Sinaida Hippius: In Sainte-Geneviève und weiter unten…

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Sinaida Hippius: In Sainte-Geneviève und weiter unten…

Hippius/Beckmann-In Sainte-Geneviève und weiter unten…

Verse laut
Zu lesen trügt.
Denn ihr Geist −
Versteht’s: entfliegt.

Ein Skelett liegt
Nun der Vers…
Schau und sag:
Wo ist sein Herz?

Schweigen nur
Liebt Wortmusik.
Trag ihn vor −
Der Vers erliegt.

 

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Vorwort

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gibt Sinaida Hippius ein Gedicht zum Druck, das sie bereits in den zwanziger Jahren geschrieben hat. Es spricht in müden Worten die bittere Enttäuschung über den Zustand unseres Planeten aus. Es endet mit dem klaren Wunsch, „heimgehen“ zu können.
Im September 1945 stirbt die Dichterin vereinsamt in Paris. Zwei Jahre zuvor hat sie in einem Widmungsgedicht von Wladimir Slobin, ihrem langjährigen Sekretär und Mitstreiter, Abschied genommen. Sie gibt ihm dabei zu verstehen, dass sie es vorziehen würde, auf dem Friedhof von Sainte-Geneviève, oder „weiter unten“, wieder ihrem Manne, dem Kulturphilosophen und Schriftsteller Dmitri Mereschkowski, zu begegnen.
Das Ehepaar Mereschkowski war 1919 aus Russland emigriert – eine „Heimkehr“ dorthin wird erst zu Beginn der neunziger Jahre möglich. Die Sowjetunion hat beide siebzig Jahre lang totgeschwiegen.
Als Christoph Ferber 1987 eine kleinere Auswahl aus dem – gewiss bekannteren – Frühwerk der Dichterin übersetzte und es unter dem Titel Frühe Gedichte herausgab, betrat er Neuland.
Wenn der Übersetzer nun eine zweite Auswahl, diesmal aus dem Spätwerk, vorstellt, ist das sehr zu begrüßen. Nach allem, was uns das vergangene Jahrhundert beschert hat und das angehende zu bescheren droht, ist es höchst angezeigt, sich auch dem „politischeren“ Teil des Werks von Sinaida Hippius zuzuwenden, ihren Gedichten aus der Zeit seit Beginn des Ersten Weltkriegs.
Sinaida Hippius (1869–1945), die neben Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa bedeutendste Dichterin Russlands, ist im Kreise der russischen Symbolisten die einzige Frau. Zu Anfang des Jahrhunderts führt sie in Petersburg einen literarischen Salon, in dem fast alles verkehrt, was Rang und Namen hat. Mit ihrem Mann gemeinsam vertritt sie die „slawophile“, „metaphysische“ Richtung des Symbolismus. Sie ist religiös, aber nicht kirchlich gebunden.
Inspiriert wird Sinaida Hippius vor allem von Baratynski und Tjutschew, geistig fühlt sie sich Dostojewski nahe. Alles Mystische bleibt ihr aber fremd. Von den Dichterkollegen ihrer Zeit steht ihr Fjodor Sologub, der „Sänger des Todes“, am nächsten. Er ist auch der einzige, der in ihren Tagebüchern der Schreckensjahre 1918-1919 ungeschoren davonkommt. Seinen Kriegsenthusiasmus des Jahres 1914 vermochte sie freilich nicht zu teilen. Weitsichtig sieht sie die Katastrophe voraus.
Der Oktoberrevolution steht die Dichterin entschieden ablehnend gegenüber. Es schmerzt sie, dass Alexander Blok, der nahe Freund, der Dichter der „Schönen Dame“, an der Spitze eines Rotarmistentrupps die Gestalt Christi gesehen haben will.
Im Pariser Exil schreibt sie nur noch spärlich Gedichte. Manche von ihnen werden zu einem Lob des Schweigens, der Innerlichkeit und des stillen Gebets. Andere sind betont politisch, zeichnen sich durch Prägnanz, durch Härte und aphoristische Zuspitzung aus.
Aktiv nimmt Sinaida Hippius am künstlerischen und politischen Leben der russischen Emigration teil. Sie verfasst Kurzgeschichten und essayistische Prosa für literarische Zeitschriften und betätigt sich, wie schon in Russland, als treffsichere (und mitunter recht boshafte) Kritikerin. Sie veröffentlicht einen Band mit hochinteressanten literarischen Reminiszenzen an das „Silberne Zeitalter“ der russischen Literatur – mit vielen prägenden Persönlichkeiten hat sie ja einst in Verbindung gestanden, so mit Brjussow und Bely, mit Rosanow und Sewerjanin. Auch Tschechow und Tolstoi war sie begegnet. Sie gründet einen „Bund der Unversöhnlichkeit gegenüber den Bolschewisten“. Wegen ihres antikommunistischen Engagements sagt man ihr und Mereschkowski sogar Sympathien für den Nationalsozialismus nach. Zu Unrecht: beide lehnen totalitäre Systeme in klaren Bekenntnissen ab.
Bis zuletzt hofft Sinaida Hippius auf Rettung für das „sündige“ Russland. Sie klagt Gott in blasphemischer Umkehr an, er sei es, der sich einst beim Jüngsten Gericht werde rechtfertigen müssen. Es ist der gleiche Gott, den sie im Gedicht „Maß“, dem schönsten dieses Bandes, demütig sucht. Vielleicht wird sie ihn auf Sainte-Geneviève gefunden haben, freilich wohl eher „weiter oben“ als „weiter unten“.

