Abwärts!

Mashup von Juliane Duda zu der Zeitschrift Abwärts!

Abwärts!

VERRÜCKUNG DER ZAHLKARTE

Staatseidank regt sich Widerstand,
wenn auch in versprengten Kreisen
– nicht so ratzekahl
wie eine Zahlkarte –,
aber worauf können wir verweisen?

Wir im Westen spielen mit den Resten
unserer abschwellenden Kolonialdominanz
– geschürt mit der Kratzahle,
gescheffelt mit der Latzharke –,
und die Monstranz strahlt in diverser Eleganz.

Sinloset Warten auf dat, wat schon da is’,
ohne sich ’n Zacken aus der Krone zu brechen
– so empfiehlt der kahle Arzt
und kredenzt das kalte Harz –,
kann zwar die Ausbeutung nicht rächen,

aber kitzelt à la bonne heure die Hutschnur raus;
interessiert das überhaupt die Unterdrückten
– die kratzen doch mit dem Hatzrakel
jegliches noch übrige Zarte kahl –,
anders als im Osten und Süden die Verrückten.

(Eines der letzten Gedichte von Bert Papenfuß, das Erstellungsdatum der Datei gibt den 12. Mai 2023 an.)

 

EIN PORTRÄT VON BERT PAPENFUSS IN INTERVIEW-AUSSCHNITTEN

Zusammengestellt von Henning Rabe

 

Es sprechen:

Susanne Messmer
Bert Papenfuß
Bernd Imgrund
Alexander Krohn
Ronald Lippok
Annett Gröschner

 

Susanne Messmer: Wie kommt es denn zu dieser Leidenschaft für Seefahrt und Piraterie?

Bert Papenfuß: Das hat mit meiner Herkunft zu tun. Kürzlich habe ich mit meiner Mutter telefoniert, und da fragte sie mich, ob ich mich nicht erinnern würde: Wir seien doch schon 1959 bei den ersten Störtebeker-Festspielen in Rügen gewesen. Damals wurde dort die dramatische Ballade Klaus Störtebeker von Kuba uraufgeführt, von Kurt Barthel. Ich war drei Jahre alt.1

 

Papenfuß: Ich bin ein großer Kartenfan. Ich hab auch viele zu Hause. Ich lese immer Karten, wenn wir Auto fahren, und bin dann völlig fasziniert von den Orts-, Flur- und Gewässernamen, das ist schon seit der Kindheit so.2

 

Bernd Imgrund: Die jetzt herausgekommenen ersten drei Bände deiner „Gesammelten Texte“ sind bestückt mit Gedichten aus den Jahren 1972 bis 1977. Wie kann ein damals 17-jähriger einen bereits derartig elaborierten, individuellen Stil entwickelt haben?

Papenfuß: Ich habe mit 13, 14 Jahren angefangen, nach einer Artikulationsmöglichkeit zu suchen. Zuerst habe ich gemalt und Musik gemacht, aber bald stellte ich fest, daß ich mich durch Schreiben am besten ausdrücken kann. Also habe ich mir mit 16 gesagt, ich werde Dichter, und das habe ich dann halt gemacht.3

 

Alexander Krohn: Von Gottfried Benn erzählt man sich, er wäre eines Abends von der Schicht gekommen und seine ersten Gedichte hätten sich ihm „aufgeworfen“ – ein Anfangspunkt. Wie war das bei Dir?

Papenfuß: 1929 ließ Ernst Fuhrmann in seinem Folkwang-Auriga Verlag die Heldensagen der Minussinischen Tataren von Herman Kreyenborg herausgeben. Eine 1859 in St. Petersburg erschienene deutsche Ausgabe war nicht mehr erhältlich, diese war seinerzeit von Anton Schiefner „rhythmisch bearbeitet“ worden. Ein gewisser Castrén und etwas später W. Titow hatten im Jenisseischen Gouvernement und auf der Uibatschen Steppe des Minussinischen Kreises eine Anzahl von Heldensagen von eingeborenen Rhapsoden aufgezeichnet, die Schiefner ins Kalewala-Metrum (acht Silben pro Vers, stark alliterierend, kurz gesagt) übertrug. Mein Lieblingsgesang „Kan Mirgän, Komdei Mirgän und Kanak Kalesch“, ein echter Höllentrip, geht so los:

An dem Saum des weißen Meeres,
An dem Gipfel des hohen Berges
Lebt auf einer weiten Steppe
Kulaty Mirgän, der Tapfre,
Mit dem weißlichblauen Rosse.
Voll von Hutvieh war die Steppe
[…]

