Unmusikalische Eltern! Unmusikalisch ich selbst! − Bevor ich zu Haus irgendein Musikinstrument zu Gesicht bekam (und wär’s auch bloss eine Blockflöte, eine Gitarre gewesen), lernte ich das Grammophon kennen. Es muss in meinem ersten oder zweiten Schuljahr gewesen sein, mittlere 1950er Jahre, als mich meine Eltern zu einem Sonntagskonzert in die Villa eines ihrer Freunde mitnahmen. Bei dem Konzert handelte es sich um eine musikalische Matinee, zu der der Hausherr ein Dutzend Gäste eingeladen hatte, um sein neu erworbenes Grammophongerät vorzuführen, „das Beste vom Besten“, wie er bei seiner Begrüssungsansprache betonte, ein schweizerisches Qualitätsprodukt, das „ein völlig natürliches Hören“ ermöglichen sollte, „fast so wie im Stadtcasino“.
Der Plattenspieler war in ein sperriges Möbelstück eingebaut, das gleichzeitig − mit Regalen links und rechts − als Büchergestell diente. Das Möbel hatte man im Salon vor den offenen Kamin gerückt, dessen Sims mit heftig duftenden Blumen dekoriert war. „Das sind nämlich Orchideen“, flüsterte mir Mutter während der Ansprache so laut ins Ohr, dass der Redner kurz stockte, dann weiterfuhr, und ich mir überlegte, was „Ideen“ mit jenen Blumen zu tun haben sollten.
„Wir hören nun also das zweite Brandenburgische Konzert, mit der berühmten Kadenz, gespielt von … von einem berühmten Pianisten, Cortot, ja, weltberühmt, man kennt ihn auch hierzulande, also, gut zuhören, wir hören also den berühmten Alfred Cortot.“ − Man sass im Halbkreis vor dem Musikmöbel, ich selbst bekam damals tatsächlich zum ersten Mal ein „Konzert“ zu hören, zudem eine „Kadenz“, ohne eine Ahnung davon zu haben, was das ist, eine Kadenz.
Weil ich ja nicht allein war, sondern in Gesellschaft von Musikliebhabern, womöglich gar von Musikkennern, musste ich mir das Stück vollumfänglich anhören, und so wurde das Schallplatten-„Konzert“ zu meiner ersten integralen Musikerfahrung überhaupt, qualvoll zunächst, da ich noch kein Gehör dafür hatte, zunehmend spannend dann, als ich so langsam, der Spur nach, einige Grundfiguren der Komposition erkannte und verfolgen konnte. Wiederholungen. Variationen. Gegenläufigkeiten. Harmonien. Dann aber die brutale Ernüchterung: Die letzten Takte waren kaum verklungen, als sich die Anwesenden, wie ein Mann, erhoben und lärmig Beifall klatschten − Beifall für wen? Wofür? − Da standen sie nun, noch immer im Halbkreis um den Plattenspieler vereint, und schlugen die erhobenen, leicht vorgestreckten Hände zusammen, lachten dabei, nickten einander zu.
Für mich war damit der Zauber gebrochen, das Faszinosum des Hin- und Mit- und Nachhörens ganz einfach weggeklatscht. Meine überwältigende, bis heute unvergessene musikalische Initiation, fand damit ein höchst triviales Ende. Seit jener Matinée hasse ich jede Form von Applaus.
Doch insgesamt ist die damalige Sonntagsveranstaltung für mein Musikverständnis und für mein Verhältnis zur Musik überhaupt prägend geworden, egal nun, dass die damalige Premiere über Vinyl und klirrende Lautsprecher kam − das Klirren, Kratzen, Rauschen war Teil dieser ersten symphonischen Klangerfahrung, die sich übrigens in meiner Erinnerung noch immer mit jenem Hündchen verbindet, das, vor einem Schalltrichter hockend, in der Mitte der Vinylplatten abgebildet war − His Master’s Voice! − und sich beim Abspielen naturgemäss mitdrehte, weshalb das weisse Fell und der schwarze Trichter ununterscheidbar ineinander verschwammen, so wie gleichzeitig die verschiedenen Klangfarben der einzelnen Instrumente ineinander verschwammen.
Vergleiche ich diese musikalische Urszene mit heutigen Gewohnheiten und Möglichkeiten des Musikhörens, kommt’s mir vor, als wären derweil zwei Jahrhunderte (und nicht bloss ein halbes!) vergangen. Dass ich mich an so viele Details so genau erinnern kann, gibt mir das Gefühl, Zeitzeuge einer Epoche zu sein, die weit hinter meine Zeit zurückreicht.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








0 Kommentare