Peter Brang

Bücher übersetzen heisst Menschen erreichen

– An der traditionellen Lesung vom 7. des Monats im alten Kloster stand ein Übersetzer im Mittelpunkt. Christoph Ferber las sogar russische Texte vor, die er selber übersetzt hat. –

Höchst selten werde ein Übersetzer für eine Lesung eingeladen, und vor allem in einem so wunderschönen Rahmen, sagte Christoph Ferber.
Einmal mehr hatte sich eine stattliche Zahl Besucher im altehrwürdigen Abtsaal eingefunden. Aufgewachsen ist der 1954 geborene Ferber in Sachseln, mit Heimatort im luzernischen Grossdietwil. Studiert hat er Slawistik und Romanistik in Lausanne, Zürich und Venedig. Er lebt in Sizilien, wo er auch bis 2010 Lehrbeauftragter der Universität Catania war. Als Übersetzer hat Ferber bisher rund dreissig Auswahlbände von Lyrikern aus verschiedenen Ländern herausgegeben. Russland, Italien, Frankreich sowie die französisch- und italienischsprachige Schweiz sind darunter. Für die Edition Raute in Dresden sind in den letzten Jahren verschiedene Ausgaben von vier russischen Autoren des 20. Jahrhunderts entstanden.
In St. Urban hat er sich vor allem mit vier russischen Autoren befasst, wichtigen Exponenten des Symbolismus, auch als das „silberne Zeitalter“ in der russischen Literatur bekannt. Zum Einstieg widmete er sich ausführlich der Schriftstellerin Sinaida Hippius und man fühlte sich gepackt von der mitreissenden Figur dieser Frau.
„Ohne diese stolze Gestalt wäre der russische Symbolismus nicht nur reine Männersache, sondern auch der Stimme beraubt, welche die dekadente Grundhaltung am ,positivsten‘ zum Ausdruck bringt“, erwähnte er.
Als Gegnerin des Bolschewismus emigrierte die Dichterin mit ihrem Mann zusammen nach Paris. Sie war zeitlebens als treffsichere und sogar boshafte Kritikerin bekannt.
Christoph Ferber las, neben den deutschen Übersetzungen, auch immer wieder Gedichte in Russisch vor. Auch ohne die Texte zu verstehen, konnten sich die Zuhörer dem einzigartigen Klang der Sprache hingeben.
Christoph Ferber hat es möglich gemacht, mit handlichen Bändchen drei weitere russische Dichter aus der Zeit des Symbolismus in die deutsche Sprache zu übersetzen. Damit auch die Möglichkeit, eine Welt zu entdecken, die sonst wohl für viele verschlossen geblieben wäre. Es sind dies Wjatscheslaw Iwanow, Konstantin Balmont und David Samojlow.
Die Erzählungen dieser Autoren sind politisch. Dann sind es Naturbeschreibungen und vor allem auch Liebesgedichte, welche ganz besonders berühren.
Zum Schluss gab Ferber noch einen Einblick in seine Arbeit: Selten gelinge ihm ein Text auf Anhieb, meist dauere es. „Hinter jeder Übersetzung steckt eine Arbeit, die niemand sieht.“ Nicht nur Sprachbegabung, sondern auch Herzblut steckt in den Texten, davon konnte man sich in dieser speziellen Lesung überzeugen. Eine Fachfrau aus dem Verlagsgeschäft erwähnte: „Es sind allesamt verkannte Genies und Christoph Ferber ist einer der Besten.“

Heidi Bono, Zofinger Tagblatt, 7.8. 2013

 

