Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre

Kunze-Die wunderbaren Jahre

REDE AUF RUSSLAND
(für Alexander Solschenizyn)

Mütterchen Rußland, in den achselhöhlen
wälder mit elchen und wölfen

Dich preisend
holen deine braven söhne mit den armen aus
fast bis zum himmel

Als seien ihre worte
hufnägel, die es einzuschlagen gilt
mit bloßer faust

Als beschlügen sie ihr gewissen
mit eiserner überzeugung

Verlegen lassen sie die arme
sinken und lächeln, frage ich
nach ihren brüdern nahe deinem
herzen

 

 

Reiner Kunze, der Moralist

In totalitären Staaten, also auch in denen des Ostblocks, ist die Kunst, solange sie nicht zu angepaßter Kunstfertigkeit entartet, eine moralische Instanz – vielleicht die einzige neben den Kirchen, die sich dem skrupellosen Machiavellismus der Machtapparate entgegenstellt.
Der Schriftsteller Reiner Kunze, bis zum 13. April 1977 Bürger der DDR, war und ist ein solcher Moralist. „Lebt nicht mit der Lüge“, diese Forderung Alexander Solschenizyns nahm er ernst, und darum konnte er nicht länger in seiner Heimat bleiben.
Man kommt indes nicht als Moralist zur Welt. Ethische Maßstäbe werden einem nicht in die Wiege gelegt. Sittliche Normen sind zunächst einmal von der Sozialisation abhängig, die der einzelne genießt oder erleidet, sind eine Funktion des Milieus, in dem er heranwächst. Reiner Kunze, am 16. August 1933, ein gutes halbes Jahr nach Hitlers Machtübernahme als Sohn eines Bergarbeiters in Oelsnitz, Erzgebirge, geboren, entstammte proletarisch-kleinbürgerlichen Verhältnissen, die schon aufgrund der wirtschaftlichen Abhängigkeiten nicht sonderlich dazu angetan waren, zu Ich-Stärke, zu Zivilcourage, zu Widerstand gegen ein Kollektiv zu erziehen. Sein Dasein als Kind politisch interpretiert bekommen zu haben (gar abweichend von den öffentlichen Interpretationen), erinnert sich Kunze nicht. Man darf nicht vergessen, daß er im Dritten Reich aufwuchs, zur Schule ging; bei Kriegsende war er immerhin zwölf Jahre alt. Seine Kindheitsmuster waren wie die seiner Generation braun eingefärbt. Gehorsam, Drill, Autoritätsglaube, Führerkult: die Konstanten seiner Jugend. So war es für ihn wohl selbstverständlich, sich der Berufswahl zu fügen, die seine Eltern für ihn getroffen hatten: er sollte Schuster werden und kannte schon den Schemel, auf dem er sitzen sollte. (Schwer vorzustellen, was unter diesen Bedingungen aus ihm geworden wäre. Ein schreibender Schuhmacher in der ,Traditionslinie‘ von Jakob Böhme und Hans Sachs? In dem Gedicht „Erinnerung an Greiz“ taucht diese Episode kryptisch auf: „Der kirchturm eine schusterahle / für die schuhe gottes“.) Es war für ihn darum eine fast wunderbare Fügung, als sich der neue Staat in Gestalt eines einsichtigen Lehrers für ihn verwandte, so daß er eine weiterführende Schule besuchen konnte. Die Isolation im Internat, die künstliche Informationsarmut und die bei Aufsteigern zunächst häufig anzutreffende heftige Identifikation mit dem sie begünstigenden System taten das ihre: Kunze trat mit sechzehn Jahren in die SED ein.
Allerdings mag es schon zu jener Zeit Vorgänge gegeben haben, die ihn irritierten: etwa der Uranabbau in seiner erzgebirgischen Heimat durch die Sowjetunion, die Schutzmacht des ,Sozialismus‘, bei dem die Kumpel das radioaktive Material mit bloßen Händen aus dem Berge scharrten, mit einem Todeslohn sich ein kurzes rauschendes Leben erkauften. Solch konkrete Menschenverachtung um (nur geahnter) politischer Ziele willen wirkte unter Umständen in einem Bewußtsein, das noch ganz für die neue Gesellschaftsordnung eingenommen schien.
1951 machte Reiner Kunze in Stollberg, Erzgebirge, sein Abitur. Kurz vor der Aufnahme in die Kunstakademie Dresden entschloß er sich für ein Studium der Publizistik in Leipzig, eine Wahl, die er manchmal bedauerte, weil sie ihn vom schöpferischen poetischen Denken weggeführt habe. Er war ein fleißiger und begabter Student, hörte vor allem Literatur-, Musik- und Kunstgeschichte, legte 1955 in diesen Fächern sein Staatsexamen ab. Anschließend wurde er wissenschaftlicher Assistent mit Lehrauftrag. Unmittelbar vor der Promotion bezichtigte man ihn konterrevolutionärer Umtriebe. In einer skandalösen Versammlung bespuckte ihn einer der Schüler, die sonst andächtig zu seinen Füßen gesessen hatten. Während seiner Verteidigungsrede brach Kunze zusammen und war monatelang schwer krank. Studenten und Assistenten, die Sympathien für ihn zeigten, wurden Repressalien ausgesetzt. Eine Rückkehr in dieses völlig vergiftete Milieu schien ihm unmöglich. Darum arbeitete er eine Zeitlang als Hilfsschlosser im VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig. Während schwerer ideologisch-politischer Auseinandersetzungen kam es zwischen ihm und seiner ersten Frau zu unüberbrückbaren Differenzen, so daß er sich von ihr trennte. (Sie avancierte später zur Dozentin für Kulturpolitik an der Universität Leipzig.) Das Jahr 1959 wurde zur ,Stunde Null‘ in seinem Leben. Die „große politische Desillusionierung, das furchtbare Erkennen, hintergangen und betrogen worden zu sein, der Zusammenbruch des inneren Wertsystems“ lauteten (im tiefsten Wortsinne) die Stichworte jener Monate. Hatte Kunze in seinem „Lied vom Schwung“ gefragt:

Woher doch, woher nimmt der Mensch,
der Mensch für die Räder den Schwung?

und geantwortet:

Der Mensch gibt dem Rad einen Schwung,
und das Rad gibt ihn weiter
an andere Räder,
und dann kreisen die Räder
und kreisen und kreisen…

so wußte er jetzt:

Wenn eine herrschende Ideologie auf dem Quadrat beruht, können Sie der Erfinder des Rades sein, Sie werden gerädert werden. Und ich war Zeuge, wie man ideologisch gerädert und Menschen zerbrochen hat, nur damit die Lehre vom Quadrat als Grundlage aller Fortbewegung unangetastet blieb.

Seine frühen Gedichtbände Die Zukunft sitzt am Tische (1955, zusammen mit Egon Günther), Vögel über dem Tau (1959) und Aber die Nachtigall jubelt (1962) gelten ihm heute als „Produkte eines poetologisch, philosophisch und ideologisch Irregeführten“, als Werke ohne opus-Zahl. Wenn man nur die reifen Verse Kunzes kennt, hält man kaum für möglich, was er damals geschrieben hat. So untypisch, so uniform sind diese Strophen, als hätte sie Helmut Preißler, Max Zimmering oder sonst einer verfaßt. Noch heute könnte im Liederbuch der Nationalen Volksarmee stehen:

Wir werden uns einst näher sein
als die, die jetzt sich nahe sind;
denn die Jahre Einsamkeit,
denn die Jahre kampfbereit
ziehn nicht mit dem kalten Wind.
All die Jahre Einsamkeit,
all die Jahre kampfbereit
gehn in unsre Liebe ein.
(Auf den langen Straßen
An harten Tagen zu singen)

Es geht gar nicht darum, diese jugendlichen Verirrungen anzuprangern, sondern lediglich darum, den Abstand zu zeigen, der die Erzeugnisse der Agit-Prop-Zeit von den ästhetisch autonomen Gebilden der sechziger und siebziger Jahre trennt. Schwerlich läßt sich die Behauptung von Luboš Příhoda aufrechterhalten, Kunze habe sich nicht, wie seine Kollegen, an Johannes R. Becher oder Erich Weinert orientiert, sondern versucht, „den Reichtum und die Anmut der Volkspoesie bewußt auszunutzen“. Mit Volkspoesie (wenn sie nicht von jeher ein romantischer Irrtum war) haben Kunzes „Jubelnde Nachtigallen“ wenig zu tun, sie zeugen eher von einem poetisch gequälten Klassenbewußtsein, das seiner schon nicht mehr recht sicher war. Es ist faszinierend zu beobachten, wie im frühen Werk Kunzes die Symbole des Kollektivgeistes, Helm und Kran (um nicht zu sagen: Hammer und Zirkel), neben den Archetypen des kollektiven Unbewußten stehen, neben den Bildern von Vogel, Rose und Wunde (jene Dreiheit, auf die schon Příhoda hingewiesen hat). Die Entwicklung der Folgezeit bestand nicht zuletzt darin, daß er sich von den nahegelegten Metaphern des sozialistischen Kauderwelschs löste, daß er mit dichterischer Strenge eine Bildwelt freisetzte, in der Ursprung und Moderne miteinander versöhnt sind, daß er jene Allegoresen zurücknahm, in der Abstrakta zu Redefiguren versteinerten („In der Thaya“). Dennoch machte eines jener Gedichte, zu denen Reiner Kunze heute nicht mehr steht, in seinem Leben Epoche: im Frühjahr 1959 sendete der Rundfunk der DDR eine Auswahl von Versen aus der im Druck befindlichen Sammlung Vögel über dem Tau, darunter das „Märchen vom Fliedermädchen“, das so endet:

Als ich siebzehn war,
warst du achtzehn jahr
und schenktest mir flieder.
Gingen hin zehn jahr,
was dazwischen war,
ruht unterm flieder.
Unter den steinen kam ich um.
Zehn jahr machen stumm.
Du schenkst einer anderen flieder.
Sieh auf die trümmer rings.
Weißt du, warum ich unter ihnen ruh? –
Wir dachten immer nur an flieder.

Dieses Gedicht hörte auch die Fachzahnärztin für Kieferorthopädie Dr. Elisabeth Littnerová in Usti · nad Labem (Aussig an der Elbe). Sie schrieb darauf an den Leipziger Sender und erbat sich den Text „von einem gewissen Kunz“.
Zwischen dem Autor und seiner Verehrerin entspann sich eine Korrespondenz, die sich schließlich auf 400 Briefe belief. Eines Nachts rief Reiner Kunze seine Briefpartnerin an und fragte, ohne sie jemals persönlich gesehen zu haben, ob sie seine Frau werden wolle. Sie bejahte bedenkenlos. „Meine Frau war also mein erster und zugleich kostbarster Literaturpreis.“
So kam es, daß Reiner Kunze sich während der Jahre 1961 bis 62 in der ČSSR aufhielt. Er begann hier zu genesen (und nicht nur, weil er in Usti · nad Labem eine Weile im Krankenhaus gepflegt wurde). Er fand Freunde in diesem Land, er lebte in einer inspirierenden Landschaft, begegnete einer Dichtung, die das Bodenständige mit dem Urbanen verband, die die eigene Vergangenheit reflektierte und ungenierter über die Grenzen blickte. Kunze begann, tschechische Poesie nachzudichten. 1961 erschien im Verlag Volk und Welt die Anthologie Der Wind mit Namen Jaromír, die allerdings bald danach zu zwei Dritteln makuliert wurde. 1964 folgte im Bonner Hohwacht-Verlag eine ähnliche Auswahl von Nachdichtungen aus dem Tschechischen (Die Tür), 1967 übertrug er für den Hamburger Merlin-Verlag Jan Skácels Fährgeld für Charon, 1969 Vladimír Holans Nacht mit Hamlet (ebenda), 1970, für Bläschke in Darmstadt, Vor eurer Schwelle von Holan und Wunderschöne Sträflingskugel von Antonín Brousek. Kunzes Übersetzerleistung ist mangels entsprechender Aufmerksamkeit der Slawisten bis heute noch nicht gewürdigt. Es steht freilich außer Zweifel, daß diese Nachdichtungen ein wichtiger Bestandteil seines eigenen lyrischen oeuvres sind.

Was ich der Tschechoslowakei alles verdanke

so resümiert er selbst,

kann ich vielleicht gar nicht ermessen. Sie bedeutete damals für mich eine Art menschlicher Auferstehung. Milan Kundera schrieb 1964 in den Literární noviny, ich sei der slawischste Deutsche, den er kenne. Was immer er damit gemeint haben mag, ich bin es in der Tschechoslowakei erst geworden. Sie bedeutete für mich Heilung… Die Tschechoslowakei war für mich für fast ein Jahrzehnt geistiges Asyl und literarische Heimat. Die meisten Gedichte, die 1969 in meinem Rowohlt-Band Sensible Wege erschienen sind, waren vorher in tschechischer Übertragung publiziert worden. Ich war ständiger Mitarbeiter literarischer Zeitschriften in der Tschechoslowakei… Wenn ich also von meiner wunderbaren Frau absehe – das ist etwas nicht zu Vergleichendes –, ist das Bedeutendste, was ich der Tschechoslowakei verdanke, der Einfluß ihrer Dichtung. In der Tschechoslowakei habe ich zum erstenmal begriffen, was das ist, Poesie.

