem Fall hilft.

Marie-Elisabeth Lüddeaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

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