WENN KEIN CREDO MEHR GILT
Auf einem Ozean der Ignoranz
Treibt der Poet, ausgesetzt
Von den Schiffen der Philosophen,
Majestätisch dahin.
In den Wellen verliert er sich,
Findet sich wieder auf hoher See,
Wo das Epos in Trümmern ging,
Von leichten Winden getragen.
Demut hält ihn im Gleichgewicht.
Eine Schwimmblase ist sie
Für die schaukelnde Psyche.
Die blaue Vernunft gibt ihm Halt.
Majestätisch? Von wegen.
Der Finnische Meerbusen schweigt.
Das Gelbe Meer reicht ihn weiter
An die Straße von Malakka.
Die Barentsee weiß nichts von ihm.
Inhalt
Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real.
Jeder Augenblick unergründlich, die Welt
Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne.
Durs Grünbeins Gedichtbände sind dafür bekannt, dass sie ihre Gegenstände in immer weiteren Kreisen erfassen, in ihrer konzentrischen Ausbreitung wie geschaffen für dieses Zeitalter der Globalisierung. Sein neuer Gedichtband folgt dem Plan einer Ausstellung. In sieben Abteilungen werden Arbeiten aus den letzten fünf bis acht Jahren präsentiert. Es sind Bilder einer Reise, Exkursionen in das unbekannte Alltägliche, Selbstporträts und Historienbilder, Studien von Liebe und Sexualleben. In dieser eigenartig schwebenden Dichtung stehen Innenleben und äußere Welt in einer unauflösbaren Spannung: Sie ist das Lebensprinzip des Grünbeinschen Verses. Dabei ist das prägnante Einzelstück, ultimatives Ziel seines Schreibens, nur denkbar als Resultat einer seriellen Praxis. Immer sind diese Gedichte Beispiele einer peinturistischen Poesie. Jedes stellt auf seine Weise die Frage: Was ist Imagination und wie verändert sie unser Bewusstsein?
Fort von sich
Am 9. Oktober wurde Durs Grünbein 50 Jahre alt. Das ist gut so. Langsam nähern sich bei ihm Lebensalter und Lebenskenntnis. Das wird die Minderwertigkeitsgefühle so mancher Kritiker hoffentlich dämpfen. Grünbein ist eine Intelligenzbestie. Kritiker sehen sich gerne selbst in dieser Rolle. Die meisten von ihnen haben außer ein paar Semester eines Universitätsstudiums nichts vorzuweisen, was diese Selbsteinschätzung nähren könnte. Bei Grünbein gibt es nicht nur die Gedichte, denen ihre Klugheit, ihr Wissen gerne vorgeworfen wird, sondern auch zum Beispiel Der cartesische Taucher, eines der klügsten Bücher dieses – freilich noch sehr jungen – Jahrhunderts. Man lege einen der Essays Enzensbergers daneben und man kann sich nicht wehren gegen den Impuls, doch an so etwas wie Fortschritt in der poetisch-philosophischen Reflexion zu glauben. Allerdings steht Grünbein allein. Er tut das schon sehr lange. Es gibt keine Grünbein-Schule, und es gibt hierzulande niemanden, der auch nur einen Bruchteil des Weges mitgegangen wäre, mitgehen könnte, den Grünbein gegangen ist. Ein Land, dessen poetische Intelligenz vor den Flachsereien eines Robert Gernhardt in die Knie geht, statt lachend die Sirtaki-Sonette mitzutanzen, wird noch eine Weile brauchen, um Grünbein nicht nur zu ehren, sondern auch zu lesen. Koloss im Nebel heißt die neue Gedichtsammlung Grünbeins. Gleich das erste Gedicht:
INTERIEUR MIT EULE I
Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real,
Jeder Augenblick unergründlich, die Welt
Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne.
In der Hand eine Münze – mein Talisman.
Siebzehn Gramm Silber, reines Symbol.
Eule erleuchte mich, öffne die Augen.
Tier auf der Tetradrachme aus Attika, hilf.
Ich liebe diese Verse. Ich liebe ihre Bewegung. Auch wenn mir „Labyrinth der Sinne“ zu sehr nach Pornographie, nach Oshima, klingt. Aber dieser Ruf, die Eule möge doch jetzt, nach Jahrtausenden, die Augen öffnen und eingreifen ins Geschick, der ergreift mich. Ich lag nie im Bett mit einer alten Münze in der Hand, aber jeder, den Geschichte fasziniert, überfällt immer mal wieder die Hoffnung, dass sie doch etwas nützen möge, dass sie uns helfe im Handgemenge der Gegenwart. Dass sie ihre Augen öffne und so die unseren. Ich mag den Schwung in diesen Versen. Es ist ein Aufschwung. Das ist doch schon was.
Wo gibt es einen schöneren Blick aus dem Flugzeug?
Nie war man weiter fort von sich als in den Korridoren
Aus Kumuli, in diesem weißen himmlischen Versailles
Natürlich ist es altmodisch, unser Leben so zu erhöhen, ihm so viel Schönheit zu geben. „weißes himmlisches Versailles“ für ein paar Wolken, die dem Piloten ich weiß nicht was über die Wetterlage sagen und den Stand der Bedrohung. Statt Auskünfte einzuholen und uns aufzuklären über den Stand der Dinge, sieht Grünbein sie an mit den weit aufgerissenen Augen eines Kurzsichtigen, zeigt mit dem Finger auf sie und kommt in ein, zwei, drei Atemzügen von sich über die Korridore mittenmang ins Universum, das aber auch nur eine touristische Attraktion ist. Ich liebe Grünbeins Liebesspiel mit den Traditionen, mit dem, was man zu kennen glaubt. Früher nannte man das Ironie. Sie war der Höhepunkt, auf dem sich Intelligenz und Romantik trafen.
