Sibylle Wirsing: Zu Gottfried Benns Gedicht „Schöne Jugend“

Im Kern

Im Kern

− Zu Gottfried Benns Gedicht „Schöne Jugend“ aus dem Gedichtband Gottfried Benn: Morgue. −

 

 

 

 

GOTTFRIED BENN

Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

 

Die Autorität

Gottfried Benns frühes Gedicht „Schöne Jugend“ aus dem Zyklus Morgue (1912) schildert einen merkwürdigen Fall aus der anatomischen Praxis, den Fall eines lebenden Leichnams. Der Körper, den man vor sich hat, weist bei der Obduktion ein gesundes Innenleben auf.
Das Erlebnis, das schaurig und außergewöhnlich ist, wird konsequent in der Vergangenheitsform mitgeteilt. Indessen statuiert der Gedicht-Bericht im Widerspruch zu dem Schock die Gleichgültigkeit der zugrundeliegenden Person. Das freie Versmaß hätte es durchaus erlaubt, von dem Mund „des Mädchens“ zu erzählen, dem Mund eben dieser und keiner anderen Toten. Aber der Dichter wählt den unbestimmten Artikel und beschreibt den Mund „eines Mädchens“, irgendeiner jungen Person, nicht der ersten oder letzten, die im Schauhaus endet, und riskiert um der Verallgemeinerung willen sogar den Verstoß gegen die Logik seines Vortrags. Denn zur Charakterisierung eines unpersönlichen, typischen Sachverhaltes gehört, streng genommen, das Präsens: „Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hat, sieht angeknabbert aus.“ Benn wollte beides: den gemeinen und den ungemeinen Vorfall. Das Ereignis sollte einerseits möglichst spektakulär erscheinen und andererseits so trivial, daß das tote Mädchen nicht einmal durch die individuelle Besonderheit seines Verwesungszustandes etwas Besonderes ist. Die stilistische Unsicherheit des Anfangs weist jedoch darauf hin, daß die Liquidierung der menschlichen Perspektive schwerfällt. Der Dichter schafft es erst nach der zweiten Gedichtzeile, den Menschen ganz und gar zu leugnen. Von nun an kommt die Tote nur noch im Detail vor: die Brust, die Speiseröhre, das Zwerchfell. Die Leiche dient als Hohlform für eine virtuose Schilderung. Glatt, wie der Anatom das Innere freilegt, meißelt der Arzt und Poet die Bedeutungsvielfalt seiner Sprache heraus. Mit der sachlichen Information, daß die Brust aufgebrochen wurde, und mit dem hochartistischen Einsatz der Wörter „Laube“ und „Nest“ stellen sich die Assoziationen einer gewaltsamen Ruhestörung und eines eben noch traulichen Interieurs ein.
In der sechsten Zeile erreicht das Gedicht den Gipfel seiner Anzüglichkeit: „Ein kleines Schwesterchen lag tot“ die Frucht im Mädchenleib als tote Ratte, das menschliche Embryo rattenhaft neben seinesgleichen. Mit der Annonce dieses Fundes ist auch der Schicksalshinweis gegeben. Unter der Überschrift „Schöne Jugend“ reimen sich die Schwangerschaft und der Wassertod des Mädchens kommentarlos zusammen.
In den folgenden sechs Schlußzeilen ist die Menschenhülle noch deshalb erwähnenswert, weil sie das Ungeziefer ernährte und behauste. Folgerichtig gilt das Mitleid am Ende nicht derjenigen, die sich ertränkt hat, sondern denjenigen, die beim Ersäufen quietschten.
Das Gedicht geht mit expressionistischer Radikalität aufs Ganze, aber es bezeugt dabei den Willen zum klassizistischen Ideal der Formvollendung: Das menschliche Äußere als Larve des bestialischen Inneren – die Totenklage als Rattenrequiem. Daß der Schock-Effekt der Perversion keine soziale Anklage bezweckt, sondern die formale Perfektion, den perfekten Zynismus, verrät allein der winzige Makel des ersten Satzes. Hier fällt mit einer immerhin spürbaren Irritation die Entscheidung zugunsten der unmenschlichen Neutralität.
Obgleich die Situation danach verlangte, daß der Körper auch für die Person einsteht, kommt die Tote nur als Form in Betracht. Ihre einzige überlieferte Bedeutung ist es, ein Behälter gewesen zu sein.

Sibylle Wirsing  aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Gottfried Benn bis Nelly Sachs. Insel Verlag, 2002

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3 Antworten : Sibylle Wirsing: Zu Gottfried Benns Gedicht „Schöne Jugend“”

  1. bla sagt:

    Klugscheißerin

  2. Redaktion sagt:

    Ein etwas ausgeklügelter Kommentar sollte folgen.

  3. Micha sagt:

    Völliger Unsinn, dass zu »ein Mädchen« zwangsläufig der Präsens gehört. Wie kommen Sie auf solchen Unsinn?

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