Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Appell und Verweigerung (Teil 1)

Appell und Verweigerung
Die Leere, die Weiße, das Schweigen als Thema der Poesie

 

Als Schrift- und Bedeutungsträger hat das leere Papierblatt eine weit zurückreichende Tradition, die von den antiken Wachs-, Ton- oder Holztafeln ausgeht und im weißen Bildschirm elektronischer Schreibgeräte ihre aktuelle Ausformung findet. Ob Tafel oder Blatt oder Monitor – die unbeschriebene viereckige Fläche, einst Tabula rasa genannt, ist dazu bestimmt, graphische Zeichen (Buchstaben, Zahlen, Symbole) aufzunehmen und zu speichern. Der Philosophie und Literatur eröffnet das leere Blatt den Raum für die Urszene des Schreibens, doch bekanntlich steht es auch generell für Anfänglichkeit, für «Schöpfung aus nichts» und darüber hinaus, metaphorisch überhöht, für souveräne, selbstbestimmte Lebensführung ohne Vorbelastung durch tradierte Prägungen und überkommenes Wissen. «White paper, void of all characters» – dies veranschauliche, meint etwa John Locke im ausgehenden 17. Jahrhundert, den ursprünglichen, noch neutralen Status von Geist und Seele vor deren Invasion durch nachmalige Erkenntnisse und Erfahrungen.
Das leere Schriftblatt, so verstanden, bleibt jeglichem Determinismus entzogen und bietet sich vorbehaltslos als offenes Operationsfeld an: Es will produktiv erschlossen werden – seine vorgegebene Leere ruft nach Erfüllung durch den potenziellen Text, die Weiße des Blatts soll eingeholt und mit Bedeutung besetzt werden durch die Schwärze der Schrift. Auch wenn dieses Freiheitsangebot in manchen Fällen zum Schreiben anregt, kann es, umgekehrt, auch eine Schreibblockade provozieren. Das leere Papier wird dann zu einem «weißen Abgrund», der lähmendes Entsetzen auslöst: Horror vacui statt Creatio ex nihilo – eine leidvolle Erfahrung, die selbst von erfahrenen Autoren wie Ernest Hemingway, Wolfgang Koeppen oder Dylan Thomas geteilt und bestätigt wird.
«Ich konnte kein einziges Wort schreiben, nichts», bekannte Thomas kurz vor seinem Tod, 1953, in einem Privatbrief: «Das, was ich [als Dichter] eigentlich tun musste, konnte ich die ganze Zeit nicht, ich konnte es wirklich nicht: Wörter, meine eigenen Wörter zu Papier bringen.» Der Nachdruck liegt hier auf den «eigenen» Wörtern – tatsächlich bestand das Problem für Thomas darin, dass ihm wohl beliebig viele Wörter zur Verfügung standen, die er jedoch allesamt für abgegriffen, unaufrichtig, «lauthalsig» hielt, derweil ihm das leere Blatt ausschließlich «unschuldige», also ursprüngliche, eben ganz und gar «eigene» Wörter abzuverlangen schien.

… Fortsetzung am 26.7.2026 …

Erstveröffentlichung in VOLLTEXT 1/2026

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Hekatomben

Haken, Bomben; necken, toben; Boten atmen im Takt… Hetman naht, kommt nach oben: Atomkate bebt.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00