Wulf Kirsten: Zu seinem Gedicht „stufen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Wulf Kirstens Gedicht „stufen“ aus dem Lyrikband Wulf Kirsten: Zwischen Standort und Blickfeld. −

 

 

 

 

WULF KIRSTEN

stufen

aaaaafür E. u. R. K.
die stufen hinaufgehn
zur stadt über der stadt
über einen schweigenden herbst
aus stein,
der zu fliegen beginnt,
wenn der wind
die bäume ihre laubkugeln abrollen heißt.
mit abschüssigen worten
bestreun unsre kehlen
schrittlings den berg.
jede stufe, die sich ausschweigt,
heben wir auf
in die gemeinsame sprache.

 

Ein kleines Herbstgedicht mit viel (vielleicht zuviel?) Stimmung. Wie so ziemlich jedes meiner Gedichte ist es autobiographisch grundiert. Zunächst wäre die kryptische, auf Initialen geschrumpfte Widmung zu dechiffrieren. Das Gedicht ist Elisabeth und Reiner Kunze gewidmet, seinerzeit in der thüringisch-vogtländischen Stadt Greiz wohnhaft. Die Publizierung in der DDR war nur in dieser Zurücknahme, die eine private Angelegenheit vortäuschte, möglich. In einer französischen Übersetzung sind die Initialen aufgelöst worden. Reiner Kunze hatte ich während einer Bahnfahrt kennengelernt nach einer Tagung des Schriftstellerverbandes, an der wir beide teilgenommen hatten. Dieses Bahngespräch begründete unsere Freundschaft. Wenn er an Sitzungen im Kreise der Schriftstellerkollegen teilnahm, wurde er wie ein Aussätziger gemieden. Kaum einer wagte es, mit ihm zu sprechen. Wir führten unsere Gespräche außerhalb des Tagungsraumes, auf der Straße auf und ab gehend oder in meiner Wohnung. Hin und wieder fuhr ich nach Greiz, um Kunzes zu besuchen. Ich konnte erst mit wenigen Einzelveröffentlichungen aufwarten, stand ganz am Anfang. Er war, auch wenn dies nie ausgesprochen wurde, mein Mentor. An dem Gedicht „satzanfang“ (1967) hat er mit mir gearbeitet Wort für Wort, Zeile für Zeile. Dann auch darauf gepocht, die poetische Idee stärker herauszuarbeiten. In die spätere Druckfassung sind seine Hinweise, Korrekturvorschläge eingearbeitet worden. Er war ein strenger Lyrik-Lehrer.
Der Herbst, den das Gedicht ins Bild setzt, ist auf das Jahr 1968 zu datieren. Stärker als die jahreszeitliche Melancholie und Trauer spielte eine ganz andere Niedergeschlagenheit hinein: das Ende der tschechoslowakischen Reformbestrebungen, nachdem russische Panzer in Prag eingerollt waren und alle Hoffnungen über Nacht niedergewalzt wurden. Noch kurz zuvor war ich in Prag. Am Tage des Einmarsches saß ich in Berlin und war im Begriff, nach Mazedonien zu fliegen, zu dem Poesiefestival am Ohridsee. Aber an diesem Morgen kam das jugoslawische Flugzeug nicht. Die Reise wurde auf Weisung abgeblasen. Mit diesen Erlebnissen, schmerzenden Gewißheiten ausgerüstet, traf ich auf dem Bahnhof in Greiz ein. Reiner Kunze holte mich ab, und wir liefen bergan über viele Stufen „zur Stadt über der Stadt“, in der er sein Domizil hatte. Diesen Herbstgang protokolliert das Gedicht. Es redet, laubverdeckt, davon, was uns auflag, was die Worte so schwer machte und was uns gleichgesinnt verband/verbindet. Das wissende Schweigen, getaucht in die gemeinsame Sprache. Abschüssiger als der Weg, auf dem der Herbst seinen Laubteppich ausgerollt hatte, waren die Abgründe hinter den Worten. Sie brauchten nur angedeutet werden. Wir wußten um das, was verlorengegangen war. Ich wußte um Kunzes leibliche Gefährdungen, um den Haß, den er bei niederen und höheren Funktionären auf sich gezogen hatte mit seinen Gedichten. Mitunter meinte ich, er übertreibe wohl ein wenig. Heute weiß ich, er hat immer untertrieben, weil das, was gegen ihn betrieben wurde, nicht ausdenkbar war. Damals hörte ich, der Kulturminister Hoffmann hatte auf einer Konferenz vollmundig und siegessicher verkündet: Jetzt haben wir nur noch zwei Fälle zu klären (mit dem Unterton: dann ist Ruhe im Stall DDR): erstens den „Fall Biermann“, zweitens den „Fall Kunze“. Wie die „Klärung“ ausging, ist allseits bekannt. Herr Hoffmann, der später einmal zu den Gorbatschow-Anhängern im Lande zählen sollte innerhalb der Ministerriege, hatte eine perfekte Milchmädchenrechnung aufgemacht und sich dabei gewaltig verrechnet. Die „Ruhe“, die er im Bunde mit anderen restriktiv zu erreichen glaubte, verwandelte sich ins glatte Gegenteil. Die Unruhe war dann nicht mehr aus der Welt zu schaffen, aus einer Welt, zu deren Untergang die Unruhe vorgearbeitet hatte. Ein kleines Gedicht voller Herbstgefühl, das wohl doch mit dem Zeitgeist im Bunde war.

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