Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Appell und Verweigerung (Teil 2)

Appell und Verweigerung
Die Leere, die Weiße, das Schweigen als Thema der Poesie

Teil 1 siehe hier

Ob Appell oder Verweigerung – das Papierblatt war über Jahrhunderte hin der bevorzugte Schriftträger nicht nur für literarische, philosophische oder wissenschaftliche Texte, sondern auch für private Aufzeichnungen und insbesondere für Briefe. Da leere Papierbögen heute nur noch ausnahmsweise direkt von Hand oder indirekt mit der mechanischen Schreibmaschine vollgeschrieben werden und man sie stattdessen vorwiegend zum Kopieren beziehungsweise zum Ausdrucken verwendet, ist auch das Interesse an ihrer materiellen Beschaffenheit weitgehend geschwunden. Das hochweiße Blatt begegnet fast ausschließlich im Normformat A4 mit dem Normgewicht von 80g/m2, andere Formate und Qualitäten sind kaum noch gefragt. Das genormte Papierblatt ist ein Objekt, zu dem es in der Natur keinerlei Entsprechung gibt – sehr dünn, sehr leicht, undurchsichtig, gleichmäßig weiß, präzise zugeschnitten als Viereck. An die kaum noch beachtete Materialität des Schreibpapiers hat Jochen Gerz 1966 mit und in seinem Buch über Die Beschreibung des Papiers erinnert,

 

Jochen Gerz: Die Beschreibung des Papiers. (1973), Buchcover

Jochen Gerz: Die Beschreibung des Papiers. (1973), Buchcover

 

indem er die doppelte Funktion des Beschreibens herausstellte: Das Papier kann «beschrieben» werden, indem man es entweder beschriftet (also darauf schreibt) oder indem man es zum Gegenstand der Beschreibung macht (also seine Eigenschaften schriftlich festhält).
Das unbeschriebene Blatt ist das zu beschreibende Blatt. Insofern stellt es in seiner nichtssagenden Leere eine implizite Herausforderung dar: Das Blatt will, wie einst Oskar Pastior lakonisch meinte, «dass Text da sei». Wer sich dem leeren Blatt indes lesend zuwendet, wird sich, ganz im Gegenteil, nicht aufgerufen, vielmehr ausgeschlossen fühlen – Lesestoff wird ihm vorenthalten, Mitteilung findet nicht statt, Bedeutung ist suspendiert. So oder anders bleibt die Leere ambivalent; sie wird ja durch die Schwärze der Schrift nicht getilgt – der Text kann überhaupt nur dann gelesen werden, wenn er weiß unterlegt ist, gerahmt durch weiße Ränder (Marginalien) und durchsetzt mit weißen Leerstellen (Spazien) zwischen den Zeilen und Buchstaben. Von daher wäre über das Verhältnis von Schwarz (Schrift) und Weiß (Papier, Blatt) genauer nachzudenken und hinzuweisen darauf, wie variantenreich dieses Verhältnis je nach Textsorte sein kann: Weder beim Schreiben noch beim Lesen ist man sich dessen bewusst. Die beiden Vorgänge sind so weitgehend automatisiert, dass darauf nicht mehr eigens geachtet werden muss – das Schriftbild baut sich im Normalfall denn auch, unabhängig von der Schreibweise oder der Drucktechnik, automatisch im weißen Leerraum auf.
Am höchsten ist der Schwärzungsgrad des Satzspiegels bei diskursiven oder narrativen Texten, die in aller Regel linear angelegt und zumeist nur durch Absätze, allenfalls mit Einrückung, strukturiert sind, so dass die Leerstellen auf die Außenränder («Stege») beschränkt bleiben. Am meisten Raum gewinnt der weiße Schriftträger bei Gedichten – beim hier üblichen Flattersatz nehmen die Leerstellen (reduzierte Zeilenlänge, Blindzeilen, breite Ränder) auf der Blatt- oder Buchseite mehr Fläche ein als die schwarz ausgeschriebenen beziehungsweise ausgedruckten Textkörper. Die weiße Leere wird in diesem Fall durch die Schwärze der Schrift umso deutlicher wahrnehmbar gemacht.

… Fortsetzung am 27.7.2026 …

Erstveröffentlichung in VOLLTEXT 1/2026

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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