Christoph Wenzel: lidschluss

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christoph Wenzel: lidschluss

Wenzel-lidschluss

EIN UNTERSCHIED WIE 1001 NACHT: dein
falsches erwachen
ist eine erzählung mit erfundenem quelltext (false-
awakening.doc
): das gewäsch von gestern verliert
sich
in den logfiles der traumphasen, im unlesbaren
quellcode
eines wiegenlieds. du setzt das passwort zurück (open
sesame
) und es öffnet sich der posteingang: dein
herzhirn
ist ein heilloser briefkasten, darin alle gedichte als gelesen
markiert. von draußen überlädt ein gewitter den flash-
speicher und im traum wird geschlafen

 

 

Christoph Wenzel liest u.a. seinem Band lidschluss.

 

 

Christoph Wenzels Gedichte

sind eine Art von Augenschließen, ein Abgesang auf eine Landschaft, die verschwunden ist. Mit der Schärfentiefe einer Kamera und dem feinen Ohr für die Ober- und Zwischentöne der Sprache durchmisst er den Erinnerungsraum seiner westfälischen Herkunft, er führt uns in das Herz des Ruhrgebiets und in die Geisterdörfer des Rheinischen Braunkohlereviers, dessen Wüstungen von maximal-invasiver Energiegewinnung zeugen. Seine atmosphärisch dichten Miniaturen nehmen die Sedimente des Alltags in den Blick, und sie fragen nach der sozialen Verortung von Identitäten. In einem der sechs Gedichtzyklen begibt sich Wenzel auf die Fährten von Wolfsrudeln in der verstrahlten Zone um Tschernobyl, doch ist es mehr noch das Sprachmaterial des Dichters, das sich stets als radioaktiv erweist. Er macht die Wortwörtlichkeit der Metapher und die Bildlichkeit des Buchstäblichen bewusst. Christoph Wenzel hat darüber zu einer ganz eigenständigen, unverwechselbaren Form gefunden.

Edition Korrespondenzen, Klappentext, 2015

 

„die kuchenreste einer häuserzeile“

– Christoph Wenzels Gedichtband lidschluss. –

Es ist ein instabiles Buch. Der Boden in Christoph Wenzels 2015 in der Wiener Edition Korrespondenzen erschienenem Band lidschluss ist unterminiert und schwankt. Das liegt nicht nur daran, dass der 1979 im westfälischen Hamm, am nordöstlichen Rand des Ruhrgebiets geborene Autor die Bergbautradition seiner Heimat in die Gedichte einfließen lässt. Er entwirft Metapherngebäude von besonderer Eigenart. Hartspann etwa – ein Wort generiert eine Kette von orthopädischen Bildern, mit denen ein Ort namens Hartspann beschrieben wird:

wo genau liegt hartspann…?
zwischen zufahrtsstraße, wirbelsäule, schulterblatt

Im Grunde steckt schon in diesem ersten Gedicht die Kunst des ganzen Buches, wenn „die haltungsschäden / der krüppelkiefern“ benannt werden: sich überlagernde Metaphernräume, „physiotherapeuten, die das dorf einrenken“.
Der Humor ist eine feste Größe in diesem vierten Gedichtband von Christoph Wenzel. Der Grund, auf dem die Gedichte stehen, kann ein Bolzplatz sein, wo erst nach dem Ende der Partie die Entscheidung fällt – im Wald:

ein schuss, der siegtreffer,
ein erlegter rammler oder ein fuchs

Schon in diesen heimischen Landgängen in „nummernschilder“, dem ersten der sechs Zyklen des Buches, begegnen dem Leser öde Orte – „schön trostlos soll es bitte sein“, Aber es sind Orte voller Poesie, in denen sogar Verkehrsmeldungen zum Gedicht werden, wenn sich „zwischen hamm und hamm-uentrop… ein schwein auf der fahrbahn“ befindet.
War es der lange Schatten des inzwischen gesprengten Reaktors Hamm-Uentrop, der den Autor auf die „radioaktiven wölfe“ von Tschernobyl brachte? Allerdings wirken die zehn Texte dieses Zyklus dreißig Jahre nach dem Atomunfall seltsam unbelebt. Ausgangspunkt war ein Dokumentarfilm von 2011, „die nuklearen exkursionen in den stadtkern“ verlassener Dörfer, die die Natur sich zurückgeholt hat. Da „drehen / bussarde die runde, hunde, ein, zwei, drei busse / halten auf straßen, die fast wälder sind“. Es ist eine Romantik verseuchter Landschaften, durch die Wolfsrudel ziehen, mit denen der damals siebenjährige Autor sich gleichsetzt – „grundschüler, jungwölfe, instabile kerne“ – und sich unwirklich fragt:

sind wir noch vollständig?

Bei Wenzel erscheint der Wolf als schon im Sozialverhalten dem Menschen urvertrautes Wesen: „zählt man nach, zerfallen sie, in alphatiere, / betaweibchen, gammawölfe“ und „am ende der kette: ionen, / ein omegawolf, der prügelknabe, erosionen“.
Eindrücklicher bei aller großartigen Spracherkundung ist Christoph Wenzel aber dort, wo er zu Hause ist. Es dominiert die Perspektive von unten: „westfalen wiegt schwer, hier, / heißt es, lagert das lachen / bei den kartoffeln: kuhltrocken / im keller“, konterkariert er die aufgestellte Behauptung. Es ist vor allem jener Teil Westfalens, wo trotz aller „brandt-reden“ der Himmel nie blau geworden ist:

im schlotschatten
hängt die wäsche heut im keller wo das grau-
gemüse wie verkohlt

In „das schwarzbuch die farbfotos“ flackert immer wieder das Hamm des Steinkohlereviers auf, das mit seinem Erbe zu kämpfen hat. Da wird Steigersprache gesprochen, da findet „ein schichtwechsel auf dem rasen / aus kunststoff“ statt, und „an kneipentischen wird / geraucht wie draußen“. Es ist die Sicht des jugendlichen Zeitzeugen, der nie Ich sagt, aber den undeutlichen Charakteren mit viel Sympathie begegnet. Im Kapitel „fundbüro“ beschwört er gar den „gelsenkirchener barock“ herauf, Ausstattungsmode der Nachkriegszeit, und Parties im selbstgebauten Hobbykeller, „bis die klappe schließt und / in der dunkelkammer leuchtet: der eierlikör“. Doch schwankt der Grund nicht nur vom allgegenwärtigen Alkohol. In den acht Gedichten von „der boden unter den füßen“ setzt Christoph Wenzel den vom rheinischen Braunkohlerevier verschluckten Dörfern nahe Aachen, wo er seit vielen Jahren lebt, ein Denkmal, wie einst Volker Braun in „Bodenloser Satz“ den weggebaggerten Orten der Lausitz: „gartenreste kippeln an der absturzkante“ – der Irrsinn einer Zivilisation, die sich selbst zerstört, um sich energetisch zu erhalten:

unter flutlicht wird immer weiter abgebaut,
hell erleuchtet ist die zukunft

Aber auch hier leben schemenhaft Menschen mit der längst angebrochenen Endzeit und lassen „diese letzte jacke / an der garderobe“, durch die der Zeilenbruch geht, grell hervorstechen. In einer Landschaft, die sich selbst verheizt, bleiben nur „die kuchenreste einer häuserzeile“.
Es ist schon auffällig, dass das lyrische Ich in lidschluss fehlt, sich stattdessen eher als kindhaft-biografisches „wir“ artikuliert, wie es durchgehend auch im jüngst erschienenen Band Biestmilch (Edition Azur 2016) der Dresdner Lyrikerin Kerstin Becker auftritt. In den „fundbüro“-Gedichten wühlt dieses Wir im historischen Untergrund: Am Altglascontainer „geben wir flaschen auf / wie briefe“ und „sehen dem pfandflaschen- / archäologen bei seinen sondagen zu“ – Sondagen, Probebohrungen im sprachlichen Alltag sind das, was Christoph Wenzel mit leichter Hand betreibt: „wir / sind maler, feger, pinsler, wir sind temponauten, mönche, biographen, / biologen“ und vor allem:

wir sind chroniker, chronisten.