Sinaida Gippius (1869–1945)

Nach dem Tod ihres Ehemanns Dmitrij Mereschkowskij, 1941, begann Sinaida Gippius unter dem Arbeitstitel „Er und Wir“ mit der Niederschrift seiner Biographie, die auch ein Epochenbericht sein sollte. Das Werk kam nicht zum Abschluß und wurde erst postum (1951) mit abgeändertem Titel veröffentlicht; schlicht: Dmitrij Mereschkowskij. Diese nachträgliche Vereinfachung wird weder der Intention noch dem Inhalt des Buchs gerecht. Denn tatsächlich war der Lebens-, Denk- und Schaffensweg der beiden Eheleute über viele Jahrzehnte hin so eng koordiniert, daß für dessen Darstellung einzig eine Doppelbiographie adäquat sein könnte.
Gippius und Mereschkowskij bieten das singuläre Beispiel für eine lebenslange intellektuelle und alltagsweltliche Gemeinschaft, die außerhalb jeglicher Konvention Bestand hatte und für die daran Beteiligten dennoch zur Normalität werden konnte. Nicht nur haben die Partner seit ihrer frühen Heirat (1889 als 19- bzw. 23-Jährige) nach eigenem Bekunden jeden Tag ihres Lebens gemeinsam verbracht, auch auf Reisen und selbst auf der Flucht, bei jedem Vortrag, bei jeder Lesung des einen war der andere präsent, jeden Theater- oder Museumsbesuch, auch jede Kongreßteilnahme absolvierten sie zu zweit, jede Veranstaltung in ihren literarischen Salons fand unter ihrem gemeinsamen Vorsitz statt; und mehr als das – ihre konsequent asexuell geführte Ehe war für sie eine unantastbare mystische Vereinigung, die lange Zeit ergänzt wurde durch die Einbeziehung homosexueller (männlicher wie weiblicher) „Familienmitglieder“. Im Übrigen hatte Sinaida Gippius schon als junges Mädchen heftige platonische Beziehungen zu deutlich älteren Männern – der Literat Akim Wolynskij gehörte ebenso dazu wie der Dichterphilosoph und Dramatiker Nikolaj Minskij.
Ab 1898 unterhielt Gippius eine mehrjährige lesbische Affäre mit der Komponistin Agnes Elisabeth Overbeck, ohne daß dadurch ihre Ehe gefährdet gewesen wäre. Gleichzeitig nahm sie den homosexuellen Kulturphilosophen und Kunstkritiker Dmitrij Filossofow in den ménage à trois auf, den sie nachfolgend während vieler Jahre zusammen mit Mereschkowskij fortführte, bis Filossofow bei einem gemeinsamen Aufenthalt in Polen den „Haushalt“ verließ, derweil die Eheleute definitiv nach Frankreich übersiedelten. Für den Rest ihres Lebens behielten sie den ebenfalls emigrierten Lyriker Wladimir Slobin als ständigen „Sekretär“ bei sich – er war der letzte „Dritte“ in ihrem asketischen Liebesbund.
Da Mereschkowskij offenkundig keinerlei geschlechtliche Bedürfnisse oder Präferenzen hatte, kannte er auch keine Eifersucht, derweil seine Frau für beide Geschlechter offen war, dies mit klarer (eingestandener) Bevorzugung homosexueller Männer. Verschiedentlich hat man sie als Vamp, als Hexe, als „dekadente Madonna“, gar als Teufel bezeichnet; sie selbst beanspruchte für sich in einem ihrer vielzitierten Gedichte („Widmung“, 1894) göttlichen Status: „Ich liebe mich wie einen Gott…“ – Diese provokante Überhöhung des lyrischen Ichs hat Innokentij Annenskij in einem kritischen Essay über Frauenpoesie (1909) wie folgt zu erklären versucht:

Für S. Gippius gibt es in der Lyrik einzig ein Ich ohne Grenzen, nicht ihr Ich, versteht sich, sondern das Ego schlechthin, das die Welt ist und das auch Gott ist […].

Die androgyne Schönheit und Eleganz der Gippius waren legendär, wirkten damals aber eher befremdlich denn attraktiv, und ihr zeitlebens dandyhaftes Auftreten mit Lorgnette und Zigarette, gern in Männerkleidung und mit rotgefärbtem Haar hat ihr weit mehr Skepsis als Bewunderung eingebracht. An ihrer Seite wirkte ihr Mann – kleingewachsen, schmächtig, blaß – noch unscheinbarer, als er’s ohnehin war. Die ungewöhnliche Wechselbeziehung der beiden hat ihr Privatsekretär Wladimir Slobin prägnant wie folgt auf den Punkt gebracht:

Sie befruchtet, er trägt aus und gebiert. Sie bringt den Samen, er ist der [empfangende] Erdgrund – die fruchtbarste aller Schwarzerden.

