2018-08-26

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Dass ich mir seit Jahren mit nicht nachlassender Regelmässigkeit äusserst dürftige TV-Filme ansehe – „Dramen“, „Krimis“, „Romantik“ – hat einen simplen Grund. Gerade die geistige und künstlerische Dürftigkeit, die dramaturgische Fehlerhaftigkeit, das oftmals abstruse Casting und der meist mangelhafte Bildschnitt lenken meine Aufmerksamkeit in aller Regel vom jeweiligen Plot ab, so dass ich sie ganz auf die Darsteller konzentrieren kann – auf ihre Sprechweise, ihre Mimik, ihre Gestik.
Die Art und Weise, wie die Schauspieler, die Schauspielerinnen ihren Körper, vorab ihr Gesicht und ihre Stimme einsetzen, um in einer vorbestimmten Rolle aufzugehen und gleichzeitig sich selbst in ihrer Individualität zu behaupten, ist ein aufschlussreiches Faszinosum. Durchweg bleibt für mich die Frage akut, welche Intonationen und Verhaltensweisen die Darsteller aus ihrer Alltagswelt unverändert übernehmen, um eine „handelnde Person“ zu vergegenwärtigen, die ihnen womöglich völlig fremd oder auch, umgekehrt, durchweg vertraut ist, eine Frage, die sich in emotional aufgeladenen Szenen (Gewalt, Leiden, Sex) mit besonderer Dringlichkeit stellt:
Was wird bewusst vorgespielt, und was läuft bei der Fremddarstellung unbewusst an individuellen Körper- und Geistesregungen mit? Welche realen Bedürfnisse werden über eine Rolle in einem fiktionalen Plot abgewickelt? Wie werden ein Schlag ins Gesicht, ein Griff zwischen die Beine, ein Verrat, ein Versprechen dargestellt und zugleich als Wirklichkeit erfahren? Inwieweit kann und muss gelernt werden, wie jemand sich das Haar, den Schweiss aus der Stirn streicht, eine Suppe löffelt, auf eine Leiter steigt, sich schlaflos im Bett wälzt, ein Smartphone bedient, einen Zungenkuss empfängt oder verabreicht, die Schuhe auszieht oder abstreift, den BH oder die Hose aufknöpft, sich die Zähne putzt? Und soviel anderes mehr!
Noch immer ist mir nicht ganz klar geworden, was den starken, überzeugenden, faszinierenden Schauspieler ausmacht, oder generell die Schauspielkunst – die Beherrschung der Künstlichkeit? Die Wahrung der Natürlichkeit? Die Assimilation des Fremden? Die Darbietung des Eigenen? Vermutlich gilt auch hier der letztlich unbedarfte Anspruch: Von allem etwas!
Doch in welchem Verhältnis? In welcher Durchmischung?

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Bei Gerhard Richter, teilweise bei Francis Bacon finde ich jene Schmiereffekte, die im Ungefähren, Ungewissen eine Bestimmung oder Bestimmtheit erkennen lassen. Vagheit als eine besondere Form der Präzision. Das Vage dargeboten mit besonderer Präzision.
Was ich meinerseits im literarischen Feld seit langem versuche; und noch immer suche ich danach. – Bisweilen findet es sich, gelingt:

Ich! Aber wessen Bastelei? Oder auch
bloss eine Skizze dazu. Dein Begehren.
Königsweg der ins Ungefähre fährt. Die
Sphäre der Verführung. Oft verfrüht.
Besser also gar nicht erst beginnen. Das
Original ist nie nicht der Augenblick vor
dem Aufbruch. Bruch der Gefässe! Und
dann (womöglich in der ersten Person) Du!

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In seinen letzten Lebensjahren hat Fjodor Dostojewskij in eigener Regie das Tagebuch eines Schriftstellers herausgegeben, ein privates Periodicum disparaten Inhalts – mit literarischen und publizistischen Beiträgen, mit Gerichtsberichten und persönlichen Korrespondenzen, mit Anekdoten und faits divers. Wenn ich heute mein Schriftenverzeichnis überfliege, in dem Tausende von Druckseiten registriert sind, stelle ich mir die nicht eben sinnvolle, dennoch neugierige Frage, wie sich mein Schreiben entwickelt und mein Geschriebenes sich behauptet hätte, wenn ich von Beginn an all meine Texte – Aufsätze, Rezensionen, Reportagen, Hörspiele, Übersetzungen, Gedichte, Erzählungen, Romane, Monographien – nach Dostojewskijs Zufallsprinzip („l’un après l’autre, comme à Paris!..“) in ein fortlaufendes Tagebuch eingespeist und sie auch so veröffentlicht hätte? Ob daraus ein Werk entstanden wäre, dessen Zusammenhalt gerade nicht durch vereinheitlichte Vielfalt gewährleistet, wohl aber durch seine Unverbundenheit und Widersprüchlichkeit als ein originäres, nicht verwechselbares Ganzes erkennbar würde?