1962 übersiedelte Reiner Kunze nach Greiz in Thüringen. Die Arbeit seiner Frau Elisabeth an der städtischen Poliklinik gestattete ihm, sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen. „Dichter sein heißt immer bis ans ende gehen“ – so hatte er seinen Freund Milan Kundera verstanden, nach dieser Maxime lebte er von nun an. Die Zeit der Kompromisse im Kunstwerk selbst war vorbei. Es gab hinfort keine Auftragswerke mehr für die DEFA oder den Deutschlandsender, der Autor wußte ohne fremde Instanzen, was ihm aufgetragen war. Hatte er sich früher darauf verlassen, Vertonung würde seine Texte tragen, so begann er nun, musikalische Kompositionsprinzipien auf seine Gedichte anzuwenden, in der Sprache selbst zu musizieren. Er eignete sich kontrapunktische Techniken an (siehe das „Orgelkonzert“ in den Wunderbaren Jahren), er nahm sich konstruktive Härte und Sparsamkeit der späten Streichquartette Beethovens zum Vorbild. So entstanden die mittlerweile klassischen Verse der Sensiblen Wege. Man sehe sich nur einmal die Titel auf musikalische Motive hin an: „Lied vom Biermann“, „Drei Bildhaueretüden“, „Serenade im Sommerpalais“, „Kolonnadenkonzert“, „Düsseldorfer Impromptu“, „Kleine Reisesonate“, „Ungarische Rhapsodie 66“, „Fanfare für Vietnam“, „Einundzwanzig Variationen über das Thema ,Die Post‘“. Und man vergegenwärtige sich den Rondocharakter der „Bringer Beethovens“, eines der unheimlichsten Texte Kunzes, in dem die Schicksals-Sinfonie zum Mittel politischer Unterdrückung gemacht wird. Die Konsistenz dieser Gebilde kann man schon allein daran ermessen, daß sie – im Unterschied zu manchen Gedichten aus den Widmungen, falls diese überhaupt der Überarbeitung noch für wert befunden wurden – den Revisionsprozeß vier Jahre später für Brief mit blauem Siegel (Leipzig 1973) quasi unbeschadet überstanden haben. Die Verdichtung war schon so weit getrieben, daß allenfalls noch ein Wort (zum Beispiel in dem Gedicht „Der Hochwald erzieht seine Bäume“) gestrichen werden konnte. Auffällig selten geworden sind die erzählenden, balladesken Langgedichte, die in den Widmungen noch dominiert hatten (Exempel: „Mein fünfundzwanzigster Geburtstag“). Die Gedichte sind knapper geworden, mitunter komprimiert auf zwei oder drei Zeilen („Einladung zu einer Tasse Jasmintee“, „Rückkehr aus Prag“), ohne deshalb kümmerlich zu werden. Im Gegenteil: Das Schweigen, das Schweigen-Dürfen, das Schweigen-Müssen wird Gestalt, und dies hat nichts mit jener modisch affektierten ,poesie pure‘ zu schaffen, die ihr Ideal in der leeren Seite erblickt.
Das bildliche Sprechen erreicht eine neue Dimension: bruchlos gehen die Bilder aus dem Äußeren ins Innere über, werden unvergeßliche Zeichen seelischer Wirklichkeit: das Titelgedicht „Sensible Wege“ ein unnachahmliches Beispiel. Immer wieder zeigt Kunze, er habe die Lehren des Marxismus besser begriffen als dessen bestallte Lobredner. Wohl nicht zufällig stehen zwei Gedichte nebeneinander, in denen falsche und wahre Dialektik miteinander konfrontiert sind:

Unwissende damit ihr
unwissend bleibt
werden wir euch
schulen

und „Hymnus auf eine Frau beim Verhör“:

Schlimm sei gewesen
der augenblick des
auskleidens
Dann ausgesetzt ihren blicken habe sie

alles erfahren
über sie.

Die Pervertierung der Dialektik aus einem Kampfinstrument der Arbeiterklasse zu einem Werkzeug ihrer Unterdrückung – genauer läßt sich dies in vier kurzen Zeilen nicht zeigen. Und umgekehrt die „systematische und bewußte Anwendung der Gesetze und Prinzipien der Dialektik zur praktischen und theoretischen Aneignung der materiellen Welt“ in dem ,Hymnus‘. Kunze praktiziert „die allseitige Analyse der Erscheinungen“, beachtet die „mannigfachen gegenseitigen Zusammenhänge“, erzielt die „Erkenntnis des Einheitlichen in seinen gegensätzlichen Bestandteilen“ durch einen Wechsel der Blickrichtung, durch eine perspektivische Verschiebung: die Verhörte vernimmt die Verhörer. Diesen, ohne Übertreibung, existentiellen Vorgang dokumentiert Kunze mit einer Meisterschaft, die als solche zunächst gar nicht sichtbar wird, weil die Kunst ganz im Phänomen aufgeht, sich in der Identifikation mit dem Opfer zum Verschwinden bringt. Es gibt kein Spreizen, kein Wichtigtun, keine Larmoyanz – ganz ähnlich wie später in den Wunderbaren Jahren.
Als die Sensiblen Wege in der Bundesrepublik erschienen, war Kunze schon nicht mehr Mitglied der SED. Nach der Besetzung der ČSSR durch die Truppen des Warschauer Pakts hatte er sein Parteibuch zurückgegeben. Ein totaler Boykott seiner Arbeit im ganzen sozialistischen Lager wartete auf ihn. Aber noch ließ er im „Dreiblick“ drucken, „Ausgesperrt aus büchern. / ausgesperrt aus zeitungen / ausgesperrt aus sälen / eingesperrt in dieses Land“ DDR, würde er es „wieder und wieder wählen“. Er war nicht ,fertig‘ mit diesem Land, er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, das System könne sich ändern, sich reformieren an Haupt und Gliedern, so wie es in Prag ein Dreivierteljahr lang einer staunenden Welt gezeigt worden war. Schlössen sich Fanatismus und humane Politik nicht aus, so hätte man Reiner Kunze einen fanatischen Anhänger dieses ,Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘ nennen können. Denn der Prager Frühling von 1968 war eigentlich der einzige friedliche gesellschaftliche Aufbruch innerhalb des Ostblocks, der Erfolg versprach – er war nicht bloß ein halbherziger Anlauf wie die Entstalinisierung unter Chruschtschow und nicht nur ein taktisches Manöver wie die sogenannte neue Kulturpolitik unter Honecker. Reiner Kunze litt physisch unter dem Zusammenbruch der Prager Hoffnungen, an dem Zerbrechen seiner tschechoslowakischen Freunde, die sich der ,Normalisierung‘ in den Weg stellten. Mit die wichtigsten Gedichte des folgenden Lyrikbandes Zimmerlautstärke (1972) und der letzte Teil der Wunderbaren Jahre legen Zeugnis ab von jener Verstörung, Zerstörung, die kein lokales Ereignis war, sondern eines der größten politischen Desaster nach dem Zweiten Weltkrieg.
Manche Gedichte Kunzes aus der Zimmerlautstärke sind regelrechte Kontrafakturen zu denen seiner Freunde. „Der Weg zu euch“ bezieht sich auf Jan Skácels Verse „Der Weg zu uns“, die Kunze 1967 übertragen hatte:

und statt der Achsen
im Traum die Vögel stöhnen hören.
Es ist so leicht, den Weg zu uns zu finden.

(Skácel)

Und statt der achsen hörte man
im schlaf die menschen stöhnen
Nun ist es schwer den weg zu euch zu finden

(Kunze)

Nur ein paar Begriffe haben sich geändert, und aus friedlichen mährischen Feldwegen und Dorfstraßen sind die Routen der Invasion geworden. Kunzes Gedichte leben häufig in zwei Zeiten. Sie konfrontieren die Gegenwart mit der Vergangenheit und mit der Zukunft. Das Vergangene ist oft genug bedrückend, Gegenwart und Zukunft sind angstbesetzt. Es fehlen, mit Grund, die Utopien. Allenfalls gibt es ein wenig Hoffnung, durch eine Art vegetativen Stillhaltens zu überdauern („Zuflucht noch hinter der Zuflucht“).
Redet man von der literarischen Technik – und ohne sie gibt es keine Kunst und in der Kunst keine politischen Inhalte – so muß man feststellen, die Handhabung der Metaphorik sei womöglich noch virtuoser als früher, der Wechsel der Ebenen noch leichter, die Durchdringung verschiedener Bildbereiche noch enger. (Zwei Beispiele: „Fahrschüler für Lastkraftwagen“ und „Die kunstbeflissenen Hähne von Leiningen“.) Es ist bezeichnend für die literarische und politische Blindheit in der Bundesrepublik zu Beginn der siebziger Jahre, daß Kunze große Mühe hatte, für die Zimmerlautstärke einen Verlag zu finden. Wegen seiner Gedichte für Alexander Solschenizyn nannten ihn westdeutsche Lektoren einen Reaktionär, wegen des thüringisch-vogtländischen oder böhmisch-mährischen Lokalkolorits in seinen Versen warf man ihm Provinzialismus vor, als käme es dabei auf die beschriebenen Gegenden an und nicht auf den Horizont des Beschreibenden!
Kurioserweise fand zu eben jener Zeit in der offiziellen DDR eine Gegenbewegung statt. Die Administration unter Honecker versuchte auch Reiner Kunze wieder in das kulturelle Leben der DDR zu integrieren. Nach schwierigen Verhandlungen, die zeigten, Kunze sei nur bereit, im Vorfeld der Kunst Kompromisse zu schließen, nicht im Kunstwerk selbst, erschien 1973 bei Reclam in Leipzig Brief mit blauem Siegel, ein durchaus repräsentativer Querschnitt durch sein gesamtes lyrisches Œuvre. Die Reaktion des Publikums war lautlos enthusiastisch und zum Teil verzweifelt, weil zwei Auflagen à jeweils 15.000 Stück längst nicht ausreichten, um den Bedarf zu decken. Man griff zum Samisdat – Verfahren: abschreiben, weitergeben. Folgende Nachrichten erreichten Kunze: „Ihr Brief mit blauem Siegel… war hier weg in den Geschäften wie in den Hungerjahren das Brot.“ „Montag kam Brief mit blauem Siegel an… Mittwoch waren sie ausverkauft! Das ist bisher mit keinem Band dieser Reihe geschehen! (Bei Braun nicht, bei Wiens nicht, selbst bei Kunert nicht.)“ „Es gab Verkäuferinnen, die nur mit Mühe von einer Ohnmacht abgehalten wurden, die ewig dasselbe Verlangen so geschwächt hatte; von Biochemikern, die am Tage ihres Diploms, d.h. mehr nachts, nicht schlafen können und gegen 3… das bewußte Buch lesen (und dann nicht mehr schlafen wollen); und von einem, der so mit seiner Wissenschaft verheiratet ist, daß man fast nichts anderes mehr von ihm erwartet, der hat dann eine dünne Mappe mit abgeschriebenen Gedichten. Der Jasmintee ist auch dabei.“
„lch kenne nicht wenige, die mit dem Brief mit blauem Siegel wie mit einem Brevier umgehen.“

(…)

Karl Corino, Vorwort

 

Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre

„Die Bewohnbarkeit der Erde ist die Voraussetzung menschlichen Glücks. Ob Dichter, Politiker oder Maurer – sie taugen in dem Maße nichts, in dem sie die Erde nicht bewohnbarer machen.“ Mit der Macht des Wortes, mit der Magie der Poesie tritt Reiner Kunze immer erneut an gegen die Zerstörung und Fesselung des Menschen durch inhumane Strukturen. „Auge in Auge mit dem Nichts und im Bewußtsein der Absurdität dieses Daseins“ fordert er wie Albert Camus die Auflehnung des Individuums gegen das Absurde, seine Freiheit und seine Leidenschaft.
Dieser Band enthält Kunzes bedeutendste Arbeiten: Ungekürzt die Gedichtsammlungen Sensible Wege (1969), Zimmerlautstärke (1972), eine Auswahl aus seiner ersten Veröffentlichung in der Bundesrepublik, dem Band Widmungen, und ungekürzt die Arbeit, die ihn bei uns berühmt machte, deretwegen er schließlich die DDR verlassen mußte, den Prosaband Die wunderbaren Jahre (1976).
Ein Anhang mit Interviews, Reden und Stellungnahmen aus den letzten vier Jahren soll den Weg des Schriftstellers überschaubar machen.

Büchergilde Gutenberg, Klappentext, 1978

 

Kunst ohne Kompromiß

– Rede zur Verleihung des Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. –

Opposition, verstanden als starre Gegenhaltung, die es sich nicht leisten kann, sich durch Staunen verunsichern zu lassen, und die das Wenige an Objektivität, dessen der einzelne fähig ist, häufig unmöglich macht, ist poetischem Denken immer abträglich. Da unsere Zeit jedoch zu politischen Allergien inkliniert und sich diese auf die Chancen, in der Welt ein wenig mehr Vernunft durchzusetzen, verhängnisvoll auswirken können, bitte ich Sie, klarstellend sagen zu dürfen: Für mich gibt es in der Kunst, im Kunstwerk, keine Kompromisse. Wenn also in meinen Gedichten nicht nur von Licht die Rede ist, das die Fenster nachts nicht verschweigen müssen, sondern auch von Finsternis, die nicht verschwiegen werden darf, von Finsternissen in jenem Teil der Welt, der auch mein Teil der Welt ist, so können nur Poesieunkundige annehmen oder Böswillige unterstellen, ich schriebe aus Opposition. Meine Damen und Herren, die es angeht: Diese Gedichte entstehen nicht, weil ich – wie es des öfteren heißt – ein Oppositioneller bin, sondern sie entstehen, weil ich ein Schriftsteller bin oder mich zumindest bemühe, im Rahmen meiner Fähigkeiten und Möglichkeiten das zu tun, was nach meiner Meinung ein Schriftsteller tun sollte. Diese Gedichte entstehen, weil ich eben dort – und dieses ,dort‘ weist über die Grenzen der DDR hinaus – von meinem Herzen investiert habe. (Vielleicht wird dem einen oder anderen das Wort ,Herz‘ pathetisch klingen. Ich meine das Organ in seiner Sezierbarkeit und seine Funktion, die sich an Elektrokardiogrammen ablesen läßt.) Und: Diese Gedichte entstehen, weil nicht nur ich dort von meinem Herzen investiert habe, sondern weil vor allem viele andere Menschen von sich selbst investieren, Menschen, die ich kenne oder auch nicht kenne, deren Energie sich mir aber als menschliche Wärme mitteilt. Um es anders zu sagen: Hier nimmt kein Oppositioneller einen Preis für Opposition entgegen, sondern ich habe die große Freude, als Schriftsteller den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste entgegennehmen zu dürfen, so, wie er gemeint ist, und ich danke mit einer Bewegtheit des Herzens, der zumindest die Internisten beider deutscher Staaten ihre Zustimmung nicht versagen könnten.