In meiner Version lauten diese ersten sechs der insgesamt 1.188 Verse – weiter bin ich aufgrund Zeitmangels noch nicht gekommen – folgendermaßen:

An dem Gestade der Ostsee,
Auf dem Gipfel des Flachlandes
Haust in ’ner alten Baracke
Kulaty Mirgän, der Alfanz,
mit sein’ Tatra 87.
Voller Blech war die Garage
[…] [Aus: „Astrachan. Alexander Krohn und Bert Papenfuß in Plauderton und Lokalismus“, in: telegraph, Surrogate #3, 2003]

 

Imgrund: In Harm sprichst du bzw. dein lyrisches Ich einmal von „unserer wesenlosen zeit“, in Soja heißt das abgewandelt „meiner umwelt gebrichts an geschlechtlichkeit“. Ist das zu lesen als Reaktion auf die sterile, vertrocknete DDR-Sprache, als ein Ausdruck dafür, daß Schreiben auch physische Befreiung ist?

Papenfuß: Die offizielle Sprache in der DDR war nicht verknöcherter als jede andere Machtsprache. Es ist mir völlig einerlei, ob ich das Neue Deutschland von vor 15 Jahren oder die FAZ von heute in der Hand habe. Das ist keine Sprache, in der ich meine Gefühle ausdrücken kann. Ich bin ein Triebtäter, Schreiben ist zwanghaft. Ich muß den ganzen Scheiß, der sich ansammelt, einfach wieder loswerden. […]

Imgrund: In „Zoro in Skorne“, dem einleitenden Text zur Anthologie Vogel oder Käfig sein, haben Jan Faktor, Stefan Döring und du mal versucht, Eure Texte theoretisch zu orten. Da wird von der freiwilligen Isolation, mit Betonung auf freiwillig, geredet und davon, daß nicht durch Alternativ- oder Anti-Haltung Opposition ausgeübt werde, sondern durch Unkontrollierbarkeit. In Soja favorisierst du die Figur des Schalks.

Papenfuß: Klar, das macht mir Spaß. Ich sitze auch gerne im Elfenbeinturm, aber wenn mir das zu langweilig wird, dann gehe ich halt auf den Marktplatz, um da rumzuschreien.

Imgrund: Und dieses Rollenspiel konntest Du in der DDR durchziehen mit dem Gefühl, dadurch bis zu einem gewissen Grade unkontrollierbar zu sein?

Papenfuß: Diese Vorstellung war natürlich utopisch. Die Paranoia der Überwachung war real, die Stasi stand auch vor meinem Haus. Aber das war so albern, ich hatte keine Lust, deshalb mein Leben umzustellen. Uns war schon damals, Anfang der Achzigerjahre, klar, daß wir für unsere Aktionen und Texte nicht mehr in den Knast kommen würden. […]

Imgrund: Anarchismus ist ein Begriff zwischen revolutionärer Militanz und absoluter Gewaltlosigkeit. Was hast du dir denn du rausgepickt?

Papenfuß: Da gibt’s nichts rauszupicken. Wenn es um kollektive Strukturen geht, dann Bakunin, wenn es ums Individuum geht, dann Stirner, Rudolf Rockers Anarchosyndikalismus für den Aufbau von Industriestrukturen – da irgend etwas ausschließlich zu vertreten, ist völliger Quatsch. Genauso ist das mit der Gewaltlosigkeit: Wenn es in einer bestimmten Situation nicht ohne Gewalt geht, dann ist eben Militanz angesagt. Anarchist sein heißt für mich, jenseits irgendwelcher festgeschriebenen Direktiven oder Theorien auf jede Situation frei und angemessen zu reagieren. Und danach sieht man weiter. […]

Imgrund: Also war der Weg des dezidierten politischen Oppositionellen à la Lutz Rathenow oder Wolf Biermann für dich nie eine Alternative?

Papenfuß: Meine Gefühle wurden von diesen Leuten nicht artikuliert. Diese ganze ältere Generation war ja stark von Brecht beeinflußt, überall wurden Brecht-Vorträge gehalten, das war widerlich. Ich habe nie etwas gefunden an dieser vorgeschobenen Klarheit, die bei Brecht so gelobt wurde. Das stimmte doch hinten und vorne nicht. Beobachte Deine eigenen Gefühle und Deine Umwelt, und Du weißt, daß das alles menschenverdummende Vereinfachung ist. Das führt nur zu Sentimentalismus und Borniertheit in alle Richtungen.

