Peter Hamms Gedicht „Zugabteil (Über die Rauhe Alb 7)“

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PETER HAMM

Zugabteil (Über die Rauhe Alb 7)

Ein Blick aus dem Fenster
auf die verschwindende Welt
und man versteht
die Religionen.

Umkehr, wie kommt
so ein Wort in die Welt?

Der schiefe Fußballplatz
mit seinem zertretenen Gras,
die jungen, schneidenden Stimmen
von dort: sie dauerten
länger als jener Nachmittag,
länger als alle die Jahre –

doch nicht länger als ich.

Umkehr, Umkehr:
um nichts in der Welt
und um jedes.

1985

aus: Peter Hamm: Die verschwindende Welt. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1985

 

Konnotation

Nachdem er den bedrückenden Verhältnissen in katholischen Internaten in Oberschwaben entlaufen war, hatte sich der junge Peter Hamm (geb. 1937) als visionärer Dichter in geistiger Nachbarschaft zu Nelly Sachs (1891–1970) exponiert. In den Jahren der Studentenrevolte verwarf er dann unter Berufung auf marxistische Theoreme das Gedicht als „dem Stand der Produktionsmittel nicht angemessen“. Nach seiner Rückkehr zur Poesie schrieb Hamm autobiographisch grundierte Erlebnisgedichte, die Orte und Leidenserfahrungen der Kindheit wachrufen. Es ist eine Poesie der letzten Dinge, die im „Bildersaal“ der Religionen die emphatisch verstandene „Wahrheit“ zu finden hofft.
In einer Situation meditativer Besinnung reflektiert das grüblerische lyrische Subjekt hier die Kategorie „Umkehr“ – ein Nachdenken über die entschlossene Rückwendung zu Gott, die aufgerufen und wieder verworfen wird. Das lyrische Subjekt ist in einer Ambivalenz gefangen. Das lyrische Verständnis für die Transzendenzfragen der Religionen verbindet sich mit Skepsis, die sich einer normativ eingeforderten „Umkehr“ verweigert.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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