Ursula Heukenkamp: Zu Volker Brauns Gedicht „Das innerste Afrika“

Im Kern

Im Kern

– Zu Volker Brauns Gedicht „Das innerste Afrika“ aus dem Band Volker Braun: Langsamer knirschender Morgen. –

 

 

 

VOLKER BRAUN

Das innerste Afrika

Komm in ein wärmeres Land
                                              mit Rosenwetter
Und grünen laubigen Türen
Wo unverkleidete Männer
Deine Genossen sind.
                                     Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, Geliebter
                                               Komm

aus deinem Bau deinem lebenslänglichen Planjahr ewigen
Schnee / Wartesaal wo die Geschichte auf den vergilbten
Fahrplan  starrt  die  Reisenden  ranzig  / Truppengelände
TRAUERN IST NICHT GESTATTET

Unter die sachten Tamarisken
In den Tropenregen, der die Losungen
Abwäscht, trockenen Protokolle.

Sieh das Meer, das dagegen ist
Mit fröhlichen Wellen, und ins Offene geht
                                                                 dahin

Dahin führt kein Weg.

Wenn du gehst, hebt die Zeit ihre Flügel.

Nimm den Pfad gleich links durch die Brust
Und überschreite die Grenze.

Wo die Zitronen blühn, piff paff!

En quelque soir,  par exemple,  le touriste  naïf  EUROPA
SACKBAHNHOF die verdunkelten Züge aus der vierten
Welt vor Hunger  berstend / hinter  der  Zeitmauer Getöse
unverständliche  Schreie  /  Blut  sickert  aus  den  Nähten
der  Niederlage  /  Zukunftsgraupel  und fast will  /  Mir es
scheinen,   es   sei,  als in der bleiernen Zeit

Sie können dich töten, aber vielleicht
Kommst du davon
Ledig und unbestimmt
                                    komm! ins Offene, Freund!

Nicht im Süden liegt es, Ausland nicht
Wo unverkleidete Männer
Wo der Regen
Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es
Was wir wollen
                          wo dich keiner
Das innerste Land, die Fremde
Erwartet. Du mußt die Grenze überschreiten
Mit deinem gültigen Gesicht.

Dein rotes Spanien, dein Libanon

Erreiche es vor der Rente.

Wir befinden uns, sagte er, auf einer schiefen Ebne.  Alles
deutet darauf hin, daß es abwärts geht.  Schließen Sie ein-
mal die Augen und hören Sie, wie es knirscht.  Das ist das
Ende.   Warten wir ab,  wir werden es erleben.  Wir  sind
auf dem  besten  Weg.  Wir brauchen nur fortzufahren mit
der Übung.  Vor einiger Zeit konnten wir  z. B.  das  Brett
oder wie man es nennen will zurückwippen über den Null-
punkt und sagen:  es  geht  aufwärts!  Jetzt ist es eine end-
gültige Schräge in den Keller.  Zu den Kakerlaken,  meine
Damen  und  Herrn.  Bleiben  Sie  ruhig,  gehn  Sie  in  die
Firma,  wickeln Sie sich in die Plane,  fassen Sie sich kurz.
Wir  haben   die  furchtbare  Nachricht   vernommen,  wir
haben  nichts  hinzuzusetzen.  Adieu.  Sagte  der  Mann in
Itzehoe und glitt hinter dem Fenster hinab.

Non!  wir werden den Sommer nicht mehr in diesem geiz-
igen  Land  verbringen,  wo  wir  immer  nur einander ver-
sprochene Waisen sind,
                     komm

Steckmuscheln, Zikaden
Mach dich auf
Lebenslänglicher Leib:
SIEH DAS MEER, DAS DAGEGEN IST.
ERREICHE ES VOR DER RENTE.
DU MUSST DIE GRENZE ÜBERSCHREITEN.