Imgrund: Nun scheint Biermann das ja ähnlich zu sehen. Mit Anspielung auf deinen Generals-Vater verglich er Deine Attacken auf die deutsche Sprache mit dem Gemetzel von Soldaten in der Schlacht.

Papenfuß: Ich fand das schon ganz witzig. Im Nachhinein tut mir nur leid, daß ich mich dazu herabgelassen habe, gegen Biermann zu polemisieren. Das war’s einfach nicht wert.

Imgrund: Wenn du schon Biermanns Texte langweilig findest: Kannst du ihn dann zumindest als Symbol des Widerstands würdigen?

Papenfuß: Ist doch alles Quatsch! Im Vergleich zu Biermann war vielleicht Lutz Rathenow ein Widerstandskämpfer. Biermann war Nomenklatura. Das war allen Leuten, auch in der sogenannten oppositionellen Szene, völlig klar. […]

Imgrund: Hattet ihr unter den arrivierten DDR-Schriftstellern irgendwo eine Lobby?

Papenfuß: Ja, es gab eine Lobby. Für mich haben sich z.B. Gerhard Wolf, Christa Wolf und Karl Mickel eingesetzt, andere hatten mehr Kontakt zu Heiner Müller. Diese Leute waren überhaupt ziemlich solidarisch, die haben ständig unser Zeug gekauft, haben uns Geld gegeben, haben Einladungen in den Westen befördert. Als ich 1986 in die Akademie der Künste eingeladen wurde, hat Heiner Müller direkt gesagt, das ist druckreif, Aufbau-Verlag, druckt das mal, was dann dazu führte, daß sie zehn Jahre nach Erhalt 1988 meine Manuskripte als Buch veröffentlichten. Und das, obwohl ich ein halbes Jahr vor diesem Auftritt einen Ausreiseantrag gestellt hatte, den ich aber kurze Zeit später wieder zurückzog.

Imgrund: Warum?

Papenfuß: Das Leben im Westen erschien mir zu anstrengend, ich kannte das inzwischen ja, viele Freunde waren schon drüben. Ich wollte keinen Rummel um den „befreiten Ostdichter“, genauso schreckten mich diese westliche Literaturförderung und der ganze Dreck ab. […] Auf die DDR zu reagieren, das hat mir noch Spaß gemacht, aber dem ganzen Mediengeflunker will ich mich nicht stellen. Der Feind ist zu groß. Dagegen ist jetzt wirklich Subversion gefragt, nicht Frontalangriff. – Ich würde, wäre ich heute noch mal 16, nicht mehr Dichter werden. Meine Ablehnung diesem westlichen System gegenüber könnte ich nicht mehr mit dieser defensiven Dichterpose äußern. In der DDR war das anders, die haben Literatur noch als Politikum genommen.4

 

Krohn: Warum durftest Du bereits 1987 in den Westen reisen? Wie wirkte Westberlin damals auf Dich?

