Rüdiger Görner: Zu Thomas Bernhards Gedicht „Unten liegt die Stadt…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Thomas Bernhards Gedicht „Unten liegt die Stadt…“ aus Thomas Bernhard: Gesammelte Gedichte. –

 

 

 

THOMAS BERNHARD

Unten liegt die Stadt,
du brauchst nicht wiederkommen,
denn ihr Leichnam ist von Blüten übersät.
Morgen spricht der Fluß.
Die Berge sind verschwommen,
doch der Frühling kommt zu spät.
Unten liegt die Stadt.
Du merkst dir nicht die Namen.
Aus den Wäldern fließt der schwarze Wein.
Und die Nacht verstummt.
Die kranken Vögel kamen.
Und du kehrst nur mehr in Trauer ein.

 

Im Ruin der Städte

Dass sich die Städte nach 1945 im eigentlichen Sinne wiederaufbauen ließen, hielt nicht nur der junge, lungenkranke Thomas Bernhard für eine Illusion. Diesen, wie er glaubte, auf immer „ausgebrannten Städten“ widmete er Anfang der fünfziger Jahre einen kleinen lyrischen Zyklus, der mit unserem Gedicht schließt. Die Städte dieses Zyklus sind Paris, Venedig und Salzburg, das er seine „Hauptstadt“ nannte, sowie eine sterbende Fantasiestadt; mithin handelt es sich um Städte, die weitaus weniger zerstört waren als Coventry, Warschau oder Dresden. Das wiederum bedeutet, dass dieser angehende Schriftsteller jede Stadt, jede Kapitale der großen Kulturtraditionen für ruiniert hielt, weil tödlich in ihrer geistigen Bausubstanz getroffen.
Mit dem Gedicht „Unten liegt die Stadt“ versuchte nun Bernhard, seinem deutlich an Eliots The Waste Land angelehnten Zyklus eine an Trakl anknüpfende Schlusskadenz zu geben. Traklhaft klingt etwa der „schwarze Wein“, aber auch die schließliche „Einkehr“ in die Trauer. Was die Form angeht, so erinnert Bernhard mit seinem Gedicht an die Terzinen eines Hofmannsthal. Zwar verkürzt er sie und verändert deren Reimschema; bei Bernhard reimen sich nur je zwei Terzinen mit ihren zweiten und dritten Versen, wogegen die ersten Verse allein stehen, auf sich selbst angewiesen sind. Und doch bleibt insgesamt der Eindruck einer gewissen Bündigkeit, ja, Folgerichtigkeit der poetischen Aussage erhalten, die für die klassische Terzine so charakteristisch ist.
Trotz dieser offenkundigen Anlehnungsversuche an die große Tradition kann man schwerlich von einem bloß epigonalen Gedicht sprechen. Warum nicht? Weil dieses Gedicht neben anverwandelte, parodierte Sprachformen betont simplistische, das Erbe entzaubernde Aussagen stellt: „du brauchst nicht wiederkommen“ – das ist bei Trakl, Hofmannsthal oder Eliot ebensowenig denkbar, wie überhaupt dieses gehäufte „Kommen“, das zunächst einmal eher zum Davonlaufen ist, bis sich der Verdacht erhärtet, dass dieser junge Lyriker, Thomas Bernhard, der in den übrigen, zumeist langen Gedichten seines Zyklus eine erstaunliche Kunstfertigkeit an den Tag legte, mit diesem eher monotonen Gedicht den Leerlauf der zitierten Traditionen zeigen wollte; das gilt auch für den Vers: „Morgen spricht der Fluß“, nicht wie noch im romantischen Lied Schumanns „der Dichter“, schon gar kein Zarathustra, sondern eine unverständlich werdende Natur.
Bernhards Ich schaut auf seine Stadt Salzburg – nicht wie ein selbstbewusster Ernst Reuter auf Berlin, um der Welt zu zeigen, wie eine Stadt leidet. Nein, dieses tief traurige Ich gestattet sich zwar eine erhöhte Perspektive, aber nicht die des Rednerpults, sondern jene des einsamen Wanderers auf dem Mönchs- oder Kapuzinerberg, der eine Nekropolis der Kultur betrachtet. Wie zum Schein hat er Distanz gewonnen, rät einem „Du“, wie es sich angesichts dieser zum „Leichnamen“ gewordenen Stadt zu verhalten habe. Aber dieses Du ist kein wirkliches Gegenüber, kein Partner, kein Freund, sondern das Ich, das sich selbst anredet.
Was hier aus Ruinen aufersteht, ist allenfalls Ratlosigkeit – auch angesichts einer Natur, zu der es kein tröstliches Verhältnis mehr geben kann. Indem die Blüten des Frühlings die tote Stadt übersäen, täuschen sie Leben vor. Aber der „schwarze Wein“ des allzu Späten lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass sich hier allenfalls der Tod selbst zelebriert. Und die Zeichen der Zukunft zeigen sich nur in Gestalt „kranker Vögel“. Es ist ein Gedicht zum Thema unscharfe bis verfehlte Beziehungen: Verschwommene Berge, dem Vergessen anheimfallende Namen, das Missverhältnis der Zeit zur Natur („der Frühling kommt zu spät“). Nur das selbstvergewissernd sich anredende Ich scheint „bei sich“ zu sein, zwar keineswegs mit sich im reinen, aber auch nicht mit sich selbst entzweit. Aber es kann leben, solange es zu trauern vermag.
Zur selben Zeit befand Gottfried Benn in seinem letzten Gedicht, dass wirkliche Trauer nicht mehr sein könne in einer Welt, in der das Ende zum Dauerzustand geworden sei und wir dazu verurteilt sind, zunehmend sprachlos vor den Relikten der geistigen Tradition zu verharren, vor den Betten und Kissen der großen Toten. Demgegenüber klagte Bernhard in seinen ersten Gedichten sein Recht auf Trauer ein, suchte nach betont schlichten Worten, ja, beinahe naiven Bildern, um an den elementaren Sinn des Trauerns zu erinnern, bevor er dann in seinen Stücken und Prosawerken diesen Sinn ins Absurde umschlagen ließ. Auf dem Weg zum Absurden sollte seine Syntax, scheinbar maßlos, komplexer werden, sein Bekenntnis zur Sinnlosigkeit obsessiver, sein Handhaben der Wiederholung auch vermeintlich nebensächlicher Gedanken penetranter, aber auch kunstvoller. Selbst wenn sie burleske Kapriolen schlug, Bernhards Sprache blieb stets dieser abgrundtiefen Trauer um eine zur Selbstauslöschung verurteilten Kultur eingedenk.

Rüdiger Görner, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.12.2000

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