Sarah Kirschs Gedicht „Neue Landkarten“

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SARAH KIRSCH

Neue Landkarten

Neue Landkarten am
Himmel und auf den
Körpern der Kühe die
Andere Welt seit ich deine
Gefangene bin.

2001

aus: Sarah Kirsch: Sämtliche Gedichte, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005

 

Konnotation

Die „andere Welt“, die in modernen Gedichten entworfen wird, ist oft ein utopischer Ort jenseits der Alltagserfahrung. In einem kleinen Gedicht über den „verkommenen Staat ihrer Heimat“, also die DDR, hat die 1935 geborene Sarah Kirsch diese „andere Welt“ 1992 als heftig umkämpftes politisches Terrain ausgemalt. Die „andere Welt“ kann aber auch im Kontext eines Liebesgedichts auftauchen, wie ein Gedicht Sarah Kirschs aus dem Band Schwanenliebe (2001) zeigt.
Hier ist offenbar von einer ländlichen Gegend die Rede, vermutlich von jenem nördlichen Sehnsuchtsland zwischen Eider und Nordsee, das Sarah Kirsch, die wohl sinnenhafteste deutsche Naturdichterin, seit 1983 besiedelt. Hier ist der Himmel weit und offen und von den Verbindungen der Gestirne lassen sich Landkarten erstellen. Am Kreuzungspunkt des ebenso zarten wie rätselvollen Gedichts erscheint die „Andere Welt“ – und es bleibt offen, welchen Charakter die Gefangenschaft des Ich hat: Beruht sie auf einer lustvollen Liebes-Passion oder auf unglücklicher Verfallenheit?

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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