Papenfuß: Seit Anfang der Achzigerjahre bekam ich immer wieder Einladungen zu Lesungen in Österreich und Westdeutschland, zu denen ich als Untergrunddichter natürlich nicht fahren durfte. Ab 1986 setzte dann so etwas wie ein kulturpolitisches „Tauwetter“ ein. 1987 erhielt ich eine Einladung zum Poetry International Festival in Rotterdam, Christa Wolf und Karl Mickel setzten sich für mich ein, und ich kriegte das Visum. Wahrscheinlich hat sich auch Sascha Anderson von Westberlin aus, wo er seit 1986 lebte, bei der Stasi für mich eingesetzt. Jedenfalls war Sascha der Lyrikvertreter für den Westen und ich der für den Osten Deutschlands auf diesem internationalen Festival. Wir stellten im Vorfeld eine Band zusammen aus den Musikern, mit denen wir schon im Osten zusammen gearbeitet hatten, die jedoch mittlerweile auch in Westberlin lebten. Sascha und ich hatten Solo-Lesungen, traten danach aber mit unserer Band auf, die wir spontan Sternckombo nannten. Die Kritiken unserer Auftritte waren sehr aufs Äußerliche bedacht und schlecht, Sascha wurde wegen seiner „SS“-Schaftstiefel angemacht und ich verschwand hinter meiner Ganzkörperlederkluft – barocke Filigranpoesie und elektrischer Krach sind nicht jedermanns Sach’, oft auch nichts „Für Sie“. Wir waren auf jeden Fall zu existenzialistisch für die holländische Multikulti-Szene, haben aber gut gefeiert, die Hotelrechnungen überzogen und Leute kennengelernt, mit denen wir später zusammenarbeiten sollten. […]
Ich hatte damals eine englische Freundin, die nach Rotterdam kam, und in unserer „Ckombo“ Klarinette spielte. Sie lud uns nach London ein, und nachdem ich mir in der Westdeutschen Botschaft einen Paß hatte ausstellen lassen, fuhren wir nach London, was mich mehr beeindruckte als Holland. Auf der Fähre sangen englische Fußball-Fans, „We are the Nazis, we are the warriors“. (In Dover wurden wir gefilzt, meine Freundin Diana erklärte dem Öler sinnloserweise, daß wir von einem „Poetry Festival“ kämen, was er als Provokation auffaßte, und begann, nach Küken im Kofferraum zu suchen – er hatte „Poultry“ (Geflügel) verstanden. Freundlichkeit zahlt sich nicht aus, und mit Poesie soll man nie protzen.) […]
Auf diese Art und Weise blieb mir die Frontstadt als Westeinstieg erspart, aber es ging weiter. 1988 wurde mir auf einer Party beim inzwischen seligen Diller gesteckt, daß ich in Südtirol einen mit 7.000 Bunten dotierten Literaturpreis gewonnen hätte. Also beantragte ich wieder einen Paß, der genehmigt wurde, sogar für 3 oder 6 Monate. So April oder Mai 1988 war ich dann vor der Reise nach Italien zum ersten Mal in Westberlin, zu einem Auftritt beim Stakkato-Festival für Neue Musik und Kunst im Bahnhof Schlesisches Tor, hab aber erst mal wenig mitgekriegt von dem Kaff, weil’s gleich weiter ging.
Zur Stadt Westberlin selber fällt mir nicht viel ein – Stadt ist Stadt. Natürlich war Westberlin sehr geleckt und zugepflastert im Vergleich zum Osten, aber man wußte: „Das geht auch wieder ab“. Mein Eindruck von Berlin war 1971 stärker, als ich begann, mich hier rumzutreiben, oder 1976 als ich herzog, und ins Kaffee Burger ging.5

 

Papenfuß: Bald nachdem ich 1976/77 Zabka [alias Richard von Gigantikow, Objektkünstler, Größe der Prenzlauer Berg-Szene] kennengelernt hatte, haben wir am Wasserturmplatz Veranstaltungen gemacht. Das war noch vor der Punk-Zeit. Wir haben uns immer mittwochs um acht oder neun auf der Plattform des Wasserspeichers getroffen. Oben auf der Wiese haben wir Lesungen und kleine Konzerte gemacht. Organisiert haben das im wesentlichen Zabka und ich. Das fand ungefähr fünf, sechs Mal statt.

Ronald Lippok: Wurde da auch musiziert?

Papenfuß: Ja. Ich kann mich erinnern, daß Trötsch [Frank „Trötsch“ Tröger (1958–2015), Berliner Musiker, Texter und Komponist], der damals noch Liedermacher war, zur Gitarre gesungen hat. Wie Biermann, gräßlich. Und an den Jazz-Kontrabassisten Rüdiger Philipp. Es gab noch einen anderen Liedermacher, Kalle Winkler, der dann in den Westen gegangen ist.

Annett Gröschner: Der ist doch Mitte der 1990er im Mittelmeer ertrunken.

Papenfuß: Ja, genau. Die Treffen auf dem Plateau wurden strengstens observiert von der Stasi. Als sie im Sommer des nächsten Jahres wieder stattfinden sollten, wurden wir davor alle zu den Bullen in die Immanuelkirchstraße zitiert und mußten ein Papier unterschreiben, daß wir diese illegalen Veranstaltungen nicht fortführen.6

 

Papenfuß: Das Entscheidende an der DDR, an dem untergegangenen Sozialismus war, daß er reformierbar war. Deshalb wurde er abgeschafft. Der Neoliberalismus ist nicht reformierbar. Vielleicht gibt es bei uns einen Rest Reformdenken, der uns bewegt, uns mit der osteuropäischen und sozialistischen Geschichte auseinanderzusetzen und dort Ansatzpunkte zu suchen.7

 

Krohn: Weshalb gibst Du die Zeitschrift Gegner heraus?