 

Metapher der Befreiung

Welche Zukunft die Gegenwart hervorbringen wird, ist ungewiß geworden. Jeder kennt die Alternative, neben der die überlieferten Zukunftsbilder nicht unbeschadet fortbestehen können. Unsere Erwartungen müssen daher neu, und zwar von der Gegenwart her, durchgearbeitet werden. Denn auf eine regulative Idee läßt sich geschichtliches Handeln nicht mehr beziehen, aber ohne Zukunftsbezogenheit ist ein solches Handeln nicht möglich. Also hat sich sogar das utopische Denken auf die Gegenwart einzustellen, mit unklaren, schwer zu begreifenden Verhältnissen umzugehen. Trotzdem werden Utopien und Hoffnungen gebraucht, um nicht in der Sackgasse der Apokalypsen zu landen, sondern unsere Handlungen immer noch als sinnvolle Wahl zwischen Möglichkeiten zu verstehen.
Apokalypsen und Untergangsvisionen werden in der DDR-Literatur, vorwiegend in der Dramatik, instrumental verwendet, um Täuschungen und Verdrängungen zu kennzeichnen, um die Entscheidung über die Zukunft einzumahnen, die eben jetzt gefällt werden muß. Es handelt sich um Kontraindikationen und Lehrstücke. Dennoch, bliebe ausschließlich ihnen das Feld überlassen, müßte die Vorstellung vom unvermeidlichen Untergang die Oberhand gewinnen, auch wenn niemand das finale Denken gewollt hat.
Aus dieser geistigen Situation ist der Gebrauch entstanden, mehrere Varianten aus der Struktur eines Vorgangs herauszuarbeiten oder ein ungelöstes Problem in mehreren Lösungsmöglichkeiten darzustellen. Das an sich bekannte Verfahren wird erneuert, indem der Autor den Widerspruch, dem er sich selbst ausgesetzt sieht, mitschreiben läßt. Je konsequenter z.B. die Implikation, der logische Schluß „wenn…, dann“ auf die Zerstörungstendenzen in der Gegenwart angewendet wird, desto lebhafter protestieren Wille und Lebensanspruch, die „dagegen“ sind; aber scheinbar blind und dumm neben der vorausschauenden Erkenntnis stehen. Dieses „Dagegensein“ ist keine pädagogische Haltung. Vielmehr rebellieren Selbstgefühl und solidarisches Mitgefühl im Namen des Lebens und seiner Genießbarkeit gegen die erkennende Logik, die, so gesehen, ihrerseits hilflos ist, weil sie annimmt, wovor sie warnt.
Volker Braun hat Anfang der achtziger Jahre energisch damit begonnen, die Lebenslinien der Gegenwart als Zeichen der Zukunft zu lesen. Fast gleichzeitig setzt auch das Ausschreiben mehrerer Varianten der einen Konstellation ein. Ein Beispiel sind die beiden Texte unter dem Titel „Das innerste Afrika“. Sie unterscheiden sich im Wortlaut, auch die jeweiligen Kontexte sind andere. In dem Stück Transit Europa, das, nach den veröffentlichten Notaten zu schließen, 1985 geschrieben wurde, ist der Text unter dieser Überschrift als ein Extempore in die Handlung eingeschoben. Das geschichtliche Umfeld des Transit-Stoffes, Marseille und die deutsche Invasion, wird beiseite gerückt, die Akteure Seidel, Sophie und der Doktor treten zurück. Das Spiel zwischen ihnen zeigt sich im Licht des eingeschobenen Textes als eine der unzähligen Wiederholungen, aus denen der transitäre Vorgang besteht. Immer auf der Flucht vor den Bedingungen, die Verrat an sich selbst und den Mitmenschen erfordern, laufen die Flüchtigen von dem Ort und aus der Zeit weg, in welchem sich ihr Leben zu erfüllen hätte.
