Thomas Rietzschel: Zu Ernst Tollers Gedicht „Gemeinsame Haft“

Im Kern

Im Kern

– Zu Ernst Tollers Gedicht „Gemeinsame Haft“ aus Ernst Toller: Gesammelte Werke. –

 

 

 

 

ERNST TOLLER

Gemeinsame Haft

Gepfercht in einen schmalen Käfiggang,
Gleich Tieren, die an Gitterstäben wund sich biegen,
Und die vor Heimweh krank am Boden liegen
Und fast erschrecken vor der eignen Stimme Klang,
Dorren sie hin und träge wird ihr Blut,
Nur Giftstrom bricht aus ihrem Munde,
Der sucht und ätzt des Nachbarn Wunde –
Die eingesperrten Menschen sind nicht gut,
Sie werden taub und stumm und blind,
Sie hassen sich, weil sie so einsam sind.

 

Ein Aufschrei

In der Not erst hat er Verse geschrieben, im Krieg und dann wieder im Gefängnis, immer wenn ihm „seelische Verödung und Leere“ drohte, wenn er sich selbst zu verlieren fürchtete. „Man spürt in seinen Gedichten“, schrieb ein Kritiker ehedem, „den leidenden und mitleidenden Menschen Toller; man spürt vielfach den Dichter, seltener – den Künstler.“ Und in der Tat, der ergreifende galt dem Dramatiker mehr als der schöne Vers. Wie ein rhythmisches Sichaussprechen nur muten etwa die letzten Zeilen unseres Gedichts an. Der Affekt lebt kräftig auf. Zorn und Verzweiflung verbinden sich im hingeworfenen Satz. Man glaubt Gefangene zu sehen, lauernd, wie sie hinter Mauern den engen Raum mit unruhigem Schritt ausmessen. Und wer es kennt, der erinnert sich an ein Foto des Dichters aus der Festungshaftanstalt Niederschönenfeld, wo Ernst Toller fünf Jahre verbüßen mußte, weil er der Münchner Räterepublik verbunden war. Die Aufnahme zeigt den Gefangenen in aufrechter Haltung, den Kopf energisch erhoben, das Gesicht verschlossen. Ein Einsamer im umbauten Hof, der weiß, daß er sich selbst zu fürchten hat, wenn er „gepfercht“ in der Zelle leben muß, nur dem fremden Klang der eigenen Stimme noch ausgeliefert.
Die Verse, die er hinter Gittern schrieb, seine „Gedichte der Gefangenen“, klangen den Zeitgenossen wie ein Aufschrei, als sie 1921 erstmals erschienen. Nicht die Form, die Erlebnisnähe zeichnete diese Lyrik aus. Hier war einer auf die Bühne getreten, dem das eigene Leid gebot, für die Ausgegrenzten zu sprechen, für die Verstoßenen, an deren Seite man sich damals, im Expressionismus, gern sah. Seine Gedichte sollten, schrieb Toller an Romain Rolland, „mehr als Verse sein, Briefe, Rufe und Aufrufe an Menschen, die sich verantwortlich fühlen und die vorbeigehen an den vergitterten Häusern ihrer Städte, ohne zu ahnen, welche Schuld sie auf sich laden durch ihre Gleichgültigkeit.“
Mochten andere Autoren schönere Bilder finden, keiner konnte das Elend lebendiger fassen, von der „Gemeinsamen Haft“ erzählen, in der einer den anderen quält, nur damit er überhaupt noch wahrgenommen werde. Nichts Heroisches ist der Festung bei Toller geblieben. Sie stiftet keine Solidargemeinschaft in der Not. Im Gegenteil, die Trennung auf engstem Raum erzeugt ohnmächtige Wut; allein im Haß kann sie sich noch entladen. Feindseligkeit nur bleibt als menschliche Regung. Opfer sind die vermeintlichen Täter, zu Bösem verdammt, zum „Dorren“ verurteilt. Um nicht selbst zu erlöschen, „atzen“ sie „des Nachbarn Wunde“ in einem Strafvollzug, der alle Werte aufhebt, wo er doch bessern sollte. Das Gefängnis aber ist keine Exklave, kein geschützter Ort; die Häftlinge sind verurteilt zu ertragen, was der freie Mann im Trubel zu vergessen sucht: die Isolation in der Menge.
Für Ernst Toller war die „gemeinsame Haft“ auch ein Zustand des Daseins schlechthin. Als Sohn eines deutschen Juden unter Polen geboren, 1893 in Samotschhin, hat er früh erfahren, was es bedeutet, ausgeschlossen zu sein. Zeitlebens ist er auf der Flucht gewesen vor der Einsamkeit. Entkommen sollte er ihr niemals, mit keinem Gedicht und in keinem der Stücke, die er schrieb. Seine letzte Zelle war das schmale, hohe Zimmer eines New Yorker Hotels, in dem sich der Emigrant 1939 erhängte.

Thomas Rietzschel, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 17, Insel Verlag, 1994

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