Wenn nun Sinaida Gippius die Biographie Mereschkowskijs ursprünglich mit „Er und Wir“ betitelt hat, so war damit ihre eigene Biographie nicht nur zusätzlich eingeschlossen, vielmehr war sie als integraler Teil seiner Biographie ausgewiesen. Daß sie dabei dem Mann („er“) den Vorrang zugestand und sich selbst lediglich in der Vereinigung mit ihm („wir“) darbieten mochte, ist durchaus bemerkenswert für eine Frau, die grundsätzlich davon ausging, daß sie ihm intellektuell wie künstlerisch ebenbürtig, in mancher Hinsicht sogar überlegen war. Bemerkenswert auch, daß sich Gippius, in eklatantem Unterschied zu Mereschkowskij, nie über russische beziehungsweise exilrussische Leserkreise hinaus einen Namen gemacht hat, weder als die exzellente Dichterin und Erzählerin, die sie war, noch als ebenso einflußreiche wie umstrittene Publizistin, die sich gern unter männlichen Decknamen gedruckt sah, von denen sich Anton Krajnij“ (d.h. Anton der Extremist) besonders eingeprägt hat.
„Mir schien es stets praktischer zu sein, die mir wichtigsten Gedanken unter wechselnden Pseudonymen auszusprechen, unter fremdem Namen“, erklärte sie dazu: „Nur so konnte ich darauf hoffen, unvoreingenommen beurteilt zu werden. Denn halbbewußt verwerfen wir ja alles, was mit einem weiblichen Namen unterzeichnet ist. Und einzig über jenes Ich bekomme ich auch etwas zu wissen, das mit meinem [eigenen] Namen nicht verbunden ist.“ – Der Hauptgrund für ihre Unterschätzung war vielleicht aber doch die Tatsache, daß sie stets hinter ihren Partner zurücktrat und daher als dessen „Anhang“ verkannt wurde, während sie in Wirklichkeit das gemeinsame Leben, Denken und Streben klar, von außen jedoch kaum wahrnehmbar, dominierte. So darf man denn auch sagen, daß die späte Gippius, als sie die Biographie Mereschkowskijs niederschrieb, gleichzeitig ihre Autobiographie verfaßte.
Wenn in der heutigen Rezeption das Interesse an Sinaida Gippius und ihrem Werk, anders als zu ihren Lebzeiten, über dasjenige an Dmitrij Mereschkowskij weit hinausgeht, so vorab deshalb, weil die feministische Literaturwissenschaft sie inzwischen als eine herausragende Pionierin und Protagonistin transsexueller Autorschaft entdeckt hat. Die seit der Jahrtausendwende stark angewachsene diesbezügliche Forschungsliteratur ist Beleg dafür; doch hinter diesem besonderen Interesse bleibt der Zuspruch des Lesepublikums nach wie vor weit zurück – in deutscher Sprache liegen nebst den Tagebüchern nur ganz wenige Gedichte, Geschichten und Briefe von ihr gedruckt vor.

