Katharina Kohm: In Melanin

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Katharina Kohm: In Melanin

Kohm-In Melanin

ERINNERUNG IN MELANIN

Ich trockne Glas
wenn man mich fragt
was ich da mache –
an Luft getrocknetes Pusteglas
Blumenschau, Schaumwein
verinnerte Schatten, weißt du:
noch gibt es Zeilen
Ich trinke was

Spurloses Tagwälzen, Walzen
zwei Schritte und einer
der die Richtung ändert
damit man im Kreis tanzt

So ist es alle Tage, dennoch:
setzen sich Spuren
ins Gesicht beim Zählen, in die Finger
die sich kaum noch an sich erinnern
die fehlen

Gesicht und Handflächen
Handbäuche tapsen
stolpern entgegen
sehen Leben
mit knurrendem Magen ins Gesicht
und kriegen Schluckauf
wenn sie was finden
hicksen durch
siebe Jahre Aufregung

Kräuseln
im Wasserglas
Einkringeln
in den Schluck Wein

Im Sonnenschirm
auf Weiß gewickelt
zerknittern Stunden

Es gibt keine Zeit
in Faltung

Schalen voller Himmel
Gefäßschatten
in denen sich Tee befindet:
das ist Glück

Wir sterben in unseren Körpern daneben:
Dekolleté mit Leberfleck
das heißt erwachsen werden
Bestandsaufnahme
Anblick hüten, die Kanten falten
an Leberflecken kann man sich festhalten
übernachten im Nebel, im Leben:
Erinnerung in Melanin
Bilder in Museen

ein kleiner Punkt in Öl
kommt augenblicklich
über all dem noch
durch

 

Dieses Aufnahme wurde anlässlich einer Ausstellung in der Stadtgalerie Sonthofen zum Thema „Starke Frauen“ produziert, die im Herbst 2021 zu sehen war. Zu sehen ist eine Zeichnung der Künstlerin Nina Annabelle Märkl, die sich kaskadenartig über den Raum entfaltet. Im Video zu sehen ist ein Ausschnitt dieser Arbeit. Katharina Kohm spricht das Gedicht „Erinnerung in Melanin“.

 

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„WIMPERNBEGRENZT HAT DIE SCHNECKENWANDERUNG DER SONNE IHRE TÄGLICHE WANDERUNG DURCHS PROVISORIUM BEREITS BEGONNEN, IHREN TÄGLICHEN MARSCH; SIE KRIECHT AM WASCHBECKEN HOCH UND SAMMELT SICH NACH ETWA EINER STUNDE IN DEM GESCHLIFFENEN GLASTROPFEN, DER ABSICHTLICH AN DIESER BESTIMMTEN STELLE HÄNGT, DAMIT ER REGENBOGEN-FLECKEN MACHT. ES IST WIE GLOCKENLÄUTEN.  / ZEICHEN FÜR TAGESZEITEN, PUNKTE. / WENN ES REGNET, WEIß MAN HIER NICHT, WIE SPÄT ES IST.“

Mit ihrem Buch in melanin, ihr bereits dritter Gedichtband, setzt die Münchener Autorin Katharina Kohm, geboren in Frankfurt am Main, die Reihe licht fort, mittlerweile Band 08 der zuletzt hinzugekommenen zweiten Lyrikreihe des gutleut verlags.
Neben dem [partiell] titelgebenden Hauptgedicht vereint der Band in zwei Zyklen, Bogenwechsel und Wandschirm, Gedichte aus den letzten Jahren. Dies beschreibt die Autorin wie folgt: „Die Arbeit am Manuskript ist mit einem Neuanfang verknüpft, mit Ausloten von Vor- und Nachleben, Wehen auf einer Schwelle. Das Konturieren eines Lebensabschnitts, der die Schwelle zweier Lebensmodi bildet, manifestiert sich in einem Prozess des Vor- und Rückgreifens. Der Zyklus, der aus zweien besteht, setzt sich dezidiert mit der Frage der Erinnerung, mit dem Fingergedächtnis, dem Körpergedächtnis auseinander und befragt von da aus Orientierungspunkte, Sprache als Körperkartografie. Erinnerung als dunkle Flecken, aufeinander bezogen.“
Sprache als Gedächtnis erscheint hier als zentrales Vexiermoment der Zyklen, die an dem Gedicht Erinnerung in Melanin im Band gespiegelt werden. Der Bau von Körper und Gedicht, eine Auslotung des sprachlichen Ausdrucks mit Architektur, Malerei, fernöstlicher Philosophie und Biologie bilden dabei die poetologischen Kernelemente der Zyklen. Die Haltbarmachung und gleichzeitig der Unfall, die zwangsläufige Bruchkante, Kippmoment und Dunkelheit werden im Leberfleck pointiert, der bleibt, aber der auch Unheimliches, nämlich potentielles Wuchern bedeutet. Dieser Ambiguität sind Gedicht und Körper gleichfalls ausgesetzt und geben in seiner Farbe dem Band seinen Namen.

„DER TON BADET IM WASSER, DER BOGEN IST WIE EIN KRUG IM TEMPEL UNTER DER DECKE DER ERINNERUNG, DES GEDÄCHTNISSES, DEM ZENTRALBAU MIT DER LATERNE ALS KRONLEUCHTER. / OBEN AN DER HÖLZERNEN DECKE BLÜHT DAS GEDÄCHTNIS DURCH VIBRATION DER WIEDERHOLTEN TÖNE, DIE DURCH DREI ODER MEHR JAHRHUNDERTE HINDURCHGEGANGEN SIND. DIE DENKKUPPEL, DIE SCHÄDELDECKE DES PAVILLONS WIRD DARUNTER SCHWANGER, FRUCHTBAR. DIE LUFT DARIN SCHEINT DICKER. ICH ZAHLE KEINE PREISE, ICH BIN ANWESEND. DAS, WAS ICH SUCHE, FINDE ICH IM KLANG UND IM WASSER, IMMER: ICH TREFFE MICH JENSEITS DER UHR. ES GIBT KEINE HÄLFTE VON 365.“

gutleut verlag, Ankündigung

 

 

Beiträge zu diesem Buch:

Beate Tröger: Katharina Kohm: In Melanin. Gedichte. Bebilderung: Michael Wagener
signaturen-magazin.de

Jonis Hartmann: In Melanin Katharina Kohm
jonishartmann.de

 

Nina Annabelle Märkl und Katharina Kohm – Ausstellung „Projektionen“ in der galerieGEDOKmuc vom 11.1.2022 – 28.1.2022

 

 

Gespräch u.a. über Tiergedichte im Anthropozän mit Katharina Kohm am 18.10.2024 in der Reihe antimon.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Facebook

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