Immer nur Gesichter

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

In einem seiner letzten Interviews erklärte der Photograph Robert Frank mit provokantem Unterton, ihn hätten als Sujet „immer nur Gesichter“ interessiert; Landschaften, Gegenstände taugten womöglich als Motive für die Malerei, photographisch machten sie „nichts her“.
Wieso, frage ich, sollte die Momentaufnahme eines menschlichen Gesichts, die ja bloss Sekundenbruchteile zu erfassen vermag, so besonders, ja ausschliesslich „interessant“ sein? Da doch eben die extreme Kürze der Ablichtung das Gesicht so sehr versachlicht und zur Erstarrung bringt, dass es in jedem Fall einen maskenhaften Zug annimmt und oftmals von einem Stillleben kaum noch zu unterscheiden ist.
Demgegenüber kann die Malerei dem Gesicht viel eher gerecht werden, da die Entstehung des Porträts grade nicht auf einen (und nur einen) Moment reduziert ist, sondern durch Einbezug der Dauer eine Vielzahl von minimal sich unterscheidenden Ansichten beziehungsweise Ausdrücken berücksichtigen und integrieren kann.
Für die Photographie, meine ich, sind alle Motive gleichermassen von Interesse; allerdings kommt sie, anders als die Malerei, keineswegs mit allen Motiven gleichermassen zurecht. Kein photographisches Bild kann das Hier und Jetzt des Augenblicks (der Belichtungszeit) transzendieren, alle Photographie bleibt auf Vordergründiges, Oberflächenhaftes, Momentanes fixiert und damit auf die dokumentarische Funktion des Abbildens.
Das photographische Abbild eines Gesichts ist etwas gänzlich anderes als dessen gemaltes oder materiell modelliertes Bild. Das hat vorab damit zu tun, dass der Photograph, nach Massgabe seines Apparats, einäugig arbeitet. Die Photographie, könnte man sagen, dimmt das Bild in jedem Fall auf den Status eines Abbilds herunter und ist, umgekehrt, vergeblich bemüht, das Abbild zum Bild aufzuwerten. Keine Dunkelkammertechnik und auch nicht Photoshop kann diesem Mangel (der eine weiter nicht zu kritisierende Tatsache ist) vorbeugen oder gar abhelfen.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Glück

kühle Lücke! (Lüge?)

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00