*

Um die Jahrhundertwende war Sinaida Gippius im gesamtrussischen Literaturbetrieb, besonders aber in der Petersburger Kulturszene eine weithin bekannte Größe, skandalös bekannt wegen ihrer erotischen Promiskuität, ihrer mystischen Religiosität, ihres regimefeindlichen politischen Radikalismus, ihres respektlosen und hochmütigen persönlichen Auftretens. Als Autorin aller Sparten – außer ihren Gedichten lagen von ihr bis zum Ersten Weltkrieg mehrere Theaterstücke, Erzählbände sowie fünf Romane vor – und nicht zuletzt als Kritikerin mit höchst subjektivem, zumeist polemischem Urteil war sie unentwegt präsent in der Presse, im Buchhandel, auf der Bühne, bei öffentlichen Veranstaltungen. Zusammen mit Mereschkowskij gründete und leitete sie in der gemeinsamen Wohnung einen vielbesuchten Debattierklub, dazu eine kulturelle Zeitschrift (Der neue Weg, 1902–1904) als Tribüne für die von ihr gleichzeitig organisierten religiös-philosophischen Kolloquien (1901–1903).
Die gewalthafte staatliche Reaktion auf die revolutionären Ereignisse von 1905 – Demonstrationen, Streiks, politische Morde, Pogrome, „Blutsonntag“ – veranlaßte sie und ihren Mann ein erstes Mal zur Emigration. Für zwei Jahre hielten sich beide „zu dritt“ mit Dmitrij Filossofow in Paris auf, warben publizistisch für die Abschaffung der zarischen Autokratie, vernetzten sich mit gleichgesinnten Landsleuten und französischen Sympathisanten, traten für „Demokratie“, für „Fortschritt“ ein und scheuten sich nicht, auch die Dichtung politisch in die Pflicht zu nehmen. In diese Zeit fiel auch ihre enge Freundschaft mit dem Terroristen und Literaten Boris Sawinkow (vgl. Kap. IV/1), der ihnen den Primat der Tat vor dem Wort einsichtig machte und der später unter Anleitung von Sinaida Gippius seinen autobiographisch fundierten Roman Das fahle Pferd (1912) abfaßte.
Ebenso dezidiert, wie die Mereschkowskijs die bürgerliche Revolution vom Februar 1917 und die Übergangsregierung des linksliberalen Aleksandr Kerenskij begrüßten und aktiv unterstützten, verwarfen sie die nachfolgende bolschewistische Oktoberrevolution als repressiven Putsch – sie glaubten darin ein weltgeschichtlich fatales apokalyptisches Ereignis zu erkennen, und für den Rest ihres Lebens verharrten sie in einer militant antisowjetischen Abwehrhaltung. Den Sowjetkommunismus, das Sowjetregime hielten sie pauschal für ein finsteres Lügengebäude, einen Kerker zur Vernichtung aller Andersdenkenden, einen brutalen Machtapparat mit dem Ziel, Rußland in seiner hergebrachten Eigenart zu zerstören.
Zusammen mit Mereschkowskij, dem Hausfreund Filossofow und dem Sekretär Slobin setzte sich Sinaida Gippius Ende 1919 für immer aus Sowjetrußland ab und erreichte (nach einjährigem Zwischenhalt in Polen) das Pariser Exil – Filossofow blieb in Warschau, seine Nachfolge als der „Dritte“ in ihrer Ehe übernahm der junge Wladimir Slobin. Gippius, damals bereits 51 Jahre alt, führte ihre politische und literarische Arbeit an Mereschkowskijs Seite uneingeschränkt weiter und erwarb in Emigrationskreisen schon bald eine ähnlich dominante Position wie zuvor in Petersburg: Man hielt sie für eine „Klassikerin“ zu Lebzeiten, bemühte sich um ihren Rat und ihre Fürsprache, fürchtete ihre scharfe Intelligenz und ihr kritisches Urteil, beneidete sie um ihren Erfolg, ihren Einfluß, ihren relativen Wohlstand, haßte sie aber auch für ihre Selbstüberhebung und Rechthaberei.
In allen führenden Zeitschriften war Gippius als Mitarbeiterin gefragt und präsent. Sie publizierte Hunderte von Artikeln, Traktaten, Besprechungen, Nachworten, Nekrologen, beteiligte sich an vielen Pressedebatten und fand auch noch Gelegenheit, ihre Erinnerungen an die hohe Zeit des russischen Symbolismus literarisch aufzuarbeiten in Form von überaus einprägsamen Einzelportraits, die sie 1925 unter dem Titel Lebendige Gestalten (Živye lica) herausbrachte – Musterbeispiele ihrer narrativen Essayistik, in der sie Alltägliches, Privates, Epochales, Erinnertes, Erlebtes, Gelesenes und auch Erfundenes souverän zusammenführt. Die fein ausgearbeiteten Medaillons können als erste Bausteine für die intellektuelle Biographie gelten, die sie zwanzig Jahre später ihrem Ehepartner und sich selbst widmen wird.

*

Dank ihrer Schlagfertigkeit und ihres vielseitigen Wissens wurde Sinaida Gippius nicht nur zu einer führenden Protagonistin öffentlicher exilrussischer Podien, sie unterhielt auch gemeinsam mit Mereschkowskij einen privaten Literaturklub (die Sonntage, 1925–1940) sowie einen externen Salon für Lesungen, Vorträge und Debatten unterschiedlichster Thematik (Grüne Lampe, 1927–1939). Hier wurden neue Talente wie Boris Poplawskij, Sergej Scharschun (Charchoune) oder Anatolij Schtejger (Steiger) entdeckt, politische, philosophische und religiöse Interessen gepflegt, literarische Konflikte ausgetragen, Freundschaften begründet, aber auch Karrieren zerstört. Jurij Felsen (eigentlich Freudenstein), ein damals noch sehr junger Adept der Mereschkowskijs, wird sich später erinnern:

Worüber doch alles bei jenen Sonntagstreffen geredet wurde! Über Tolstoj, Politik, die Bolschewiken, Religion, Marcel Proust, die russischen Symbolisten, die französischen Neokatholiken, die griechische Tragödie…

Alles, was damals im Pariser Exil Rang und Namen hatte – Schriftsteller, Publizisten, Historiker, Philosophen – war bei der Grünen Lampe über zwei Jahrzehnte hin zugegen, sei’s als Zuhörer, als Referent oder als Diskutant. Iwan Bunin, der Literaturnobelpreisträger von 1933, gehörte ebenso zu den Dauergästen wie die Lyriker Georgij Iwanow und Wladislaw Chodassewitsch, die Erzähler Remisow, Aldanow und Teffi, die Philosophen Berdjajew, Fedotow oder Nikolai Bachtin. Jede Veranstaltung wurde von den Mereschkowskijs präsidiert und nach immer gleichem Ritus durchgeführt: Begrüßung, Programmansage, Impulsvortrag, Debatte, Fazit. Mitunter kam es wohl zu scharfen Antagonismen, doch diese blieben die Ausnahme, da das Publikum wie die Teilnehmenden in aller Regel eine Einladung der Gastgeber benötigten – undenkbar, daß Sympathisanten oder gar offizielle Vertreter Sowjetrußlands Zutritt gefunden hätten.
Zwei Prinzipien wurden von den Mereschkowskijs konsequent als Forderungen an ihre Gefolgsleute hochgehalten – strikter Antikommunismus und aktiver Einsatz für die „Freiheit“. Letzteres sollte jedem Einzelnen wie auch insgesamt der Welt zugute kommen. Sinaida Gippius verstand darunter nicht nur die Freiheit, nach eigenem Willen zu handeln, sondern auch nach eigenem Bedürfnis zu sein – stets hat sie Toleranz walten lassen in Bezug auf Religions- und Rassenzugehörigkeit, auf sozialen Status, auf Sexualität, auf künstlerische Eigenart. Einzig für den Kommunismus gab es bei ihr kein Pardon, sie hielt ihn in Theorie und Praxis für das Böse schlechthin, für ein konkretes Teufelswerk, das im Namen Gottes wie eben auch im Namen der Freiheit zu bekämpfen sei. Unter welchen politischen Prämissen dies zu geschehen hätte, ließ sie weitgehend offen; explizite Bekenntnisse zur Demokratie sind von ihr nicht überliefert, allerdings hat sie sich im Unterschied zu Mereschkowskij auch gehütet, den Faschismus (für den sie durchaus Sympathien hatte) als Garanten der Freiheit zu belobigen.
Bis zuletzt ist Sinaida Gippius im Zwiespalt zwischen Freiheit und Rußland befangen geblieben. Nie hat sie die Frage nach der Freiheit von der Frage nach Rußland trennen können. Nina Berberowa, die mit ihr befreundete Schriftstellerkollegin, hat dieses Problem mit einem diesbezüglichen Gesprächsprotokoll dokumentiert – Mereschkowskij und Gippius unterhalten sich:

Sinaida“, so fragt er zum wiederholten Mal, „was ist dir wichtiger – Rußland ohne Freiheit oder Freiheit ohne Rußland?“ – „Freiheit ohne Rußland“, antwortet sie, „und darum bin ich hier [im Exil] und nicht dort [in der Heimat].“ – „Auch ich bin hier, und nicht dort, weil Rußland ohne Freiheit für mich nicht möglich ist. Aber wozu denn eigentlich bräuchte ich Freiheit, wenn es Rußland nicht gäbe? Was sollte ich ohne Rußland mit der Freiheit anfangen?“

Immerhin hegte Gippius die Hoffnung, die russischen Exilanten könnten im Westen die „Wissenschaft“ der Freiheit erlernen und sie irgendwann nach Rußland transferieren, eine von ihr mehrfach erörterte Möglichkeit, die sie 1930 in einer Grundsatzerklärung zur Mission der Ausgewanderten wie folgt präzisierte:

Alles, was man sich anlernen kann, was man in Freiheit erreichen kann durch Werk und Wille, all das muß das im Ausland lebende russische Volk nach Rußland zurücktragen. Einzig mit diesem Besitz kann es der Heimaterde von Nutzen sein… so wie diese ihm von Nutzen sein wird.