Reiner Kunze, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.7.1973

Reiner Kunze Die Stimme aus der Stille

In Ruhe gelassen werden auf seinem Weg. Bei den langen Wanderungen, die das Gefühl geben, eine Strecke bewältigt zu haben. Reiner Kunze am Ende der Welt. So war es immer schon. Damals im thüringischen Greiz, heute im bayerischen Erlau. Leben als einfachste Aufrichtigkeit des Daseins. Seit vier Jahren nun in der Bundesrepublik. Nahe der Stadt Passau, in der die Schöpfung von Bischöfen verwaltet wird. Für Reiner Kunze keine Gefahr: er weidet nicht unter dem Schein, den das Beispiel erlitt. Er geht „auf eigene Hoffnung“. Den Weg über einen Bogen Papier. Den Weg durch das Dickicht am Hang von Erlau nach Obernzell. Den Weg unten an der Donau. Oder den Weg auf der Höhe bei Haar. Sich gehen lassen – weit und tief in das Gefühl des Daseins hinein. Jeden Tag von neuem. Am 13. April 1977 kam der damals 43jährige Reiner Kunze mit seiner Frau Elisabeth in den Westen. Was er erlebte, formuliert er so: „Wenn es um Profilierung, Ideologie, Geld geht, ist der einzelne Mensch hier unwichtig. Es herrscht eine Eiseskälte. Der Terror in der DDR besteht in der Unterdrückung, dem Mangel an Öffentlichkeit, hier in der Allgegenwart der Öffentlichkeit. Menschen werden zu Waren, die nach ihrem Marktwert beurteilt werden.“ Reiner Kunze war eine „Ware“ von höchstem Marktwert: Bestsellerautor mit dem Buch Die wunderbaren Jahre, in dem das menschliche Elend im Sozialismus der DDR dargestellt wird. Dieses Buch wurde in über einer halben Million Exemplaren verkauft und in zehn Sprachen übersetzt. Natürlich hat er sich darüber gefreut. Doch stimmt es auch, wenn er sagt: „Dieser Erfolg war mir nicht gemäß.“ Reiner Kunze tauchte weg, verweigerte sich, versuchte wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Eine Welt der geschnürten Überzeugungen hatte er verlassen, nun hatte er nur ein Programm: atmen, frei atmen. Die Wahl seines Wohnortes im schwärzesten Bayern, ein von Franz Josef Strauß überreichter Filmpreis für die Leinwandversion der Wunderbaren Jahre und sein Schweigen im Wahlkampf 1980 wurden als Indiz für reaktionäres Verhalten gewertet. Die Diffamierung begann. Der Kunze geht bei Strauß ein und aus – dieser Satz wurde zum geflügelten Wort.
Natürlich ist Reiner Kunze bei Strauß nicht ein und aus gegangen, wie er sein ganzes Leben nirgendwo ein und aus gegangen ist, außer bei sich selbst. auf eigene hoffnung, wie sein erstes Buch nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik heißt. Reiner Kunze, der Sohn eines Bergarbeiters und einer Kettlerin aus dem Erzgebirge, ein Mann proletarischer Herkunft, hat warten können, hat sich vier Jahre Zeit genommen. Und wenn das Proletariat dadurch definiert wird, daß ihm die Zeit weggenommen wird, ist dieser Kunze einer, der den Sozialismus in einem so tiefen Sinne versteht, daß ihm endlich einmal mit dem beliebten simplen Rechts-Links-Denken nicht beizukommen ist.
Den Aktionisten in allen Bereichen ist jede Zeit höchste Zeit. Höchste Zeit, etwas Neues von Kunze zu lesen, befand Marcel Reich-Ranicki, Literatur-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und drängte den Autor zur literarischen Apfel-Ernte. „Höchste zeit kommt von innen“, antwortete Reiner Kunze.

Höchste zeit ist, wenn die kerne
schön schwarz sind
Und das weiß zuerst
der baum.

Das Bild des Baumes geht quer durch alle Lyrikbände dieses Dichters. Im jüngsten die Feststellung: „Das waldsein könnte stattfinden / mit mir.“ Und: „… Ich bin angekommen / Auch dies ist mein Land…“ Auch in diesem Land heißt es für Reiner Kunze, nicht auf Kosten der anderen zu hoffen.
Kunzes Lebensbeginn in der Bundesrepublik – das war nicht nur der Versuch von Ideologen oder Politikern, den Schriftsteller benutzbar zu machen für ihre Ansprüche. Tausende, meist junge Menschen kamen in den äußersten Südosten Deutschlands, um Kunze in seiner Erlauer Wohnung zu sprechen. Eine Invasion der einzelnen mit einer großen Leere im Herzen. Rat suchten sie bei einem Mann, der schon ein Jahrzehnt früher das Thema von heute angeschlagen hatte:

Sensibel
ist die erde über den quellen: kein baum darf
gefällt, keine wurzel
gerodet werden
Die Quellen könnten
versiegen
Wie viele bäume werden
gefällt, wie viele wurzeln
gerodet
in uns

Der Schriftsteller sagt: „Diesem Ansturm vor meiner Haustür war ich nicht gewachsen. Ich hab schließlich ein Schild anbringen müssen.“ Ein Schild, das mit einer trocken-höflichen Aufschrift eher an einen Arzt erinnert: „Im Interesse meiner Arbeit bitte ich Sie, von unvereinbarten, nicht wirklich dringlichen Besuchen absehen zu wollen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. R. K.“
Ärztin ist Reiner Kunzes Frau Elisabeth, eine Tschechin. Was die beiden einander bedeuten, hat der Dichter in seinem Dreizeiler „die großen spaziergänge“ festgehalten:

Die großen spaziergänge, auf denen wir
nicht ins leere greifen
Immer geht die hand des andern mit

Wer Kunze schreibt, lernt oft auch sie kennen. Briefe kommen täglich dutzendweise. Briefe werden prinzipiell beantwortet. Entweder von ihm oder von ihr. Und haben beide das Gefühl, es geht für jemanden um Leben und Tod, setzt sich einer von ihnen ins Auto und bringt das Antwortschreiben „Eilpost“ ins zwölf Kilometer entfernte Passau. Dem Schriftsteller Reiner Kunze werden charismatische Fähigkeiten zugetraut. „Schreibt jemand, wenn er glücklich ist“? frage ich ihn, und er antwortet: „Ja, ich. Das Glücksmoment von der Tiefe her ist wie der Schmerz.“ Und in diesem Schmerz, der sich in seinen Gedichten mitteilt, fühlen sich viele seiner Leser frei.
Reiner Kunze sagt: „Ich kenne hier so viele Menschen, denen die Fähigkeit abgeht, sich zu freuen. Und dann diese Leere, die durch Geschäftigkeit überdeckt wird. Durch Kontakte, durch Kontakthalten. Diese ganzen oberflächlichen Dinge.“ Nein, der Mann in Erlau hat keine Rezepte. Nur jene einzigartige Fragestellung, die Poesie heißt.
Poesie, die den Abgrund selber sich zur Stütze wählt, um sich über ihm zu erhalten. Sein „tagebuchblatt 80“ ersetzt ganze ökologische Debatten:

Die kletterrosen blühn, als verblute die landschaft
Als habe sie sich die adern geöffnet
Als wisse sie, was kommt
Auch die landschaft, werden sie behaupten, dürfe
nicht mehr nur sein, auch sie
müsse dafür sein oder dagegen

Reiner Kunze und die Freude: Der Besuch seiner Eltern 1980 in Erlau. Mutter und Vater, beide 74 Jahre alt. Wohnhaft in Oelsnitz im Erzgebirge, wo Reiner Kunze am 16. August 1933 zur Welt kam. Reiner Kunze fuhr seine Eltern 2000 Kilometer durch die Berge. „Kannst Du Dir vorstellen, Menschen, die nie die Alpen gesehen haben, und die ein Leben lang davon träumen, die nie auf den Gedanken gekommen sind, sie jemals zu sehen?“ fragt er mich. Kunze hatte vorher die ganze Strecke abgefahren, alle Arrangements in den Hotels getroffen, bis ins Detail geplant und sich überzeugt, daß es klappt.
„Ich hab die Eltern in mein schönes Auto gepackt“, erzählt Reiner Kunze. „Beide sind sehr krank. Die Mutter kann nur noch schlecht gehen. Das Wetter war herrlich. Dann kam der erste Ruhepunkt, ein First-Class-Hotel. Im Restaurant war für jede Gabel und jedes Messer ein Kellner“ da. Der Vater reagierte mit Wohllauten. Doch nach dem Essen befand er: Da geh’n wir aber abends nicht noch mal rein. Das ist zu teuer. Da hab’ ich mir gesagt: Na wart mal. Frankfurter Würstchen wollten die Eltern essen. Ich hab’ noch Wein bestellt. Und dann kam der Ober mit dem Servierwagen und präsentierte die Kleinigkeit wie eine große Delikatesse auf dem Zimmer. Als wir zurück nach Erlau fuhren, sagte der Vater: „Das kriegen wir nie wieder. Das seh’n wir nicht mehr.“ Reiner Kunze und ein bleibendes Anvertrauen, das der Sohn in den Vater setzt. Die Treue zu den Eltern als Kraft für die Treue zu sich selbst. Antwort:

Mein vater, sagt ihr
mein vater im schacht
habe risse im rücken,
narben,
grindige spuren niedergegangenen gesteins,
ich aber, ich
sänge die liebe.
Ich sage:
eben deshalb.

Ein Gedicht aus dem Jahre 1959. In den zwanziger Jahren wurde der Begriff Arbeiterdichter geprägt. Ihnen zugerechnet werden in der DDR Johannes R. Becher, nach dem Zweiten Weltkrieg Kulturminister, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Erich Mühsam, Franz Jung, Friedrich Wolf, F.C. Weiskopf, um nur die Großen zu nennen. Sie alle kommen aus bürgerlichen Familien.
Ausgerechnet einen deutschen Dichter proletarischer Herkunft von internationalem Format schloß die DDR am 29. Oktober 1976 aus ihrem Schriftstellerverband aus und drängte ihn, den sie mit subtilem Terror gesundheitlich zermürbt hatte, aus dem „ersten Deutschen Arbeiter- und Bauernstaat“. Die Katastrophe sozialistischer Wirklichkeit hatte Reiner Kunze schon vorher so beschrieben: „im Mittelpunkt steht / der mensch / Nicht / der einzelne“
Heute in Erlau sagt Reiner Kunze: „Ich kann der kommunistischen Ideologie nicht mehr folgen. Nach diesen 60 Jahren mit all ihren Gulags. Es liegt die Menschenfeindlichkeit so tief in jenem System.“ Und das Christentum mit seinen vielfachen Verbrechen? „Auch an dieser Lehre“, so urteilt Kunze, „kann etwas nicht stimmen.“
Und schon fast für sich gesprochen, fügt er die Frage hinzu: „Könnte man nicht auch so sein wie in der Bergpredigt ohne die christliche Lehre?“
Ein Weltfremder? Doch wie weltfremd sind alle jene Pragmatiker und Möchtegern-Beglücker, denen Tag für Tag mehr junge Leute davonlaufen. Wo zu viele Antworten falsch waren und die restlichen mit falschen Handlungen kompromittiert sind, ist der Fragesteller Reiner Kunze der Welt näher als jene, die sich ihr professionell nahe glauben. „Was machst du, fragt gott“, heißt es bei Kunze. „Herr, sag ich, es / regnet, was / soll man tun / Und seine antwort wächst / grün durch alle fenster.“
Reiner Kunze – der Sohn setzt seinen Vater fort. Ein proletarischer Lyriker. Gefeit gegen die Eitelkeit der Besserwisserei. Ein Gestalter ganz anderer Art. Immer auf dem Weg. Seine Worte machen Umwege und fassen nach Gegenständen, die noch nicht zerbrochen sind. Möglichkeit, einen Sinn zu finden.

