Karl Kraus’ Gedicht „Gerüchte“

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KARL KRAUS

Gerüchte

Der Mann war das leibhaftige Gerücht.
Lief er auf leisen Sohlen durch den Saal,
so war es ein Skandal,
und man erfuhr die Quelle nicht.

Wie gleich und gleich sich gleich verflicht,
die Gattin, die er nahm, sah aus wie Fama.
Das gab ein Ehedrama,
das Kind war ein Gerücht.

Und eh die Ehe, die nicht ehern, bricht,
gesellt sich einer zu dem Pärchen,
erzählte ihr ein Märchen.
Was war die Folge? Ein Gerücht.

nach 1914

 

Konnotation

Was ist haltloser und ungreifbarer, grundloser und unberechenbarer als das Gerücht? Die Zeitung.“ Mit der Macht der Gerüchte und ihrer Verbreitung im Massenmedium Zeitung hat sich der Sprachkritiker Karl Kraus (1874–1936) in allen von ihm gewählten Literaturgattungen beschäftigt. So sind auch seine zwischen 1914 und 1933 entstandenen Gedichte, die er als Worte in Versen in neun Bänden sammelte, oft lyrische Abhandlungen über die Transformation der gesamten Lebenswelt in ein Gerücht.
Da Kraus das Gedicht stets als „engste und strengste Sprachprobe“ begriff, verwundert nicht, dass ganze Motiv-Ketten aus seinen Dramen auch in seiner Lyrik auftauchen. Für diesen Autor war der artistische Gebrauch des Reims selbstverständlich, glaubte er doch, dass der Reim die Ursprünglichkeit und das Geheimnis einer idealen Sprache aufbewahrt.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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