Uwe Wittstock: Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Ansteckendes Pfeifen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Peter Rühmkorfs Gedicht „Ansteckendes Pfeifen“ aus Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß

 

 

 

 

PETER RÜHMKORF

Ansteckendes Pfeifen

Heute morgen mich plötzlich wieder mal
auf der Straße pfeifen gehört,
einfach so Johnny Griffin
„Wading in the Water“,
doch kein schlechtes Zeichen.

Ob es länger reicht als für den Tag,
schwer zu sagen.
Immerhin, als ich merke, was los ist:
vorn – mein Mund – die Lippen
ohne jeden erkennbaren Anlaß von sich aus zugespitzt,
und auf einmal ist die ganze Brahmsallee am Pfiffeln:
Da muß ich doch was losgeflötet haben.

Nach einem Tal, so tief, so tief,
daß ich wirklich geglaubt hab,
hier wär kein Rauskommen mehr –
Und es hat mich sogar noch gejuckt,
vor meine Mitmenschen hinzutreten:
S t e r b l i c h e !
Wenn Sie bittemal meinem ausgetrockneten Zeigefinger
folgen wollen, objektiv, was sehn Sie?
Na, ich will es nicht gerade schwieriger machen,
als es ist:
DIE GRUBE –

Plötzlich wie weg das alles auf einen einzigen,
jeder weiteren Zusatzerklärung
enthobenen Zug:
O Licht – o Schatten – und o
auch ihr anderen
unvermittelt zu Augen gehenden Mischphänomene,
wenn die Sonne wie angestochen
durch die wahllos zerlöcherten
Ahornblätter bricht! –
Und du tippst, eh es andere tun,
die abgewählteste Nummer deines Lebens ein:
A h !
G u t !
I n   O r d n u n g .
I n   z w e i   S t u n d e n ?
K ö n n e n  w i r   s o   m a c h e n !

 

Trübsal ist auch keine Lösung

Der Song, den Peter Rühmkorf in diesem Gedicht pfeift, heißt richtig „Wade in the Water“. Es war ursprünglich ein Spiritual, also ein christliches Lied, das die schwarzen Sklaven in den Vereinigten Staaten sangen. Es erzählt vom Auszug der Kinder Israel aus Ägypten, der nur gelingen konnte, weil Gott im rechten Moment das Rote Meer für die Flüchtlinge trockenlegte, ihre Verfolger aber in den zurückkehrenden Wassermassen ertränkte. Kurz: Es erzählt von einem Wunder.
Viele große Musiker spielten das Lied, unter anderem Big Mama Thornton, Bob Dylan, Eva Cassidy. 1966 ließ Ramsey Lewis den religiösen Text weg und machte den Song mit seinem Trio zu einem großen Instrumentalhit. Auch der Jazz-Saxophonist Johnny Griffin (1928 bis 2008), dessen Fassung es Rühmkorf angetan hatte, kommt ohne Gesang aus, und „Wade in the Water“ ist wohl nie mit mehr strahlender Lebensfreude gespielt worden als von Griffin und seinem Orchestra. Aus dem Spiritual wird bei ihm ein einziger Jubelschrei übers Dasein. Rühmkorfs Gedicht stammt aus seinem letzten Lyrikband Paradiesvogelschiß (2008). Als er an ihm arbeitete, war er bereits schwer krank. Das Buch erschien wenige Wochen vor seinem Tod am 8. Juni 2008. Johnny Griffin, seltsames Zusammentreffen, überlebte ihn nur um 46 Tage. Wenn ein Schwerkranker morgens beim Spaziergang merkt, wie sich „vorn – mein Mund – die Lippen / ohne jeden erkennbaren Anlaß von sich aus zugespitzt – hat und dass er auf offener Straße ein Liedchen pfeift, noch dazu eine derart glückstrunkene Hymne wie die von Griffin, dann ist das tatsächlich wohl „kein schlechtes Zeichen“. Ist es vielleicht sogar so etwas wie ein kleines persönliches Wunder?
Doch das Gedicht plädiert nicht für Verdrängung. Rühmkorf benennt seine Lebenssituation genau. Er hat ein Tal hinter sich, „so tief, so tief, / daß ich wirklich geglaubt hab, / hier wär kein Rauskommen mehr“. Doch ob das Zwischenhoch, an dem er sich gegenwärtig freut, „länger reicht als für den Tag, / schwer zu sagen“. Was danach kommen wird, darüber macht er sich keine Illusionen:

Wenn Sie bittemal meinem ausgetrockneten Zeigefinger
folgen wollen, objektiv, was sehn Sie?
Na, ich will es nicht gerade schwieriger machen,
als es ist:
DIE GRUBE –

Weitet sich hier der beschwingte Gang durch die „Brahmsallee“ zu einer Art Lebensmetapher? Samuel Beckett malte die Lage der Menschen in „Warten auf Godot“ gnadenlos schwarz in schwarz:

Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick und dann von neuem die Nacht.

Wie Beckett verschweigt Rühmkorf nicht die unerforschliche Finsternis, aus der das Leben stammt und von der es am Ende wieder verschlungen wird. Aber im Gegensatz zu Beckett betont er den sinnlichen Genuss jener kurzen Zeitspanne zwischen dem „Tal, so tief, so tief“ und der „GRUBE“.
Rühmkorf wurde als unehelicher Sohn einer Pastorentochter geboren, wuchs in Deutschlands Nazi-Jahren auf als gerade eben noch geduldeter Außenseiter und sollte mit fünfzehn zu Volkssturm und Wehrmacht eingezogen werden, was er als staatlich angeordneten Mordversuch empfand. An der Universität stritt er sich mit den Professoren, bis er das Studium hinschmiss, sein früher enger Schriftsteller-Freund Werner Riegel starb mit 31 Jahren an Krebs. Wäre Rühmkorf ein Dichter der Schwermut geworden, niemand hätte sich wundern dürfen. Doch irgendwann muss er für sich beschlossen haben, dass Trübsal keine Lösung ist und dass er Leben und Literatur allen Gründen für Seelendüsternis zum Trotz so viel Glück und Glanz und Reiz und Köstlichkeit wie irgend möglich abgewinnen will.
Von diesem Willen zur Freude spricht Rühmkorf in seinem späten Gedicht, von der Lust selbst an kleinen und allerkleinsten Schönheiten, etwa wenn „die Sonne wie angestochen / durch die wahllos zerlöcherten / Ahornblätter bricht“. Er meidet jedes Pathos, spricht eine betont flapsige Sprache, holt sich sein gepfiffenes Loblied aufs Leben aus dem geliebten Jazz, nicht aus der hochkulturellen, aber zeremoniellen klassischen Musik. Denn er setzte als Schriftsteller nicht auf Exklusivität und Abgrenzung, sondern auf eine ansteckende Offenheit und Zugänglichkeit. Und wenn dann „die ganze Brahmsallee am Pfiffeln“ war, hatte er seine Freude daran:

Da muß ich doch was losgeflötet haben.

Er gehörte zum Geschlecht der fahrenden Sänger und Dichter. Ihm war eine verrauchte Jazz-Kneipe allemal lieber als jede Akademiesitzung.
Doch bei allem mitreißenden Freimut hat das Gedicht auch sein Geheimnis. Welche ganz besondere, welche „abgewählteste Nummer deines Lebens“ da ins Telefon eingetippt wird, das erfahren wir nicht und auch nicht, was der knappe Schlussdialog zu bedeuten hat. Aber wir können uns einen eigenen Reim darauf machen. Denn dass es für Rühmkorf darum ging, den so unverhofft beglückenden Moment nach Möglichkeit noch ein wenig zu steigern, dessen können wir sicher sein.

Uwe Wittstockaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band, Insel Verlag, 2014

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