Der eingeschobene Text versieht diese Konstellation mit zeitgeschichtlichen Bedeutungen. Er begleitet eine sparsam angedeutete Pantomime zwischen zwei namenlosen Figuren, einem Weißen und einem Schwarzen. Der Vortrag ist unter sie aufgeteilt. Es ist deutlich, daß sie rezitieren oder deklamieren, so daß man auch sagen könnte, daß das Spiel den Text begleitet. Spiel, Wortlaut und Titel „Das innerste Afrika“ bilden zusammen eine szenische Metapher.
Das Gedicht mit dem gleichen Namen steht in dem Band Langsamer knirschender Morgen und beschließt einen Abschnitt, der die Überschrift „Der Stoff zum Leben 2“ trägt. Diesen Serientitel will Braun als Bezeichnung für Texte verstanden wissen, die durch einen derartigen Stoff formiert werden, und nicht umgekehrt. Die divergierenden Tendenzen des Materials und ihre Offenheit gegeneinander sollen sich zeigen, nicht in der Kunstform aufgehoben werden. Das ist auch der Kontext des Gedichtes „Das innerste Afrika“,1 das zuerst 1984 veröffentlicht wurde. Sein Stoff liegt in der Natur des Menschen. Es sind die Bedürfnisse nach dem ganz anderen, die Wünsche, dahin aufzubrechen, und jenes Potential, das „dagegen“ ist und sich nicht überreden läßt, ein Schicksal oder die Logik endgültig anzunehmen.
Das Gedicht weist im Unterschied zu den Materialtexten des Abschnitts eine ausgeprägte Kohärenz auf. Der Imperativ, das dauernde fordernde „Komm“ durchdringt es ganz und gar. Wenn auch mehrere Stimmen dieses „Komm“ sprechen, so ist doch die Tendenz seiner Bewertung ausgemacht. Dieser lockende, fordernde und verheißende Gestus ist wie ein Ruf und enthält eine Aktion, die ebenso zu der Metapher gehört wie die Titelworte.
Das Gedicht beginnt mit einer Sequenz von Urworten der Sehnsucht nach dem Süden, nach Ausbruch aus dem Gefängnis des Ichs, nach Rückkehr zu Natur und Natürlichkeit. Der Intertext, Goethes „Mignon“ mit ihrem „Kennst du das Land“, steht hier als Archetyp einer Sprache des Begehrens. Diese kennt viele Reizworte und Leitmotive, die ihre Bedeutung jeweils aus ihrer Zeit erhalten, insofern können das Italien des 18. Jahrhunderts und das Afrika der zweiten Hälfte des 20. gleichviel gelten. Traditionelle Siglen einer lieblichen Landschaft werden einer revolutionären Romantik zugesellt: Die reine Revolution und die schöne Natur vereint die gleiche Sprache.
Das ganze Arsenal der Sehnsuchtswörter wird durchs Zitieren ein wenig ironisiert. Das „Dahin! Dahin“ des Goetheschen Refrains wird von Braun durchaus als mehrdeutig gekennzeichnet: Seine Wiederholungen und Abwandlungen haben sich oft als wenig originell erwiesen, wenn es bei bloß verbalen Aufbrüchen blieb, wenn Sehnsucht zu Nostalgie verkam. Der Ruf zur Unruhe passiert aber diese Station der kritisierenden Ironie. Es ist mit Ernst Bloch gedacht, daß die Metamorphosen der wirklichen Bedürfnisse und Artikulationen deren Substanz nicht widerlegen, sondern bestätigen. Sie kommen wieder, weil das Menschliche nicht aufgeht in einer Reihe absehbarer Gegebenheiten. Das „Komm“ wird mit vergleichsweise unverstellter Stimme in den Lebensrhythmus eines bekannten Alltags hineingesprochen. Mit dessen Deskription setzt der zweite Abschnitt des Gedichtes ein, und alle weiteren Prosapassagen führen sie fort, indem sie das Jetzige als Alltag der Geschichte aus dessen Teilstücken zusammenfügen. In diese Passagen sind wieder Selbstzitate und Zitate anderer Dichter eingelassen, so daß sie zugleich das Einerlei, die Wiederholungen der Geschichte und das vergebliche Warten auf ihre Selbstbewegung bezeichnen wie auch die Ungeduld mit alledem. Diese Passagen voll Abscheu vor einer stagnierenden Zeit bilden die Brücke zwischen poetischen und prosaischen Gedichtteilen. Sie ist auch die imaginäre Verbindung zwischen dem „vernünftigen“ und dem unversöhnten Teil unseres Bewußtseins und endlich unseres Daseins.