Noch ein paar Verse:
Das letzte Jahrhundert war, so gesehen,
Wie ein einziger langer Arbeitstag vorübergegangen.
Und war nicht das meiste umsonst gewesen?
Sie hatten geschuftet, ins Ungefähre gezielt, geliebt
Wie wir und gelitten, schrieb sie im Schulaufsatz.
Dann klingelte es, große Pause. Und es begann
Dies unendlich präzise Jetzt.
Natürlich mag ich es nicht, wenn umsonst steht, wo vergebens gemeint ist. Aber für dieses „präzise Jetzt“ muss man Grünbein preisen und für die Bewegung, die es hervorbringt. Für die „große Pause“. Und ist dieses „ins Ungefähre gezielt“ nicht großartig?
Arno Widmann, Berliner Zeitung, 25.10.2012
Durs Grünbein – die dichtende Luftnummer
– Die Deutschen halten Helmut Schmidt für einen großen Kanzler und Durs Grünbein für einen großen Dichter. Welch ein Irrtum – wie Grünbeins neue Gedichte beweisen. Ein Warnruf. –
Die Deutschen lieben ihre selbstfabrizierten Mythen, lauwarm weichgespült mögen sie bitte nicht von den kühlen Wassern der Vernunft gereinigt werden. So halten sie Neo Rauch für einen bedeutenden Maler – der doch in Wahrheit von jedem Litfaßsäulenverzierer übertroffen wird. So halten sie Hitlers Oberleutnant Helmut Schmidt für einen ehemals erfolgreichen Kanzler von ökonomischem Sachverstand – der doch in Wahrheit ein gescheiterter, wenn auch stets schwätzender Politiker ist, zu dessen Amtszeit Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit stiegen (1974 umgerechnet in Euro 33,5 Milliarden Neuverschuldung; 1978 56 Milliarden).
So halten sie Robert Gernhardt für einen fast genialen Lyriker – der doch in Wahrheit über Schülerzeitungsreime à la „Den Mistkerl hab ich rangekriegt. Er hat sie in den Mund gefickt“ nie hinausgelangte. „Papa Heuß“ seufzten sie auf den Knien ihres Herzens; dass der Mann 1933 das Ermächtigungsgesetz unterschrieben, also den Nazi-Reichskanzler mit-ermöglicht hat: bitte kein Wort darüber.
Nun also Durs Grünbein. Er wird ausgerufen zu einer (…) Vollmundiger PR-Unsinn. Wie schon seit langem und an diversen Publikationen zu beobachten: Grünbein gelingen gelegentlich recht beachtliche Gedichte – ein stringentes poetisches Werk gelingt ihm nicht.
Das zeigt der neue Gedichtband auf geradezu erschreckende Weise. Es sind Verse ohne Rätsel, ohne Geheimnis, ohne Erschütterung für den Leser. Plauderpoeme – mal schnoddrig, mal pseudotiefsinnig, mal bildungstouristisch. Sie sind so rasch „abgreifbar“ – will sagen: begreifbar – wie Fernsehnachrichten. Auch zuchtlos.
Große Lyrik aber umschließt gleich einer Frucht ihren Kern einen fast sakralen Innenraum, ein Unberührbares, Unauflösliches. Schon Walter Benjamin warnte, wer meine, ein Gedicht verstanden zu haben, der hat es eben nicht verstanden. Das gilt vom Erlkönig bis zu Rilkes mysteriösem Grabspruch „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern“.
Halbgebildete Verblüffungseffekte stören jegliche Stille
Durs Grünbein aber ist eilfertig. Ein schönes Gedicht wie „Paroxysmen an der Abendkasse“ zerstört er durch edle Gebärde; da „flüstert Blattgefieder was von Kambrium“. Derlei ist ein regelrechter Defekt seiner poetischen Architektur – halbgebildete Verblüffungseffekte stören jegliche Stille. Immer wieder wird der Leser zum Klippschüler gemacht, und sei es ein „Schüler des Zenon…, Eleaten der ersten Stunde“ und muss hören von „Vokalisen in hallenden Hinterhöfen“.
Schon vor zwei Jahren zeigte sich Ernst Osterkamp in seiner FAZ-Rezension „Das Jahr in der Milchschaumbucht“ fassungslos über die „marktgerechte Hurtigkeit, die man von diesem Dichter mittlerweile leider gewohnt ist“ und rügte das Büchlein Aroma. Ein römisches Zeichenbuch als angeberisches Servieren „römischer Alltäglichkeiten und Banalitäten mit abgespreiztem Finger, als handle es sich um Preziosen“.
Was in dem unernsten römischen Touristenbändchen noch komisch klang, wirkt hier nun in seiner blümchenbindenden Neckischkeit arg verstörend. Will man wirklich staunen „Wo das Quadrat milchigen hellblauen Himmels / Eine zarte Oboenlinie durchzieht“? Ja, man staunt – sogar über so unbedachte vokabuläre Fehlgriffe wie „malvenfarben“ (als gebe es Malven nicht in vielen Farben) oder ein „umsonst“, wo es nun mal „vergebens“ heißen müsste.
