Peter Härtling: Zu Theodor Kramers Gedicht „Nicht fürs Süße, nur fürs Scharfe…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Theodor Kramers Gedicht „Nicht fürs Süße, nur fürs Scharfe…“ aus Theodor Kramer: Gesammelte Gedichte in 3 Bänden. Band 3. –

 

 

 

 

THEODOR KRAMER

Nicht fürs Süße, nur fürs Scharfe…

Nicht fürs Süße, nur fürs Scharfe
und fürs Bittre bin ich da;
schlag, ihr Leute, nicht die Harfe,
spiel die Ziehharmonika.

Leer, verfilzt ist meine Tasche
und durchlöchert ist mein Hut;
daß ich leb, das Herz aus Asche,
macht: aus Branntwein ist mein Blut.

Ließ das Salz der Tränen Spuren,
wären meine Gucker blind;
meine Liebsten sind die Huren,
mir Gesellen Staub und Wind.

Das Falsett, das möcht umarmen,
doch das Ganze trägt der Baß;
hab Erbarmen, brauch Erbarmen,
doch zuinnerst haust der Haß.

Weiß zuviel und möcht doch träumen
wie der Echs im Sonnenschein;
leeres Brausen in den Bäumen,
braus für mich, nick träg ich ein!

Darf nicht ruhn, muß Straßen weiter;
denn bald bin ich nicht mehr da
und es spielt die Stadt kein Zweiter
so die Ziehharmonika.

 

Der Ziehharmonikamann

Wann immer ich Theodor Kramers Gedicht vom Ziehharmonikaspieler lese, denke ich an das letzte Lied aus Schuberts „Winterreise“, an den „Leiermann“. Die beiden sind, über ein Jahrhundert voneinander entfernt, miteinander verwandt. „Keiner mag ihn hören / Keiner sieht ihn an“, dichtete Wilhelm Müller. Der Leiermann steht am Rand, ausgeschlossen und allein, doch wir erfahren nicht, was in ihm vorgeht. Der Mann mit der Ziehharmonika spricht es aus und bekennt sich auch gleich zu seinem Instrument:

schlag, ihr Leute, nicht die Harfe,
spiel die Ziehharmonika.

Leierkasten und Ziehharmonika taugen nicht für den Konzertsaal, sondern für unterwegs. Sie „begleiten“ Armut und Rastlosigkeit, Einsamkeit und Heimatlosigkeit. „Darf nicht ruhn, muß Straßen weiter“, das könnte auch Müllers Leiermann von sich sagen, und einer Melodie Schuberts sind diese Verse nah.
Was die beiden Figuren gleichwohl unterscheidet, ist ihre Zeit: Der Leiermann tritt in einer Schlussszene der Romantik auf, und der Ziehharmonikaspieler Theodor Kramers steht für die Flüchtlinge, die Obdachlosen, die an den Rand der Gesellschaft Geratenen des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Gedicht entstand nach 1945.

Hab Erbarmen, brauch Erbarmen,
doch zuinnerst haust der Haß.

In geradezu irrwitzigen emotionalen Sprüngen drückt sich da die Erfahrung von Verfolgung, Flucht und Exil aus: Kramer, 1897 in einer kleinen österreichischen Stadt als Sohn einer jüdischen Familie geboren, hatte sich früh sonderbar hellsichtig auf die späteren Bedrohungen und Unruhen vorbereitet.
Mit seinem älteren Bruder schloss er sich der dem Wandervogel nahen Freideutschen Jugend an. Unruhe und Fernweh färbten schon seine ersten Verse ein. Er machte das Abitur. 1915 wurde er eingezogen, kam an die Front in Wolhynien, der südlichen Ukraine, wurde schwer verwundet, wovon er sich sein Leben lang nicht erholte. Nach dem Krieg studierte er in Wien, brach das Studium aber aus Geldnot ab, arbeitete als städtischer Beamter, in Buchhandlungen und als Verlagsvertreter. Er verlor die Arbeit, wanderte durchs Land, veröffentlichte 1928 seinen ersten Gedichtband Die Gaunerzinke. Im Januar 1933 gründete er mit Kollegen – unter anderem mit Ernst Waldinger und Oskar Maria Graf – die Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Er nahm Partei für die Ziehharmonikaspieler, die Verarmten und Armen, die Geächteten, argumentierte aber nie parteiisch. Das politische Klima wurde rauh. 1935 starb Kramers Vater, der Dorfarzt.
Ein Jahr danach erschien ein umfangreicher Gedichtband, Der Ziehharmonikaspieler, der den Armen, den Proletariern, den Arbeitslosen gewidmet war und an den er sich mit diesem späten Gedicht – „Nicht fürs Süße, nur fürs Scharfe / und fürs Bittre bin ich da“ – erinnert. Mit dem Einmarsch der Truppen Hitlers, dem „Anschluss“, wurde ihm die Existenz genommen. Er verlor als Dichter die Stimme, war als Jude mit dem Tode bedroht. Verzweifelt versuchte er, mit Hilfe von Freunden, ins Exil zu gelangen. Erst Ende 1939 schaffte er, nach einer Intervention Thomas Manns, die Flucht nach England.
Das Elend setzte sich dort fort:

Weiß zuviel und möcht doch träumen
wie der Echs im Sonnenschein

Er war als Diener tätig, auf Almosen von Freunden angewiesen und bekam schließlich eine Stelle als Bibliothekar. 1943 starb seine Mutter im Konzentrationslager Theresienstadt: „Ich habe einfach keinen Raum zum Leben“, dichtete er und wagte es nicht, ihn zu finden und auszuweiten. Er traute, im bitteren Wortsinn, dem Frieden nicht.
Obwohl ihn nach dem Krieg Freunde nach Österreich einluden, obwohl Gedichte von ihm dort erschienen, zögerte er. 1951 wurde er britischer Staatsbürger. Zum einundsechzigsten Geburtstag stiftete der österreichische Bundespräsident ihm eine Ehrenpension. Kramer kehrte heim, nur drei Monate lang konnte er diese Gunst genießen und machte sich, nach der Weise des Ziehharmonikamanns, einen Vers darauf:

Erst in der Heimat bin ich ewig fremd.

Peter Härtling, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechsunddreißigster Band, Insel Verlag, 2013

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