DIE BÜCHER
Sammlung besitze ich keine. Doch scharen sich um mich die Wunder.
Halte den Plunder ich fest, streut meine Knochen man bald.
Sammeln oder bewahren, wer möchte es unterscheiden?
Wer stets das Seltene jagt, trägt keine Körbe nach Haus.
Das Schöne, nicht immer ists kostbar, das Kostbare nicht immer schön.
Was nicht für schön ich erkannt, köstlich kanns mir nicht sein.
Midas wußte ein Mittel, alles zu Gold zu machen.
Steck ich die Nase ins Buch, glänzender schaut sie heraus.
Mein Auto hatte mich nicht, da zeigte ich auf die Borde.
Zeigte die Bücher ich stolz: Seht nur, da steht es und steht.
Nun habe ich Karre und Bücher, mehr als ich lesen könnte.
Fehlt schon zum Blättern die Zeit, führ ich noch Berge heran.
Wo ist sie die fächelnde Fee, die mich befreit und zerstreut?
Zückte sie erst ihren Block, flockte der Staub vom Barock.
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Lichtensteiner Wunderkammer
– Einleitende und einladende Worte zur Sonderausstellung „Aufgehoben im Labyrinth des Worts. Leben und Werk des Dichters Richard Pietraß“ im Stadtmuseum Lichtenstein/Sachsen. –
„Die Kunst zu leben“ lautet der Titel des ersten Gedichts im Band Freiheitsmuseum von Richard Pietraß. Die Sonderausstellung hier im Daetz-Centrum Lichtenstein läßt uns teilhaben an dieser Kunst zu leben und an der Kunst, sie im und mit dem dichterischen Wort zu feiern. Sie gilt einem in Lichtenstein Geborenen und Aufgewachsenen, der sich der Dichtkunst verschrieben hat, dem Schleudern poetischen Honigs, was, nebenbei gesagt, mit Blick auf Ein- und Auskommen kein Zuckerlecken war und ist.
Zahlreiche Gedichtbände hat Richard Pietraß veröffentlicht ich nenne nur die Titel der Bände, die jeweils einen bestimmten Zeitraum seines Schaffens bilanzieren, Titel, die in ihrer Prägnanz weite Assoziationsräume öffnen: Notausgang, Freiheitsmuseum, Spielball, Schattenwirtschaft, Freigang, Lustwandel, Gästeliste (letzterer ist in Vorbereitung). Zwei Prosabände tanzen aus der Reihe, Tagebuchaufzeichnungen über Aufenthalte in Liechtenstein (Mit einem Bein in Liechtenstein hier ist das Fürstentum gemeint) und Pennsylvanien in den USA: Amerikanische Grillen. Recht betrachtet handelt es sich aber bei beiden Büchern um dichterische Prosa.
Sie vermuten es zu recht, meine Damen und Herren: Wer auf lyrischen Pfaden wandelt, ist im Prinzip ein Einzelgänger und Einzelsänger. Das schließt freilich nicht aus, sich im Hain oder Biergarten mit Zunftkollegen in solidarischer wechselseitiger Abgrenzung auszutauschen. Ich denke hier an die Sächsische Dichterschule, eine lyrische Web- und Wirkschule eigener Art. Aber weit darüber hinaus hat sich Richard Pietraß verdient gemacht um die Förderung poesiefreundlicher Produktions- und Distributionsverhältnisse vor allem als Herausgeber der legendären Reihe Poesiealbum oder als Initiator und Moderator der Veranstaltungsreihe Dichterleben im Berliner Brechthaus. Sie werden Zeugnisse weitverzweigter Beziehungen finden in dieser Kabinettausstellung, die sein „Dichterleben“ Revue passieren läßt. Und es sind nicht nur literarische Freundschaften, die dokumentiert werden. Nuria Quevedos Porträt gleich am Eingang ist ein Beispiel dafür, wie eng die Kontakte des Herausgebers und Autors zur bildenden Kunst sind.
Mit Blick auf die dargebotenen Ausstellungsstücke erinnere ich an Goethes Diktum:
Wer das Dichten will verstehen
Muß ins Land der Dichtung gehen;
Wer den Dichter will verstehen
Muß in Dichters Lande gehen.
