Matthias Wegner: Zu Werner Bergengruens Gedicht „Die letzte Epiphanie“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Werner Bergengruens Gedicht „Die letzte Epiphanie“ aus Werner Bergengruen: „Gestern fuhr ich Fische fangen…“. –

 

 

 

 

WERNER BERGENGRUEN

Die letzte Epiphanie

Ich hatte dies Land in mein Herz genommen.
Ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.

Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuh’n.
Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
und meintet noch, Gott einen Dienst zu tun.

Ich kam als zitternde, geistgeschwächte
Greisin mit stummem Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte,
und nur meine Asche gabt ihr frei.

Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.

Ich kam als Gefangner, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?

 

Ein kleiner Trost

Das Gedicht markiert eine Abrechnung. Es entstand im Rahmen eines Zyklus im Sommer 1944, als das „Dritte Reich“ dem Untergang entgegentaumelte: „Dies Irae – Eine Dichtung“. „Wir erleben und erwarten, stumm Geduckte, das Gericht“, heißt es in einem der siebzehn Gedichte über die deutsche Apokalypse. Es war nicht nur die Stunde der Befreiung, sondern auch die Stunde des Selbstmitleids und der Entlastungsargumente. Als die neue Zeit angebrochen war, mangelte es vielen Deutschen nicht an Entschuldigungen. Die Unversehrtheit einer „inneren Emigration“ beschwörend, meldete sich etwa Frank Thiess selbstgefällig und alles andere als „stumm geduckt“ zu Wort.
Einen „inneren Raum“ reklamierte er für sich und andere, „dessen Eroberung Hitler trotz aller Bemühungen nicht gelungen“ sei. Das mochte immerhin teilweise stimmen, wandte sich aber takt- und mitleidlos gegen die, die außer Landes hatten fliehen müssen. Walter von Molo rühmte sich trotzig, „aus der Mitte eines verführten und leidenden Volkes“ gewirkt und „für seinen Aufstieg gearbeitet“ zu haben. Gehässige Zielscheibe solchen Selbstlobs waren Thomas Mann und die wahren Emigranten „in den Logen und Parterreplätzen des Auslands“.
Bergengruen, einer jener Autoren, auf die der Begriff „innere Emigration“ am ehesten zutraf, gehörte hingegen zu den Demütigen. Selbstquälerisch stellte er sich in seinen Gedichten der Frage nach deutscher Schuld. Er war ein Mann der Prosa, verließ sich in seinen lyrischen Ausflügen auf die gesicherten Formen der Tradition, auf die korrumpierten Ideale edler Einfalt und stiller Größe. Auch in unserem Luftschutzkeller klammerten sich ja die Erwachsenen, die Gasmasken griffbereit, an die Lektüre bewährter Geistesgrößen, lasen sich angsterfüllt Goethe und Hölderlin vor. Bergengruens Gedicht gibt auch ihre Empfindungen wieder – Bewahrung und Erinnerung an bessere Zeiten waren das Gebot der Stunde.
Die vierzeilig geordneten Strophen beschreiben in ihrer gewissenhaft um Schönheit ringenden Sachlichkeit ein jüngstes Gericht. Sie sind ein typisches Dokument ihrer Zeit. Einige Jahre später, als unsere literarische Neugier erwachte, feierten Lehrer und Schulbücher diesen Autor als einen der größten Dichter Deutschlands. Wir lasen ihn nicht gerne. Etwas störte uns an der religiösen Feierlichkeit dieses 1936 zum Katholizismus konvertierten Dichters. Die expressiven Aufschreie Wolfgang Borcherts und der Lakonismus Bertolt Brechts waren uns näher. Ein halbes Jahrhundert später erscheinen mir diese Verse in einem freundlicheren Licht.
Wer ist das lyrische Ich, das in vielen Gestalten, als bleicher Hebräer, als Flüchtling, als zitternde Greisin, verwaister Knabe, Gefangener und Tagelöhner, zuletzt aber als Richter vor uns tritt? Schon der Titel macht es deutlich: Es ist der christliche Rächer und Erlöser, der hier spricht. Er habe das Land der Deutschen – sein romantischer Patriotismus ist ungebrochen – einst in sein Herz genommen. Nun aber habe es ihn und seine Sendboten verraten. Nur aus dem christlichen Glauben kann Heilung erwachsen. Zeiten politischen Elends sind Zeiten von Glaube und Kirchen.
Ein anderer Katholik und ein Opfer des Nazi-Terrors, Eugen Kogon, 1946 Autor des noch immer beeindruckend aufschlußreichen Standardwerkes Der SS-Staat, hat das Gedicht seinem Schlußkapitel „Das deutsche Volk und die Konzentrationslager“ vorangestellt und dazu gemeint: Erst wenn Deutschland sich selbst erkenne, wenn „es sich selber ehrlich beurteilt hat“, würden die Terrorjahre „hinter dem erneuerten Deutschland liegen“.
Bergengruens religiöses Gleichnis der „Stunde Null“ enthält eine einfache Aufforderung, die zu beherzigen uns Deutschen so schwer fällt: das Urteil über die Verbrechen des „Dritten Reiches“ entgegenzunehmen, der Wahrheit und ihrer Vorgeschichte ins Auge zu sehen, die Schuld nicht zuerst bei anderen zu suchen. Was heute so selbstverständlich klingt, war es 1945 nicht. Und mehr als fünf Jahrzehnte später lassen sich Beschwichtigungen und dunkle Schuldzuweisungen noch immer – oder wieder – vernehmen.
Bergengruen mag – anders als viele damals meinten – nicht zu den „großen“ Dichtern seiner Epoche gehört haben. Aber daß es damals auch diesen deutschen Dichter gab, ist immerhin ein kleiner Trost.

Matthias Wegneraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einundzwanzigster Band, Insel Verlag, 1998

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