Bertolt Brechts Gedicht „Der Radwechsel“

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BERTOLT BRECHT

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

1953

aus: Bertolt Brecht: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2000

 

Konnotation

Hier handelt es sich um eine der berühmtesten Autopannen der Welt. Das kleine Gedicht gehört in den Zusammenhang der Buckower Elegien, die Bertolt Brecht (1898–1956) im Juli und August 1953 in seinem Landsitz in Buckow (Märkische Schweiz) schrieb und die als direkte poetische Reaktion auf die Unruhen des 17. Juni 1953 zu lesen sind. Diese Miniatur hat zahllose Interpretationen provoziert.
Jeglichen Hinweis auf die Parabelhaftigkeit des Geschehens hat Brecht ausgespart. Ein Chauffeur vollzieht einen Radwechsel, ein Mitfahrer schaut ungeduldig zu. Über die Gemütsverfassung des Reisenden wird man nüchtern aufgeklärt: Sowohl der Ausgangspunkt der Reise als auch ihr Ziel sind bei ihm negativ besetzt. Und doch ist da eine produktive Unruhe, eine Nervosität, die den Reisenden vorwärts treibt und ihn ungeduldig die Weiterfahrt erwarten lässt. Geht es bei der kleinen Reise um das Zurücklegen der eigenen Lebensstrecke, um das ungeduldig erwartete Lebensende? Oder doch um das Unbehagen an politischen Zuständen, die man hinter sich zu lassen wünscht? Dass Brecht keine Antwort gibt, macht die Stärke seines Gedichts aus.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

2 Kommentare

  1. Für mich ist das auch der innere Monolog eines Menschen, der seine Heimat verließ und nirgendwo mehr zu Hause ist. Deswegen ist es ihm fast gleichgültig, wohin die Reise geht. Aber es gibt Hoffnung- die das Wort „Ungeduld“ zum Ausdruck bringt.

    Antworten
  2. Ich sitze im Zug
    Und mir fällt der Anfang dieses Gedichtes ein.
    Ich google und schon habe ich den Text vor mir!
    Die Worte spiegeln meine akute Stimmung.
    So ein Zufall.

    Antworten

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