Was aber sind Dichters Lande? Richard Pietraß wurde 1946 in Lichtenstein geboren, als viertes von fünf überlebenden Kindern eines Müllers und Landwirts. Der konnte freilich nach der Flucht der Familie aus dem ostpreußischen Upalten (heute Polen) nicht mehr in diesem Beruf tätig sein. Dichters Lande, sollten sich diese nicht auch auf die Heimat seiner Vorfahren erstrecken?
Weitere Lebensstationen müssen jetzt nicht penibel aufgeführt werden, darüber können Sie sich in der Ausstellung informieren. Es reicht zu notieren, daß Richard Pietraß 1968 nach Berlin kam. Was ja nicht hieß, die Beziehungen zum Elternhaus zu kappen, Haus hier in seiner dinglichen Existenz verstanden; noch heute hält der Sohn eine kleinere Wohnung in Lichtenstein mit einem Teil des Mobiliars. Zeugnisse davon finden Sie in der Ausstellung.
Mit einem Bein in Lichtenstein (ohne „ie“!) ließe sich diese Formel auf seine Beziehung zur Heimatstadt anwenden? Wie auch immer: Seine Lande sind nicht auf einen Ort zu reduzieren. Als er vom Herbst 2004 bis Sommer 2005 zehn Monate als Landesschreiber im fast gleichlautenden Fürstentum residierte, nahm er sich vor, das Amt gewissenhaft auszuüben:
Als am Erzgebirgsrand aufgewachsene, berlinisch geprägte masurische Nachgeburt gelobte ich preußische Korrektheit und sächsische Kontaktfreude.
Heute würde er noch Paris nennen, einen durch die Beziehung zu seiner Liebsten neugewonnenen Lebensraum, wiederum eine besondere poetische Provinz: Liebes- und Paris-Gedichte, lyrische Medaillons, sind der Ertrag dieser Land- beziehungsweise Stadtnahme. Und die Übersetzungsprojekte, das Poesiealbum zu Guillaume Apollinaire z.B., zu dem Gabriele Wennemer, die eine reiche Auswahl seiner Gedichte ins Französische übersetzte, ihm die Rohfassungen lieferte. Wird das Schaffen eines Dichters vorgestellt, bleiben die Übersetzungen oft unerwähnt. Sehr zu Unrecht, weil Aneignung des Fremden einen verwandelnden, um nicht zu sagen verfremdenden Einfluß auf die eigene Kunstausübung hat. Deshalb seien hier Richard Pietraß’ wunderbar gelungene Nachdichtungen der Nobelpreisträger Boris Pasternak, Seamus Heaney und Tomas Tranströmer zumindest genannt.
Zurück zum damaligen Berlin Hauptstadt der DDR. Nun war Richard Pietraß kein Dichter der DDR (im Sinne eines lyrischen Propagandisten), wohl aber ein Dichter in der DDR, der das Leben in ihr genau und kritisch betrachtete. Wie er das Amt des Dichters verstand, verraten die folgenden Zeilen aus dem frühen Gedicht „Barometer“, das morgendliche Ablesen der Werte vom Barometer gehörte übrigens zum Alltag des Vaters:
Ich bin das Barometer. Man kommt
ohne mich aus.
Wer mich entbehrt, erfährt
den Regen auf eigenem Haupt.
Meine Haut ist dünn.
Selbst die Luft
ist stark genug, daß sie
an mir Veränderungen hervorruft.
Ich zeige den Druck
der auf euch lastet
während ihr unbeschwert
zu Flugzeug und Straßenbahn hastet.
Weiter bin ich nichts nütze: an mir
liegt nicht viel
Bin keines Thrones Stütze
keine Kugel im Mächtespiel.
Hier ist in aller Einfachheit und Deutlichkeit ein wesentliches Moment seiner Poetik angesprochen. Kunst und Literatur, Lyrik im Besonderen, erfassen die Gefühlslagen und Stimmungen eines Gesellschaftskörpers; sie sind eine komplizierte Apparatur des Vor-, Mit- und Nachfühlens. Der Dichter sagt nicht die Wahrheit, sondern seine Wahrheit (oder Wahrheiten) und kann gerade damit den Nerv der Zeit treffen.
