Adam Zagajewski: Stündlich Nachrichten

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Adam Zagajewski: Stündlich Nachrichten

Zagajewski-Stündlich Nachrichten

STÜNDLICH NACHRICHTEN

Der Funk sendet Nachrichten stündlich.
Die Ansager wissen alles; unmöglich,
könnte es scheinen, daß jede Stunde
tötet, stiehlt und betrügt. Und doch
so ist es, die Stunden fressen wie Löwen
den Vorrat an Leben. Die Wirklichkeit gleicht
der an Ellenbogen durchwetzten Wolljacke. Wer
die Nachrichten hört, der weiß nicht, daß
unweit, im Garten, im regennassen,
ein kleines graues Kätzchen herumläuft: vergnügt,
es balgt mit den harten Halmen der Gräser.

 

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Nachwort

Adam Zagajewski, Mitbegründer und wesentlicher Vertreter der „Generation 68“, der „zornigen Realisten“, ist Verfechter der Aufrichtigkeit in der Poesie, des unabhängigen Denkens und der ungeschminkten Information. Sein Gedicht richtet sich gegen das verordnete Weltbild und die irreführende Beschwichtigung. Es zwingt seine Leser, es im Kontext der politischen Gegenwart zu lesen. Seine „offene Sprache“ ist emotionsgeladen, aber diszipliniert, besonnen, manchmal leicht sarkastisch. In der Nachfolge der Krakauer Avantgarde meidet sie Geschwätzigkeit, Landschaftsmalerei und Sentimentalität.
Das erklärte Ziel dieser Lyrik ist, die sprachliche Mystifikation, Verkleidung, Unverbindlichkeit anzugreifen, vor allem die anmaßende Amtssprache der Macht und der Verwaltung, die Formelsprache der Propaganda, die Kulissensprache der Medien, die Indoktrination von Lehre und Leere. Der ethische Grundsatz dieser Lyrik ist in einem der Gedichte („Prawda“ / „Wahrheit“) enthalten:

Sage die Wahrheit, dazu bist du da.

Zagajewski, am 21. Juni 1945 in Lemberg geboren, verbrachte seine Kindheit in Gleiwitz, Schlesien, studierte in Krakau Psychologie und Philosophie, arbeitete 1968–1975 als Assistent am Gesellschaftswissenschaftlichen Institut der Berg- und Hüttenakademie. 1968-1972 gehörte er der Lyrikergruppe Teraz (Jetzt) der „Neuen Welle“ an und war Redaktionsmitglied der Literaturzeitschriften Student in Krakau und Odra (Die Oder) in Breslau. Nach 1976, zeitweilig mit Veröffentlichungsverbot belegt, publizierte er in der katholischen Zeitschrift Tygodnik Powszechny (Allgemeines Wochenblatt) und Znak (Zeichen); nebenbei redigierte er die unzensierte Vierteljahresschrift Zapis (Notiz). Seit 1973 Mitglied des Schriftstellerverbandes, wurde er 1978 in den Polnischen PEN gewählt. 1979–1980 hielt er sich ein Jahr als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin auf, danach einige Monate in den USA. 1982 ging er aus persönlichen Gründen nach Paris, wo er im Augenblick lebt.
Seine ersten Gedichte veröffentlichte Zagajewski 1967 in der Krakauer Zeitschrift Życie Literackie (Literarisches Leben); außer Lyrik schreibt er auch Prosa: Essays, Erzählungen und Kulturkritik. Was er schreibt, ist trotz starker Intellektualität um Kolloquialität und Eindeutigkeit bemüht. Persönliches Schicksal ist hier stets auch Schicksal des Landes, eines wehrlosen Landes, „von dem schwarze Adler sich nähren, hungrige Kaiser, das Dritte Reich und das Dritte Rom“ („Polengedichte“).
1975 wurde Zagajewski in Genf mit dem Literaturpreis der Kościelski-Stiftung ausgezeichnet.

Karl Dedecius, Nachwort zur Erstausgabe

 

 

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Zum 100. Geburtstag des Herausgebers:

Markus Krzoska: „Es muss im Leben sterben, was Gedicht sein möchte“
dialogforum.eu, 19.5.2021

Antje Scherer: Sein Werk entstand nach Feierabend – Party für den Übersetzer Karl Dedecius in Lodz und Frankfurt (Oder)
MOZ, 19.5.2021

 

 

 

 

Internationales Symposium zum 100. Geburtstag von Karl Dedecius am 20.–21.5.2021 in Łódź. Panel 1: Karl Dedecius und Łódź

 

 

 

VERABSCHIEDUNG DER LITERARISCHEN ZEITSCHRIFTEN
Für Adam Zagajewski

Ich träumte, ich sehnte mich nach einer literarischen
Zeitschrift, wie man sich nach einem frischen
Brötchen sehnt, ich irrte von einem Kiosk zum anderen,
doch überall gab es nur Kreuzworträtsel und Zeitungen,
bis mir schließlich in einer kleinen Bude am Rande
der Welt ein Verkäufer mit einer Stimme, bittersüß
wie Schuberts Lieder, und dem Gesicht von Adam
Zagajewski, der sagte: „Tadeusz, vergleiche
mich nicht mit Schubert“, die Nummer einer
literarischen Zeitschrift in die Hand drückte, die
bis heute ungeöffnet auf meinem Regal steht,
zwischen Bücher gepresst wie eine Scheibe Brot.

Tadeusz Dąbrowski
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

 

Daniel Henseler: Unterwegssein, Fremdheit, Heimkehren. Zur conditio des lyrischen Ichs in Adam Zagajewskis Gedichten.

Burkhard Reinartz: Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen. Der polnische Schriftsteller Adam Zagajewski.

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Nico Bleutge: Suche nach Glanz
Neue Zürcher Zeitung, 20.6.2015

Zum 75. Geburtstag des Autors:

dpa: Promi-Geburtstag vom 21. Juni 2020: Adam Zagajewski
stern.de, 19.6.2020

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2KLfGIMDbFlaneurDAS&DOrden Pour le méritePIAInternet Archive + Kalliope
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Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Adam Zagajewski

 

Adam Zagajewski liest seine Gedichte „Now that you’ve lost your memory“ und „Piano lesson“.

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