Gebundene und ungebundene Redeformen lösen einander ab und sind unvermittelt gegeneinander gestellt. Der Text bildet durch seine graphische Gestalt den Gegensatz ab, der in der Rede aufbricht. Zusammen mit den kursiv gesetzten Zitaten in den poetischen Passagen und den in Versalien gesetzten Schlüsselworten ergibt das eine optische Notierung der jeweiligen Redeform. Wie alle Verfahren, die aus einem Ungenügen an der Konventionalität der sprachlichen und Schriftzeichen eine direkte Zeichensprache entwickeln, hat auch dieses einen komischen, eigentlich synästhetischen Effekt: Man soll hören, was optisch verzeichnet ist. Die komische Vermischung verschiedenartiger Elemente setzt sich mit Lautmalereien („piff paff“) und schnellem Wechsel von Sprach- und Zeitebenen fort.
In der zweiten Versrede ist die Sprache mit prosaischem Wortschatz durchsetzt. Der Wunsch nach einem anderen Dasein muß sich selbst erst frei machen von den „Losungen“ und „Protokollen“, die das Begehren verschütten. „Kein Weg“ führt dahin, also bleibt nur eine revolutionäre Bewegungsart, die Selbstveränderung und Entgrenzung des Ichs. Nur wenn sie gelingt, „hebt die Zeit ihre Flügel“. In früheren Jahren hat Brauns Gedicht unsere Zeit als die gepriesen, die es fertigbringen werde, die „eiserne Scheu voreinander“ aufzubrechen.2 Jetzt scheint es geboten, zuerst die Scheu vor sich selbst zu entdecken, um, wie der Gedichttext sagt, durch sich selbst hindurch zum Leben zu gelangen.
Woher aber rührt die Fremdheit gegen sich selbst, die Feindseligkeit gegen die nicht zu unterwerfende Natur um uns und in uns? Die Frage danach ist in der Lyrik der letzten Jahre so oft gestellt worden, daß sie einem Befund gleichkommt. Antwort darauf gibt es keine, aber mehrere Arten, mit ihr umzugehen. Brauns Gedicht synchronisiert in den drei Abschnitten vor der poetischen Schlußpassage die Lebensansprüche mit der Geschichtserwartung. Das gemeinsame Dritte ist die Alternative zwischen Erstarrung und Aufbruch, zwischen Verharren in den Ordnungen und Wagnis des unberechenbaren, neuen Weges. Das Material aus den beiden Bereichen wird nicht in ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis gebracht; das eine ist nicht als Bedingung des anderen aufgefaßt. Vielmehr stellen assoziative Sprünge überraschende Beziehungen außerhalb der eingeübten Denkkategorien her. Ein Denken gegen die Bedingungen kritisiert die, die Gefahr mißachten, aber auch die Apokalyptiker: „Wir befinden uns, sagte er, auf einer schiefen Ebene. Alles deutet darauf hin, daß es abwärts geht. … Wir haben die furchtbare Nachricht vernommen, wir haben nichts hinzuzusetzen.“ Der Text selber ignoriert den Lageplan einer symbolischen Welt, die zu den Ordnungen gehört, von denen es sich abzulösen gälte. Das Schaffen von Unordnung und Überschreiten der Grenzen ist der Zweck, als Mittel dazu dienen die komischen Effekte und Vermischungen der Ebenen im Text.
Es ist kein „Weg nach innen“ gemeint. Der Aufruf, sich selbst nicht tot zu stellen vor den Stimmen der eigenen, wirklichen Bedürfnisse, bleibt nicht auf das Ich beschränkt. Dem „Nimm den Pfad gleich links durch die Brust / Und überschreite die Grenze“ folgt die Beschreibung einer verrotteten Welt, die eine beispiellose Bedürftigkeit hervorgebracht hat:

die verdunkelten Züge aus der vierten Welt vor Hunger berstend

Wieder ist in Korrespondenzen gedacht. Das Bekenntnis zu den eigenen Bedürfnissen entspricht wirklicher Solidarität, ihre Unterdrückung dagegen läuft auf Gleichgültigkeit und Einverständnis mit der ungerechten Verteilung der Reichtümer in den Regionen der Welt hinaus. Diese Entsprechungen machen aus Zufriedenheit ein Verbrechen und fällen das Urteil über die Launen, die ausgespien werden mit Worten Hölderlins, Rimbauds und Brauns.
Das „innerste Afrika“ muß aber aufgesucht werden, weil ohne den Ausbruch aus den genormten Gehäusen der Lebensbeziehungen Veränderungen auf halber Strecke steckenbleiben. Denn ins Ergebnis aller revolutionären Aktionen geht die menschliche Dimension ihrer Akteure ein. In der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss spricht der Erzähler lange mit Hodann und mit Münzenberg über den Irrtum der deutschen Sozialdemokratie, daß der neue Mensch aus dem revolutionären Vorgang hervorgehen werde, während doch vielmehr die eingefleischten Verhaltensweisen dessen Verlauf und die Verhältnisse in der Partei gezeichnet hätten. Das vertagte und unerledigte Problem, welches von der Revolutionierung ausgeschlossen wurde, tritt unvermutet in den Resultaten der Handelnden hervor – so wie in dem Gleichnis über den Fortschrittsglauben, das Walter Benjamin in seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ der deutschen Sozialdemokratie ins Stammbuch schreibt.3 Brauns Text bildet die Simultanität der Vorgänge in der sprachlichen Vereinigung des politischen und geschichtlichen Bereichs mit dem individualpsychologischen ab:

Du mußt die Grenze überschreiten
Mit deinem gültigen Gesicht.

Dein rotes Spanien, dein Libanon

Erreiche es vor der Rente.

