Krystyna P. habe ich gleich nach meinem Umzug ins Klostergeviert von Romainmôtier kennengelernt. Der Dorfbäcker hatte sie von einer Urlaubsreise aus Ostpolen mitgebracht und sie als Mitarbeiterin und Geliebte hierbehalten. Krystyna war damals 19, vielleicht 20 Jahre alt, hatte eben ihr Abitur gemacht, wollte irgendwo „im Westen“ studieren, stand nun aber täglich ab sechs Uhr früh als Verkäuferin in der Bäckerei. Französisch sprach sie schulmässig korrekt, ich wechselte mit ihr hin und wieder ein paar Worte in ihrer Muttersprache.
Der Bäckermeister, ein untersetzter, herrischer, dabei witziger Mann, der wohl ein Jahrzehnt älter war als sie, konnte ihr auf Dauer nicht genügen, er überforderte sie und unterforderte sie gleichermassen, wollte sie nicht nur als ständige Aushilfe neben sich haben, er dachte auch an Heirat, Familiengründung, Vergrösserung und Modernisierung seiner Backanlage.
Krystyna wollte, wie sie mir gegenüber immer deutlicher betonte, unbedingt studieren; sie hatte bei den Universitäten in Lausanne, Genf, Fribourg die Inskriptionsbedingungen angefordert, nur war ihr unklar, was denn eigentlich sie studieren sollte. Darüber unterhielten wir uns in der Folge des öftern.
Einmal besuchte sie mich zu Hause, besichtigte mit kundigem Interesse meine Bibliothek, ich lieh ihr ein halbes Dutzend Bücher zum Einlesen, die sie mir bereits am Tag darauf zurückbrachte mit der Erklärung, Slawistik belegen zu wollen, egal ob in Fribourg, in Genf oder in Lausanne. Polnisch beherrschte sie ja schon, Russisch war ihr aus dem Gymnasium geläufig, dort hatte sie auch mal in einem freiwilligen Sonderkurs ein wenig Altpreussisch gelernt.
Doch nicht ein Sprachstudium war Krystynas Ziel … ihr Ziel war nach eigenem Bekunden „alles und noch viel mehr“ − Sowjetliteratur, Ostkirchengeschichte, russischer Hesychasmus und Todesphilosophie, Manierismus und Avantgardekunst in Böhmen, protestantische Missionen in Polen usf. Meinen Rat, sie solle doch diesen viel zu breiten Interessenhorizont eingrenzen, ihn auf zwei, drei Fachbereiche beschränken, mochte sie nicht akzeptieren.
Wir sahen uns weiterhin, fast täglich, in der Bäckerei, sie war aufmerksam wie immer, liess es aber bei Gruss und Dank bewenden, stellte keine Fragen mehr. Bis ihre Stelle hinterm Ladentisch plötzlich von einer jungen Einheimischen übernommen wurde und sie für längere Zeit aus dem Städtchen verschwand. Sie hatte, wie man in der Folge gerüchteweise, aber zuverlässig erfuhr, mit dem hiesigen Gemeindepräsidenten eine Affäre begonnen, war schwanger geworden, hatte sich, zermürbt vom provinziellen Mobbing, auf einen abgelegenen Campingplatz zurückgezogen, wo sie nun in einem Wohnwagen lebte − ihr Geliebter, verheiratet und Vater von Zwillingen, verlor sein Amt, wurde schon bald schuldhaft geschieden, soll Krystyna aber regelmässig besucht, sich mit viel Zuwendung um sie gekümmert haben. Noch vor der Geburt des gemeinsamen Kinds war in einem Nachbardorf eine Wohnung gefunden. Man zog zusammen, liess sich trauen, lebte fort.
Während Jahren blieb Krystyna aus meinen Augen, aus meinem Sinn, bis sie unversehens an einem Sonntagmorgen wieder in unsrer Dorfbäckerei hinter dem Ladentisch stand und mit gleicher Aufmerksamkeit und Freundlichkeit wie früher die Kundschaft bediente. Im Gesicht war sie grau, in den Hüften breit geworden, doch ihren hellen flackernden Blick hatte sie nicht verloren.
Nur kurz ergab sich die Gelegenheit, mit ihr über dies und jenes zu reden − sie hatte Mann und Kind verlassen, wohnte nun wieder hier vor Ort beim Bäckermeister, ihre einstigen Studienpläne waren kein Interesse mehr. „Alles gut!“, meinte sie mit einem Lächeln, das aus weitester Ferne kam: „Der Mensch denkt, das Leben lenkt.“
(Hin und wieder kommt Krystyna P. bei mir vorbei, um sich ein Buch auszuleihen; zuletzt war’s eine illustrierte polnische Neuausgabe der Zimtläden von Bruno Schulz.)
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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