Kaum ist ihm etwas gelungen, kommt der Aufguss
Mag sein, dass das lässliche Sünden sind. Doch wenn wir ständig in „Homers odiose See“ getunkt werden, zu „modernen Krustazeen“ gemacht oder belehrt werden „Schließlich war Seele, nach Hume, nichts als ein Strom einzelner Daten“ – dann sind wir „Polygonpolyp“ hin, „heu kai pan“ her, verstimmt.
Das alles wirkt, als traue der Autor der Kraft seiner Sprache nicht. Schon der junge Enzensberger fragte sich, ob beim so gerne hochgestochen sich gebenden Gottfried Benn nicht vieles „verblasen gedacht und schlammig formuliert“ sei, „Philosophie als Rührei… die Grammatik zweifelhaft, die Theorie aus vierter Hand“. Einigermaßen verzagt denkt man an diese Zensur, wird man in Grünbeins Psycho-Sauna gesperrt.
Kaum ist ihm eine großartige Methapher für unser aller Leben gelungen – „Was auch die Handlinien sagen, ins Laken verkrallt“ – kommt der Aufguss:
Nicht auszudenken, was
Im Schrank die Bände der Klassiker dazu sagen würden.
Nein, ob nun „Zenon sie alle, Eleaten der ersten Stunde“ oder Vermeers „Göttin du in goldnen Flip-Flops, Fugitive und Prisonnière“: es ist nicht auszudenken!
Als wollte sich Grünbein in den eigenen Schatten stellen
Fahrlässig ist es. Als wolle Grünbein das Kunststück probieren, sich in den eigenen Schatten zu stellen, erwürgt er das eigene Können; er zerschneidet, ein Lyrik-Fontana, seine Gedichte selbst da, wo ihm – bildbeschreibend – eindringliche Verse wie in dem Amerika-Erzählgedicht „Pfauen am Broadway“ glücken:
Und wie betritt man dieses Land? O ich weiß, wie –
Durch die Tür der Kinderbücher zuerst,
Dann den Spalt in den Sternen, den Streifen.
Mit den spanischen Karavellen, mit Hundeschlitten
Über Alaskas eisige Flächen, den Yukon hinunter
Als Wolfsblut, entlang der Goldsucherlager
Von Saloon zu Friedhof, Indianerterritorium
War das Zauberwort für Kinder und Geographen.
Mit den Planwagen, den Auswandererschiffen,
Den ersten Eisenbahnen, die den Büffel vertrieben,
Zwischen Küste und Küste, mit einem Zeppelin,
Der leider in Flammen geriet und verbrannte.
Peng, wird man zum Nachhilfeunterricht verdonnert
Kaum hat man sich gefreut über Rhythmus, farbige Eindringlichkeit – Peng, wird man zum Nachhilfeunterricht verdonnert und muss „die Musik dieser Stadt“ als „Andante Cantabile“ hören. Es ist wie verhext. Man möchte so gerne dem Hexenmeister Grünbein in verborgene Kammern, in Märchengefilde folgen, die er herbeizaubert, Fremdes uns ins Ohr raunend, Fabelwesen uns erblicken lässt:
Da ist der Lippfisch, der gerne Treppen steigt
Am Riff, die porösen Treppen aus Lavagestein.
Meerjunker schauen mit diensteifriger Miene
Nach dem Rechten am Fels, prüfen die Strömung.
Am Sandgrund dämmert die Gefleckte Grundel,
Ein Oblomow, den keiner aus seiner Kuhle bringt.
Auch Stolz ist da, in Gestalt einer fleißigen Brasse.
Doch schon klemmt der sich kenntnisreich gebende, in Wahrheit mit dem Rohrstock Gilb aus altem Buch herausstaubende Oberlehrer sein Pincenez ein; und wir haben Sich-Bücken auf Entzücken zu reimen.
Wir werden vom Leser zum Unfallzeugen degradiert
In Frankreich nennt man die Hersteller von Souvenirs oder anderen Gefallsüchtigkeiten Faiseurs. Das sind im Unterschied zu Künstlern handwerklich Geschickte, die aus Karibik-Muscheln eine Nachttischlampe, aus Provence-Seife einen kleinen Michelangelo-David und aus Vallauris-Keramik Weinblätter als Aschenbecher formen; Picassos dort in Vallauris gebrannte Zauberwesen sind es nicht. Darf man Grünbein einen „Faiseur“ nennen? Nein, das wäre ungerecht. Doch was genau ist da passiert?
Mir scheint, das Debakel hat zwei Ursachen. Die eine darf man wohl gefältelte Rüschen nennen, ein Bildungsplissee, hinter dem das Subjekt verschwindet, dessen Schmerz oder Lust, Pein oder Hoffnungsdurst nie irgendwo aufscheinen. Über das römische Unglücksbuch urteilte schon die Süddeutsche Zeitung:
Doch der Mensch, der all dies tun könnte, ist nicht da – er ist ein Schemen nur,… einer, der, weil er doch am liebsten sehr selbstbewusst erschiene, aber es eigentlich nicht ist, ein allzu vertrautes Verhältnis zu Phrasen unterhält: Und so erscheint, wenn von weißer Bettwäsche die Rede sein soll, diese sogleich als ,jungfräulich‘…
Wir werden vom kritischen, bewunderungsbereiten Leser zum Unfallzeugen degradiert, betäubt von einem plätschernden Parlando. Es gibt ja bemerkenswerte Essays von Durs Grünbein. Aber in seiner Lyrik begräbt er das eigene Ich unter Schuttmassen von Angelesenem. Warum bestaunen wir Paul Celans Finsternisse, Friederike Mayröckers Trauernot, auch die zischenden Wortkaskaden von Peter Rühmkorf? Weil sie uns in die große Unbegreiflichkeit führen, die in jedem Menschen nistet. Nichts davon hier.