Mit Witz und Eleganz wird das Wort- und Bildarsenal zeitgenössischer Kommunikationstechnik auf die Realität heruntergebrochen. Von „fiberglasrouten unter der stadt“ ist da die Rede, die in Relation gesetzt werden zu Gemarkungsstrukturen:

die
feldlinien der dorfgemeinschaft, ein frühes w-lan

Im abschließenden Zyklus „sleep.exe“ treibt er es mit der Smartphone-Semantik fast ein bisschen zu toll. Der Schlaf mit dem üblichen lyrischen Inventar („der mond ist ein piktogramm“) als ,unsichtbare Hand‘ des Informationszeitalters ermöglicht ein munteres Kalauern:

ein update spielt sich auf und sagt come on,
du musst dein verschwinden ändern

Aus dem Wir ist ein Du geworden, dem Handbuchwissen des Lebens vermittelt wird:

du setzt das passwort zurück (open
sesame) und es öffnet sich der posteingang: dein herzhirn
ist ein heilloser briefkasten, darin alle gedichte als gelesen
markiert

Und beim Erwachen erscheint „im lidschlitz / die eilmeldung von sonne und serotonin“.
Und dennoch tut Christoph Wenzel in diesem sehr subtil komponierten Gedichtband nichts anderes, als die Sprache ihren Sprechern lustvoll an den Kopf zu werfen. Es ist eine Aneignung, die wörtlich nimmt und zutiefst menschlich ist – „nicht vieles fällt dir zu: die tür / im durchzug, und ein schneller schlaf nach langen jahren“.

Patrick Wilden, Ostragehege, Heft 81. 5.9.2016

Du mußt das Verschwinden ändern

– Christoph Wenzels Gedichte suchen nach dem Seinsgrund in verwüsteten Landschaften. –

In den 1970er Jahren, als tief im Westen Deutschlands die Kohle stetig nach oben gefördert wurde und die Schlote Tag und Nacht ihren Rauch ausspuckten, als der Stahl gekocht wurde, und das Ende des Industriezeitalters noch nicht weg schien, war so etwas wie eine „Literatur der Arbeitswelt“ gegenwärtig und nicht ohne eine gewisse Wirksamkeit.

Schreibende Arbeiter und Gewerkschafter verfassten zumeist in einfacher Sprache und mitunter propagandistischem Ton Verse über das Leben im Revier zwischen Rhein und Ruhr. Nicht selten ging es um die Frage nach gesellschaftlicher Umwälzung oder zumindest um die Besserung des Lebens. Wie sehr diese Zeit mittlerweile der Vergangenheit angehört, zeigt die Schließung der vorletzten Zeche „Auguste Victoria“ im Dezember 2015. Die Zahl der Industriearbeiter sinkt jährlich weiter und schreibende Arbeiter gibt es vermutlich schon lange keine mehr.
Umso bemerkenswerter ist es, dass der in Westfalen aufgewachsene Lyriker Christoph Wenzel seinen vierten Gedichtband fast ausschließlich den industriell verwüsteten Landschaften, verlassenen Bergbaudörfern und tristen Kleinstädten des Ruhrgebiets gewidmet hat. So heißt es:

DIE ZECHE WAR EIN ALTES MASS und jetzt
die rechnung bitte – wir sind abgebrannt
auf halde nur das katzengold und gruben-
socken so manch guten kameraden deckt
schon längst der grüne rasen oder diese
wolkendecke…