Durch die risse des glaubens schimmert
das nichts
Doch schon der kiesel
nimmt die wärme an
der hand

Reiner Kunze war der Sohn, der überlebte. Zwei Kinder waren vorher tot zur Welt gekommen. Der Sohn Reiner überstand eine Hauterkrankung, Folge der Unterernährung seiner Mutter während der Schwangerschaft. Die Mutter hatte von kargen Kartoffelrationen mit Salz und Senf leben müssen. Kunzes Vater war damals arbeitslos. Reiner Kunzes frühe Kindheitserinnerungen: Das Weiß in den Augen des von Ruß geschwärzten Gesichts seines Vaters, den er in der Mittagspause besuchte. Die Worte des Großvaters: „Heute habe ich zum ersten Mal an einem Wochentag Sonne auf dem Brot gehabt.“ Gesprochen am Krankenbett nach einem Unfall im Bergwerk, in das er 40 Jahre lang vor Sonnenaufgang ein- und nach Sonnenuntergang ausgefahren war. Die Wohnung daheim war eng, aber das Kind Reiner hat sie nicht als bedrückend empfunden. Reisen hat es in dieser Kindheit nicht gegeben und auch keine Spaziergänge. Freizeit war damals dringend notwendige Ruhezeit. Nach seiner Pensionierung hat der Großvater den Enkel zu Aushilfsarbeiten mitgenommen – zum Roden im Wald und zum Kühehüten auf der Wiese. „Mit dem Großvater hab’ ich die Natur erlebt“, sagt der Schriftsteller heute.
Die prägenden Eindrücke. Nie in seinem Leben war die Großstadt für Reiner Kunze eine Verlockung. Seit 1962 lebte er im thüringischen Städtchen Greiz in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung zusammen mit Frau und Tochter. Schlimmste Provinz, wenn man der Aufzählung Heinrich Heines glaubt: „Reuß-Schleiz-Greiz und Hinterpommern.“ Doch um zu schreiben, zog sich Kunze noch weiter zurück: in eine für 20 Mark gemietete Dachkammer eines kleinen Bauernhauses im Vogtland.
Als die Kunzes 1977 in den Westen kamen, fanden sie erst einmal Ruhe in derselben Wohnung in Stockdorf bei München, in der heute der von den Sowjets ausgebürgerte Satiriker Wladimir Woinowitsch mit seiner Familie wohnt. Die Wahl Erlaus als neuem Wohnort entsprang einem Zufall.
„Mit unserem Wartburg sind wir damals durch ganz Bayern gefahren“, erinnert sich Kunze. „Elisabeth suchte eine Stelle bei einem Zahnarzt. Marcela, unsere Tochter, lebte inzwischen bei einer Tante in Darmstadt. Jetzt ist sie verheiratet, hat zwei Kinder und führt mit ihrem Mann in Köln eine Buchhandlung. Schließlich fand Elisabeth eine Anstellung in Passau. Doch als Fachärztin für Kieferorthopädie konnte sie nicht bleiben. So hat sie sich später selbständig gemacht.“ Frau Dr. Kunze führt heute eine Praxis mit sieben Angestellten. Zu dem halben Haus, das die beiden in Erlau gemietet haben, kamen sie über eine Zeitungsannonce.
Im nahen Wald, in dem vor über einem Jahrhundert Adalbert Stifter, der Dichter des um Passau spielenden Romans Witiko, spazierenging, geht nun Reiner Kunze seine Wege ab. Der Ort Erlau, benannt nach dem gleichnamigen Bach, der in die Donau mündet, hat 500 Einwohner, eine Kirche, einen Gasthof und einen stillgelegten Bahnhof. Spätestens als der Briefträger, der zugleich Bauer ist, zufällig sah, wie Reiner Kunze hinten in seinem Garten fachgerecht auf dem eigens dafür angefertigten Holzbock seine Sense dengelte, gehört der Dichter hier hin. Inzwischen weiß man auch im Ort, daß Reiner Kunze über nicht unerhebliche medizinische Kenntnisse verfügt, die er sich angeeignet hat, um dem Beruf seiner Frau näher zu sein. Und so passiert es öfter, daß Nachbarn bei einer plötzlichen Erkrankung von Angehörigen zuerst einmal Kunze holen, ehe der Arzt aus dem sechs Kilometer entfernten Obernzell gerufen wird.
„Empfindet er den Aufenthalt in Erlau als endgültig?“ frage ich ihn. „Ja“, antwortet er. „Ich möchte nicht noch einmal wegmüssen. Hier will ich nun bleiben. Dies ist eine Gegend, in der die Leute wirklich noch die Füße auf dem Boden haben. Ein harter Menschenschlag wie im Erzgebirge. Niemand ist hier abweisend. Aber niemand tritt einem auch zu nahe. Wir konnten hier einwachsen. Es war eigentlich kein Problem. Natürlich weiß ich, daß wir ungeheuer begünstigt waren.“ Er fügt hinzu: „Ich habe den Staat gewechselt, aber nicht die Nation.“
„Wie wäre es, wenn es hieße, Kunze, komm zurück in die DDR, wir haben uns geirrt?“ frage ich ihn. „Wäre das eine Verlockung?“ Er sagt: „Nein, weil ich dann hinfahren könnte, sooft ich wollte. Ich würde sicher mal ein halbes Jahr in meiner Dachkammer in Leiningen bleiben. Aber Elisabeth und ich sind seßhafte Leute. Wir graben nicht dauernd unsere Wurzeln aus.“ Passau und seine Umgebung verdanken dem Lyriker Reiner Kunze schon heute Gedichte, die in die Weltliteratur eingehen werden. So eines, das den Titel trägt „dauerregen über Passau“:

Vom himmel stürzt der vierte fluß,
und die kuppeln des doms sind grün von tang
Der tag ist nahe, an dem in den straßen
der fisch springen wird
Und der kahn, jahraus, jahrein angekettet unterm brückenbogen,
erbebt vor hoffnung,
mit der stirn
den scheitel der brücke berühren zu dürfen.

Reiner Kunzes Gedächtnis steht im Leben wie eine Pflanze in der Landschaft. Zeichnungen, Lithographien, Drucke von der Geburtsstadt Oelsnitz und der Heimatstadt Greiz hängen im Flur. Zeichnungen, Lithographien, Drucke von Freunden aus der ČSSR und der DDR, die Kunzes Leben so lange begleitet haben, hängen in den einzelnen Zimmern. Aus der kleinen Welt der Erinnerung wird große Dichtung. Der Gast, heißt ein Aquarell von Jan Balet, 4,3 x 6 cm groß, das in Kunzes Arbeits- und Schlafzimmer hängt:

Er nahm platz am rechten tisch
und ist die mitte
noch sein schatten
hat rückgrat
Doch möchte man hinausgehn
und den ober vorbereiten
auf so viel verletzbarkeit

Das Gedicht entstand in Erlau. An einem fast den ganzen nur 16 Quadratmeter großen Raum füllenden Mahagonischreibtisch, der so leergefegt ist, als stünde er noch im Möbelgeschäft oder im Chefzimmer eines großen Konzerns. Kein Kratzer, kein Staubkorn. Links davon – auch in Mahagoni – ein Schrank, ein Teil davon mit offenem Regal. Darin Nachschlagewerke, Wörterbücher, Atlanten, englische Grammatik-Bände. Reiner Kunze, der in der DDR Russisch gelernt hat, übt sich im Westen täglich eine Stunde lang im Englischen. Vom Schreibtisch aus hat Kunze einen Blick auf die österreichischen Hänge jenseits der Donau, auf eine Burg, der inzwischen ebenfalls eines seiner Gedichte gilt. Hinter dem Schreibtisch steht das Bett. Über dem Kopfende hat er eine Holzleiste angebracht, ein Plattenspieler darauf.
Schräg gegenüber seinem Zimmer im ersten Stock hat sich seine Frau Elisabeth in hellen Möbeln eingerichtet. Mit zwei Drucken an der Wand, Bilder von Paula Modersohn-Becker und Gustav Klimt. Parterre die kleine Küche und ein geräumiges Wohnzimmer, das den Blick in den schmalen, stark abschüssigen Garten öffnet. Ein heller Teppichboden. Ein Büchergestell an der Kirschbaum getäfelten Wand, darunter Sideboards. Eine in Schwarz gehaltene Eßecke und ein hellblau abgestimmtes Ensemble von Couch und Sesseln. Die Bücher im Regal, nach Autoren alphabetisch geordnet, fast alle ohne Schutzumschläge. Die entfernt der Hausherr, „weil es mehr Platz gibt“, wie er sagt. Seine eigenen Werke – in 14 Sprachen übersetzt – bewahrt er in einem Schrank.
Auch hier absolute Sauberkeit, absolute Ordnung. Wie auch draußen im Garten, den Reiner Kunze mit neuem Rasen bepflanzt und dessen Bäume er fachkundig beschnitt. Betreten die Kunzes das Haus, werden sofort die Schuhe gewechselt. Geht Reiner im Sommer vom Wohnzimmer auf die Terrasse, so hat er dort wieder andere Schuhe aufgestellt. Es gibt auch Gästeschuhe.
„Ja, wir sind beide auf Sauberkeit aus“, sagt er. Die Bergarbeiterstadt Oelsnitz begleitet diesen Reiner Kunze. Das Grün der Wälder dort und das Schwarz des Rußes. Die weißen Augen des Vaters. Wirklich lange Gedichte hat Reiner Kunze nie veröffentlicht. Auch in der Prosa ist er immer auf die Kurzform aus. Auf Präzision. Auf Reinheit. Er beschreibt das so: „Ich muß Überblick haben. Es darf nichts Ablenkendes auf meinem Schreibtisch sein, gar nichts. Ich mache ja nichts Großes.“ Eine Beobachtung, ein Einfall – wenige Zeilen. Reiner Kunzes Arbeitsprozeß. Der Einfall weitet sich aus. Doch noch in der Ausweitung hält der Autor seinen Gegenstand klein, indem er alles in einer winzigen Handschrift festhält. Dann beginnt das Reduzieren der Wörter. Ein Mann, der ganze Nächte durcharbeitet, ohne daß ihm in der Frühe vielleicht mehr als nur ein einziges Wort bleibt. Dann ist er glücklich. Was bleibt, ist die Chiffre, die jeder verstehen kann. Kein Staubkorn geht da durch oder bleibt an ihr hängen. Gedichte, in denen die Geduld das Übermaß an Liebe und die Liebe das Übermaß an Geduld aufwiegt. Des Himmels bedürfen wir. Doch zuvor lernen, wie man ohne Grauen durch den Schmutz kommt:

spuren gibt’s in uns die zu sichern
nur wir selbst vermögen
So es einem von uns gegeben ist,
abdrücke zu nehmen
von solcher winzigkeit
Und ein mädchen das nicht aus noch ein weiß
wird dann plötzlich weiterleben wollen
und ein wirklicher leser wird sagen:
Noch immer gibt es gedichte

dichter dulden keine diktatoren
neben sich
(In ihrem winzigen reich dem freien vers)

Ein weiter Weg liegt hinter dem Schriftsteller. „Ich hatte Schuhmacher werden sollen“, berichtet er. „Mein Schemel war mir bei meinem zukünftigen Meister schon sicher gewesen.“ Dem zweiten deutschen Staat, der DDR, und seinen Kommunisten verdankt der Arbeitersohn Kunze, daß es anders kam. Die Benachteiligung von Arbeiterkindern in der Bildung aufzuheben war Programm der SED, und dieses Programm wurde realisiert. Reiner Kunze machte 1951 sein Abitur. Schon zwei Jahre früher war er Mitglied in der Einheitspartei geworden.
Reiner Kunze hat den Weg zum Abitur als „märchenhaft, ein Wunder“ empfunden. Er engagierte sich für alles, „was zu diesem Wunder geführt hatte“. Also für den Sozialismus. Seine ersten Verse hatte er bereits in der Oberschule geschrieben. Die letzten Jahre bis zum Abitur hatte er in einem Internat in Stollberg gelebt. Was er werden wollte? Er schwankte zwischen der Malerei und der Musik. Bei der Malerei litt er „am Statischen“. Und die Musik blieb für ihn bis heute die Kunst der Künste. Doch er sah schon damals seine begrenzten Fähigkeiten, als er Geigenunterricht nahm. Reiner Kunze studierte in Leipzig Philosophie und Journalistik. Sein Staatsexamen machte er 1955. „Ich habe damals am Sozialismus noch nicht gezweifelt“, erinnert er sich. „Die Beseitigung der sozialen Unterschiede, die für mich und viele andere begonnen hatte, war etwas, was die DDR von der Bundesrepublik zu unterscheiden schien. Und auch das Bekenntnis zu jenen, die gegen den Nationalsozialismus gekämpft und darunter gelitten hatten, schien mir in der DDR stärker zu sein als im Westen.“ Im Anfangsjahr als wissenschaftlicher Assistent im Fach Journalistik an der Leipziger Universität erschienen Kunzes erste Gedichte im Mitteldeutschen Verlag: in einem Band mit dem Titel Die Zukunft sitzt am Tisch, das zur Hälfte auch Lyrik des heute als Filmregisseur in der DDR bekannten Egon Günther enthält.
Damals war Kunze bereits verheiratet. Die Ehe zerbrach 1959, als Kunze in seine erste große Krise geriet und die Universität verließ. Inge Kunze, seine erste Frau, ist heute Leiterin der Abteilung Kulturpolitik an der Universität in Leipzig. Der Sohn Ludwig aus dieser Ehe ist Gartenbaugestalter in derselben Stadt. Die heute in der Bundesrepublik lebende Brigitte Klump, damals Studentin auch beim Dozenten Kunze, beschreibt jene Zeit in ihrem 1978 erschienenen Buch Das rote Kloster. Sie bestätigt, was der damals in Leipzig lebende Autor Gerhard Zwerenz und seine Freunde nicht gesehen haben: den wachsenden Zweifel Kunzes an der sozialistischen Dogmatik. „Ich war ein Arbeiterkind“, betont Kunze heute. „Im eigenen Studium hab’ ich jedem Professor geglaubt. Ein Professor war für mich eine Autorität. Den Abwehrstoff Skepsis hat mir niemand in meinem Elternhaus mitgeben können. Aber ich weiß auch: Wo ich mich in jener Zeit geirrt habe, hab’ ich mich immer ehrlich geirrt.“ Und er hat niemanden denunziert. Auch nicht die Studentin Brigitte Klump, die in seinem Seminar einen Aufsatz über die Erziehung zur Heuchelei an den Universitäten geschrieben hatte. Kunze gab ihr den Aufsatz zurück und sagte: „Ich müßte ihn dem Stasi übergeben, weißt du das? Nimm ihn zurück, ich hab’ ihn nicht zensiert. Er ist wie nicht geschrieben.“
Reiner Kunze hing an seinem Beruf. Im buchstabengenauen Sinn Professor eines Tages zu sein, also Bekenner – das erschien ihm als großes Ziel. Als Dozent verließ er in seinen Vorlesungen nie die Faktenbasis und attackierte das Ausbildungsziel der Fakultät, Journalisten zu Parteiideologen zu erziehen. Im Jahre 1956 brach der Ungarn-Aufstand aus und wurde niedergewalzt von sowjetischen Panzern. Im Jahre 1956 wurde das SED-Mitglied Wolfgang Harich, Professor für Gesellschaftswissenschaft in Ost-Berlin, wegen eines antistalinistischen Programms inhaftiert, vor Gericht gestellt und verurteilt. Eine großangelegte Säuberungsaktion folgte: weitere Verhaftungen von Intellektuellen. In Leipzig wurde der Schriftsteller Erich Loest zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Der Autor Gerhard Zwerenz entkam in den Westen, ebenso Professor Ernst Bloch. Auch Reiner Kunze geriet in den Sog von Verdächtigungen und Denunziationen.
Sein Feind und Verfolger war schon damals Klaus Höpcke, seit 1973 stellvertretender Kulturminister der DDR, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre wie Kunze Assistent an derselben Fakultät. Höpcke hatte den Kollegen Kunze bereits deswegen zu Fall bringen wollen, weil dieser Anna Seghers in Leipzig zitiert hatte. Und zwar ihre Äußerung nach dem Ungarn-Aufstand auf dem DDR-Schriftstellerkongreß in Ostberlin, sie kenne den ungarischen Literaturwissenschaftler Georg Lukács besser, als daß sie sich weismachen lasse, Lukács sei ein Konterrevolutionär. Aus einer wegen dieses Zitats einberufenen Fakultätsversammlung ging Kunze mit einer Rüge heraus. Aus der nächsten kam er als gebrochener Mann. Der Vorwurf gegen ihn: Beteiligung an konterrevolutionären Aktivitäten. Kunze wehrte sich, nannte Entlastungszeugen und wurde von Höpcke angeschrien: „Wir sind hier nicht in einer bürgerlichen Gerichtsversammlung, wo man Zeugen anrufen kann.“
Brigitte Klump schreibt in ihrem Buch: „Reiner Kunze erlitt mit 26 Jahren einen Herzinfarkt – seine Stunde Null…“ Sechs Wochen lang lag er im Krankenhaus. Dann folgten zähe Versuche, zu einem Arrangement zu kommen. Kein Prozeß. Aber der Versuch der Partei, ihr Mitglied zur Selbstkritik zu zwingen. „Ich sollte öffentlich Fehler eingestehen“, erinnert sich Kunze. „Dann wäre das Vergehen gegen mich vergessen gewesen. Diese Schweinerei habe ich nicht mitgemacht.“ Reiner Kunze schied aus der Nomenklatur, der Elite in der DDR-Gesellschaft, aus und wurde 1959 Hilfsschlosser im Schwermaschinenbau. Zugleich begann das nun nicht mehr aufhörende Spiel der Partei, ihn mit Zuckerbrot und Peitsche zu behandeln. Als Hilfsschlosser erlebte er, daß sein erster eigenständiger Gedichtband im Mitteldeutschen Verlag erschien: Vögel über dem Tau.
Gedichte von Kunze wurden 1959 im Leipziger Rundfunk gesendet. Im böhmischen Aussig an der Elbe hörte eine Frau, deren Vater deutschstämmig und deren Mutter Tschechin ist, diese Gedichte. Sie ist Fachärztin für Kieferorthopädie am dortigen Krankenhaus, geschieden und hat eine Tochter namens Marcela. Fasziniert bittet die Ärztin auf einer Postkarte um den Wortlaut der Gedichte. Reiner Kunze:

Elisabeth war mein erster und bleibt mein kostbarster Literaturpreis. Zwischen uns beiden entspann sich ein Briefwechsel, der die sagenhafte Zahl von 400 Briefen erreichte, darunter Briefe bis zu 25 Seiten. Es war damals noch nicht leicht, von der DDR in die ČSSR zu reisen. Ohne sie gesehen zu haben, rief ich sie eines Nachts an und fragte, ob sie meine Frau werden wolle. Und sie hat sofort ja gesagt.

Ein Gedicht von damals:

Die Liebe
ist eine wilde Rose in uns,
unerforschbar vom Verstand
und ihm nicht untertan
Aber der Verstand ist ein Messer in uns
Der Verstand
ist ein Messer in uns,
zu schneiden der Rose
durch hundert Zweige
einen Himmel.

Reiner Kunze arbeitete ein Jahr in der Fabrik. Nachts schrieb er an einem Buch über den Journalismus, seine Promotionsarbeit, die an der Uni nicht fertig geworden war. Die Doppelbelastung führte zu einem zweiten Zusammenbruch. Die tschechische Ärztin in Aussig alarmierte einen Arztkollegen in Leipzig, unterrichtete ihn von ihrer Verdachtsdiagnose Leberleiden und bat ihn, sich Kunzes anzunehmen. Die Verdachtsdiagnose stimmte. Kunze litt schon lange an jener Krankheit, ohne daß es festgestellt worden war.
Die Arbeit an zentnerschweren Achsen, die für Schreitbagger angefertigt wurden, mußte Kunze aufgeben. Zur Hilfe kam ihm die Witwe des Arbeiterschriftstellers Peter Nell, die ihm den Nachlaß ihres Mannes zur Herausgabe anvertraute und ihm dafür die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters an der Akademie der Künste verschaffte. Es folgten die ersten Reisen in die ČSSR. Bei Elisabeth, der Ärztin, lernte er tschechisch. Bereits 1961 erschienen von Kunze in der DDR Nachdichtungen aus dem Tschechischen unter dem Titel Der Wind mit dem Namen Jaromir. Der Schriftstellerverband der ČSSR setzte sich dafür ein, daß Kunze eine Tschechin heiraten durfte. Leicht war das damals nicht. Auch Kunzes Vater, verdienter Bergmann der DDR, griff zur Feder und schrieb dem Ministerpräsidenten Otto Grotewohl.
Am 8. Juli 1961 war es dann soweit. Hochzeit in Ústí nad Labem, so der tschechische Name der Stadt Aussig. Von 1962 an wohnte Reiner Kunze mit Frau und Tochter Marcela, die er adoptierte, in Greiz. Das Gehalt, das Elisabeth Kunze als Fachärztin in der dortigen Poliklinik bekam, sicherte den Lebensunterhalt der Familie. 1962 erschien Kunzes zweites Buch in der DDR: Aber die Nachtigall jubelt. Heitere Texte.
Alles, was danach entstand, hat für den Schriftsteller heute Bedeutung. „Der Grundmangel meiner frühen Gedichte besteht darin“, sagt er, „daß sie mit wenigen Ausnahmen Illustrationen einer Idee sind. Und das hat mit Dichtung gar nichts zu tun. Was Poesie wirklich ist, wurde mir erst in der ČSSR bewußt.“ Es ist dies ein Thema, das noch immer den ganzen Enthusiasmus der ersten Begegnung mit der tschechischen Dichtung weckt. Wir sitzen hinten auf der Veranda des Erlauer Domizils, und Reiner Kunze erzählt mir druckreif ohne Unterbrechung eine Stunde lang von seinen Erfahrungen.
Er ist heute zugleich der bedeutendste Übersetzer tschechischer Lyrik ins Deutsche. Übersetzungen, an denen er genauso intensiv und lange arbeitet wie an seinen eigenen Sachen. Nach zweijähriger Arbeit ist die Übertragung der Gedichte des Tschechen Jan Skácel: wundklee beendet. Kunze erzählt mir, daß Tschechisch eine sinnlichere Sprache sei als die deutsche mit ihrer Überladung von Begriffen. Für das Wort Liebe gäbe es viele Worte. Gott könne jeder Tscheche beliebig verkleinern. Wie klänge es im Deutschen: Gottchen? Und für jenen Vorgang beispielsweise, bei dem man den Löffel in einer Tasse rührt und dabei den Rand streift, gibt es das Wort: cinkatí. So präzis, so kurz und so sinnlich – ja so tschechisch schreibt der Dichter Reiner Kunze deutsch.
Die meisten seiner Gedichte sind zwischen 1962 und 1968 in der ČSSR zuerst einmal erschienen, übersetzt. Ein Teil auch in der Bundesrepublik in dem Godesberger Hohwacht-Verlag unter dem Titel Widmungen, kaum beachtet. Kurz vor dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die ČSSR kam in der von Bernd Jentzsch – heute wohnhaft in der Schweiz – herausgegebenen Reihe Poesiealbum in der DDR eine Auswahl von Kunze-Gedichten heraus. Und in das Taschenbuch Saison für Lyrik hatte der Ostberliner Aufbau-Verlag ebenfalls Gedichte des Greizers aufgenommen. Aus Protest gegen den Panzerkommunismus der Sowjets im Verein mit der DDR, die den tschechischen Sozialismus mit dem menschlichen Gesicht zunichte machten, tat Kunze einen Tag nach der Invasion etwas, was es in der DDR nicht gibt, was eigentlich gar nicht so möglich ist: Er ging zum SED-Parteibüro und gab sein Mitgliedsbuch zurück. Die Partei nahm den Schritt ihrerseits zum Anlaß, Kunze zu feuern.
Von nun an galt für Kunze kompromißlos der Satz, den er schon viel früher geschrieben hatte: „Das Bedürfnis des Dichters, nach außen hin etwas zu gelten, bricht in dem Augenblick zusammen, in dem er begreift, was Poesie ist.“ Kein DDR-Verlag druckte mehr etwas von dem Dichter. In dieser staatlich verordneten Verfemung teilte Kunze sein Schicksal mit dem Dichter und Liedersänger Wolf Biermann. Biermann kam im Herbst 1976 nach einer Konzerttournee in der Bundesrepublik nicht mehr in sein Land zurück, weil es ihn ausbürgerte. Der ungebrochene Glaube Biermanns an den Sozialismus wird von Kunze schon lange nicht mehr geteilt. Doch die Achtung und die Solidarität, die sie einander in der DDR bezeugt haben, haben gehalten. Als Kunze in der Bundesrepublik für seinen schwachen Film Die wunderbaren Jahre hämische Kritiken hinnehmen mußte, wandte sich Biermann entschieden gegen die Diffamierung Kunzes als Reaktionär. „Es war bitter, als damals meine menschliche Integrität angegriffen wurde“, sagt Kunze. „Wolf Biermann hat da nicht mitgemacht. Ich werde das nie vergessen.“
Nach 1968 wurde Reiner Kunze, der DDR-Schriftsteller, langsam ein Autor der Bundesrepublik. Hier erschienen seine Bände: Sensible Wege, ausdrücklich dem tschechoslowakischen Volk gewidmet und zugleich auch mit Gedichten der Solidarität für Solschenizyn versehen (1969). Dann Der Löwe Leopold. Fast Märchen, fast Geschichten (1970), Der Dichter und die Löwenzahnwiese (1971), Zimmerlautstärke (1972).
Auf dem VI. Schriftstellerkongreß der DDR wurde Kunze erstmals öffentlich zum Staatsfeind gestempelt. Der Literaturfunktionär Max Walter Schulz warf Kunze in seinem Hauptreferat „aktionslüsternen Individualismus“ und „Antikommunismus“ vor, der „mit der böswilligen Verzerrung des DDR-Bildes kollaboriert“. Der Schriftsteller machte sich auf seine Verhaftung gefaßt. Ein Freund gab ihm Tips. Kunze lernte den Kopfstand als ein Mittel, Durchblutungsstörungen in einer engen Zelle zuvorzukommen. Er lernte alle Tricks der Schmerzablenkung.
Fünf Jahre lang dauerte der Druck, den die DDR auf Kunze ausübte. Dann gab es wieder ein Arrangement. Bei Reclam in Leipzig durfte 1973 eine Auswahl von Gedichten unter dem Titel Brief mit blauem Siegel erscheinen. Die 15.000 Exemplare waren innerhalb weniger Tage verkauft, die folgenden 15.000 auch. Kunze durfte – vorher angekündigt – wieder öffentlich in der DDR aus seinen Werken lesen. Er durfte 1973 den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München entgegennehmen. Im Herbst 1976 sollte endlich auch das bisher verbotene Kinderbuch Der Löwe Leopold in der DDR erscheinen. 15.000 Exemplare waren bereits ausgedruckt. Sie wurden nicht mehr ausgeliefert, weil in der Bundesrepublik Die wunderbaren Jahre herauskamen. Die Auflage des Buches Der Löwe Leopold wurde eingestampft. Irgend jemand rettete ein Exemplar. Kunze fand es in seinem Greizer Briefkasten. So war denn auch die Behauptung des DDR-Kinderbuchverlages, Kunze lüge, Der Löwe Leopold sei gar nicht gedruckt worden, als Lüge des Verlages offenbar.
Herbst 1976 – das war jene für die DDR turbulente Jahreszeit, in der Wolf Biermann ausgebürgert wurde. Dagegen protestierten fast alle Künstler von Rang und Namen in einer Unterschriftenaktion. Die Aufmerksamkeit galt diesem Vorfall. Reiner Kunze focht ziemlich allein. Der Schriftstellerverband schloß Kunze aus. Ein ungeahntes Kesseltreiben richtete sich gegen die ganze Familie Kunze. Die Tochter – später Hauptfigur in Kunzes Die wunderbaren Jahre – war schon früher in der Oberschule einem unerträglichen „psychischen Spießrutenlaufen“ ausgesetzt gewesen, so daß sie ein Jahr vor dem Abitur abgegangen war. 1975 hatte man einen jungen Mann als Spitzel angesetzt, der Marcela über ihren Vater aushorchen sollte. Das Mädchen, das als Aushilfskraft bei der Post in Jena arbeitete, geriet in Selbstmordgefahr. Genau wie der junge Stasi-Spitzel, der sich in Marcela verliebte und in für ihn aussichtsloser Lage sich das Leben nahm.
Am Gründonnerstag, dem 7. April 1977, schrieb der DDR-Bürger Kunze an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und bat ihn um die „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR für sich, seine Frau und seine 20jährige Tochter“. Drei Tage später war die Antwort da. Ein Güterwaggon wurde am Greizer Bahnhof zur Verfügung gestellt. „Wenn der Apparat für dich läuft, dann merkst du, was er kann“, beschreibt Kunze heute jenen Vorgang. „Wenn der Apparat gegen dich ist, weißt du es auch.“ Die Behörden gaben ihm drei Tage, dann mußte er draußen sein. Die Kunzes verschenkten ihre Möbel, Stereoanlage, Radio und das Geld vom Konto. Sie hätten behandelt wie Aussiedler – zehn Mark pro Person mitnehmen können. Am Ende die Eltern des Schriftstellers in der leeren Wohnung. „Der Vater weinte“, erinnert sich Kunze. „Niemand wußte, was wird, ob wir uns wiedersehen. Und ich mußte den Lachenden spielen.“
Und dann am Vormittag die Grenze bei Hof. Der Wartburg vollgepackt. Der diensthabende Offizier zu Kunze am Steuer: „Sie wollen wohl auf Safari – wie lange bleiben sie denn weg?“ Kunze: „Für immer.“ Der Offizier schaute ihn verlegen an und sagte dann: „Hoffentlich bereuen Sie das nicht.“
Ein halbes Jahr später zeichnet die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung Reiner Kunze mit dem Georg-Büchner-Preis aus. Hermann Kant, Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes und beim Exodus der DDR-Dichter gewiefter Rufmörder, nannte Kunzes Dichtung im SED-Zentralorgan Neues Deutschland „Unrat“.
An der Donau, unterhalb von Passau: „Die grenze, über die ich blicke / auf Österreichs burg und buchen, ist / nichts als ein fluß.“ Wir wandern am Berghang entlang von Erlau nach Obernzell. Feuersalamander kreuzen immer wieder den überwucherten Pfad, der einmal für Touristen hier angelegt war. Aber die Touristen kamen nicht. So ist es nun Reiner Kunzes Weg geworden. Er erzählt von seinem Wartburg, der nicht durch den TÜV kam, weil er zwei Zentner mehr wog, als in den Papieren angegeben war. Es dauerte lange, bis Kunze an die Stellen in dem Wagen dachte, an denen er alle möglichen Ersatzteile aufbewahrte, Kostbarkeiten für eine Reparatur, falls der Wartburg in der DDR stehengeblieben wäre. Er erzählt, wie Elisabeth und er innerhalb eines Tages in München alle Möbel für die Wohnung in einem Geschäft gekauft haben. Er erzählt von dem Tag, an dem die Eltern in Erlau eintrafen und er das Schweigen mit seinem Vater genießen konnte. „Wir können gut und gern zwei Stunden nebeneinander auf der Couch sitzen, ohne daß ein Wort fällt“, sagt er.
Auf einer Skandinavien-Reise eingeladen von den Goethe-Instituten – erlebe ich, wie er bei jeder seiner Lesungen an das Publikum appelliert, die ČSSR nicht zu vergessen, sich für die Verfolgten dort einzusetzen, die Bücher der von den Machthabern Verfemten zu lesen. In Göteborg funktioniert er die Kunze-Lesung in einen Abend für die ČSSR um und präsentiert nur Gedichte aus jenem Lande, über das seiner Meinung nach genausoviel gesprochen werden müßte wie über die Unterdrückung in Chile. „Ich weiß, was es heißt, Solidarität zu erfahren“, sagt er. „Zu dieser Solidarität kann schon eine kleine Ansichtspostkarte gehören. Wir haben ja auch in der DDR lange genug von Ansichtskarten gelebt, die wir bekamen.“ Reiner Kunze, der Bürger der Bundesrepublik Deutschland: „Ich weiß, dieses Gesellschaftssystem ist unter anderem auf Grundlagen gebaut, die allem Humanen zuwider sind. Die Wirkungen sind zum Teil verheerend. Nur: Den Folgen kann sich der bewußte Mensch hier noch eher entziehen als in der DDR. Die parlamentarische Demokratie läßt eine gewisse Beeinträchtigung ihrer Machtansprüche zu, so daß Humanität möglich werden kann.“ Seine Wahlprognose hatte er zwar im Wahljahr 1980 geschrieben, aber öffentlich hat er sie erst 1981 gemacht:

Kopf an kopf
Der sieger wird
das ziel verkaufen, damit wir alle noch ein wenig
länger bleiben können
Falls nicht die sonne früher untergeht

Seine Gedichte, fast immer nur wenige Sätze. „Kunze hat sich angepaßt.“ Ein Satz, der über ihn umläuft in der Bundesrepublik. Kunze antwortet mit einem Gedicht über den Tod eines Freundes: „Ich passe mich dieser wahrheit an / wie er sich nun anpaßt der Erde.“ Ein Gleichgewicht, fast wie sinnlos – doch so dem Schlimmsten, das herandroht, zu trotzen. „An der Thaya, sagst du, überkomme mich / undefinierbare Sehnsucht / Gehn wir in den Fluß, / die Sehnsucht definieren.“ So Kunzes „Philosophie, für Elisabeth“, geschrieben vor mehr als einem Jahrzehnt. Die Treue zu sich selbst, die eigentlich Verschwendung für andere ist. Gedichte wie eine Auferstehung, zumindest ein Atemschöpfen, an dem man nicht erstickt.
Eine Geliebte darf man nicht suchen müssen. Sie muß immer da sein. Vor der Einsamkeit haben die beiden Kunzes keine Angst. „Angst haben wir vor dem Alleinsein“, sagt Reiner Kunze, „wenn der eine den anderen früher verläßt, wenn einer früher stürbe und den anderen zurückließe.“ Mit dem Flugzeug über Skandinavien. „liebesgedicht nach dem start oder mit dir im selben flugzeug“:

Sieh den schatten auf der erde
den winzigen schatten
der mit uns

fliegt
So bleibt die größte unserer ängste
unter uns zurück
Nie ist die wahrscheinlichkeit geringer daß der eine
viel früher als der andere stirbt

Ich erlebe, wie Reiner Kunze im Herbst 1980 keine Nachrichtensendung im Bayerischen Rundfunk ausläßt, damit er weiß, was im Polen Walesas geschieht, erlebe, wie er um dieses Land bangt, wie um „seine“ Tschechoslowakei, die ein wenig mehr Freiheit 1968 gewinnen wollte und alles verlor. Ich erlebe, wie ein Gedicht entsteht, die „küste von Danzig“. Dezember 1980:

Daß in ihrer armbeuge
gewalt steckt,
wußten wir
Nun zeigt ihr ellenbogen
den arm der geschichte
und furcht erfaßt uns nicht nur um jene,
die sich auf ihn zu stützen wagen

In der Wohnung Kunzes ist das Radio die einzige aktuelle Informationsquelle. Es gibt bei ihm keinen Fernsehapparat und auch keine abonnierten Zeitungen oder Zeitschriften. „Wir brauchen und wollen die Informationen aus den Medien nicht doppelt und dreifach.“ „Sprechen wir von den Positiva in der Bundesrepublik“, sagt Kunze. „Für uns bedeutet das: Wir sind den Druck los. Das ist eine solche Erleichterung, noch heute spürbar. Und so, wie er es bei den vielen Gesprächen, die wir miteinander führten, noch nicht getan hat, illustriert er an dem bisher nicht preisgegebenen Inhalt seines Gesprächs mit dem DDR-Kulturminister Hoffmann die ganze Enttäuschung und Bitterkeit über die DDR-Vergangenheit. Das Gespräch fand in Ostberlin am 14. Juli 1974 statt. Thema: Der Versuch, Kunze zu bewegen, die von der Bayerischen Akademie angetragene Mitgliedschaft zurückzuweisen.
Kunze:

Auf dem Schreibtisch des Ministerzimmers lag mein Buch Brief mit blauem Siegel, für das Hoffmann die Druckerlaubnis gegeben hatte. Der Minister sagte zu mir: „Das, was wir brauchen, sind zehn solcher Bücher von Ihnen.“ Dann kam er zur Sache. Ich erklärte ihm, wer alles Mitglied der Bayerischen Akademie sei: Böll, Kästner, all die Namen, die einen guten Ruf auch im Osten haben. Und ich sagte ihm auch, daß ich nach all den Erfahrungen in der DDR in der Mitgliedschaft zur Bayerischen Akademie einen gewissen Schutz für mich sehe. – Um mich auf seine Seite zu bringen, bot er mir Westgeld, ein Westauto, eine Wohnung in Berlin, ein Grundstück am See. Also der Versuch der Bestechung. Als ich ablehnte, begann er mich zu beschimpfen, ich sei ein Psychopath, ein Hysteriker. – Auf einmal war ich nicht mehr aufgeregt. Ich erklärte ihm, daß ich ein Hysteriker nicht sein könne, und legte ihm die zwei Formen von Hysterie dar, wie sie in der Medizin beschrieben werden. Nun kamen die Drohungen, die in den Worten gipfelten: „Wir haben hier Kammern, in denen überleben Sie bei Ihrer Konstitution nicht.“ Und: „Da kann Sie auch der Kulturminister nicht mehr vor einem Unfall auf der Autobahn bewahren.“

Auf der Rückfahrt nach Greiz wurde der Schock wirksam, den Kunze bei diesem Gespräch erlitten hatte: „Ich mußte bei Naumburg von der Autobahn runter. Ich spuckte Galle und hing lange Zeit erschöpft über dem Lenkrad, ehe ich weiterfahren konnte.“ Reiner Kunze durfte zwar nicht die Mitgliedsurkunde in München entgegennehmen, aber die DDR ließ deren Empfang in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin zu. Die Angst wurde Kunze nach dem Ministergespräch nicht mehr los.
„Schließlich habe ich alle vier Wochen am Tropf gehangen“, berichtet der Schriftsteller. „Immer wieder brach mein Immunsystem zusammen. Als ich später in einem Fernsehinterview im Westen berichtete, daß mir neben Elisabeth ein anderer Arzt in meiner gesundheitlichen Misere geholfen hat, wurden in Greiz alle Ärzte verhört, wer den Staatsfeind noch an den Tropf gehängt hat. Der Mann war so zynisch es klingt – Gott sei Dank gerade gestorben… Das sind die Dinge, die die Sache des Sozialismus so aussichtslos machen. Den Kindern, die zu Elisabeth in die Sprechstunde wollten, hat man nach unserer Ausreise gesagt, Frau Dr. Kunze sei gestorben… Wenn ich heute meinen Weggang überblicke, dann sehe ich, daß ich richtig gehandelt habe. Das zeigt auch die Tatsache, daß so viele andere nach mir herausgingen. Wenn das nicht gewesen wäre, würde ich mich sicher heute fragen: Hättest du nicht doch Kompromisse in der DDR machen müssen?“

*

Reiner Kunze hat inzwischen in Erlau ein Haus gebaut und ist mit seiner Frau umgezogen.

Jürgen Serke, aus Jürgen Serke: Das neue Exil. Die verbannten Dichter. Fischer Verlag, 1985

„Kommt Zeit, vergeht Unrat“

– Der Verbandsausschluss – ein Exempel wird statuiert. –

Im Jahr 1973 hatte der Reclam Verlag Leipzig von Reiner Kunze überraschend den Gedichtband Brief mit blauem Siegel herausgebracht. Aber in allen Buchhandlungen, die ich sofort aufsuchte, bedauerten die Buchhändler nur. Jürgen Fuchs war es, der mir den Tipp gab, nach Greiz zu fahren, dort in der Buchhandlung Herz könnte noch Exemplare vorhanden sein.
Bei der Fahrt in die Stadt hinein grüßte wie ein gutes Omen die schmucke, helle Häuserzeile vom anderen Ufer der Weißen Elster. Ihre gepflegten Jugendstilfassaden zeugten im allgemeinen Verfall von den besseren Zeiten, die Greiz als Residenz- und aufstrebende Textilstadt schon erlebt hatte.
In der Buchhandlung lächelte der Mann hinter seinem Ladentisch, als er meine Überraschung sah. Da lag, für eine Mark fünfzig das Stück, neben der Kasse aufgebaut ein ganzer Stapel dieser schwarzen Bändchen mit dem weißen Schriftzug: REINER KUNZE Brief mit blauem Siegel. Zu meinem bislang erfolglosen Bemühen meinte der Buchhändler verschmitzt, der Dichter wohne in Greiz, mit der Begründung hätte er ein höheres Kontingent bestellt – und bekommen.

Reiner Kunze war ein hoch geachteter Dichter in unserem Freundes- und Arbeitskreis Literatur um die Studenten Lutz Rathenow und Jürgen Fuchs. Das war Anfang der siebziger Jahre in Jena. Fuchs hatte den Dichter in Greiz schon als Oberschüler aus seinem zehn Kilometer entfernten Wohnort Reichenbach besucht, um sein Urteil über frühe eigene Gedichte und Prosabeobachtungen zu hören. Später erzählte er:
Die Kontakte waren relativ früh da, ’67, ’68. Da war ich Siebzehn, Achtzehn. Ich hab ihn ’68 beim Einmarsch erlebt.
Ich habe gestaunt, was er machte. Und er: „Was machen Sie?“ Da hatte ich das mit dem Bach, der seine Farbe wechselte, wie es aus der Färberei rein floss, wo auch Ratten rum rannten. Lehrer, die das oder das sagten, Halstücher, die im Wind wedelten. Er hat gespürt, dass da was kam und hat mich nie zurück gewiesen. Er sagte höchstens in seiner Art, wie er pädagogische Ratschläge gibt:

Um Himmels Willen, bilden Sie sich aus, das ist alles viel zu früh.

Von Reiner Kunze besaß er den bei Rowohlt erschienenen Gedichtband sensible wege. Allein schon das titelgebende Gedicht: Was war das für ein Gedicht! Es traf unseren Nerv.