Gedichtete Kommentare zu allem und jedem
Die zweite Ursache muss man wohl in der Eilfertigkeit dieser Gedichtproduktion sehen, eine Art Haftminenexplosion; wo und was immer auf der Welt passiert – man kann bei diesem Autor offenbar telefonisch einen gedichteten Kommentar bestellen. Daran scheiterte schon die Begabung von Erich Fried.
Eklatantes Beispiel wäre Grünbeins „Ekloge“ vom Juni dieses Jahres. Da werden den Herren Theseus, Apollo, Hermes und den Damen Galene, Arethusa, Galatea – „alle in bester Partystimmung“ – Kommentare zum griechischen Finanzchaos und Insinuationen der deutschen Ungerechtigkeit in den Mund gelegt. Ein rasch zusammengetrommelter Stammtisch.
Seufzendes Abrakadabra
Mit der Wirklichkeit hat dies seufzende Abrakadabra nichts zu tun. Die hat Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, in dem kurzen Statement kenntlich gemacht, die Griechen müssten eigentlich nur ihre Steuern zahlen, dann wäre die Krise schon erledigt. Beleidigung der Griechen?
Nun hat aber Nikos Lekkas, seit 2010 Leiter der griechischen Steuerfahndungsbehörde SDOE diese Erklärung seinerseits mit kargen zwei Sätzen untermauert:
Die Steuerflucht in Griechenland erreicht zwölf bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das sind 40 bis 45 Milliarden Euro im Jahr. Wenn wir davon auch nur die Hälfte eintreiben könnten, wäre Griechenlands Problem gelöst.
So viel Wirklichkeit stört offenbar nur. Lieber schunkelt man sich, dazu ist man schließlich Dichter, eine hübsche kleine Illusion zurecht. Die zu verkünden nimmt Durs Grünbein selbstsicher Platz neben Ovid. Wohin er nicht gehört. Der scharfzüngige Karl Kraus wusste: Steht die Sonne tief, werfen auch Zwerge lange Schatten.
Fritz J. Raddatz, Die Welt, 21.8.2012
Wo liegt Patmos? Weiß das jemand, bitte?
– Geschichte und Mythos sind für Durs Grünbein Bestandteile gegenwärtiger Orientierung. Was vom Alten geht in unsere Anschauungen ein? Dem spürt er in seinen neuen Gedichten nach. –
„Dieser Text ist verschwunden.“
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.10.2012
Und wieder die Antike
– Durs Grünbein entdeckt in seinem neuen Gedichtband diesmal den Koloss im Nebel. –
Als er vor einem Vierteljahrhundert auf der Bühne des Literaturbetriebs auftauchte, „skeptisch, belesen, gereizt“, war er der Dichter der Stunde. Grauzone, morgens, sein 1988 publizierter Erstling, ein gelbes Bändchen der Edition Suhrkamp, war ein Menetekel für die von der „Neuen Subjektivität“ ermüdete Gegenwartspoesie. Der junge Durs Grünbein verblüffte mit einer ungeheuren Weltaneignungsgeschicklichkeit und einem hellwachen Blick für die Bewusstseinsherausforderungen der Gegenwart. Da war plötzlich ein Dichter aus Dresden präsent, der nicht nur Bescheid wusste über die prägenden Schocks der poetischen Moderne, über die „Schädelbasislektionen“ eines Gottfried Benn und Ossip Mandelstams Visionen einer „Weltkultur“, sondern auch über die wissenschaftlichen Revolutionen auf dem Terrain der Neurobiologie und der Genetik.
Mit seinem epochalen Gedicht-Zyklus „Variation auf kein Thema“ gab er in seinem Gedichtband Falten und Fallen (1994) die entscheidenden Takte vor für seinen „Biologischen Walzer“, der ein paar Jahre lang zum Gradmesser für avancierte Dichtkunst wurde. Bereits mit 33 Jahren wurde Durs Grünbein 1995 mit dem Büchner-Preis bekränzt und im gleichen Atemzug zum lyrischen „Götterliebling“ ausgerufen. Danach folgte die historizistische Wende in seinem Werk, die Rückbesinnung auf die Geisteswelt der römischen Antike. Beim Versuch, „einige Atemlängen zwischen Antike und X“ auszumessen, entschied sich der zuvor so gegenwartsversessene Autor für den Rückmarsch in die Bewusstseinsformen des römischen Stoizismus. Die Abgeklärtheit des Philosophen Seneca und der grimmige Sarkasmus des römischen Satirikers Juvenal adoptierte Grünbein dabei als philosophischen Universalschlüssel für die Beobachtung der Gegenwart. Die literarischen Früchte dieser Rom-Nostalgie bespöttelte sein früh gestorbener Antipode Thomas Kling als „Sandalenfilme aus den Grünbein-Studios“. Die bildungstouristisch aufgepolsterte Antike führte den Dichter im Huldigungs-Opus an Rom (Aroma, 2010) an einen literarischen Tiefpunkt.
