Rudolf Bussmann: Zu Vera Schindler-Wunderlichs Gedicht „Aufgeschnitten“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Vera Schindler-Wunderlichs Gedicht „Aufgeschnitten“ aus dem Lyrikband Vera Schindler-Wunderlich: Dies ist ein Abstandszimmer im Freien. −

 

 

 

VERA SCHINDLER-WUNDERLICH

Aufgeschnitten

Wunden bleiben manchmal Wunden,
bleiben Löcher, fast Münder, fünf
Wochen oder sechs, Öffnungen, nicht böse,
nicht tödlich, die doch zügig ins Fleisch führen,
in alles Mögliche, was wir in uns vermuten,
auch könnte jemand den Eingang nutzen,
hineinsehen, etwas einschleusen, womöglich
Gift, einen Zettel, Pfeffer oder Staub.
Fünf Wochen oder sechs: der tägliche Blick
auf den Einlass, der den Arbeitskörper stört
und so aufsperrt, dass man zu ihm sagt:
Erzähl was von dir! Wo führst du hin?
Wieso hast du dich empört? Warum
musste man dich mit Messern öffnen?

 

Wochengedicht #40: Vera Schindler-Wunderlich

Wunden – ein hässlicher Anblick, ein unangenehmes Thema. Wider Erwarten führt das Gedicht die Wunden aber nicht als Verletzungen ein, die aus einem Unfall oder aus einem Versehen heraus entstanden und möglichst rasch verheilen sollen, sondern als etwas, das Einsichten eröffnet. Es sagt von ihnen, sie führten „in alles Mögliche, was wir in uns vermuten“, und zwar „zügig“, ähnlich wie eine Höhle ins Innere der Erde führt und Unbekanntes entdecken lässt. Worte wie „Löcher“, „Eingang“ unterstützen diese Vorstellung, und der Ausdruck „Einlass“ wendet sie deutlich ins Positive: Es geht um einen Zugang, der zuvor versperrt war und endlich frei liegt. Die Assoziationen, die mit „Wunde“ gewöhnlich verbunden sind – Schmerz, Klagen, Hoffnung auf Besserung – werden durchkreuzt von einer ganz anders gelagerten Gedankenkette, die sich in Richtung Neugier, Staunen, sich eröffnende Chance bewegt. Der Körper wird als Feld für Expeditionen verstanden, als ein unzugängliches Objekt, das sich via Verletzung erkunden lässt.

Woher rührt der Schnitt?

Die Wunde tritt in der dritten Person auf, bevor sie direkt angesprochen wird: „Erzähl was von dir! Wo führst du hin?“ In der Weiterführung dieser Anrede wechselt sie den Status, sie steht nun als pars pro toto für den Körper als ganzen. Die Fragen auf den letzten beiden Zeilen richten sich nicht an sie, sondern an den Leib, in dem sie sich befindet.
Das Gedicht kippt damit ins Rätselhaft-Unheimliche, das nach einer Deutung ruft. Tatsache ist, dass der Verletzung offenbar ein Aufruhr vorausging, der mit dem Schnitt endete. Ist dieser die Folge eines Suizidversuchs? Oder ist mit der Frage „Wieso hast du dich empört?“ ein körperliches Leiden angesprochen, das nach einem chirurgischen Eingriff verlangte? Sucht die Patientin über die Operationswunde zur Klarheit über ihre Krankheit zu kommen und bezeichnet sie den Schnitt deshalb als Mund, weil sie ihn zum Sprechen bringen will?
Auch wenn sich das Gedicht nur auf körperliche Vorgänge bezieht, gehen die Fragen am Schluss ins Grundsätzliche: Eine Verletzung wird daraufhin befragt, welches ihre Gründe sein können. Die lange Dauer der Wunden, die zögernde Verheilung lässt sich unschwer auch auf seelische Verletzungen übertragen, ohne dass die beschriebenen Details unstimmig würden. Dass jemand Salz („Gift“, „Pfeffer“) in eine Wunde streut, kann ebenso metaphorisch verstanden werden wie die Verletzung selber, die zum Nachdenken darüber führt, was sie hervorgerufen hat. Das Gedicht bezieht seine Unerbittlichkeit aber gerade daraus, dass es die Ebene der unmittelbaren Sinnlichkeit nie verlässt und auf dieser mit dem Titel „Aufgeschnitten“ explizit beharrt.

Rudolf Bussmann, TagesWoche, 7.1.2013

Fakten und Vermutungen zum Autor

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