In einem Presseartikel von 1926, unmittelbar vor der Eröffnung der Grünen Lampe, hatte Sinaida Gippius klargemacht, was sie von der „freien Kunst“ in der Emigration erwarte:

Gewaltsam weggerissen aus der Fülle des Lebens, aus der Wirklichkeit, ist sie gezwungen, allein sich selbst dienstbar zu sein, gleichsam also zu einer Schlange zu werden, die sich in den eigenen Schwanz beißt – mithin kann sie letzten Endes nur dahinsiechen und absterben.

Da die Emigrationskunst, so betrachtet, nur noch als art pour l’art eine Restfunktion und Daseinsberechtigung habe, also nicht mehr in der Lage sei, die Wirklichkeit darzubieten, müsse die Wirklichkeit als solche angegangen, verändert und „tatsächlich verbessert“ werden – eine seltsam verquälte Argumentation, die der Kunst jedes Wirkungspotential abspricht, dabei aber die Formbarkeit und Vervollkommnung der Welt durch den Menschen überschätzt. Für sich selbst, als Dichterin, hat Gippius daraus die Konsequenz gezogen, auf literarisches Schreiben weitgehend zu verzichten: Nachdem sie schon vor dem Ersten Weltkrieg in zwei Bänden ihre Gesammelten Gedichte (1904/1910) und bald danach ihre Letzten Gedichte (1918) vorgelegt hatte, erschien von ihr erst wieder 1938 in Kleinstauflage ein schmaler Lyrikband unter dem Titel Lichtglanz (Sijanije). In diesen nun definitiv letzten Gedichten transzendierte sie die Spannung zwischen Hier (im Exil) und Dort (in Rußland) durch deren Erweiterung auf das Hier als Diesseits und das Dort als Jenseits: Was einst ihr ambivalentes politisches Credo gewesen war, verwandelte und verfestigte sich nun zu ihrem religiösen Vermächtnis.

*

Gleichzeitig verwandelte und verfestigte sich auch die politische Position der Mereschkowskijs. Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs und auch noch nach dessen Beginn vollzogen sie einen dezidierten Rechtsruck und übernahmen explizit Mussolinis faschistische Weltanschauung, über die sie sich auch mehrfach mit dem Duce persönlich im Gespräch austauschten. In den Jahren 1936/1937 hielt sich das Paar in Italien auf, wo Mereschkowskij mit einem Stipendium der Regierung eine Monographie über Dante Alighieri ausarbeiten sollte. In ihren Tagebüchern hielt Sinaida Gippius zahlreiche Details zu diesem Aufenthalt fest, vorab zur „Liebesgeschichte“ ihres Mannes mit Mussolini, die sie mit einiger Skepsis, aber durchweg zustimmend beobachtete:

Mehr und mehr dämmert mir, daß dieser Führer wahrhaftig prädestiniert ist als der wahrhaftige Mann dieses Landes und dieser Minute, mithin also ein tatsächlich großer [Mensch].

Mussolini scheint an Mereschkowskij weit weniger interessiert gewesen zu sein als dieser an ihm. Der vom Russen angestrebte Dialog kam nicht wie gewünscht in Gang, blieb unverbindlich und folgenlos. Die Enttäuschung darüber scheint aber die menschliche Wertschätzung nicht getrübt zu haben: Mereschkowskij war von Mussolinis „Güte“ und selbst von seinem „Schweigen“ (heißt: von seiner Gesprächsverweigerung) tief beeindruckt, und Gippius scheute sich nicht, den Duce mit Kerenskij zu vergleichen, den sie noch immer als den Anführer der Februarrevolution von 1917 verehrte.
Mit der Rückkehr nach Paris im Herbst 1937 brach der Kontakt zu Mussolini ab, nicht jedoch die Hoffnung auf den Endsieg des Faschismus über den Bolschewismus. Bis zu seinem Tod rechtfertigte Dmitrij Mereschkowskij wortreich die faschistische Politik und auch noch den Kriegseintritt Italiens und Deutschlands, während Sinaida Gippius sich diesbezüglich zurückhielt – zwar rechtfertigte sie in ihrem Pariser Tagebuch von 1940 Hitlers Überfall auf Polen mit hanebüchenen Argumenten, doch öffentlich ließ sie sich zu den laufenden Ereignissen nicht mehr vernehmen:

Und in der Tat, was sollte ich noch schreiben, worüber? wozu?

Auch ihre Lektüre beschränkte sich nun auf ein Minimum:

Tags Zeitungen lesen, abends Detektivromane – das ist alles, was uns geblieben ist.