Papenfuß: Es gibt eine Tradition der literarischen Renitenz, sowohl formal als auch substantiell, die z.B. durch die von Karl Otten und Julian Gumperz von 1919 bis 1922 herausgegebene Zeitschrift Gegner und das von Franz Jung und Harro Schulze-Boysen von 1931 bis 1933 herausgegebene Nachfolgeblatt Gegner verkörpert wird. Dieser häretischen Kiste bin ich verpflichtet, und es ist mir eine Ehre, mit meinen Genossen daran weiterzubasteln. Wofür, ist mir hierbei relativ brenne. Die Verhältnisse in der gegenwärtigen Welt sind auf absehbare Zeit so bestellt, daß ich für mein Teil nur dagegen sein kann. Im Zuge des Entgegnens ergibt sich Neues.
Die Gründungsphase 1919 bis 1922 könnte man salopp als eine revolutionäre bezeichnen, die zweite von 1931 bis 1933 als eine reaktionäre – seit 1999 steht alles auf der Kippe; wollen doch mal sehn, ob unser Lebtag noch wat zu Löten ist; ökonomisch, substantiell und antipolitisch.

Krohn: Warum seit 1999?

Papenfuß: Weil nach zehn Jahren Postwende jegliche Luft einer, wie auch immer gearteten, Aufbruchsstimmung raus war, die Artikulation der Lebensfreude ging gegen null. Lebensfreude, auch im Sinne von Mitfreude, wird seither nach Mitteleuropa importiert aus Ost- bzw. Südosteuropa oder dem Rest der Welt. Ich sage nur: Goran Bregović, Kočani Orkestar, Russendisko, Karneval der Kulturen; von solchen indiskutablen Kommerzspektakeln wie Love-, Hate- und Hanfparade jetzt mal ganz abgesehen. Auch Britannia Theatre, Infamis und Majong sind ja nicht unbedingt Träger von Lebensfreude, und Du bist nicht auf einer Deutschlandrundreise, sondern dort draußen in der Welt. Ökonomisch motiviert ist dieses Manko durch die mittlerweile wahrgenommene Vergeblichkeit der Arbeit. Nach dem andauernden Auf und Ab der New Economy wurde klar, daß man Geld entweder mit Fernsehen oder mit Geld verdient, was jegliche Hemdärmeligkeit in die Schranken weist. Unsere Trikotagen werden in Rumänien gewebt, Bücher in Thailand gedruckt usw., unser nachlassender Wohlstand fußt auf der Ausbeutung der Niedriglohnländer, und schlägt auf Selbstbewußtsein und Lebensmut der Bevölkerung. Humor gewinnt an Wichtigkeit, muß aber, im Gegensatz zum Mediengaudi, witzig sein.

Krohn: Warum nutzt Du keine Großbuchstaben? Was hältst Du von der Rechtschreibreform?

Papenfuß: Im Augenblick bin ja ich derjenige, der Großbuchstaben benutzt, und einen nahezu Duden-konformen Text verfaßt, zum Teil der alten Rechtschreibung folgend, z.T. der sog. Neuen. Als ich Anfang der 1970er-Jahre anfing zu schreiben, war es ja Mode, kleinzuschreiben, erschien mir auch logisch angesichts des Englischen, Russischen usw. Ich wollte nicht akzeptieren, daß mir der Staat vorzuschreiben hat, wie ich schreiben soll, besonders auch eingedenk all der phantastischen Schreibweisen des Mittelalters, des Barock und der Romantik. Irgendwelche Reformen sind mir völlig schnurz; Fachleute, also Dichter, schreiben wie sie schreiben. Wenn sie angepaßt schreiben, liebäugeln sie mit der schnöden Presse.8

 

Messmer: Ihre Kneipe, die Rumbalotte continua, ist aber immer noch in Prenzlauer Berg. Warum?

Papenfuß: Prenzlauer Berg garantiert mir das Maß an Unzufriedenheit, das ich brauche. Außerdem muss es eine Kneipe für den renitenten Rest geben, der hier noch wohnt. Unsere Stammgäste, die Leute im Umfeld der sogenannten Prenzlauer Berg Connection, die noch nicht weggezogen oder gestorben sind – die kommen ja noch. Die brauchen schließlich auch noch einen Ort, an den sie gehen können.

Messmer: Kommen hier nur Ossis jenseits der fünfzig?