Die fünf Kapitel mit Titeln wie „das schwarzbuch die farbotos“, „fundbüro“ und „der boden unter den füßen“ enthalten Gedichte, die wie gut belichtete Fotografien funktionieren, wie Schnappschüsse oder Momentaufnahmen. Sie zeigen in kleinen Szenen den Alltag der Freizeit- und Spaßgesellschaft und damit eine offensichtliche Perspektivlosigkeit, wie sie auch oder gerade vor der jüngeren Generation nicht halt macht.
„du musst dein verschwinden ändern“ – heißt es in der letzten Zeile eines titellosen Gedichts, das mit den Worten SCHLAFMASKEN UND TARNKAPPEN beginnt. Das Verschwinden? Sollten wir nicht, wie Rilke dichtete: das Leben ändern? Oder zumindest, wie es uns ein Popsong suggeriert: das Ändern leben?
All dies, glaubt man Christoph Wenzel, hat sich rund um den große Land und Leute verschlingenden „Tagebau Garzweiler“ überlebt und ist einer immanenten Resignation gewichen:

die trümmerbirnen pendeln aus, die kirchenglocken hängen ab,
trächtig sind die apfelbäume…
und in den kellern leuchtet schwach im glas das obst der letzten,
allerletzten jahre, alles wie bestellt und noch nicht abgeholzt:
der maibaum und ein parkplatzschild…

Aus der Perspektive des „beschädigten Lebens“ entwickelt Wenzel vielschichtige Potentiale und Gestaltungsräume, die vor allem mittels der Negation operieren. Es entstehen lyrische Szenarien des Niedergangs, die nah am Nullpunkt auf eine mögliche Wende zusteuern. So wundert es kaum, dass das Kapitel „radioaktive wölfe“ den Blick gleichermaßen zurück (Tschernobyl) wie nach vorn (Atomausstieg) richtet – erst die Katastrophen zeigen uns, wie einzigartig schön und lebenswert der blaue Planet ist, wenn wir ihn erhalten. In diesem Gefahrenübergang von Vergangenheit zur Gegenwart bewegen sich die Texte in einer kontaminierten Landschaft:

wir sehen tonnenschwere storchen-
nester, feuerwachtürme sind die höchsten bäume
der zone, seeadler nisten darin, paare, wie sie das
verkraften, weiß man nicht, sie zeigen aus dem orbit
einen wolfsriss an, observieren, was passiert:
ein wildschwein, dachse, bären, die bäume binden
weiter: strontium plutonium

 

unweit der meiler: zeit-
fenster, sperrangelweit, die wildnis strahlt
im kühlwasserbecken blüht das leben: zwei meter
große welse, eine sirene in der nähe: ihr geheul,
der wolf er lebt nicht mehr, er lebt hier umso mehr
im vergleich zum referenzengebiet.

In einer Reihe von Texten des Bandes, der in der erstklassigen Edition Korrespondenzen erschienen ist, finden sich Spuren von anhaltenden Renitenzen und einer Art Aufbegehren – so wie der Dichter Nicolas Born vor über vier Jahrzehnten schrieb:

Die Ruhe auf dem Lande ist oft stille Wut.

Christoph Wenzel (*1979) gehört zu den herausragenden Lyrikern einer noch jungen Generation. Seine Hinwendung zu sozialen und gesellschaftlichen Themen sowie ein besonderes Gespür für Erschütterungen, die er in präzise gesetzten Bildern auslotet, schafft eine direkte Wirklichkeitsnähe, die rar geworden ist. Der unbedingte Anspruch auf Humanität und Empathie, auf Beteiligung und Veränderung macht diese Texte wertvoll.

Tom Schulz, Bücher-Beilage des Luxemburger Tageblatts, Januar 2016

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Udo Kawasser: im nichts hausen
fixpoetry.com, 29.2.2016

Jan Kuhlbrodt: Radioaktive Wölfe
signaturen-magazin.de

Thomas Wohlfahrt: Christoph Wenzel: lidschluss
lyrik-empfehlungen.de, 2016

Rolf Birkholz: In Landschaften lesen
amerker.de

Lidschluss
OE1, 8.4.2017

mo: SUMMER EDITION Nachlese: Christoph Wenzel
inguternachbarschaft.com, 24.8.2016

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Facebook
Porträtgalerie: Dirk Skiba Autorenporträts
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Christoph Wenzel beim Dresdner Lyrikpreis 2020.

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