Reinhold Grimm: Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Fremder Garten“

Im Kern

Im Kern

– Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Fremder Garten“ aus Hans Magnus Enzensberger: verteidigung der wölfe. –

 

 

 

 

 

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

Fremder Garten

es ist heiß. das gift kocht in den tomaten.
hinter den gärten rollen versäumte züge vorbei,
das verbotene schiff heult hinter den türmen.

angewurzelt unter den ulmen. wo soll ich euch hintun,
füße? meine augen, an welches ufer euch setzen?
um mein land, doch wo ist es? bin ich betrogen.

die signale verdorren. das schiff speit öl in den hafen
und wendet. ruß, ein fettes rieselndes tuch
deckt den garten. mittag, und keine grille.

 

Silent Summer

Gibt es ökologische Lyrik? Verse also, in denen die Verschmutzung, Verseuchung, Vergiftung, die langsame, so laut- wie erbarmungslose Verödung und Zerstörung unserer Erde Gestalt wird? Verse aber, die gleichwohl Lyrik heißen dürfen?
Es gibt Gedichte, die von Ökologie reden oder zu reden meinen; gewiß. Doch das meiste, was diesen Anspruch erhebt, ist entweder larmoyant oder militant, schlicht wehleidig oder einfältig auftrumpfend – naiv, mit einem Wort, und in jedem Fall von einer Modewelle getragen, die derlei längst ins allgemeine Bewußtsein geschwemmt hat. Ökologische Lyrik? Nein, nicht die fixen Verse der Modischen, der Macher oder Mitläufer, enthalten sie. Man muß um mehr als zwei Jahrzehnte zurückgehn, zu Hans Magnus Enzensbergers Erstlingsband von 1957, zu den neun Zeilen, die dort „fremder garten“ überschrieben sind und damals, als eins der „traurigen gedichte“ jener Sammlung, von fast allen „freundlich“ oder „böse“ überlesen wurden. Diese Verse nämlich, so erkennt man nun, bilden eine makellose, eine reine ökologische Elegie, wie paradox das auch klingen mag. Süden, Sommer, die arglose, von jedermann „heiß“ ersehnte Idylle? Nur einen Atemzug hält dieser Eindruck vor. Denn:

das gift kocht in den tomaten.

Die Früchte der Gärten und Felder sind verseucht; in ihnen brodelt „etwas, das keine farbe hat, etwas, das nach nichts riecht“, wie es bald darauf – in einem anderen Gedichtlauten wird. Etwas „zähes“ kriecht „aus den poren der welt“; eine „dürre flut“ breitet sich aus, so daß selbst die letzten „signale verdorren“. Ja, verdorren! Das Bild wirkt zwar völlig abstrakt, aber das Leben schrumpft und zerfällt tatsächlich. Nicht bloß das Laub, alle Zeichen von Leben verdorren wie unterm Pesthauch einer tödlichen defoliation… Und Enzensberger setzt auch gar keinen Vergleich, sondern sieht diesen Vorgang als Wirklichkeit.
Sein Unheilsbild ist ebenso real, wie die übrigen, einst harmlos-alltäglichen Vorgänge, die er schildert, unheimlich bildhaft wirken. Ein „schiff speit öl in den hafen“ – niemand heute kann dies mehr hören, ohne zugleich geborstene Tanker, vergiftete Strände, Klumpen toter Seevögel und Fische und die riesigen Ölflecke auf dem Meer zu erblicken. Nicht anders der „ruß“, der den Boden „deckt“ – er, „ein fettes rieselndes tuch“, ist das alles verhüllende Leichentuch der pollution. Der Vorhang des Todes hat sich über die Erde gesenkt:

mittag, und keine grille.

Im südlichen Sonnenglast, wenn das Schrillen der Zikaden, ein einziger ununterbrochener Ton wie ein Teil des Lichts und der heißen, zitternden Luft über der Landschaft hängt – nichts, kein Laut! Sogar die Insekten sind verstummt, zu schweigen von den Vögeln. Der Silent Spring ist zum Silent Summer geworden.
Doch nicht die Erde nur, die ein schöner, vertrauter „garten“ sein könnte, erweist sich als „fremd“. Auch der Mensch ist sich selbst und der Welt entfremdet. Wo denn wäre ein „land“, auf dem seine „füße“ rasten, wo ein „ufer“, auf dem seine „augen“ ruhen könnten? Er ist um beides „betrogen“ – und trotzdem, wortwörtlich, „angewurzelt“.
Blieben demnach allein noch Verlust und Vergeblichkeit: die „versäumten züge“, das „verbotene schiff“? Aber was dieses ökologische Gedicht (das vielleicht ursprünglich nicht einmal ganz als solches gedacht war) vor allen ähnlichen auszeichnet, ist etwas sehr Einfaches und doch überwältigendes. „Das Gedicht spricht, wovon es schweigt.“ So Enzensberger selber seinerzeit über Nelly Sachs. Seine Verse beschwören, was sie verneinen. Indem er trauert und klagt, vergegenwärtigt er. Nie habe ich die Grillen lauter und lieblicher vernommen als aus diesen leisen Worten, die so gänzlich ohne Hoffnung scheinen.

Reinhold Grimm, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 4, Insel Verlag, 1979

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