Nur ein Beispiel dafür: Was heute den Protest der jungen Generation herausfordert und sich als Bewegung „Fridays for Future“ programmatisch äußert, findet sich lyrisch als seismographisches Frühwarnsystem in dem 1987 erschienenen Gedichtband Spielball formuliert, auf spezifische, d.h. spielerische Weise; es sind „ernste Spiele“. Er war seinerzeit in der DDR heftig umstritten, immerhin in literarischer Öffentlichkeit. Thematisiert wurde u.a. die besorgniserregende Abnahme der Biodiversität, also das menschlichem Wirtschaften oder Mißwirtschaften geschuldete Verschwinden der Arten. Das Resümee ist bitter:
Fortschritt heißt, das Bunte schwindet…
Dagegen wird gleichsam ein solidarisches Grundauskommen propagiert, das im Interesse der Naturgebundenheit (das ist mehr und Anderes als Naturverbundenheit) Nutzung der Natur und Fürsorge für alles Lebendige miteinander verbindet. Ich versage mir, Beispiele zu zitieren, suggestive Bildkraft wird deutlich werden, wenn die Schülerinnen und Schüler des Prof. Dr. Max-Schneider-Gymnasiums gleich den kleinen Zyklus „Totentanz“ vortragen werden, der die Spielball-Thematik fortsetzte. Der Tod holt jeden, egal, welchen Rang, welche Stellung er in der Gesellschaft einnimmt. Dieses alte, aus dem Mittelalter stammende Motiv wird von Richard Pietraß überraschend gewendet und auf die Welt der Tiere bezogen: Der Mensch tritt als ihr täppischer oder skrupelloser Vernichter auf.
Deutlich wird, daß Dichters Lande nicht von engen Grenzen eingehegt sind, sondern sich letztlich über den ganzen „Wandelstern Erde“ erstrecken. Aber vergessen wir nicht, daß der Poet nach Goethe auch im „Lande der Dichtung“ unterwegs ist. Das heißt, simpel gesagt, daß er um dortige Gepflogenheiten wissen sollte. Ohne diese Kenntnis wird es ihm kaum möglich sein, einen eigenen Beitrag zur Dichtkunst zu leisten wie es Richard Pietraß mit seiner empfindungs- und erfindungsreichen Erlebnis-, Erkenntnis- und Bekenntnislyrik getan hat und tut. Angefangen von der klassisch-romantischen Erlebnislyrik (das von seinem Vater gemurmelte Eichendorffgedicht steht dafür) über die Naturmagie von Wilhelm Lehmann und Oskar Loerke bis hin zur surrealistischen Traumwelt nutzt er die Traditionen und schickt das lyrische Ich auf Freigang. Das Erleben im Gedicht suggeriert unmittelbare Begegnung mit der Realität; in Wahrheit ist sie immer mittelbar: Erlebnis ist Spracherlebnis. Von seiner Vers- und Reimkunst, der Metaphernlust, der Freude, die Geschenke der Sprache entgegenzunehmen, sich ihren assoziativen Angeboten und Sinnvorschlägen zu öffnen, werden Sie einen kleinen Eindruck erhalten, wenn Sie dann den jungen Leuten lauschen. „Der Vers will zum Ohr“, mit Karl Mickel zu sprechen.
Aber er will eben auch festgehalten sein. Eine Vielzahl von Editionen, wunderbare Künstlerbücher darunter, garantiert nicht zuletzt den Schauwert dieser Ausstellung. Aufmerksam machen will ich jedoch vor allem auf die aus der Familiengeschichte stammenden handschriftlichen Zeugnisse. Da ist das Fluchttagebuch des Großvaters Richard Pietraß: Die Eintragungen in einen landwirtschaftlichen Kalender beginnen am 1. Januar 1945 in Martinshagen (Ostpreußen), die letzte Notiz stammt vom 17. Dezember 45. Wenige Tage später ist der Großvater in Anklam gestorben. Ein individueller Leidensweg von vielen in dieser Zeit. Übrigens kann ein weiteres sehr anrührendes Fluchttagebuch im Internet nachgelesen werden. Ein Vierteljahr, vom Januar bis zum März 1945, dauerte die Flucht der Mutter Elisabeth Pietraß, die sich allein mit vier Kindern in Eiseskälte und immer am Rand der Erschöpfung durchschlagen mußte. Das erschütternde Dokument endet mit dem Tod des zehn Monate alten Sohnes Ernst.