Nun taucht der Koloss im Nebel auf. Der Titel seines umfangreichen Gedichtwerks verheißt die neuerliche Erscheinung einer antiken Großmetapher. Denn dieser Koloss von Rhodos, den das Titelgedicht des neuen Bandes bei einer Fahrt durch die Inselwelt der Ägäis passiert, gibt wieder Anlass zur antikisierenden Grübelei. Wer indes die sieben Abteilungen des Buches aufmerksam studiert, wird nicht nur Beispiele für Bildungsbeflissenheit finden, sondern auch bewundernswerte Exempel einer großen ästhetischen Einbildungskraft. Noch immer ist da die Eleganz der Blankverse und Hexameter, mit denen Grünbein den Versfluss zu organisieren weiß. Grünbein hat ein sicheres Gespür für die gebundene Rede, nicht zufällig hat er einmal seine Dichtung als „Philosophie in Metren“ definiert.
Aber so souverän seine elegische Versrede auch dahinfließt, so fehlt ihr doch oft jenes Moment an formaler Widerständigkeit, die für ein aufregendes, zeitgenössisches Gedicht konstitutiv ist. Wenn Grünbein im fünften Kapitel des Bandes seine geliebten antiken Kulissen durchstreift, dann tut er dies oftmals im Gestus einer Reiseführer-Poesie für Fortgeschrittene. In der Anrufung des antiken Redenschreibers Theodektes aus Phaselis begnügt sich der Text mit Postkartenansichten und Mitteilungen von geradezu provozierender Dürftigkeit:
Nicht mehr viel übrig ist von den Thermenanlagen,
Stadtviertelgroß, ausgeschlachtet fürs nächste Hamam.
Wo die Nackten blieben, die Mosaike?
Das schwarze Brunnenloch kann man lange befragen.
Außerhalb steht noch das Aquädukt, und in der Bucht
Der Galeerenhafen lädt im Sommer zum Baden ein.
Alexander der Große, heißt es, ist hier gewesen.
Der Wein war gut, der Feldherr hat seine Ruhe gesucht.
Von ähnlicher Unbedarftheit sind die Gedichte, in die in weit ausholender Bewegung überzeitliche Sinnbilder entwerfen wollen und dabei aber nur Banalitäten feilbieten. Dem schwerelosen „Astronauten im Oktober“ bescheinigt der Dichter wenig überraschend, dass „er nicht heimisch wurde zwischen Kabeln und Modulen„: „Hamster im Laufrad auf milliardenteurer Raumstation / Trieb ihn ein Wort nur um: Mission Mission.“ Für die unfreiwillige Komik solcher Verse wird man entschädigt durch eine Handvoll konzentrierter Gedichte, in denen Grünbein mehr auf das eigene Erinnerungsvermögen vertraut als auf wolkige Philosopheme. Neben einigen fein gezeichneten Gemäldegedichten im zweiten Kapitel sind es poetische Augenblicke der Kindheit, in denen Grünbein von Selbstkommentaren absieht und die Realien des Lebens in ihrer Phänomenalität für sich sprechen lässt: „Es sind die kleinen Dinge, die beharrlich wiederkehren, / Sprungfedern, aus den Träumen ragend, plötzlich da.„ Wenn er ablässt vom metaphorischen Pomp („die Welt / Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne“) und – wie in einem seiner Kurzgedichte – „im engeren Radius“ bleibt, wird der Dichter Durs Grünbein wieder lesbar.
Michael Braun, Badische Zeitung, 3.11.2012
Bilder einer Ausstellung
– Von der Sardinenbüchse bis zur Eule Minervas: Durs Grünbein durchschreitet in seinem Gedichtband Koloss im Nebel sein inneres Pantheon. –
Wenn Durs Grünbein bisher mehr durch scharfe Gedanken- als durch Stimmungslyrik auffiel, dann wird auch der Nebel im Titelgedicht dieses Bandes daran nichts ändern. Der Koloss, der da irgendwo im „trüben Sud“ der Ägäis – „von Mythen keine Spur“, übertreibt ein anderes Gedicht – bei der Hafeneinfahrt als gigantisches Schenkelpaar aus dem Nebel taucht, lässt nicht das geringste Weihegefühl aufkommen. Er ist auch gleich wieder weg, „vom Dunst verschluckt“: eher Vorausahnung von Weltwunder als dessen Reminiszenz.
Die alten und neuen Gottheiten der ägäischen wie der anderen hier aufgebotenen Welten von Rom, Paris, Berlin, Istanbul, Melbourne, bis New York winken jeden Anflug zur Einfühlung gleichgültig durch. Der Dichter Durs Grünbein nimmt sie alle aus dem Augenwinkel wahr, grüßt sie mit Namen, geht weiter und stellt sich unter den Erben des Geistersehers Hölderlin näher zu Brecht oder Heiner Müller als zur mimesis-frommen Christa Wolf. Kein Kassandra-Klang, nirgends. Vielleicht hängt damit zusammen, dass das poetische Ich bei Grünbein nie lang mit sich selber allein bleibt, sondern Zwiesprache hält.
Im Eingangs- und im Schlussgedicht dieses Bandes geschieht das mit dem Lieblingstier Minervas. „Interieur mit Eule“ I und II heißen die beiden Gedichte. Der Vogel fixiert dort mit Feldstecheraugen den Dichter, bis dieser mit Sprache reagiert und seine Innerlichkeit sprengt. Im Schleudereffekt der Worte kommt er im Interieur so ungeheuer innen zu liegen, wie bei Brecht einst im Liebesgedicht „Erinnerung an die Marie A.“ beim Pflaumenbaum die weiße Wolke „ungeheuer oben“ war.
