Michael Donhauser: Nach Georg Trakls Gedicht „St. – Peters-Friedhof“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Nach Georg Trakls Gedicht „St. – Peters-Friedhof“. –

 

 

 

 

GEORG TRAKL

St. – Peters-Friedhof

Ringsum ist Felseneinsamkeit.
Des Todes bleiche Blumen schauern
Auf Gräbern, die im Dunkel trauern –
Doch diese Trauer hat kein Leid.

Der Himmel lächelt still herab
In diesen traumverschlossenen Garten,
Wo stille Pilger seiner warten.
Es wacht das Kreuz auf jedem Grab.

Die Kirche ragt wie ein Gebet
Vor einem Bilde ewiger Gnaden,
Manch Licht brennt unter den Arkaden,
Das stumm für arme Seelen fleht –

Indes die Bäume blüh’n zur Nacht,
Daß sich des Todes Antlitz hülle
In ihrer Schönheit schimmernde Fülle,
Die Tote tiefer träumen macht.

 

(Der Friedhof von St. Peter)

Wer als Toter tiefer träumt, der sieht nicht allein das Antlitz des Todes, denn dieses möge sich in den Schimmer der Schönheit hüllen, da sie es ist, die den Träumen Tiefe schenkt; darum blühen oder bitten die Bäume, deren Blüten den Schleier bilden vor der Nacht, zu der die Bäume also beten, als gäbe sie, die Nacht, nicht nur ein Antlitz dem Tod, sondern wäre auch Bild, ein Gnadenbild ohne Bild zu sein. 

Die Bäume, sie beten, wie da unter den Arkaden manch ein Licht fleht und so anders bittet, verzweifelter für die Verzweifelten, denen der Himmel als Nacht nicht Antlitz ist; denn sie ruhen unter den Arkaden wie da ragt vor einem Bild, was als Kirche den Bäumen ähnlich ist, nämlich gleichsam Gebet, wenn auch nicht Gebet zur Nacht, sondern vor jenem Bild, das ewig verspricht, worum die Lichter flehen. 

Was allein aber wacht, ist das Kreuz, das eine für alle, das Zeichen der Zeichen, denn die Toten, sie wandern und warten, in Bewegung wie unbewegt; als stille Pilger erwarten sie den Himmel, der, still auch er, lächelt als ein anderes Antlitz, ein freundliches, herab in das, was Garten da heißt und verschlossen ist, doch weniger gegen außen als in sich, als ein dem Himmel wie dem Leben entrückter Traum. 

Was da aber träumt oder trauert, das hat, was es nicht hat, kein Leid, selbst wenn die Gräber trauern in einem Dunkel, wo die Blumen bleich sind und schaudernd, als schauten sie nah dem Tod dessen Antlitz, das da nicht ist; denn da lächelt nicht herab und ragt nicht vor einem Bild, fleht nicht unter Arkaden und blüht nicht zur Nacht, was ist, sondern da ist ringsum nur, was ringsum ist als Felseneinsamkeit.

Da ist, was ist, umgeben von Felsen, und abgeschieden
Sind bleich die Blumen, als schauten sie bebend den Tod,
Auf Gräbern, deren Trauer ins Dunkle sinkt mit Schatten,
Wenn bar auch allen Habens, was trauert, hat kein Leid.

Zu lächeln scheint als Himmel, was lächelt still herab
In diesen Garten, der geträumt in sich verschlossen ruht,
Dass wandert still und wartet, was seiner harrt im Schlaf,
Denn nur das Kreuz, es wacht, das eine da auf jedem Grab.

Und ragt als Kirche auch, was steigt wie ein Gebet, bleibt
fragend doch vor einem Bild, das Gnade ewig schenkt,
Was ewig sucht, was unter Bögen wie vereinzelt brennt,
Und wankend so für jene fleht, die wankender verzagen.

Es blüh’n indes die Bäume, als beteten sie zur Nacht,
Dass hülle sich das Antlitz des Todes in den Schimmer
Von ihrer Schönheit, deren Fülle als Tiefe kehre wieder
Im Traum, der ohne Leid ist still und schaut und wacht. 

Michael Donhauser, aus Mirko Bonné und Tom Schulz (Hrsg.): TRAKL und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal, Stiftung Lyrik Kabinett, 2014

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