Die Ausstellung zeigt weitere Kostbarkeiten: zwei Hefte, in die der Vater mit akkurater Handschrift die Gedichte eintrug, die ihm gefielen. Und es sind zum Schluß hin nicht wenige Gedichte seines Sohnes darunter. Und die Familienbibel, in der die Mutter das ihr gewidmete Gedicht Richards eingeschrieben hat.
Wie Sie wissen, meine Damen und Herren, stehen am Anfang des Museumswesens die Kunst- und Wunderkammern. Diesem Beginn bleiben die Museen treu, was nicht heißt, daß sie allein das Bizarre und Absonderliche als Merkwürdiges gelten lassen. „Überall ist Wunderland“, heißt es bei Ringelnatz, der übrigens auch in dem künftigen Band Gästeliste vorkommt. So erweiterten und erweitern die Museen den Kreis dessen, was des Bemerkens, gegebenenfalls des Bewunderns würdig ist. Das kann das alte Radio sein, an dem der Vater abends Hörspielen lauschte. Ja, es gab eine Zeit ohne Fernseher, in der das Hörspiel ein großes Publikum hatte. Nach des Tages schwerer Arbeit schlief er vor dem Apparat ein, und wenn Richard diesen ausschaltete, um in Ruhe Hausaufgaben zu machen, erwachte der Vater prompt:
Was schaltest du den Radio aus?
Oder es kann Aluminiumgeschirr sein, der Frühstücksteller beispielsweise, aus dem Richard seine Haferflocken löffelte, oder eine Schöpfkelle. Diese Gegenstände sind als aus dem alltäglichen Leben Aus-Gesondertes etwas Besonderes, die es verdienen, aufgehoben und betrachtet zu werden. Sie sind Lebenszeugnisse, an denen sich der poetische Gedanke entzünden kann. „Ich hebe ihr Leben auf“, heißt es im Gedicht „Meine Mutter“. Das gilt auch für das Leben seiner frühgestorbenen Frau Erika, der er den innigen lyrischen Zyklus „Letzte Gestalt“ widmete.
Dichtung ist Zeit-Dichtung; dem Vergehen der Zeit zum Trotz erinnert sie einst begangene Wege, und sie gedenkt der Dahingegangenen.
Hoch zu loben sind Engagement und Einfallsreichtum der Ausstellungsmacher. Wie diese feine Ausstellung ist Dichtkunst selbst eine Art Wunderkammer. Betreten wir sie, verlassen wir die gewohnte Welt und bleiben doch in ihr. Sie ist ein Ort der Erinnerung und Bewahrung, welcher Schöpfkelle und Schöpfungsgeschichte beziehungsweise Stammbaum zusammenbringt. Nicht wenige Gedichte von Richard Pietraß sind in diesem Sinne An-Sprüche, Anrufungen und Andachten. Zum Abschluß noch das Gedicht „Suppenruf“:
Heute gibt es Ampfersuppe, Ampfersuppe.
Während eines Froschkonzerts zupfte
ich ihn von der Wiese. Rudere zurück
aus deinem Luftgrab, Vater, rudere zurück.
Löse deine Kampferbinden von geborstner
Schläfe, Mutter. Ampfer stampfte
ich vorm Gewitter. Saure Suppe gibt es heut.
Ruf dein träges Blut, ruf es zurück.
Hört auf zu sterben, heute gibt es Ampfersuppe.
Kartoffeln und Eier brachte ich vom Markt.
Haltet ein! Reinigt Teller und Löffel. Seht
die Suppe dampfen, liebe Brüder, süße Schwester.
Jürgen Engler, Vorwort
Richard Pietraß Lesung und Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt am 27.3.2018 im Haus für Poesie
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Jan Wagner: Lob des Spreewals
Der Tagesspiegel, 11.6.2016
Stefan Sprenger: Dass der Mensch der Stil sein möge
Sprache im technischen Zeitalter, Heft 218, Juni 2016
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IZA + KLG 1 & 2 + DAS&D + Übersetzungen 1 & 2 + Kalliope
Porträtgalerie: akg-images + deutsche FOTOTHEK + Galerie Foto Gezett + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口
Das Pietraß _______ Aus einem Bestiarium Literaricum, aufgefunden im Archiv des Museo Rhinum; übersetzt von Peter Böthig
Richard Pietraß liest am 4.5.2018 für planetlyrik.de die 3 Gedichte „Hundewiese“, „Klausur“ und „Amok“.









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