Die Dichterin Irina Odojewzewa, die mit den Mereschkowskijs während anderthalb Jahrzehnten freundschaftlich verbunden war, hat ein letztes Gruppenbild des verfallenden Gesprächskreises um das greise Ehepaar in ihre Memoiren (An den Ufern der Seine, 1983) aufgenommen:

Ich sehe Sinaida Nikolajewna [Gippius] wie schon immer weiß gepudert, mit Wangenrot, mit rotem Haar, gediegen und altmodisch frisiert, in ihrem grünen Kleid, mit der unvermeidlichen Lorgnette in ihrer feinen Hand. Rechts von ihr [der Dichter] Georgij Iwanow, links der schöne, schwarzäugige junge Wiktor Mamtschenko, der beste Freund am Ende ihres Lebens, demzuliebe sie ihre früheren besten Freunde Georgij Adamowitsch und Georgij Iwanow ,betrogen‘ hat. Außerdem im Kreis der umtriebige [Nikolai] Bachtin, der schwarzhaarige zarte [Jurij] Terapiano, [der Dichter Jurij] Felsen, der einem Baltendeutschen ähnlich sah, [Boris] Poplawskij mit schwarzer Brille sowie Mereschkowskij selbst, der angeregt irgendetwas über Atlantis kundtat.

Mereschkowskijs Tod Ende 1941 scheint Sinaida Gippius wie den Verlust ihres eigenen Lebens erfahren zu haben: „Er“ war tot, also war auch das eheliche und geistige „Wir“ gestorben. Das zurückbleibende „Ich“ war nicht mehr wirklich lebensfähig. Gippius stellte ihre wenigen verbleibenden Jahre bei raschem Überhandnehmen von Krankheit und psychischer Desorientierung – stets nah an der Armutsgrenze und zunehmend isoliert – noch einmal ganz in den Dienst ihres Mannes, indem sie dessen Lebensgeschichte (und damit auch ihre eigene Biographie) niederschrieb. Als sie 1945 über diesem postumen Liebesdienst verstarb, war das Projekt nur zur Hälfte ausgeführt – mit der Emigration aus Sowjetrußland endet das Buch, ein Vierteljahrhundert bleibt ausgeblendet: unvollendetes Denkmal einer nicht konsumierten und doch voll ausgelebten Ehe, abgebrochenes Finale eines unüberschaubar vielfältigen Werks, ruinöses Zeugnis einer ruinösen Epoche.

Werke: Zinaida Gippius: Sobranie sočinenij (Gesammelte Werke), I–XV, Moskva 2001; Zinaida Gippius: Stichotvorenija (Dichtungen), Moskva 1999 (kritische Edition mit werkbiographischer Einleitung); Zinaida Gippius: Ja ničego ne bojus’ (Ich fürchte nichts), Moskva 2004 (Aufsätze, Erinnerungen, Tagebücher).
Biographien: Christa Ebert: Sinaida Hippius (Seltsame Nähe: Ein Porträt), Berlin 2004; Natal’ja Os’makova: „Edinstvennost’ Zinaidy Gippius“ (Werkbiographie), via: https://web.archive.org/web/20221018215056/https://gippius.com/about/osmakova-edinstvennost-gippius.html
Erinnerungen: Jurij Terapiano: „Smotr“ (Augenschein), in: Grani, XXXVIII, Frankfurt a.M. 1958; Sergej Makovskij: Na parnase Serebrjanogo Veka (Auf dem Parnaß des Silbernen Zeitalters), München 1962; Nina Berberowa: The Italics Are Mine, London 1969; Vladimir Zlobin: Zinaida Gippius (A difficult soul), Berkeley 1980; Irina Odoevceva: Na beregach Seny (An den Ufern der Seine), Washington 1983; Jurij Terapiano: Dal’nie berega (Ferne Gestade), Moskva 1994.
Übersetzungen: Sinaida Hippius [sic]: Des Teufels Puppe (Eine Lebensbeschreibung in 33 Kapiteln), München 1912; Sinaida Hippius: Frühe Gedichte (Sachsein, 1987); Sinaida Gippius: Verschiedener Glanz (Gedichte), Berlin 2002 (mit Briefen an Nina Berberowa und Wladislaw Chodassewitsch); Sinaida Gippius: Petersburger Tagebücher (1914–1919), Berlin 2014.

Felix Philipp Ingold, aus Felix Philipp Ingold: Paris als Exil. Die Einwanderung aus Rußland 1910 bis 1940, Arco Verlag, 2025

 

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