Ulrich Greiner: Zu Theodor Däublers Gedicht „Winter“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Ulrich Greiner: Zu Theodor Däublers Gedicht „Winter“ aus Menschheitsdämmerung. 

 

 

 

 

THEODOR DÄUBLER

Winter

Geduldig ist der Wald,
Behutsamer der Schnee,
Am einsamsten das Reh.
Ich rufe. Was erschallt?
Der Widerhall macht Schritte.
Er kehrt zurück zu seinem Weh:
Das kommt heran wie leise Tritte.
Er findet mich in meiner Mitte.
Warum hab ich den Wald gestört?
Vom Schnee ward nichts gehört.
Hat sich das Reh gescheut?
Wie mich das Rufen reut.

 

Kein Trost im Wald

„Winter“ ist eines von immerhin siebzehn Gedichten Theodor Däublers, die in der berühmten Anthologie des Expressionismus, Menschheitsdämmerung, abgedruckt wurden – herausgegeben von Kurt Pinthus im Herbst 1919. Däubler liebte das Ausrufezeichen, die gewagte Metapher und die gedrechselte Form, er stürmte mit seinen Gedichten zum Himmel empor und wieder zurück ins abenteuerliche Herz. Gemessen daran ist dieses Wintergedicht sehr bescheiden im Aufwand, geradezu wortkarg. Worum geht es? Ein Mann steht im Wald, es liegt Schnee, er ruft und hört sein Echo. Irgendwie scheint ihm das unheimlich, und es tut ihm leid, daß er gerufen hat.
Wenn wir das Gedicht so referieren, verhalten wir uns ähnlich wie Alexander von Humboldt in Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt, wo Humboldt auf einer südamerikanischen Expedition das seiner Ansicht nach „schönste deutsche Gedicht“ (Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh’“) ins Spanische übersetzt:

Oberhalb der Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

Fangen wir also noch mal an. Da ist zunächst das kunstvolle Reimschema. Die ersten vier Zeilen haben einen umarmenden Reim (a-b-b-a), die letzten vier haben Paarreime (d-d-e-e). Und die mittleren vier Zeilen greifen zum Anfang zurück, erinnern mit dem Reimwort „Weh“ an die vorangegangenen Reime „Schnee“ und „Reh“ und fügen gleich drei gleiche Reime an: „Schritte“, „Tritte“, „Mitte“. Der Dichter zeigt, was er kann, und gibt sozusagen eine freiwillige Reimzugabe.
Nun gut, das ist noch kein Beweis für irgendwas, zeigt aber doch, daß hier ein selbstbezügliches Spiel gespielt wird. Der Sprachklang wiederholt sich, fällt auf sich selbst zurück. Er bleibt gefangen in seinem eigenen Hallraum. Genau das ist Thema des Gedichts. Es erzählt von jener Einsamkeit, die denjenigen, der sie gar nicht gesucht hat, plötzlich überfallen kann. Da steht einer im Wald und ist allein mit sich selber – befangen und gefangen. Wahrscheinlich ist er ein bißchen spazierengegangen, hat die Stille und den Trost der Natur gesucht. Und jetzt stößt er einen Ruf aus. Aus einer Laune heraus? Der Mann ist kein Jägerbursche aus Oberbayern, der zu jodeln beginnt, weil man das als Jäger halt so macht. Er ruft, weil er sich einsam fühlt. Und einsam fühlt er sich, weil ihm die Natur fremd und fern und kalt erscheint, eben nicht als jenes freundliche oder bedeutungsvolle Gegenüber, das uns in der Tradition des deutschen Naturgedichts („Über allen Gipfeln ist Ruh’…“) so gern begegnet.
Auf diese Tradition spielt Däubler an, denn das übliche, etwas kitschig gewordene Interieur ist da, der Wald, der Schnee, das Reh. Und jetzt erlaubt sich Däubler einen kleinen, feinen Kunstgriff. Er steigert „geduldig, behutsamer, am einsamsten“. Er tut so, als ob die drei Begriffe identische oder ganz ähnliche Haltungen bezeichneten. Und zweitens tut er so, als wäre die Natur menschlich, als könnte der Wald geduldig sein, der Schnee behutsam und das Reh einsam. Aber das ist ein Mißverständnis. Hier gibt es kein Gegenüber, niemand antwortet. Und der Widerhall des Rufs läuft zu ihm selber zurück.

Er findet mich in meiner Mitte.

Das nun ist keine willkommene Botschaft, denn der Rufende will ja Antwort. Er will keineswegs erfahren, daß es niemanden gibt außer ihm selber. Die Mitte ist das „Weh“, das ihn offenbar schmerzt.
Lieber also hätte der Mann nicht gerufen. Und er fragt sich:

Hat sich das Reh gescheut?

Gescheut zu antworten? Ist es scheu geworden? An dieser Stelle, die von ferne der Reimzwang lenkt oder die Reimlust, wird das Gedicht wieder zum Spiel. Davor aber war ein kleines, bitteres Erschrecken darüber, was es heißt, ein moderner Mensch zu sein, ein Mensch, abgetrennt von allen hergebrachten Tröstlichkeiten, von denen eine allerdings bleibt: daß es gelingen kann, dieser Erfahrung eine mit dem Hergebrachten spielende Form zu geben.
Theodor Däubler, geboren 1876 in Triest, war überall in der Alten Welt zu Hause, lebte in Paris, Wien, Dresden, Florenz, Berlin, auch in Griechenland, und er starb 1934 in St. Blasien im Schwarzwald. Sein verzweigtes Werk ist ziemlich vergessen, aber daß er ein Stilist und Subtilist ersten Ranges war, zeigt dieses kleine Wintergedicht.

Ulrich Greineraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreiunddreißigster Band, Insel Verlag, 2010

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