Infantilia (XVI)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Zu meinen ersten Lesevorlagen gehörte in der frühen Schulzeit die Senderskala unseres Radioempfängers, der damals nicht mehr in der Küche stand, sondern im Wohnzimmer auf einer grob geschreinerten, leicht nach Harz (oder einfach nur nach Holz?) duftenden Kommode. Es war ein neues Gerät mit runder Drehskala, in deren Mitte das magische grüne Auge sass. Um die Knöpfe zu erreichen, musste ich einen Stuhl heranrücken, kletterte hoch und hatte dann die Skala unmittelbar vor mir.
Da wir in der ersten Klasse gerade mit den Grossbuchstaben beschäftigt waren, interessierten mich vor allem die auf der Scheibe − ebenfalls in Grossbuchstaben − eingetragenen Wörter, von denen ich noch gar nicht wusste, dass es die Bezeichnungen der Sender waren. Die Wörter waren teils in gelber, teils in grüner oder roter Schrift auf der Skala eingetragen, vermutlich aufgeteilt nach Lang-, Mittel-, Kurzwellenbereich. Beim Dranherumdrehn buchstabierte ich Namen wie TURKU, TOULOUSE, TIRANA oder auch MONTECARLO, BEROMÜNSTER, RIAS und, besonders geheimnisvoll, CSR, AFN, RFB und ähnliches mehr.
Es bereitete mir Vergnügen, die Wörter in den drei Farbfeldern, eins nach dem andern, zu entziffern, obwohl ich sie weder aussprechen noch irgendwie einordnen konnte. Dass es sich dabei nicht um gewöhnliche Wörter wie im Leseheft oder auf der Wandtafel handelte (Wörter, die eine bestimmte Bedeutung hatten), vielmehr um Namen, die man nur kennen, nicht aber verstehen musste, war mir ganz und gar unklar. Dennoch, womöglich grade darum, faszinierten sie mich immer, allein durch ihre Schriftgestalt und durch den Klang, den ich ihnen gab.
Für mich waren diese fremdartigen Wörter so etwas wie Privatbesitz, mit niemandem − nicht mit der Mutter, nicht mit der Lehrerin − redete ich über meine Leseerfahrungen, aus denen sich ganz allmählich eine geheimnisvolle Sammlung von Buchstaben, Silben und immer wieder neuen Namen ergab. Denn schon nach kurzer Zeit hatte ich damit angefangen, einzelne Silben und Buchstaben umzugruppieren, so dass die Wortgebilde immer zahlreicher und exotischer wurden.
KARANA. SIRA. SIRPA. KRUTU. NEMBRE. GARP. SINKHEIL. Usf. ATHEN sprach ich (wie Atem) mit Betonung auf der ersten Silbe aus, ANKARA − auf der zweiten.
Warum aber wollte ich diese Entdeckungen für mich behalten? Warum sollten sie geheim bleiben?
Vielleicht weil ich die Entdeckungen für Erfindungen hielt!

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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