Rainer Maria Rilke: Ausgewählte Gedichte

Rilke-Ausgewählte Gedichte

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wenn ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

 

 

 

Nachwort

Diese Auswahl aus Rilkes Gedichten versucht, was erst Ernst Zinn, der die neue Insel-Ausgabe der Sämtlichen Werke betreut, durch seine präzise und so gut wie vollständige Datierung des lyrischen Werks zu versuchen möglich gemacht hat: nämlich den Werdegang des Dichters an Beispielen seiner Kunst zu zeigen, die mit einiger chronologischer Genauigkeit geordnet wurden. Mit nur einiger Genauigkeit; denn fällt es auch nicht schwer, manche der Kompositionsgefüge, zu welchen Rilke seine Dichtungen versammelt hat – das Stunden-Buch etwa, oder die Neuen Gedichte – wieder aufzulösen (zumal eine Anthologie sie ja doch nicht unversehrt lassen kann), so widersetzen sich die hier als Ganzes aufgenommenen Duineser Elegien und Sonette an Orpheus der Absicht, die Zeitenfolge zu bewahren. Bei den Sonetten macht das wenig aus; obgleich der Dichter bei ihrer Numerierung nicht ganz dem Kalender ihres Entstehens folgte, so sind die Pausen zwischen den einzelnen Sonetten ja doch fast nach Stunden zu bemessen: sie entstanden alle innerhalb der durch ihre Kürze so berühmten Zeitspannen, der Erste Teil in vier Tagen zu Anfang Februar 1922, der Zweite Teil während kaum einer Woche in der Mitte des Monats.
Anders ist es bei den Elegien. Zwar sind auch sie in hohem Maß das Ergebnis jener berühmten Februar-Produktivität auf Château de Muzot; jedoch führen sie nicht ganz zu Unrecht den Namen des Schlosses Duino: dort entstanden zehn Jahre vorher die ersten zwei Elegien sowie auch Teile der dritten, neunten und zehnten. Bei der Zusammenstellung dieses Bandes aber war nicht im geringsten daran zu denken, diesem „klassischen“ Gebilde, das Rilke selbst – und nicht nur er – für sein größtes Werk hielt, mit chronologischem Eifer zu Leibe zu rücken. Gewiß, die einzelnen Teile dieses Werkes stammen aus verschiedenen Lebensepochen des Dichters; trotzdem sind sie eins dank einer inneren Einheit, die ihn im Januar 1912 schon ahnen ließ, was erst im Februar 1922 an den Tag kam.
Das aber, worauf es bei Rilke schon 1912 hinaus wollte, hat Rudolf Kassner, der kritisch-verständnisvolle Freund, dem die achte Elegie gewidmet ist, als die Überwindung der Dichtung selbst bezeichnet: dies, so schrieb er, war es, was Rilke mit seinem Dichten im Grunde vorhatte. Meint man, das sei eine Diagnose, die so überspitzt ist, daß sie kaum noch stimmen kann, so bedenke man, daß schon Hegel der neueren Kunst genau dieses Ende prophezeite: in dieser Geschichtsepoche sei „der Geist“ nun einmal „über die Kunst hinaus“. Und bedeutet es nicht dasselbe, wenn T.S. Eliot im East Coker-Teil seiner Vier Quartette verkündet, daß es auf die Poesie nicht ankomme:

The poetry does not matter?

Es ist gewiß keine frohe Botschaft für die Kunst, wenn es gleich zu Beginn der Duineser Elegien heißt, daß das Schöne nichts sei als des Schrecklichen Anfang, der Anfang nämlich jenes Engelterrors, der, wie sich zuletzt erweist, nur in der reinsten Innerlichkeit zu bestehen ist. „Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze“: die Grenze der Ding-Welt nämlich, welche mit der „Wendung“ erreicht ist, dem Gedicht, welches Rilke zur Zeit der Sommersonnenwende des Jahres 1914 schrieb. Damals rüstete sich Europa zum ersten Akt der Selbstzerstörung, von der Erdteil und Welt seither kaum abgelassen haben.
„Mehr als je fallen die Dinge dahin…“: zu behaupten, Rilke habe, als er diese Worte im Februar 1922 schrieb, den Krieg gemeint, der damals gerade erst war, oder diejenigen, die kommen sollten, wäre ebenso falsch wie die wohlgemute Überzeugung, daß Zeitgeschehen und Gedicht nichts miteinander zu tun haben und die Geschicke der Welt das „Wesen“ der Dichtung unangefochten lassen. Solches zu glauben, hieße zudem, die „Fühlung“ unterschätzen, die gerade Rilke wie kaum einem andern Dichter seiner Epoche eignete. Ob es nun statthaft ist oder unerlaubt, bei Elegien-Versen von diesem und ähnlichem Sinn sich unserer Kriege und unseres feindselig gesinnten Friedens zu erinnern, das Denken von Rilkes Dichtung ging offenbar dahin, daß die Welt des Tuns und des Angetanen, der äußeren Bezüge und Konfigurationen, sich anschickte, dem Geist des Gedichts sein Existenzminimum zu verweigern, es sei denn, es gelänge dem Dichter, diese Welt „im unsichtbarn Herzen zu verwandeln“:

Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
in uns erstehn? – Ist es dein Traum nicht,
einmal unsichtbar zu sein? – Erde! unsichtbar!

