Peter von Matt: Zu Sarah Kirschs Gedicht „Beginn der Zerstörung“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Sarah Kirschs Gedicht „Beginn der Zerstörung“ aus dem Band Sarah Kirsch: Erdreich. –

 

 

 

SARAH KIRSCH

Beginn der Zerstörung

Unbegehbar von Mooren umschlossen
Niemals hat ein Mensch ein vierfüßiges Tier
Diese verhexte lockende Wiese betreten
Die Rinde der schwarzen Bäume, Säulen
Des Himmels, berührt, die vielstimmigen Vögel
Auffahren sehen aus geschüttelten Blättern
Wunderschöne Vögel mit Hauben, Spechte
In sehr großer Menge, blaugefiederte Tauben
Und noch die Kühe, stumpfsinniges Vieh
Benachbarten Graslands versuchen mitunter
Den Saum zu erreichen, es heißt sie mißachten
Den eigenen Zaun und zerreißen
Sich Brust und Kopfschild versinken.
Die rostbraunen Wasser betrügerischen Moose
Werfen uns alle zurück. Wir sehen
Die Wiese vom Tau beglänzt Tag und Nacht
Ihre Blumen, die nie eine irdische Hand
Fällte, Sterne, weitverzweigter Halme
Schwebende Kronen, und sind
Von aller Freude abgeschnitten durch
Unser Wünschen, wir in gewöhnlichen
Kuhweiden stehend voll Sehnsucht.

 

Schöner Ort mit unsichtbarer Hexe

Schon die Droste hielt es mit dem Moor. Und wie erst Gertrud Kolmar! Beiden waren die Kröten lieb, die Sumpfwesen. Für beide war das Moor mit der Nacht verwandt und mit den Frauen und mit der Dichtung. Die Droste versteckte ihre Faszination hinter Gesten der Abwehr:

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
,Ho, ho, meine arme Seele!‘

„Ho, ho“ ist gut. Nicht eben ein Ruf der Zerknirschung. Die hält an ihren Sünden fest. Auch ist sie auf kleine Kinder aus, wie man in der berühmten Ballade nachlesen kann. Ähnlich die „Troglodytin“ der Kolmar. Sie wohnt „im Geröhr an Sumpf und Seen“ und fängt von Zeit zu Zeit einen Mann, den sie sich dann „zu Willen zwingt“. Die Auswahlbände pflegen das Gedicht nicht aufzunehmen.
Aus Bachofens Studien über das Mutterrecht wissen wir, daß zum alten Frauenreich das unermeßliche Sumpfland gehörte, die Welt vor dem Ackerbau, wo noch niemand seinen Vater kannte: „Darum wird Artemis und Aphrodite ,im Schilf‘ und ,im Sumpf‘ verehrt.“ Und weil die gewässerte Erde schwarz ist und aus ihr allein einst alle Nahrung kam, ist Schwarz die älteste Frauenfarbe. Schwarz war die arkadische Demeter, schwarz ist heute noch die Madonna zu Einsiedeln.
Schwarz sind auch die Bäume in diesem geheimnisvollen Gedicht. Als „Säulen des Himmels“ bilden sie ein Heiligtum, das nicht betreten werden darf von den Gewöhnlichen. Um das profane Pack fernzuhalten, braucht es hier keine Tempelwächter, keine patrouillierenden Amazonen. Der schöne Ort schützt sich selbst. Aus Mooren und gefährlichen Wassern taucht er auf, in ihnen schwimmt er, schwebt er, abgerückt vom „benachbarten Graslande des „stumpfsinnigen Viehs“, des Packs eben, der Profanen – „wir in gewöhnlichen Kuhweiden“.
Wohnt wirklich niemand an dem schönen Ort? Die schwebende Insel ist „verhext“. Es muß also jemand den Spruch über sie gesprochen haben. Jemand muß über sie regieren. Jemand muß das Schlimme gewollt haben, muß wollen, was hier geschieht: daß alle in Verzückung geraten, die diese Insel erblicken. Und daß dann die Sehnsucht sie packt, eine erotische Verfallenheit, die das eigene Leben nicht mehr in Rechnung stellt über dem wilden Begehren, dorthin zu gelangen. Die Bauern wissen es. Sie haben Stacheldraht um das Moor gezogen. Aber immer wieder zerreißt ein Tier sich die Brust daran und dringt durch und ersäuft im tückischen Wasser. Den Menschen scheint es ähnlich zu gehen. „Von aller Freude abgeschnitten“ kommen sie sich vor, kaum ist ihr Blick auf die leuchtende Stätte gefallen. Ein furchtbarer Satz ist das. Die bisherige Welt, besagt er, das harmlos vergnügte Leben, erlischt. Was bewegt und farbig war, verödet, versteppt, dorrt ab. Nur noch diese Sehnsucht ist da, und wer ihr nachgibt, kommt um.
„Beginn der Zerstörung“ – man könnte den Titel als ökologischen Schluchzer lesen: auch dieses Idyll wird noch dran glauben müssen; wir machen ja doch alles kaputt. Damit würde das Gedicht sofort harmlos, eine Belehrung für die ohnehin Belehrten. Vor allem aber müßte diese Deutung in Konflikt geraten mit der Tatsache, daß der schöne Ort selbst mit Zerstörung droht.
Um sie geht es. Was hier lauert, ist die alte Gefahr, die einst von der Insel der Sirenen ausging. Auch einer Blumeninsel übrigens, benannt nach ihren schönen Gewächsen: Anthemoissa. Da wollten alle hin, sobald sie den Gesang der Vogelfrauen einmal gehört hatten, und alle kamen dabei um, ausgenommen der eine ausgepichte Schlaukopf: Odysseus.
Die Verse der Sarah Kirsch spielen mit diesem Mythos. Die „wunderschönen Vögel“, die „vielstimmigen“, sind die einzigen sichtbaren, hörbaren Bewohner des magischen Landstücks. Sie sind aber nicht selber Zauberinnen. Vielmehr deuten sie auf eine unsichtbare Hexe hin, die wahre Herrin des Orts. Diese versteckt sich unter den Kühen, tut so, als könne auch sie nur hinüberglotzen, mit Kugelaugen. Wer sie kennt, entdeckt sie jedoch bald. Ist sie doch ausgezeichnet unter den Sängerinnen, vielstimmig, wunderschön.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Die verdächtige Pracht, Erstdruck Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1996

1 Antwort : Peter von Matt: Zu Sarah Kirschs Gedicht „Beginn der Zerstörung“”

  1. robert floetemeyer sagt:

    …man, ist der schlau, ernsthaft! aber irgendwie ist die Erklärung mir doch zu eng, zu viel von diesem Gesang bleibt außer Betracht, oder?

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