Die auf sieben Abteilungen wie in sieben Themensätze aufgeteilten Gedichte offenbaren eine große Vielfalt der Formen und Gattungen. In den Ansätzen zur intellektuellen Positionsbestimmung – „Es gilt zu wählen zwischen Terrorist und Egoist“ – hängt die alte offizielle Ideologie der Jugendzeit wie Kletten am Gedächtnis. Der Rückblick auf künstlerische Prägungen mehr Bilder und Farben als Klänge streift Apollinaire, Braque, Trakl und andere Kopfverletzte aus der Avantgarde, erweist aber auch Bonnard und seinen behauchten Spiegeln, einer „Intimität als Abgrund“, die Ehre.
Intimität kommt hier indessen auch ohne Spiegel aus, als Erwachen des Begehrens unter Jungs und Mädchen, „nackt, endlich nackt“ auf den Dachböden, oder in den von Selbststilisierung überschatteten Liebesgedichten des letzten Teils.
Im Großen wie im Beiläufigen weht aber stets das Bewusstsein von Geschichte durch diese Texte, sei es als flüchtige Assoziation oder in der direkten Konfrontation. So, wenn im Kolonnadenhof vor Stülers Museumsbau im Berlin die Bogenschützin mit ihrem Bronzeleib immerfort zielt und doch nie einen Pfeil abschoss, weder gegen die Russen, noch gegen sonst einen Eindringling. Geschichte meldet sich dem ruhlos mit Analogien beschäftigten Auge selbst in „Die Sardinenbüchse“, einem gedichteten Stillleben nach einem spanischen Meister, oder im Assoziationsschnappschuss „De Sade in Rom“, wo unter den alten Folterfresken einer Kirche munter geheiratet wird.
Wie die komplexe Themenverflechtung beherrscht Grünbein den Ton- und den metrischen Schrittwechsel, ohne nach Effekten zu schielen. Da wird in der vertändelten „Auflösung des Murmelspiels“ mit Flüsterstimme „Schlaf jetzt, mein Kind“ getuschelt, bevor in Zimmerlautstärke das „Poor child“ an den beginnenden Zeitenlauf ermahnt wird und zuletzt in einer „Fantaisie lyrique“ all die im Wutanfall des kleinen Tyrannen zerbrochenen Dinge durchgezählt werden.
Grünbein bedient sich nicht als technischer Meister aus dem Katalog der klassischen Versmetrik, er arbeitet, wenn überhaupt, lieber mit Binnen- als mit Endreimen und spielt selten mit den gestanzten Formen von Rondeau als wäre bei ihm der gesamte poetische Kanon eingeschmolzen und in endlosen Variationen abrufbar je nach gedankenstenographischem Bedarf.
Vom trägen sechs- oder achthebigen Jambus-Vers kann in der Sommerhitze, die über dem Gedicht „Römisches Aquarium“ liegt, der Rhythmus jäh umspringen zum flüchtigen Daktylus in der Stunde von Morgenmesse oder Abendandacht und wieder zurücksinken ins jambische Gähnen vor den leergeräumten Altären. Grünbein zeigt mit diesen teilweise in Zeitungen und Zeitschriften schon veröffentlichten Stücken, wie elegant selbst der gestochen scharfe Gedanke vom „wenn“ zum „dann“ springt und in der kurzen „Parenthese für Optimisten“ mit den Sinnen spielt.
Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung, 7.1.2013
Gigantismus am Olymp
– Durs Grünbein stellt Seitenrekord ein. –
Nur wenigen Dichtern seit Homer wurden und werden derart umfangreiche Gedichtbände von Verlagen (auch von Lesern?) abgekauft, wie das beim 1962 in Dresden geborenen Durs Grünbein der Fall ist. Bereits Nach den Satiren (1999) war mit 229 Seiten olympisch. Es folgten kleine Verschnaufpausen, denn Erklärte Nacht (2002) mit 149 und Strophen für übermorgen (2007) mit 212 Seiten blieben erst deutlich dann knapp dahinter. Jetzt aber stellt Grünbein, der als Koloß im Nebel längst den Olymp mit Büchner-Preis (1995) und Hölderlin-Preis (2005) erklommen hat, seinen eigenen Seitenrekord ein. Dabei geht es dem Dichter gewiß nicht um Rekorde. Er dichtet auf Teufel komm raus. Was er einatmet, atmet er als Verse aus, was an Reisenotizen oder Anekdoten sich in seinen Kladden versammelt, rückt er in gebundenen Strophen wieder heraus. Grünbein mißt sich und sein Leben an der Erhabenheit von Großwelt und Menschheitsgeschichte. Immer wieder taucht er ab zu den alten Griechen und Römern oder auch zum Urgrund der Weltmeere, setzt Riesenkalmar, Nautilus und Seepferdchen poetische Denkmäler. So eine Weltreise kann für den Leser anstrengend werden, weil der Dichter nicht mit Fachbegriffen und Fremdwörtern geizt.
Die musealen Räume, Sockel, süßes Feuilleton
Der Hermeneuten, Hintergründler, alles Oui et Non.