Papenfuß: Nicht nur. Es ist oft gar nicht mehr so wichtig, ob man Ossi ist oder Wessi, sondern eher, ob man renitent ist oder nicht.9

 

 

 

 

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Zu diesem Heft

Am 26. August 2023 ist Bert Papenfuß gestorben. Der Dichter, Redakteur und Anarchist hat unsere Zeitschrift Abwärts! und ihre Vorgängerinnen Gegner und Sklaven mitinitiiert, renitente Verwandte und Vorstufen wie Zonic, TorTour und Prenzlauer Berg Konnektör wurden von ihm geprägt.
Bert Papenfuß sah sich zwei Jahrzehnte mit der „real existiernden Umzinglung“10 des Staatssozialismus und reichlich drei Jahrzehnte mit dem Neoliberalismus konfrontiert, für den er nicht weniger deutliche Worte fand. Verklärung von Machtverhältnissen war seine Sache nicht, ihre Auflösung umso mehr:

Es gab nie ein ,besseres Deutschland‘, aber einen besseren Entwurf einer kommenden Gesellschaft, der grundlegend ist für weitere Reflexion.11

Diese Abwärts!-Ausgabe versteht sich als Heft mit Bert Papenfuß. Sie versammelt Texte von ihm und Stimmen von Weggefährtinnen und Zeitgenossen. In einem seiner letzten Aufsätze formulierte Bert Papenfuß programmatisch:

Wir brauchen Ideen gegen Interessen, um Kultur gegen Konsum zu setzen. Kultur hat Ecken und Kanten, Konsum folgt Algorithmen. Je digitaler, desto scheiße; es ist der Draht zur Welt, der uns vom Leben abhält. Wir brauchen Systemkritik gegen Hedonismus, Nachrichten-, Streaming- und Lieferdienste, Kreuzworträtsel und Patiencen; brauchen Anarchie gegen Zivilisation, die immer wieder „Barbaren“ definiert, die der „westlichen Werteordnung“ entgegenstehen. Die Realität ist eine Verzerrung unwirklicher Ereignisse von jestern, die ins Morgen schwappen und kippen. – Und was wir brauchen, können wir nur selber schaffen.12

Deswegen erscheint diese Zeitschrift.

Die Redaktion

 

Zur Homepage von Abwärts!

 

Zum 60. Geburtstag von Bert Papenfuß:

Lorenz Jäger: ich such das meuterland
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2016

Zeitansage 10 – Papenfuß Rebell
Jutta Voigt: Stierblut-Jahre, 2016

Zum 65. Geburtstag von Bert Papenfuß:

Thomas Hartmann: Kalenderblatt
MDR, 11.1.2021

Zum 69. Geburtstag von Bert Papenfuß:

Mareile Fellien-Papenfuß auf Facebook, 11.1.2025

Zum 70. Geburtstag von Bert Papenfuß:

Vincent Sauer: „Gesteht es ein, euer Schuttsein!“
junge Welt, 10.1.2026

 

Fakten und Vermutungen zu Bert PapenfußInstagramKLGIMDb + Archiv + Internet Archive + IZA
Porträtgalerie: akg-imagesAutorenarchiv Isolde OhlbaumAutorenarchiv Susanne Schleyer + deutsche FOTOTHEKDirk Skibas Autorenporträts + IMAGOKeystone-SDA
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Einladungskarte zur Beerdigung von Bert Papenfuß

Einladungskarte zur Beerdigung von Bert Papenfuß

 

Nachrufe auf Bert Papenfuß: Abwärts! 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 ✝︎ artour ✝︎ BZ 1, 2 & 3 ✝︎ DNB ✝︎ Facebook ✝︎ Faustkultur ✝︎ FAZ ✝︎ freitag ✝︎ junge Welt 1 & 2 ✝︎ LVZ ✝︎ lyrikkritik 1 & 2 ✝︎ MZ ✝︎ nd 1 & 2 ✝︎ NDR ✝︎ Tagesspiegel ✝︎ taz 1 & 2 ✝︎ telegraph ✝︎ Volksbühne ✝︎ Zeit ✝︎ Fotos ✝︎

 

 

 

Nachruf auf Bert Papenfuß bei Kulturzeit auf 3sat am 28.8.2023 ab Minute 27:59

 

 

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Papenfuß-Gorek“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Bert Papenfuß

 

Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

 

Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

 

Bert Papenfuß, erzählt am 14.8.2022 in der Brotfabrik Berlin aus seinem Leben und liest Halluzinogenes aus TrakTat zum Aber.

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