Sensibel
ist die erde über den quellen: kein baum darf
gefällt, keine wurzel
gerodet werden

Die quellen könnten
versiegen

Wie viel bäume werden
gefällt, wie viele wurzeln
gerodet

in uns

Jürgen Fuchs tippte die Gedichte mit Schreibmaschine auf so vielen Durchschlägen wie möglich und verteilte sie im Freundeskreis und wir tippten sie wieder ab, damit sie weitere Kreise zogen. Das war illegal und konnte ins Gefängnis führen, wie im Fall des Medizinstudenten und heutigen Schriftstellers Utz Rachowski, der wegen „Verbreitung von Hetzschriften in Versform“ – das waren eigene Arbeiten und Lieder und Gedichte von Biermann und Kunze – zu 27 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde.
Unter den in Jena kursierenden Gedichten befand sich auch Kunzes vollständiger Zyklus „einundzwanzig variationen über das thema ,die post‘“, den man nur in Auszügen im Reclam-Band Brief mit blauem Siegel lesen konnte. Es tat gut, zu lesen, wie klar hier unsere ureigensten Erfahrungen zwischen Bevormundung und verhaltenem Aufbegehren ins Bild gesetzt waren:

9

HIER BEDIENT
HAUTPOSTASSISTENTIN L.

Hinter der barriere,
auf die ich meine nackten briefe lege,
sitzen
Sie

(…)

Sie
sind gott

Sie verpassen meinen briefen
grasgrüne uniformen

Sie
sind der feldwebel

Der Spannungsraum zum „vormundschaftlichen Staat“ war hergestellt. Der Brief, dieses sehr intime, leicht verletzliches Gut wird zum Hoffnungswort in der geschlossenen Gesellschaft. Und wir lasen, was im Reclam-Band der Zensur zum Opfer gefallen war:

O aus
einem fremden land, sieh
die marken… Wie
heißt das land?

Deutschland, tochter
(Samisdatabschrift Reiner Kunze: sensible wege, Reinbek 1969.)

Und wir lasen:

Brief du
zweimillimeteröffnung
der tür zur welt du
geöffnete öffnung du

lichtschein,
durchleuchtet, du

bist angekommen.
(Samisdatabschrift, s.a. Reiner Kunze: Brief mit blauem Siegel, Leipzig 1973. S. 66)

Wir lasen das zärtliche „du“, die Freude über die Kunde von außen: „du bist angekommen“. – Aber wie?!: „durchleuchtet“, geschändet!
Inspiriert vom Zyklus „die post“ trat Jürgen Fuchs in einigen seiner frühen Gedichte in Dialog mit Reiner Kunze:

SCHEINWERFER

Die mich anfallen
Bis sie vorüber sind
Und mich blass sehen
Und geblendet Verstehe ich gut
In ihrer Wut:
Denn ich leuchte
Zwar matt
Aber sie durchleuchten mich nicht
Und ich nehme ihnen die Sicht
Ein wenig:

Nicht unsichtbar
Nicht zu übersehen
Mit mir müssen sie rechnen.
(Jürgen Fuchs in: Auswahl 74, Berlin 1974.)

In seinem Gedichtzyklus SCHRIFTPROBE aus dem Jahr 1972 nahm er das Thema Zensur aus Kunzes Post-Zyklus auf:

DIESE ANGST

Auf halber Zeile:


Dass mein Stift
Zerbricht
Bevor alles gesagt

Und
Wer hört mich
Wenn ich schweige
(Samisdatabschrift, s.a. Jürgen Fuchs: schriftprobe, Weimar 2001.)

Wohl jeder verstand, wie diese Verse die viel beschworene „Überlegenheit des Sozialismus“ vorführten und ihn als spießigen Kasernensozialismus bloßstellten. Und auch dieses Gedicht begeisterte uns:

MEDITIEREN

Was das sei, tochter?

Gegen morgen
noch am schreibtisch sitzen, am hosenbein
einen nachtfalter der
schläft

und keiner weiß vom anderen

„Und keiner weiß vom anderen.“
Das war ein Schlüsselsatz, die Aufforderung, daran etwas zu ändern! Wie? Durch Schreiben! Dieser Kunze machte es uns vor.
Seine Gedichte kokettierten nicht mit Doppeldeutigkeiten. Wir waren beeindruckt von der Genauigkeit der Worte und ihrer Sprachmächtigkeit. Andeutungen, Chiffren und die Sprachverstecke der Sklavensprache waren dieser Lyrik fremd. In ihr gab es keine blumigen Metaphern. Im Gegenteil, manches Gedicht verwandelte sich beim Lesen selbst in ein Bild, wie wir das allenfalls von Brecht her kannten. In seinen Buckower Elegien gibt es das Gedicht:

RUDERN, GESPRÄCHE

Es ist Abend. Vorbei gleiten
Zwei Faltboote, darinnen
Zwei nackte junge Männer: Nebeneinander rudernd
Sprechen sie. Sprechend
Rudern sie nebeneinander.
(Aus: Bertolt Brecht: Bd. 3 Gedichte, Aufbau Verlag Berlin 1973.)

Und dann las ich im Brief mit blauem Siegel diese Fortführung:

RUDERN ZWEI

Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein.
(Aus: Reiner Kunze: Brief mit blauem Siegel, Leipzig 1973, s.a. Reiner Kunze: Vögel über dem Tau, Halle 1959.)

Angesichts der hier gezeigten Kraft zweier Menschen füreinander war Brechts RUDERN, GESPRÄCHE plötzlich nur noch eine blasse Skizze.

„Kann ein Gedicht die Welt verändern“, fragte Reiner Kunze einmal und er antwortete: „Ein Gedicht kann nicht die Welt verändern, aber für das Leben des Autors kann es Folgen haben.“ – Und nicht nur für den Autor.
Wenige Wochen vor seinem Studienabschluss 1975 wurde Jürgen Fuchs von der Friedrich-Schiller-Universität Jena exmatrikuliert. Seine Diplomarbeit als Sozialpsychologe war bereits mit dem Prädikat „Sehr gut“ bewertet. Die offizielle Begründung:

Schädigung des Ansehens unserer sozialistischen Universität in der Öffentlichkeit.

Der eigentliche Grund waren seine literarischen Texte und sein Anspruch:

Sagen was ist.

Nur wenige hundert Meter von der Familie Kunze entfernt wohnte auf dem Greizer Hainberg der junge Beatmusiker, Maler und Lyriker Günter Ullmann. Er war fasziniert von diesem Mann und seiner Lyrik, waren doch Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit auch für ihn das höchste Gut. Nach Kunzes Ausschluss aus dem Schriftstellerverband schrieb er mit Freunden eine scharfe Protestresolution an das Zentralkomitee und den Vorstand des Schriftstellerverbandes. Ullmann geriet zwischen die Mahlsteine der Staatssicherheit, wurde in einem „Operativen Vorgang“ mit Zersetzungsmaßnahmen überzogen und über ein Jahrzehnt in eine psychische Krankheit getrieben.
In seinem 1969 in der Bundesrepublik veröffentlichtem Gedichtband sensible wege benannte Reiner Kunze, was DDR-offiziellen Stellen sofort als Provokation verstanden:

Dialektik
Unwissende damit ihr
unwissend bleibt

werden wir
euch schulen.

Max Walter Schulz, der spätere Vizepräsident des DDR-Schriftstellerverbandes, bezichtigte ihn für diesen Band auf dem VI. Schriftstellerkongress 1969 des „Individualismus“, „Antikommunismus“ und „böswilliger Verzerrung des DDR-Bildes“:
Nach seinen Protestresolutionen gegen Kunzes Verbandsauschluss und die Verhaftung von Jürgen Fuchs 1976 fügte Günter Ullmann epigrammatisch knapp seine Erfahrung hinzu:

dialek
tik
„Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig,
weil sie wahr ist.“

Begegnet bin ich Reiner Kunze zum ersten Mal 1974 bei einer Verbandssitzung des Schriftstellerverbands Gera/Erfurt in Weimar. Jürgen Fuchs und ich waren als Gäste eingeladen, quasi als Vorstufe einer damals noch möglichen Kandidatenschaft.
Wir saßen zu Dritt an einem der hinteren Tische. Reiner Kunze fiel in diesem geschwätzig, selbstgefälligen Kreis als still und zurückhaltend auf. Manchmal machte er sich Notizen. Die Mehrheit der regionalen Autorengrößen mied ihn demonstrativ. Einen Grund dafür vermerkt die Staatssicherheit im Operativen Vorgang „Lyrik“:

Inoffiziell wurde bekannt, dass der Schriftsteller Reiner KUNZE Anfang Juli 1973… mit dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet wurde… Über die Auszeichnung brachten die Schriftsteller des Bezirksverbandes Weimar/Erfurt H…, M…, B… und B… ihre Empörung zum Ausdruck. H… äußerte sich dahingehend, dass K. aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen werden sollte.
(OV „Lyrik“, Reg.-Nr.: X 514/68, Information vom 3.11.1976)

Es waren nicht nur Wolfgang Held, Armin Müller, Friedemann Berger, die Reiner Kunze schnitten, vor allem Harry Thürk und Inge von Wangenheim bestimmten das Klima. Einer der ganz wenigen, die in Pausengesprächen auf ihn zugingen, die den Bannkreis durchbrachen, war der Weimarer Lyriker Wulf Kirsten. Er war mit ihm befreundet, hatte ihn in Greiz besucht und war fast der einzige Autor, den man in Gesprächen mit ihm sehen konnte, seit Kunze 1975 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen worden war. Dafür wurde er überaus argusäugig beobachtet.
Damals begriff ich den allgemeinen Affront gegen Kunze noch nicht, sah darin vor allem einen Ausdruck von Neid. Immerhin schien mit Erich Honeckers Machtantritt auch in der Kulturpolitik größerer Freiraum möglich. Nicht nur der Brief mit blauem Siegel konnte 1973 erscheinen – wenn auch nur in zwei sofort vergriffenen Auflagen. Auch Franz Fühmanns 22 Tage oder die Hälfte des Lebens, Jurek Beckers Irreführung der Behörden und bereits 1972 Das ungezwungene Leben Kasts von Volker Braun machten Furore. Erich Loest machte die Probe aufs Exempel, begann die Arbeit an einem seiner wichtigsten Romane Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene, in dem er mit dem Alltag des „kleinen Mannes“ sozialistische Zukunftsvisionen unterlief.
Reiner Kunze entblätterte das Verhältnis von sozialistischem Schein und Sein auf seine Weise. Er sammelte in Gesprächen mit Schülern, Lehrlingen, jungen Arbeitern, Studenten und Soldaten Stoff über die DDR-Wirklichkeit jenseits der offiziell Zugelassenen und schuf aus den Momentaufnahmen seinen über eine halbe Million Mal verkauften Bestseller Die wunderbaren Jahre.
Selbst sagt er über dieses Buch:

Mir ging es nicht um Dokumentation von Einzelfällen. Mir ging es um das Exemplarische, das künstlerisch Relevante, also darum, mit einem möglichst hohen Maß an Authentizität Strukturen in uns sichtbar zu machen, die sich auf unser Menschsein zerstörerisch auswirken…

Heinrich Böll lobte, in diesem Prosaband sei „keine einzige Zeile zufällig, und so ist auch keine einzige Zeile überflüssig.“
Die Prosaminiaturen und Kurzgeschichten darin benennen gesellschaftliche Deformationen, darunter die Wirkung des in Kinderhirne gepflanzten militaristischen Geistes: der SECHSJÄHRIGE, der Spielzeugsoldaten mit Stecknadeln durchbohrt: „Warum gerade diese?“ „Das sind doch die anderen.“; der SIEBENJÄHRIGE, dem die Mutter eine Spielzeugmaschinenpistole Gegen die Bösen gekauft hat, für den Lenin „Der Hauptmann“ ist; der ELFJÄHRIGE, der in den Gruppenrat gewählt wurde und nun für Wehrerziehung zuständig ist: „Und was musst du da tun?“ „Ich bereite Manöver vor und so weiter.“; der ZWÖLFJÄHRIGE, der fast Pistole hätte schießen dürfen, der enttäuscht ist: „Ich habe mich als erster gemeldet – bloß ich habe ein paar Impulse zu viel.“
Andere Geschichten erzählen von Versuchen jugendlicher Selbstbestimmung, von Gängelung und harten Repressionen. Eine Erzählung bricht das Tabu-Thema der Bespitzelung durch die Staatssicherheit. Jürgen Fuchs hatte Reiner Kunze diese Begebenheit berichtet:
Jürgen, ein junger Mann, fährt mit dem Zug von Robert Havemann nach Jena. Ein attraktives Mädchen sucht seine Bekanntschaft, sagt, sie studiere, male, schreibe, interessiere sich für seinen Malerfreund, sie erfragt seine Adresse. Ein paar Tage später kreuzt sie just in dem Moment auf, als er mit Freunden kommt:

Jürgen registriert bloß, dass sie… sich für nichts zu interessieren scheint, zum Beispiel überhaupt nicht für seine Gedichte, die er doch immer ans Regal zweckt. Sie sagt auch kein Wort zu den Bildern, die er an der Wand hat – dabei Bilder von dem Maler, den sie unbedingt kennenlernen wollte (…) Als die anderen gehen, geht sie nicht, und weil Jürgen bloß eine Schlafgelegenheit hat, rückt er für sich zwei Sessel zusammen und bietet ihr sein Bett an. (…) Und sie knallt sich auch nackt aufs Bett. Jürgen hat aber keine Lust, mit ihr zu schlafen, und sagt ihr’s auch, weil er sie überhaupt nicht kennt – ist doch ein Grund. (…) Am nächsten Morgen ist die Sache klar für ihn (…) Er macht Kaffee und legt dann von Biermann die Stasi-Ballade auf. Sie erschrickt, dass er ihre Halsschlagader sieht, aber sie hat sich schnell unter Kontrolle und sagt, na, über dieses Thema gäb’s ja viele Lieder, das sei wohl eins von Wolf Biermann. Jürgen spielt alle Strophen ab und stellt ihr dann eine Frage nach der anderen: Und sie redet auch: Sie hat nicht studieren dürfen, hat in der Maxhütte gearbeitet und war dann in Dresden in einen Fall von Medikamentenmißbrauch mit tödlichem Ausgang verwickelt, und als Jürgen sie fragt, wie lange sie schon bei der Firma arbeitet, die ihr unter solchen Umständen einen Studienplatz und eine Wohnung in Berlin besorgt hat (von der hatte sie ihm erzählt), sagt sie: Warum? Wieso? Und: Du musst mir helfen! Da müßte er ihre Firma umstrukturieren, sagt Jürgen, und das könne er nicht. (…) Jürgen fordert sie auf zu packen. (…) begleitet sie zum Bus, und sie sagt fast drohend, er müsse ihr helfen, sie sei in einer schlimmen Situation. Jürgen bittet sie, ihn nie wieder zu besuchen, und noch in der Bustür sagt sie, offenbar könne er anderen Menschen überhaupt nichts geben, nicht einmal helfen könne er… (Sie hätte unheimlich zupackende Augen gehabt, richtig nagend, sagt Jürgen.)