Und das Gefolge: die Mänaden, Satyrn, den Silen
Aufgeatmet darf werden, wenn er sich in heimatlichen Gefilden bewegt, Berlin, seine Tochter, Nadelkissen, Kletten, Volkspark oder Bettwäsche bedichtet. Dresden kommt in diesem Buch wohltuend selten und wenn, dann nur als Andeutung vor. Adriaen Brouwer, Gartenstadt Hellerau, Grünes Gewölbe, Nymphenbad, bombardierte Opernhäuser „aus dem saxonischen Schlummerland“ blitzen auf. Dann aber zieht er wieder fort, gemäß seines eigenen Auftrags:
Flieh, wenn du kannst, aus deinen Kreisen.
Sei ruhig für dich, entferne dich,
Doch ohne Hochmutsperspektiven.
Ohne den Hochmut vielfältiger Bildungsattitüden, gelingen Durs Grünbein einige Strophen, die der Leser schon nicht mehr erwartet hatte. Passend zum Thema 1. Mai gibt es in „Invasion im Volkspark“ ungewöhnlich volkstümliche Paarreime:
Nachher Quellen die Müllkörbe über. Wer jetzt barfuß geht, spinnt.
Unterm Schritt knirschen Glasscherben, Chipstüten segeln im Wind.
Schließlich präsentiert Grünbein mit „Nymphenufer“ ein beachtliches Mauergedicht:
Unter den Gleisanlagen, den grauen Rampen
Hindurch führt ein Schleichweg zum See.
Gegenüber verlief einst die Postenstrecke
An schattigen Stellen vorbei
um schließlich festzustellen:
Der Mensch ist ein langsames Fluchttier,
Leichter zur Strecke zu bringen als jedes Wild
und zu resümieren:
Das Unheimliche hat keinen Ort. Es zieht
Durchs Gedächtnis unter wechselnden Namen.
Der Kanal schweigt sich aus
Des Kritikers Resümee: Grünbein bleibt Grünbein und liebt weiter die Götter. Ob die Götter ihn weiterhin lieben, steht auf einem anderen Blatt.
Michael Wüstefeld, SAX. Das Dresdner Stadtmagazin, 11/2012
Beim Griechen
– Der neue, kolossale Gedichtband von Durs Grünbein schlägt ganz schön auf den Magen. –
Mit den Gedichten von Durs Grünbein ist das immer so eine Sache: Zu viel davon, und man fühlt sich wie nach einem Besuch beim Griechen um die Ecke, wo man die gemischte Grillplatte für zwei Personen verzehrt hat – allerdings allein. Schwer liegen die lyrischen Kalorienbomben im Magen, dazu kommt ein leicht papierner Nachgeschmack. Gegen das Sodbrennen hilft eigentlich nur eine lakonische Zeile von Günter Eich: „Zuviel Abendland, verdächtig.“
Auch in seinem neuen Band tischt der vielfach preisgekrönte Grünbein gehörig auf: 116 Gedichte auf 226 Seiten, wahrlich ein Koloss, wie ihn der Titel verspricht. Die sieben Kapitel, so erklärt es der Klappentext, sollen die Abteilungen einer „großen Ausstellung“ sein, denn für Grünbein seien Gedichte „imaginäre Gemälde, aber Gemälde in Aktion“. Was genau das heißen soll, bleibt freilich genauso rätselhaft wie die Kriterien, nach denen die sieben Säle sortiert sind. Chronologisch? Vielleicht, aber Museumsschildchen mit den Entstehungsjahren fehlen. Thematisch? Kaum. Ob Kindheitserinnerung oder Seestück, Gelegenheitsgedicht oder Bildbeschreibung, Naturbeobachtung oder Großstadtimpression – eigentlich gibt es alles überall. Formal? Nun ja, die durchgängige Großschreibung am Zeilenanfang findet sich in jedem Text, sie betont Enjambements und beharrt auf der Eigenheit, der Einzigartigkeit jedes Verses. Auch die Liebe zum Rhythmus, dazu der lässige Rückgriff auf das gesamte traditionelle lyrische Arsenal prägt jede Seite.
Kein nachvollziehbares System also, aber auf der Ebene des einzelnen Textes hat zunächst alles seine Ordnung. Kein zeitgenössischer deutscher Lyriker handhabt ja das Dichterbesteck so souverän wie Grünbein; er hat seinen Rilke, seinen Benn, seine Expressionisten offenbar verschlungen – so sehr, dass er mitunter wirkt wie der Bauchredner dieser fernen Zeit, als alles in der Lyrik noch tollkühn und neu sein konnte. Mal lugen aus dem wogenden Sprachstrom lupenreine Alexandriner hervor, mal präsentiert er eine Ansicht des modernen Berlin in einer romantischen Strophenform, die schon Justinus Kerner liebte. Er serviert kreuzgereimte Rhabarbergedichte, Knittelverse über Höhlenmenschen und sogar ein Experiment „In malayischer Form“, bei dem die zweite Zeile jeder Strophe am Anfang der folgenden wortgleich wiederholt wird. Und wo ein Reim zu viel des Guten wäre, tut’s auch eine Assonanz, das hat der Dichter beim Rapper gelernt. Seht her, ich kann’s!, sagen all diese Texte. Sie funktionieren noch, die schönen alten Dinge!