Und der neunten Elegie „Erde, du liebe, ich will“, das immer wieder als ein bedingungsloses Bekenntnis zum „Hiersein“ mißverstanden wird, ist in Wahrheit die freudige Hinnahme des „Auftrags“ der Erde, sie in reine Innerlichkeit umzusetzen und unsichtbar erstehen zu lassen. Wenn aber nirgends Welt ist „als innen“, ist mit allen andern Künsten auch die Dichtung an ihrer Grenze angelangt. Denn jegliche Kunst, wie tief sie auch im Innern wurzeln mag, bedarf zu ihrem Dasein der äußeren Figur und sinnlichen Wirklichkeit.
Daß er an seiner eigenen Grenze, die auch die Grenze des Dichtens war, stehe und, sich dagegen stemmend, versuche, „Unkenntliches“ hereinzureißen (wann vor ihm hätte ein Dichter die Aufgabe seines Dichtens so bestimmen mögen?), wußte Rilke bereits, als er im Winter 1913–1914 das Gedicht „O Leben, Leben, wunderliche Zeit“ entwarf. Obgleich es Entwurf geblieben ist, wurde es doch in diese Sammlung aufgenommen, weil es nicht nur von der „Grenzsituation“ spricht, sondern auch von dem „großgewagten“ Vorhaben, diese zu überwinden; von eben jenem Programm also, dem Rudolf Kassner nachsagte, es sei auf die Überwindung der Dichtung selbst aus.
Waren der Umwege auch viele, so zielte doch alles von Anfang an auf diese Erfüllung ab; und der auf sie gerichtete Blick war es, der diese Auswahl mitbestimmte. Freilich hat sich der Autor dieser Anthologie Mühe gegeben, keine Phase Rilkes (mit Ausnahme der allerfrühesten, der noch ganz und gar ungeübten und unselbständigen) unberücksichtigt zu lassen. Auch vertraute, ja allzu vertraute „Monumente“ wurden aufgenommen. Denn es wissen viel zu viele Leser, was sie finden wollen, wenn sie Rilke aufsuchen, als daß eine Anthologie es sich leisten dürfte, auf exzentrische Weise originell zu sein. Eine Rilke-Anthologie ohne den „Nachbar Gott“ ( der allerdings schon dem Freunde Kassner eine Peinlichkeit war), oder ohne den „Panther“, oder ohne den „Weltinnenraum“ (den eines der schönsten Gedichte Rilkes leider der Besiedelung durch allerlei Seelenschmöcke und Schmöckinnen erschloß), wäre wie ein Bilderbuch von Pisa, das so täte, als gäbe es dortselbst keinen schiefen Turm.
Nicht auf Eigenwilligkeit also kam es dieser Auswahl an, sondern eben auf die Darstellung des erstaunlichen Weges, auf welchem dieser Dichter zu einem erstaunlichen Ziel gelangte. Von der einfühlsamen böhmischen Volksliedschwermut des Anfangs führt dieser Weg über die Angelus Pragensis-Religiosität des Stunden-Buches zu den „Ding-Gedichten“; und fragte man den Autor dieser Anthologie, warum er von den Requiem-Dichtungen Rilkes gerade diejenige für den jungen Grafen Kalckreuth ausgewählt habe, so wäre die Antwort: Weil sie im nachhinein, im November 1908, die bündigste Formel für die „Ästhetik“ dieser „Ding-Gedichte“ gibt, nach deren Gebot es des Dichters Aufgabe sei, sich dermaßen in die Dinge zu versenken, daß durch ihn die Dinge selbst zu der ihnen gemäßen Sprache zu kommen scheinen; denn es obliege dem Dichter

… hart sich in die Worte zu verwandeln,
wie sich der Steinmetz einer Kathedrale
verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut.

Aber schon zwei Jahre später argwöhnte er – im Brief, den er am 30. August 1910 an die Fürstin Marie von Thurn und Taxis schrieb –, daß dieses Bestehen auf den „Dingen“ „ein Eigensinn“ war, „auch ein Hochmuth“, „und eine ungeheure Habgierigkeit“. Und vier Jahre darauf hieß es denn auch im Gedicht „Wendung“:

Werk des Gesichts ist getan,
tue nun Herz-Werk
an den Bildern in dir, jenen gefangenen; denn du
üb
erwältigtest sie: aber nun kennst du sie nicht.

Und das Arbeitsziel dieses Herz-Werks war eben nichts geringeres als die Verwandlung der sichtbaren, der „angeschauten“ Welt in jene Unsichtbarkeit der pursten Subjektivität, der die verderbliche Maschinerie der Zeit nichts mehr anhaben kann; die Übersiedlung des Geistes in jene Sphäre also, in welcher Rilkes Engel beheimatet sind, und in welche die wundersamen Figuren, Würfe, und Bezüge der späten Gedichte „hinüberspielen“, die einen so beträchtlichen Teil dieser Anthologie ausmachen. Sie sind wohl das Äußerste, was eine Dichtung zu leisten vermag, die sich selbst überwindet; sind die gerade noch mögliche Niederlassung der Worte auf dem Unsagbaren; und sind das „geflügelte Entzücken“, angestiftet von den lebhaftesten, noch nie geschauten Bildern, die dort einen verzauberten Augenblick lang sichtbar werden, wo die anschauliche Welt ins Unsichtbare übergeht.

Erich Heller, Nachwort

 

DER BINDFADEN
Rainer Maria Rilke gewidmet

Du bist der Zage, bist der Blasse,
Du bist der Nervigte und Krasse,
Du bist, der ohne Unterlasse
Dem Dienst der Völker sich geweiht.

Du bist der Hehre und Fürbasse,
Du bist der Ritter im Kürasse,
Du bist die feuchte Kaffeetasse
In dieser fingerwunden Zeit.

Du bist der Fluß und bist die Gasse,
Du bist der Blitzstrahl allem Hasse,
Der Sturm bist du, du bist die Masse,
Schwer schallt dein Bett, dein Fuß tritt breit.

Du bist die Klasse mit dem Basse,
Du bist das Walten und die Rasse,
Du bist Diogenes im Fasse
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Jakob van Hoddis und Erwin Loewenson

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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