Sobald von der Veränderung des Menschen geredet wird, stellt sich das Mißverständnis ein, es gehe noch immer um die Realisierung des idealischen Menschbildes, das mit den Wünschen nach harmonischer Vollendung, altruistischer Teilnehmung, mit der Idee der Selbstverleugnung besetzt ist. Waren wir nicht beinahe befreit, als sich Anwälte für die normale, fehlerhafte Menschlichkeit fanden? Brauns Text kann sich ebensowenig wie andere dagegen wehren, daß Träume verschleißen. Aber seine Topoi umreißen Ausmaße einer Veränderung der Menschen in ihren Beziehungen, die wesensverschieden sind vom Ideal eines erneuerten Menschen durch politisch-moralische Erziehung. Die Topik von der Anziehungskraft des Meeres und die Rhetorik vom „Dagegensein“ als Energiequelle appelliert an die Lust der Sinne, an die Fähigkeit, sich im anderen zu verlieren, Ungebundenheit und Rausch zu genießen, dem Leben zu gehören und nicht den Zwecken außer ihm. Seit dem Entwurf des „totalen“ Menschen in dem Stück Kipper Paul Bauch4 in den frühen sechziger Jahren hat Braun mehrfach versucht, den Hymnus der Vitalität in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen, ohne ein Echo zu finden. Aus jenen Jahren datiert auch seine Begegnung mit Rimbaud. Seit damals spielt sich für Braun der revolutionäre Prozeß nicht allein auf dem Wege von den Gebirgen in die Ebenen ab, sondern verlangt auch nach der Weglosigkeit des Meeres. Dessen Lockung spricht in allen poetischen Passagen des Textes mit.
„Das innerste Afrika“ ist zwar eine Verheißung von Lust, aber sie kann sich im Gegensatz zu Paradies und Schlaraffenland nur durch Mühe und durch den Aufstand im Menschen erfüllen. Die Aussicht auf „das Meer, das dagegen ist“, unterscheidet die „südliche Utopie“ wie vielleicht alle derartigen Entwürfe exotischer Welten, in deren Reihe sich Brauns Metapher stellt, von den Staats- und Gesellschaftsutopien. Sie sehen den idealen Zustand durch Erziehung der Menschen im Zeichen der Vernunft und der Sonne vor und streben nach der vollkommenen Sozialisierung. Diesem Geist erscheinen Natürlichkeit, Begehren, Liebe wie auch Aggressivität gleichermaßen als Rufe aus einer Tiefe, die der Verteuflung wert ist. Nicht selten steht diese Tiefe daher im Zeichen des Wassers und seiner Geister. Brauns Metapher, die das Offene, Helle mit dem Wollen im „Innersten“ verbindet, es aufrührerisch nennt und nicht etwa als ungezügelt tadelt, hebt jenen verbannten Teil des Selbst ans Licht. Sie ebnet seinen Konflikt mit Vernunft und Ordnung, mit dem Fortschritt überhaupt nicht ein, doch enthält sie den dringlichen Vorschlag, diesen Konflikt anzunehmen, statt in der Entzweiung mit unserem Hunger nach Liebe und Sympathie zu denken und zu leben. So könnte ein erweiterter Humanismus entstehen, dessen Maß nicht die Veredlung des Menschen, seine Erhebung über sich selbst wäre, sondern die Verwirklichung der Menschen.
Auch in dem Extempore aus dem Stück Transit Europa steht die Metapher für einen Ausfall in den Kernzonen unseres Humanitätsdenkens. Die Selbstbezogenheit unserer „nördlichen“ Humanität prägt, ohne daß wir uns Rechenschaft darüber ablegten, noch immer die Imperative unseres Handelns. Sie bringt es nicht zu genügend Mitmenschlichkeit angesichts des Hungers der anderen, der „vierten Welt“. Ein Zeichen für die Grenze, die Denken und Handeln überschreiten müssen, soll der revolutionäre Impuls nicht verlorengehen, hat Braun zuerst in dem Gedicht „Der geflügelte Satz“5 gesetzt. Der soziale Grund der europäischen Rationalität und Humanität bleibt das bürgerliche Zweckdenken mit allen seinen entfremdenden Folgewirkungen. Diese Erbschaft, unser gewohntes Geschichtsdenken, kann uns teuer zu stehen kommen.
Das Zwischenspiel kommentiert die Aussichten, einer alten Welt der Kriege und Naturzerstörung doch noch zu entkommen und die neue zu erreichen. Sie wird verloren gegeben, solange die Subjekte sich gleichbleiben. Von den Ambivalenzen der „alten Welt“ im Roman von Anna Seghers bleibt hier nichts übrig. Dort gibt es ein Europa, das in seinen tieferen Schichten unzerstörbar ist, sosehr auch der Faschismus sein Gesicht verwüstet hat und so viele Entwurzelte die Woge vor sich her treibt.
Irgendwo dauern doch die Ordnungen fort, in denen Zugehörigkeit und Behaustsein noch immer möglich sind. Auch dort ist man nicht unangefochten von der Katastrophe der Okkupation, aber man ist nicht Objekt, denn man weiß sich zu wehren. Den Transitären ist der Zugang versagt. Aber selbst ihr verzweifeltes Dasein erscheint aus einer der vielen Erzählperspektiven dieses Romans als Teil einer Ordnung, des „uralten Hafengeschwätzes“, des Kommens und Gehens der ewigen Wanderer. Braun entnimmt dem Roman eine ganz andere Geschichte. Von einer „Heimat“ ist Europa nichts geblieben. Gleichermaßen verwüstet sind seine Natur und seine Kultur; verödet die Orte, an denen sonst Entwürfe der Zukunft entstanden. Die Utopie ist dem mechanischen „VORWÄRTS“ des Fortschrittsdenkens gewichen. Europas „Himmel ist dunkel, oder ist es der Gulasch auf unseren Augen?“6
Diese Bilder sind keine Originale. Der Text führt an, was Lyrik und Malerei seit Ende der siebziger Jahre ständig zeigen: Nutzlandschaften, überfüllte Strände, künstliche Gewitter, industrielle Feuersbrünste, Tagebaukrater. Schon früher hat Braun sich dieses Verfahrens bedient; um Hinze Gestalt zu geben, zitierte er den Hallenser Maler Uwe Pfeiffer. Alle diese Kunstlandschaften stellen nicht nur Außenräume, Umwelt dar, sondern auch – man denke an Mattheuer und Hegewald – die korrespondierenden Innenräume, von tödlichen Gewohnheiten gezeichnet. Auch Heiner Müllers Drama des toten Europas, Hamletmaschine, geht in den Lagebericht ein: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa“, so Heiner Müller.7 Braun bildet den Müllerschen Text folgendermaßen ab:

Die Küste Europas, unter unsern Füßen Plastikmüll… In unserem Rücken die Megamaschine...8