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Zum Schreiben noch dies – es war bei mir schon immer weit mehr von Intensität als von Kontinuität bestimmt. Dazu passt, dass ich stets fasziniert war von punktuell erbrachten sportlichen und artistischen Leistungen. Speer- oder Diskuswurf, Hoch- oder Weitsprung, Flüge in der Zirkuskuppel, Tänze auf dem Hochseil, die Fertigkeit des Jonglierens: Der Einsatz dauert Sekunden, vielleicht eine Minute, verlangt aber alles an Sammlung, Anstrengung, Geistesgegenwart.
Noch passender, scheint mir, wäre der Vergleich mit Tennis oder Fechten, zwei dialogischen Sportarten, bei denen Intensität auf der Zeitachse praktiziert werden muss. Schlag auf Schlag, Stich auf Stich erfolgen im Hin und Her, reihen sich – auch hier meist nur sekundenweise – zu einer Performance von höchstem Kraft- und Mentalaufwand: Jeder Stich, jeder Schlag erfolgt ein einziges Mal, ist unwiederholbar, trifft oder geht fehl, bleibt aber Teil – besser: Moment – einer Abfolge von immer etwa gleichen Intensitäten, die sich bekanntlich über Stunden aneinanderfügen können.
Ob der Vergleich hinkt? Ich müsste mein Schreiben als eine dialogische Tätigkeit praktizieren, falls er stimmen sollte, als ein Wechselspiel, das gleichermassen von Aktion und Reaktion bestimmt wäre.
Doch wer – oder was! – käme dabei als Partner in Frage, als Gegner?

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Es ist schon bemerkenswert – und mehr als das: es ist verblüffend –, dass Plinius in seiner nüchtern inventarisierenden Naturgeschichte ganz selbstverständlich auch Objekte und Phänomene der Phantasie, der Magie, der Spekulation, vielleicht gar des Wahns berücksichtigt, so als gehörten sie der normalen Erfahrungswelt beziehungsweise der natürlichen Umwelt an.
Mit gleichem Interesse und gleicher Präzision beschreibt Plinius Gestirne, Steine, Metalle, Bäume, Kräuter, Kulturtechniken, menschliche Körperteile und Körperfunktionen einerseits, Götter, Dämonen, Monstren, Zaubereien, abstruse Vorstellungen anderseits – eine Welt, die Wirkliches und Eingebildetes, Begehrtes und Gefürchtetes integral in sich vereint, eine ganz und gar positive Welt, in der Gut und Schlecht nicht schon immer klar getrennt und gewertet, sondern gleichermassen gültig und zusammengehörig sind.

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Plinius zu lesen, ist ein Fest, gibt Trost, bringt aber auch Klarheit darüber, was und wieviel man inzwischen an „Welt“, an „Wirklichkeit“ verloren hat – verloren bei allem Fortschrittsgewinn. Bei Montaigne, anderthalb Jahrtausende danach, präsentiert sich die Wirklichkeit der Welt in merklicher rationaler Verengung.
In den Essays triumphiert der gesunde Menschenverstand, sind Gut und Schlecht klar geschieden und ethisch verrechnet, dominiert die Tugend jegliche Art von Amoral und Schwäche, sind Ärzte, Lehrer, Geistliche, auch Adlige die massgebenden Repräsentanten von Gesellschaft und Staat, von geistiger wie künstlerischer Kultur. Was Plinius deskriptiv erschliesst, wird von Montaigne didaktisch vorgeführt, wird – stets mit Bezugnahme auf wissenschaftliche oder kirchliche Autoritäten – bald empfohlen, bald verworfen, stets mit dem dringlichen Aufruf, Mass und Mitte zu halten, Normalität anzustreben, und mit der ebenso dringlichen Mahnung, auf Sonderwege und jegliche Art von Extravaganzen (exzessiven Reichtum, exzessiven Sex, exzessives Essen und Trinken, exzessive Strenge, exzessive Toleranz usf.) zu verzichten.
Die peinliche Ausgewogenheit der Essays kann durchaus belehrend, nutzbringend, aber eben auch langweilig sein. Das Ausserordentliche im Guten wie im Schlechten, das Einzigartige, das Verrückte, das Geniale bleiben hier deutlich unterbewertet zu Gunsten des Wohlgeordneten und Wohlgemeinten. Erst im Barock, vollends in der Romantik wird das Selbst- und Weltgefühl auf eine Weise entgrenzt, wie der ältere Plinius es in seiner Naturgeschichte mit liebendem Interesse dokumentiert hat.
Bleibt anzumerken, dass Montaignes dezidiertes, durchaus vernünftiges Plädoyer für das Masshalten – letztlich für das Mittelmass – an manchen Stellen in krassem Gegensatz zu seiner deftigen Ausdrucksweise steht: Die sprachliche, ja volkssprachliche Direktheit wirkt oft sehr viel authentischer als die immer gleiche Tugendlehre, die dem Leser über Hunderte von Seiten zugemutet wird. Es wirkt geradezu erfrischend (und kann gleichwohl nachdenklich machen), wenn und wie der rechtschaffene, stets klug argumentierende Autor sich – beispielsweise – über das Furzen, das Ficken, das Saufen, das Foltern und sonstige „Laster“ auslässt. Da wird eine Spannung zwischen Vernünftigkeit und Sinnlichkeit spürbar, die Michel de Montaigne offenbar auch bei sich selbst hat aushalten müssen.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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