Rudolf Bussmann: Zu Elisabeth Wandeler-Decks Gedicht „8.4.1996“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Elisabeth Wandeler-Decks Gedicht „8.4.1996“ aus dem Band Elisabeth Wandeler-Deck: contrabund. −

 

 

 

 

ELISABETH WANDELER-DECK

8. 4. 1996

Zettelarbeiten in gewohnter Umgebung
(angeheftete Leichenzettel z. B. gelesen)
morgens bläuliches Serviettengerassel
(Lesefehler) abruptes Teevergießen knapp
verhinderte Seeschlacht (Zugriff verweigert)
am Fuße des Mastbaums flüstert die Einsagerin
Session mit Servierbrettern serviles Getue
armgebeugt (gebeutelte Zettelversammlung)

 

Wochengedicht #42: Elisabeth Wandeler-Deck

Wir erhalten, wie es scheint, einen Einblick in die Arbeit der Schriftstellerin. Sie schreibt „in gewohnter Umgebung“, wobei die Umgebung eine öffentliche ist, jedenfalls herrscht um sie „serviles Getue“, es gibt Serviertabletts und Servietten. Der Ort ist wohl ein Café, alles geht seinen friedlichen Gang, bis die Dasitzende versehentlich ihren Tee ausleert. Die sich ausbreitende Flüssigkeit ruft in ihr die Assoziation Seeschlacht wach, die das Bild eines Mastbaums nach sich zieht. Rechtzeitig kommt Hilfe, der Ausdruck „serviles Getue“ bezieht sich vermutlich auf die Säuberungsaktion einer Bediensteten, die mit gebeugten Armen auf dem Tisch Ordnung schafft.

Das Eigenleben der Zettel
Das Gedicht verweigert sich dem raschen Verständnis dadurch, dass die in Klammern gesetzten Bemerkungen sich nicht als Ergänzung des Gesagten lesen, sondern ein gewisses Eigenleben führen. Allerdings ist von Anfang an klar, dass sie irgendwie dazugehören, verbindet sie doch das Wort Zettel, das sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Klammer auftaucht, mit dem Übrigen. Sie verfolgen das Schicksal der auf dem Tisch liegenden Zettel während des dummen kleinen Unfalls, der mit dem Tee passiert: Zunächst sind die Zettel angeheftet (vielleicht am Manuskript oder an Blättern mit Notizen), einer von ihnen wird falsch entziffert.
Ob der Lesefehler daran schuld ist, dass die Autorin den Tee verschüttet, weil sie zu rasch nach dem Zettel greift um ihn richtig zu lesen? Das Gedicht äussert sich dazu nicht, wie es überhaupt keine Zuordnungen vornimmt. So ist bei der nächsten Klammer nicht auszumachen, welche Art von Zugriff verweigert wird, ob auf einem Laptop die anvisierte Internetseite nicht zugänglich ist oder ob die Notizblätter vom Tee nass geworden und für den Moment unbrauchbar sind. Die letzte Klammerbemerkung lässt eher auf diesen Sachverhalt schliessen: Die Zettel sind versehrt; das Wort „gebeutelt“, das auch im Sinne von „sich bauschen“ verwendet wird, deutet auf einen Wasserschaden hin.
Ein Rätsel gibt das Wort „Leichenzettel“ auf, das sich nur schwer in den Kontext einbeziehen lässt. Handelt es sich um längst verarbeitetes Material, das angeheftet geblieben ist? Oder bezieht sich der angeführte Lesefehler genau auf dieses Wort, das falsch entziffert wurde? Vielleicht vermöchte die „Einsagerin“ Klarheit zu schaffen. Sie führt ein ähnlich kryptisches Dasein im Gedicht. Ist sie eine zweite am Tisch sitzende Person? Gar eine anwesende Muse? Oder die Dichterin selber (die sich nie als „Ich“ meldet)? Kein Schreibmorgen ohne ein kleines Geheimnis. Lassen wir es dabei bewenden, dass beim Chaos, das auf dem Tisch vorübergehend herrscht, jemand ungehindert einsagt und flüstert.

Rudolf Bussmann, TagesWoche, 21.1.2013

Fakten und Vermutungen zum Autor

1 Antwort : Rudolf Bussmann: Zu Elisabeth Wandeler-Decks Gedicht „8.4.1996“”

  1. lange Zeit zurück (endfünfziger): zetteln im Schloss Mannheim – spiralig drehend ist das bei Webern….

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