Das Extempore macht sich zum Medium der geistigen Situation. Wortlaute und Bilder konstatieren übereinstimmend, daß keine Zuflucht bleibt und der äußerste Rand der Welt erreicht ist. Der weiße Mann liest den Text von einem Zettel ab. Er ist ein anonymer Befund. Die warnenden Stimmen der letzten Jahrzehnte vereinen sich darin zu einem Chorus der Mahner. Diese Vortragsweise nimmt dem Appell zum Aufbruch aus einer totgeweihten Welt und zur Suche nach neuen Welten die Unmittelbarkeit. In der Form der impliziten Verneinung enthalten die Beschreibungen „Europas“ die Metapher des „innersten Afrikas“, der Sehnsucht nach dem ganz anderen, die immer wechselnde Gestalten hat:

in den schlimmen zeiten der verfolgung und des schlachtens war die utopie näher, in diesem unholden europa, aber der druck der erfahrung von fünfzig jahren stellt sie in ein härteres licht. der kommunismus, das innerste land, gewiß, aber aller kontinente und rassen.9

In dem „härteren Licht“, von dem Braun in den Notaten zum Stück redet, zeigen sich die blinden Flecken der früheren Utopien, zeigt sich aber auch der intellektuelle Eurozentrismus, der in der Selbstbezogenheit der europäischen Utopien bis in die Gegenwart liegt.
Die Kritik der Worttexte geschieht durch die begleitende Szene. Das Verhältnis zwischen Text und Szene ist komisch, denn es diskreditiert nicht nur die Wortlaute, sondern auch das uns ins Fleisch gewachsene Zutrauen zum Nominalismus. Der Text plädiert für den Neubeginn und das Verlassen jenes alten Europa mit der Richtung auf die Utopie zu. Während der weiße Mann ihn, in einem Wartesaal, noch spricht, kommt aus der Fluchtrichtung der schwarze Mann, angezogen von „Europa“ oder vertrieben aus „Afrika“, was aufs gleiche herauskommt. Es geht zu wie in dem Kinderspiel, wo Europa im Krieg, aber Amerika schon abgebrannt ist. Wenn es nur noch Europa gibt, so bliebe als letzte und neue Möglichkeit:

wir müssen ins Innere gehen

Die Worte, die an das Blüthenstaub-Fragment des Novalis anklingen, stehen am Schluß einer Sequenz von Wortmaterial zum Thema der Unterentwicklung. Kritische Einsichten und solidarische Absichten werden artikuliert.
Aber den Standpunkt der Gleichheit „aller kontinente und rassen“ verficht der Text des Weißen auch jetzt – in dieser verzweifelten Lage – noch nicht. Die begleitende Szene zeigt außerdem, daß die Formulierungen das Ohr des Schwarzen nicht erreichen, daß an ihm vorbeigeredet sind. Er hat „Afrika“ verlassen, das zu einem Hinterhof des alten Kontinents geworden ist. Die Alternative der neuen Welten in den sozialen und nationalen Revolutionen ist damit fragwürdig. Die Fluchtwege als gedachte Linien würden sich kreuzen. Als der Schwarze im dritten und letzten Abschnitt endlich zu Wort kommt, spricht auch er keinen eigenen Text. Er intoniert vielmehr – wie anfangs der Weiße – wiederum einen Chorus, und zwar mit den Worten des Erzengels Raffael aus Goethes „Vorspiel im Himmel“. Diese Sprachhandlung ist vieldeutig. Vermutlich wird der Goethe-Text als Kommentar zur vorangegangenen Rede des Weißen verwendet. Er hätte dann die Kosmogonie der objektiven Gesetzlichkeit als eine Hervorbringung jenes Subjektbewußtseins zu charakterisieren, dessen Vorstellungswelt sich am Ende im donnernden Zug der Geschichte vergegenständlicht, dessen Abfahrt die gleichzeitige Szene ausfüllt. Nur nimmt es dann Wunder, daß noch in der Kritik derselben nur diese eine geistige Welt darstellbar erscheint, so als gebe es keine anderen, mit ihr konkurrierenden.
Die Macht seiner Maschine nimmt, solange er auf sie baut, dem weißen Mann den Ausweg. Sie ist seine Ohnmacht und die des Schwarzen. Daher scheint mir auch das Fazit, das Peter Reichel aus seiner Deutung zieht, unzutreffend. Er schreibt:

Über Europa hinausgehen, ohne aus Europa hinauszugehen. ,Das innerste Afrika‘ ist die Mitte Europas.10

