Traditionsbruch und Innovationsbegehren
Drei fast schon vergessene Anthologien zur literarischen Kultur der Moderne
Teil 39 siehe hier …
André Bretons «Anthologie des schwarzen Humors» lässt erkennen, dass der wie immer geartete Humor in den meisten Beiträgen deutlichen Vorrang hat vor jener emotionalen oder weltanschaulichen Schwärze, die – nach einer Formulierung von Charles Baudelaire («Spleen von Paris») – wie «ein bösartiger Dämon in uns eindringt und uns unweigerlich seine absurdesten Vorhaben ausführen lässt».
Dass Baudelaire «schwarzen Humor» nicht nur literarisch praktiziert, sondern authentisch, ja pathologisch ausgelebt hat, ist vielfach bezeugt. Durch die Verschmelzung von Dandysmus und Sadismus brachte er dies auf unverwechselbare Weise zum Ausdruck; er selbst sprach (in «Raketen», 1851) von einem «Gemisch aus Groteske und Tragik», dessen «Irregularität» ein generelles «Charakteristikum der Schönheit» sei. Wenn hier das «Unerwartete», «Überraschende», «Verblüffende» – im Gegenzug zum Erhabenen oder Sentimentalen – als künstlerische Qualität herausgestellt wird, kann das auch für den von Breton propagierten «schwarzen Humor» und, darüber hinaus, für die Ästhetik des Surrealismus insgesamt gelten.
Unabhängig von historischen und theoretischen Implikationen ist die «Anthologie des schwarzen Humors» ein durchwegs faszinierendes Lesebuch, das nicht nur viele Vorfahren und Vorformen des literarischen Surrealismus erschliesst, sondern auch vor Augen führt, wie und von wem diese zum Teil abseitigen, mitunter obsoleten Quellen genutzt worden sind. Im Vordergrund stehen naturgemäss französische Autoren, unter ihnen (als surrealistische Adepten) Picabia, Duchamp, Arp, Vaché, Péret sowie (als präsurrealistische Vorläufer und Anreger) der Marquis de Sade und der Sozialutopist Charles Fourier, ausserdem die Dichter Forneret, Ducasse, Rimbaud, Cros, Allais und viele andere.
Als ausländische Beiträger kommen bei Breton deutsche Autoren wie Lichtenberg, Grabbe, Nietzsche und Kafka zu Wort, dazu der Amerikaner Edgar A. Poe, der Brite Lewis Carroll, der Ire J.M. Synge. Die skandinavischen, slawischen und hispanischen Literaturen bleiben unberücksichtigt, ebenso der Anteil weiblicher Autorschaft an schwarzhumoriger Literatur. – Keine Anthologie ohne Lücken! Vergeblich sucht man in Bretons Anthologie Texte von Rabelais («Gargantua») und Büchner («Woyzeck»), die doch, beide, zu den Klassikern des «schwarzen Humors» gehören. Da der Herausgeber seine Kompilation (Zweitauflage 1966) als «definitiv» bezeichnete, werden diese und andere Absenzen wohl bestehen bleiben.
André Breton, „Anthologie des schwarzen Humors“ (französische Erstausgabe, Paris 1940).
Vom Herausgeber revidierte und ergänzte Neuausgabe 1966; mehrere Lizenzausgaben als Taschenbuch, zuletzt 2022; deutsche Erstausgabe 1972.
… Fortsetzung am 17.5.2026 …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik








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