Traditionsbruch und Innovationsbegehren
Drei fast schon vergessene Anthologien zur literarischen Kultur der Moderne
Teil 38 siehe hier …
André Breton mag den «schwarzen Humor» als Begriff in Umlauf gebracht haben, seine Überlegungen zu dessen Funktion und Bedeutung sind indessen nicht sonderlich originell – vorzugsweise lässt er sich dabei von Sigmund Freuds Abhandlung über den «Witz und seine Beziehung zum Unbewusstsen» (1905) leiten, nennt aber auch Paul Valéry oder Louis Aragon als Referenzen. Gern betont er dabei, was «schwarzer Humor» nicht ist: «Dummheit, skeptische Ironie, unseriöse Witzelei». Klar spricht er jedoch aus, wogegen der «schwarze Humor» sich hauptsächlich richtet: Er hat grundsätzlich «rebellischen» Charakter und ist «der eigentliche Todfeind aller Sentimentalität», mithin auch der mehrheitlich sentimentalen «kurzatmigen» Poesie.
Breton verschweigt nicht, dass er bei der Zusammenstellung seiner Anthologie eine «grosse Voreingenommheit» habe walten lassen – Willkür gegen Ausgewogenheit, Disproportion gegen Harmonie. Ungefähr die Hälfte der Texte entstammt dem Zeitraum zwischen 1700 und 1900, der Rest ist dem 20. Jahrhundert (bis zum Zweiten Weltkrieg) vorbehalten. Dass «schwarzer Humor» auch schon in der Antike, dann im Mittelalter und im Barock exzessiv praktiziert wurde, lässt Breton kommentarlos ausseracht. Doch alle eingebrachten Texte (zumeist Werkauszüge aus literarischen, philosophischen, publizistischen oder privaten Schriften) werden von ihm eigens vorgestellt und kompetent gewürdigt. Dennoch bleibt in manchen Fällen unklar, worin deren «schwarzer Humor» besteht und wodurch er sich von schlichtem Scherz oder gezielter Satire abhebt.
Die meisten Beiträge kann man wohl humorvoll oder wenigstens amüsant finden, aber es fehlt ihnen mehrheitlich die spezifische Qualität «schwarzen» Humors mit der notwendigen Beimischung von Zynismus, Tragik, Absurdität und Verzweiflung, die man im Ausnahmefall bei Alfred Jarry oder Franz Kafka vorfindet.
André Breton, „Anthologie des schwarzen Humors“ (französische Erstausgabe, Paris 1940).
Vom Herausgeber revidierte und ergänzte Neuausgabe 1966; mehrere Lizenzausgaben als Taschenbuch, zuletzt 2022; deutsche Erstausgabe 1972.
… Fortsetzung am 16.5.2026 …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik








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