Park – Heft 29/30

Park

HIRTENGEHEUL, COSTA RICA

Meine Steilküste hat sich ins Meer gestürzt.
Ich finde sie nicht hinter den durchsichtigen Bauchfalten des Flachmeers,
finde sie nicht unter der kurzen Operationsnarbe der Dampferspur.
Finde sie nicht. Nirgends meine Steilküste.
Die Grashalme schreien nicht mehr, wenn der Fischer seinen Bootskiel den Hang hinabwälzt.
Sie versank nicht. Sie wurde abgetragen mit der Sichel des Rinderhufs. Gekappt wurde sie Kubikmeter um Kubikmeter, Hügel um Hügel.
Ihr Boden hat sich in Rindfleisch verwandelt und Geld. Geld für den Fleischkönig.
Als Krater im Meer ruft meine Steilküste herauf.
Unsere schlauchförmigen warmen Frauen sind jetzt brennende Quallen.
Unsere Männer sind Würfel mit hellen Augen, mit denen der Blauwal pokert.
Die Farne – wie Sehnen sind die zurückgeschlüpft unter die Meeresoberfläche, zurückgeschlüpft ins violette Fruchtfleisch des Erdmantels.
Oh ja heut Nacht wird Roland Regen kommen mit der gebogenen kalten Mondnadel, die Farne
aaaaawieder hervorzuholen, auszubrennen.
(Übrigens dieselbe Weißgoldnadel, mit welcher der Wucher der Bankherren die Kontinente
aaaaazusammennäht.)
Doch er strengt sich umsonst an, die Pflanzen folgen ihm nicht, sie ahnen die Metzger.
Die rote Fingerhutblüte, die wie ein Schlauchrock aussieht, wird als Taucherglocke
aaaaaherumfunken in Wracks.
Glaubt mir, die herumflatternde Sonne des Frühjahrs wird keinen Erdbuckel finden, um sich
aaaaaniederzulassen im Weltmeer.
Ja kühn war meine Steilküste, steil war meine Küste.
Wie Trompeten öffneten sich von ihr aus die Täler ins Landesinnere, trötend von den weißen
aaaaawolligen Notenköpfen der Schafe.
Meine Steilküste sank. Abgetragen wurde sie mit der Sichel des Rinderhufs.
Meine Steilküste, ich will meine Steilküste wiederhaben.

Wolfgang Dietrich

 

 

 

Die Zeitschrift PARK

wurde 1976 begründet mit dem Ziel, neue Tendenzen der Gegenwartspoesie zu entdecken und in Erstdrucken vorzustellen. Sie will ohne programmatische Festlegung die Formen jüngster Lyrik erkennbar machen. Zwar konzentriert sich das Interesse auf das Werk jener Dichter, die sich der hermetischen Tradition verpflichtet fühlen, gleichzeitig steht PARK aber anderen Strömungen offen und bringt auch Texte von Autoren, die sich literarischen Zirkeln und Schulen konsequent entzogen haben.
Ein Schwerpunkt liegt bei der Präsentation jüngerer begabter Lyriker. Eine Daseinsberechtigung erhält PARK rückblickend dadurch, daß viele von ihnen später den Weg in größere Verlage gefunden haben.
Texte von über 150 Schriftstellern sind in den bisherigen 48 Ausgaben der Zeitschrift erschienen, die damit gleichsam eine Lyrik-Anthologie in Erstdrucken darstellt. Die Namen der Autoren spiegeln Entwicklungen wider, die die deutsche Lyrik in den letzten zwanzig Jahren genommen hat. So sind u.a. vertreten: Christoph Meckel, Friederike Mayröcker, Gerhard Falkner, Rose Ausländer, Paul Celan, Uwe Kolbe, Jan Koneffke, Richard Anders, Wolfgang Bächler, Michael Buselmeier, Dieter M. Gräf, Margarete Hannsmann, Helmut Heißenbüttel, Uta Mauersberger, Detlev Meyer, Bodo Morshäuser, Oskar Pastior, Johannes Poethen, Ralf Rothmann, Sabine Techel, Jürgen Theobaldy, Hans-Ulrich Treichel, Ernest Wichner und Lioba Happel.
Einen festen Bestandteil der Zeitschrift bildeten von Anfang an Dossiers über Gegenwartspoesie in fremden Sprachen. Bisher wurden Dichtungen aus 18 Ländern präsentiert, – meist zweisprachig und mit instruktiven Einleitungen. So konnte man zeitgenössische Gedichte aus Griechenland, Italien, Spanien, Schweden, Frankreich, England, Jugoslawien, USA, Polen, Rußland, Irland und Lateinamerika kennenlernen. Erstübertragungen von Arbeiten auch hierzulande vielbeachteter Dichter, wie Octavio Paz, Andrea Zanzotto oder Gennadij Ajgi, stehen dabei neben Expeditionen zu unbekannten Poesien, etwa aus Estland, Iran oder Argentinien.
Wenn auch das Hauptgewicht der Zeitschrift bei der Lyrik liegt, so veröffentlicht PARK darüber hinaus kürzere Prosaarbeiten, Rezensionen wichtiger Neuerscheinungen und oft auch literaturästhetische und poetologische Essays, z.B. von Hans Blumenberg oder Gerd Henniger.

Waschzettel, Heft 29/30, Februar 1987

Das Haus für Poesie feiert das 40-jährige Bestehen von PARK – Zeitschrift für neue Literatur.
Zu Ehren der Zeitschrift haben am 7.2.2017 vier PARK-Autoren der letzten Jahre im Haus für Poesie gelesen: Kenah Cusanit, Gerhard Falkner, Kerstin Preiwuß und Monika Rinck. Michael Speier und Michael Braun führten durch den Abend.

Fakten und Vermutungen zu Michael Speier
Porträtgalerie
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Richard Pietraß: Dichterleben – Michael Speier

 

Michael Speier liest beim 11. Internationalem Poesiefestival von Medellín im Juni 2001.

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