Dieses „Hic Rhodus, hic salta!“ kann nicht gemeint sein, weil es das Einverständnis mit den vorgefundenen Bedingungen enthält. Wie aber, wenn die Sinnhaltigkeit der Metapher vom „innersten Afrika“ selbst auf die Probe gestellt wäre, ob sie etwas ausrichtet gegen die Mechanik der Bedingungen und mehr als nur eine Ausflucht ist.
Der Epilog des Spiels läßt keine Entwürfe, Hoffnungen oder Ausblicke auf künftige Zeiten gelten. Alles, was zu erwarten ist, hängt von der Gegenwart ab. Der Text beschreibt den Handlungsspielraum, der der Menschheit verbleibt, indem er eine Redensart paraphrasiert: mit dem Rücken zur Wand stehen. „Der deutsche Humor“, sagt Elke Erb, „neigt zu: Entmutigung und masochistischer, sadistischer Selbst- und Weltdarstellung.“11 Der Text schöpft diesen „natürlichen“ Sarkasmus der Umgangssprache voll aus, um die apokalyptische Dimension der Lage zu bezeichnen, über die die jetzt Lebenden auf immer knapper werdendem Raum entscheiden.
Diese Notlage erhält aber von der Sprache des Textes auch die andere Dimension. Es ist die einer möglichen Solidarität, die sich nun wirklich aus der unbedingten Gleichheit der Kontinente und Rassen gegenüber der drohenden Katastrophe ausbilden könnte. Das Unausweichliche birgt eine Alternative. Man kann erliegen oder sich zur Wehr setzen. Ein Drittes gibt es nicht. Darin liegt auch eine ermutigende Aussicht. Das „Wenn nicht“ aus Brechts „Die Wahrheit einigt“12 spricht in Brauns Text mit, der gerade vom Zwang zur Entscheidung ein Feld neuer Möglichkeiten erwartete. Erkenntnis der Notwendigkeit ist ein Stückchen Freiheit, ein Schritt zum Subjektsein durch Widerstand gegen die Drohung. Verständigung über das Erkannte der weitaus größere, weil Gemeinschaft stiftende Schritt. „Das innerste Afrika“ wäre so erreichbar, wenn auch unter dem Druck der Not:

DAS SIND DIE GRENZEN DER ERDE SELBST, AN DENEN WIR FREILICH ZERDRÜCKT WERDEN KÖNNEN, WENN WIR… NICHT13

Brauns Text setzt das gemeinsame Bedürfnis, die Erde, das Leben in Widerspruch zur mechanischen Geschichtsmaschine, deren Beschreibung er aus Heiner Müllers Hamletmaschine übernimmt. Ihre Attribute sind das Vergeltungsgebot, der Naturverlust, die Unterwerfung der Lebendigen unter das Gesetz der toten Väter. Bei Müller befreien sich die Subjekte, nachdem sie sich das angetan haben, nicht mehr anders von ihrer Geschichte als durch die Selbstzerstörung. Braun unternimmt es nun, hypothetisch, andere Subjekte, die Position des „Dagegenseins“ zu konstruieren. Diese Position ist ausdrücklich jenseits der Erbschaft der europäischen Utopien und ihrer Zukunftshoffnung angesiedelt. Ihr Nährboden ist die nüchternste Einsicht.
Brauns Alternative will über die apokalyptische Vision hinaus. Aber sie kann die Notwendigkeit nicht verleugnen, aus der sie hervorgeht. Dieser Weg zur Befreiung ist der des Aufbruchs aus dem gegenwärtigen Status der Menschheit. An seinem Anfang steht die Zwangslage. Das Gedicht dagegen spricht von einer fröhlichen Freiheit, von wachsender Selbständigkeit. Doch auch hier handelt es sich, wie mir scheint, nur um einen ersten Schritt, um die Befreiung von der Diktatur sprachlicher Welten. Die Qualitäten des Daseins, die dann folgen müßten, liegen noch hinter dem Horizont unseres Vorgefühls.

Ursula Heukenkamp, aus Siegfried Rönisch (Hrsg.): DDR-Literatur ’87 im Gespräch, Aufbau Verlag, 1988

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