Das Büro für Urheberrechte hatte die Veröffentlichung von Die wunderbaren Jahre für die Bundesrepublik genehmigt. Die zu erwirtschaftenden Devisen wogen schwerer als inhaltliche Bedenken. Als der Band am 8. September 1976 erschien, war die Resonanz im bundesdeutschen Fernsehen, Rundfunk und Feuilleton allerdings so überraschend, dass Kurt Hager, der Chefideologe im Zentralkomitee der SED, gegen westliche Spekulationen einer Liberalisierung in der DDR harte Tatsachen schaffen ließ.
Kunzes Ausschluss aus dem Schriftstellerverband wurde im ZK beschlossen und über das MfS, den Parteisekretär des Schriftstellerverbandes Gerhard Henninger, und die Abteilung Kultur im ZK wurde minutiös und streng vertraulich geplant:

Es ist beabsichtigt, dass der Schriftsteller Hermann KANT einen Artikel für das „ND“ schreibt, in dem er sich gegen die derzeitigen politisch-ideologischen Angriffe aus der BRD und die damit im Zusammenhang stehenden Praktiken des BRD-Schriftstellers Heinrich BÖLL ausspricht. In diesem Artikel soll Hermann KANT auch die feindlichen Aktivitäten von KUNZE mit behandeln. Es ist beabsichtigt, diesen Artikel am 25.10. im „ND“ zu veröffentlichen.
Es ist vorgesehen, mit KUNZE in der Zeit vom 26.10. – 28.10.76 vor dem Vorstand des Schriftstellerverbandes Bezirk Gera/Erfurt ein Gespräch durchzuführen.
(…) In diesem Gespräch wird Kunze durch den Bezirksvorsitzenden, Genossen Harry THÜRK, mitgeteilt, dass er am 29.10.1976 auf der Wahlberichtsversammlung des Bezirksverbandes auf das Verhalten von KUNZE eingehen wird und gleichzeitig den Vorschlag unterbreitet, KUNZE aus dem Schriftstellerverband auszuschließen. Als Diskussionsredner für die Wahlberichtsversammlung werden die Schriftsteller Martin VIERTEL, Armin MÜLLER, Wolfgang HELD, Inge von WANGENHEIM vorbereitet. (…)

Der von Kant geforderte Artikel erschien nicht im SED-Zentralorgan Neues Deutschland. Doch am 3. November 1976 wurde das Präsidium des Schriftstellerverbandes zusammengerufen, um den Ausschluß Kunzes aus dem Schriftstellerverband der DDR zu bestätigen.

Genosse Henninger erklärte dazu, dass er bei der Bestätigung des Ausschlusses KUNZES aus dem Schriftstellerverband mit keinerlei Schwierigkeiten durch die Mitglieder des Präsidiums rechne, da Herman KANT und auch Erwin STRITTMATTER der Ansicht sind, dass der Ausschluß Kunzes aus dem Schriftstellerverband wohl das Mindeste sei und es ihrer Ansicht nach an der Zeit wäre, Kunze aus der DDR auszuweisen. (OV „Lyrik“, Reg.-Nr: X 514/68, Information 13.10.1976)

Ausschluss aus dem Schriftstellerverband war in der DDR gleichbedeutend mit Berufsverbot, mit dem Verbot, durch freiberufliche, schriftstellerische Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen zu können.
Genosse Gerhard Henninger, der SED-Sekretär des Schriftstellerverbandes, führt die Fäden. Er und Genosse Leo Sladczyk von der Abteilung Kultur des ZK, räumten am 28. Oktober in Erfurt letzte Zweifel der Weimarer Vorstandsmitglieder aus. – Nicht etwa wegen der Härte eines solchen Schrittes. Darin war man sich einig:

KUNZE greift… auf Grund seiner Einzelbeispiele nicht irgendwelche falschen Methoden oder Leitungsfehler an,… [sondern] die Gesellschaftsform des Sozialismus.

Zweifel hegten die Genossen Schriftsteller aus Weimar nur, ob sie wirklich Rückendeckung bekämen, wenn sie mit ihrem „Hervorpreschen… ein Riesenfaß“ aufmachten.

… Inge von WANGENHEIM [gab zu] bedenken, dass, wenn Weimar jetzt den Ausschluß beantrage, noch keine Garantie für die hiesigen Genossen gegeben sei, dass das Präsidium und die Spitze in Berlin nun absolut hinter dem Antrag der Weimarer Genossen ständen, sie hätten sogar Bedenken, dass in Berlin einige möglicherweise für KUNZE stimmen würden, also hier haben sie wohl das Recht, eine Bestätigung absolut konkret zu verlangen, dass so etwas nicht eintreten könne.
In diesem Sinne sprachen auch HELD und THÜRK, also die Weimarer Spitzengruppe… es meldeten sich dann Genosse SLADCZYK zu Wort und Dr. HENNINGER, die versicherten, Berlin würde also keinesfalls dagegen sein, wenn die Weimarer Parteigruppe den KUNZE ausschließe, im Gegenteil.
SLADCZYK wies noch einmal darauf hin, dass HAGER also eindeutig gesagt hätte, wenn KUNZE also im Kapitalismus verfaulen will, dann soll er doch dahin gehen.
(OV „Lyrik“ Reg.-Nr. X 514/68, Information 8.11.1976)

Von all dem ahnte ich nichts, als ich am 29. Oktober der schon lange verschickten Einladung zur Jahresberichtsversammlung des SV nach Weimar folgte. Die Atmosphäre war gespannt, war anders als sonst. Die kleinen Götter des Weimarer Verbandes steckten ihre Köpfe zusammen, besprachen sich, das leiser als üblich. Armin Müller, der sein Ego gern mit einem gefüllten Cognacschwenker vor sich auf dem Tisch unterstrich, trank deutlich mehr als gewöhnlich. Der Vorsitzende Harry Thürk hielt die Brandrede, und er hielt sie mit offenkundiger Genugtuung. Er drohte, wenn Reiner Kunze weiter im Verband bliebe, dann würden sie, die ernsthaften Schriftsteller, die mit ihrer Feder für den Sozialismus stritten, austreten. Weitere Diskussionsredner empörten sich, dass der Vorgeladene nicht zu seiner Verteidigung erschienen war. Aus der Gestik und den Worten einiger Schriftstellergenossen war zu spüren, wie gern sie ihn vor ihrem Tribunal gesehen hätten.
Wolfgang Held, Autor des Romans Einer trage des anderen Last verlas Reiner Kunzes Erklärung. In ihr verteidigte der Dichter alles in Die wunderbaren Jahre Aufgeschriebene als erlebte und nachweisbare DDR-Wirklichkeit. Seine Absicht sei es, mit dem Buch das Nachdenken über die Rolle von Staat und Staatssicherheit anzuregen.
Die Abstimmung erfolgte einstimmig. Zwar hoben zwei bei der Frage nach Gegenstimmen die Hand, doch die waren nicht stimmberechtigt, sie waren nur Gäste. Der Gaststatus im Schriftstellerverband wurde uns an diesem 29. Oktober 1976 zum letzten Mal gewährt.
Nach der erzwungenen Ausreise und nach der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Reiner Kunze rief Hermann Kant ihm in seiner Antrittsrede als frisch inthronisierter Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR nach:

Kommt Zeit, vergeht Unrat.

Im Jahr 2003 lud die Universität Jena Reiner Kunze als ihren Ehrendoktor anlässlich seines siebzigsten Geburtstages zu einem Festakt ein. Auch Wulf Kirsten war unter den Gästen. Er stand auf und sagte, wie furchtbar er noch immer darunter leide, dass auch er damals für den Verbandsausschluss gestimmt hatte. Da stand Reiner Kunze auf, ging zu ihm, umarmte ihn und sagte:

Du Esel! Du weisst doch ganz genau, wenn Du mich vorher gefragt hättest: Reiner, was soll ich denn machen? dann hätte ich gesagt: Um Himmels Willen, stimme für den Ausschluss! Du kannst nichts bewirken. Du ruinierst Deine Familie, Du verlierst Deine Arbeit und mir kannst Du nicht helfen.

Udo Scheer, aus Matthias Buth und Günter Kunert (Hrsg.): Dichter dulden keine Diktatoren neben sich, Verlag Ralf Liebe, 2013

DIE WUNDERBAREN JAHRE

Wie sie der junge Truman Capote erlebt hat.
Wie sie die Tochter von Reiner Kunze erlebt hat.

Die Jahre unserer Kinder, von denen wir
nichts wissen.

Als wir miteinander lebten. Ich wollte dir
meine Geheimnisse zeigen.
Von deinen Schrecken kannte ich zu wenig.

Nicht mehr, später wieder, davon sprechend.

Jürgen Becker

 

Michael Wolffsohn: REINER KUNZE – der stille Deutsche

In Lesung und Gespräch: Reiner Kunze (Autor, Obernzell-Erlau), Moderation: Christian Eger (Kulturredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, Halle). Aufnahme vom 17.01.2012, Literaturwerkstatt Berlin. Klassiker der Gegenwartslyrik: Reiner Kunze. Wenn die post hinters fenster fährt blühn die eisblumen gelb.

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Harald Hartung: Auf eigene Hoffnung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.8.1993

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Katrin Hillgruber: Im Herzen barfuß
Der Tagesspiegel, Berlin, 16.8.2003

Lothar Schmidt-Mühlisch: Eine Stille, die den Kopf oben trägt
Die Welt, 16.8.2003

Beatrix Langner: Verbrüderung mit den Fischen
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.8.2003

Sabine Rohlf: Am Rande des Schweigens
Berliner Zeitung, 16./17.8.2003

Hans-Dieter Schütt: So leis so stark
Neues Deutschland, 16./17.8.2003

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: Poesie mit großen Kinderaugen
Badische Zeitung, 16.8.2008

Christian Eger: Der Dichter errichtet ein Haus der Politik und Poesie
Mitteldeutsche Zeitung, 16.8.2008

Jörg Magenau: Deckname Lyrik
Der Tagesspiegel, 16.8.2008

Hans-Dieter Schütt: Blühen, abseits jedes Blicks
Neues Deutschland, 16./17.8.2008

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Jörg Bernhard Bilke: Der Mann mit dem klaren Blick: Begegnungen mit Reiner Kunze: Zum 80. Geburtstag am 16. August
Tabularasa, 18.7.2013

artour: Reiner Kunze wird 80
MDR Fernsehen, 8.8.2013

André Jahnke: Reiner Kunze wird 80 – Bespitzelter Lyriker sieht sich als Weltbürger
Osterländer Volkszeitung, 10.8.2013

Josef Bichler: Nachmittag am Sonnenhang
der standart, 9.8.2013

Thomas Bickelhaupt: Auf sensiblen Wegen
Sonntagsblatt, 11.8.2013

Günter Kunert: Dichter lesen hören ein Erlebnis
Nordwest Zeitung, 13.8.2013

Marko Martin: In Zimmerlautstärke
Die Welt, 15.8.2013

Peter Mohr: Die Aura der Wörter
lokalkompass.de, 15.8.2013

Arnold Vaatz: Der Einzelne und das Kartell
Der Tagesspiegel, 15.8.2013

Cornelia Geissler: Das Gedicht ist der Blindenstock des Dichters
Berliner Zeitung, 15.8.2013

Johannes Loy und André Jahnke: Eine Lebensader führt nach Münster
Westfälische Nachrichten, 15.8.2013

Michael Braun: Süchtig nach Schönem
Badische Zeitung, 16.8.2013

Jochen Kürten: Ein mutiger Dichter: Reiner Kunze
Deutsche Welle, 15.8.2013

Marcel Hilbert: Greiz: Ehrenbürger Reiner Kunze feiert heute 80. Geburtstag
Ostthüringer Zeitung, 16.8.13

Hans-Dieter Schütt: Rot in Weiß, Weiß in Rot
neues deutschland, 16.8.2013

Jörg Magenau:  Der Blindenstock als Wünschelrute
Süddeutsche Zeitung, 16.8.2013

Friedrich Schorlemmer: Zimmerlautstärke
europäische ideen, Heft 155, 2013

Zum 85. Geburtstag des Autors:

LN: Sensible Zeitzeugenschaft
Lübecker nachrichten, 15.8.2018

Barbara Stühlmeyer: Die Aura der Worte wahrnehmen
Die Tagespost, 14.8.2018

Peter Mohr: Die Erlösung des Planeten
titel-kulturmagazin.de, 16.8.2018

Udo Scheer: Reiner Kunze wird 85
Thüringer Allgemeine, 16.8.2018

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG +
Rede + Interview 1 + 2 + 3
DAS&D + Georg-Büchner-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skiba Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Reiner Kunze

 

Reiner Kunze – Befragt von Peter Voss am 15.7.2013.

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