Doch der Grat zwischen Virtuosität und Manieriertheit ist schmal. Es ist noch nicht automatisch Lyrik, wenn die Satzstellung ein bisschen aufgemischt wird oder Substantive zu Adjektiven mutieren. Die „mondene Ruhe“ ist Poesiealbum statt Poesie, genauso gestelzt wie „jener Adorant der femininen Stille“. Damit ist der Maler Vermeer gemeint – aber ist die Stille wirklich feminin, nur weil die Frauen auf seinen Bildern nichts sagen? Auch viele Assonanzen wirken gesucht („Tabula rasa auf gemeinem Rasen“), manche Alliterationen unfreiwillig komisch („Radau aus Reflexion und Refraktion. So retardiert der Raum“). Das Einstreuen sperriger Fremdwörter ist geradezu eine Marotte: Paroxysmen, Populationen, Phylogenese, Fixativ, Epitheta, Krustazeen, odios, anaklastisch… Dahinter mag das Bemühen stehen, den ganzen Reichtum der Sprache vorzuführen. Doch oft genug wirkt die Wortklauberei nur besserwisserisch, eine überkonstruierte Angeberlyrik, in der selbst der Specht am Eichenstamm ein Schüler des Zenon von Elea und jedes Krustentier ein Vorsokratiker ist.
Ganz sicher, ob ihm bei seinen bildungsbürgerlichen Etüden noch jemand folgt, scheint sich der Dichter indes nicht zu sein. Weshalb sich manche seiner Verse lesen wie Wikipedia-Einträge, mit Zeilensprüngen zu Lyrik aufgepimpt:
Am Konstantinsforum die verstümmelte Säule aus Porphyr
Ist das Zeichen der Gründung. Mit ihr beginnt Nova Roma –
Die Stadt, die ein Weltreich regierte, Byzantium als Byzanz.
Schönen Dank auch für so viel Volkshochschule! Ganz ähnlich funktioniert das Modell Fußnote mit Quellenangabe: „Schließlich war die Seele, nach Hume, nichts als ein Strom / Einzelner Daten“. Mitunter werden weiterführende Lektürehinweise und Erklärungen auch in Klammern nachgeliefert: „Fehlt nicht viel, und du wirst (s. Marsyas) vom Fleisch geschält / Mit rauhem Handschuh (kese).“ Wohlwollend könnte man darin vielleicht sogar eine Prise Selbstironie des viel gerühmten Götterlieblings vermuten – wenn es ihm mit allem anderen in diesem Band (sich selbst, seiner Heimat Berlin, den Göttern und Gelehrten) nicht so bitterernst wäre. Nie lässt er locker, mit immer neuen, tiefen Fragen versucht er den Leser in seine einsamen Reflexionshöhen zu locken: Und was heißt Substanz? Sah so die Avantgarde aus? Ein Pfirsich, was ist das, als Objekt, an und für sich? Was ist Gewissheit dann, Gelegenheit, Balance? Woher nur, wohin? Natürlich ist all das bloß rhetorisch gemeint, auf jedes Fragezeichen folgt verlässlich eine Antwort, Aufklärung, Schulmeisterei.
Es steckt etwas Selbstgefälliges in all diesen Versen. Das autobiografische „Rauchen verboten“ (ein lyrisches Ich im strengen Sinn gibt es in keinem der Texte, es versteckt sich meist hinter dem überpersönlichen, verallgemeinernden „man“) erinnert an Kindertage vor den Toren der russischen Kaserne in Hellerau und nennt sie „Mein Concord, Zarskoje, mein Tübinger Stift“ – das also ist die Reihe, in der Grünbein sich sieht: Thoreau, Puschkin, Hölderlin. Ein solcher Meister hat nur bedeutende Momente:
Wenn am Nachmittag die Phasen des Schweigens
Länger werden als im Winter die Schatten
Kommt die Idee des Stillebens auf.
Mag ja sein, dass bei Grünbeins daheim im Dunkeln viel gedacht wird, aber die überpersönliche Ausschließlichkeit, mit der diese Gehirnakrobatik daherkommt, hat etwas herablassend Elitäres. Der Dichter ist hier noch einmal der vor allen anderen ausgezeichnete Seher, den die Eule der Weisheit erleuchtet. Darum bittet er den mythischen Vogel gleich im ersten Gedicht, „Interieur mit Eule I“: „öffne die Augen. / Tier auf der Tetadrachme aus Attika, hilf.“ All die Texte bis zum finalen „Interieur mit Eule II“, mit dem sich alles aufs Schönste rundet, dienen als Beleg, dass der Rufer erhört wurde: Er hat gesehen und das Gesehene ins Wort überführt – die einzige Möglichkeit, bei all den Zufälligkeiten einer modernen Existenz sich seiner selbst zu vergewissern und den Kopf oben zu behalten.
Der Fixpunkt dieser Selbstvergewisserung ist – wie stets bei Grünbein – auch in diesen Gedichten die griechisch-römische Antike. Gegen die besinnungslose Zukunftseuphorie im Treibsand der Gegenwart setzt er auf den bildungssatten Blick zurück – da weiß das spurlos vergehende Ich zu Lebzeiten wenigstens, woran es ist. „Illyrien lebt“, und sei es in der Repertoirevorstellung des renovierungsbedürftigen Opernhauses. Natürlich macht der Dichter sich keine Illusionen, dass die Welt, in der er Orientierung sucht, dem Untergang geweiht ist:
Was gestern
Noch Klassik war, Klima auf griechischen Inseln,
Ist heute Krise, morgen schon Kirmes mit Knallbonbons.
Und doch führt das Titelgedicht in einer Art lyrischen Reportage programmatisch hinaus auf die Ägäis, nach Naxos, „Ariadnes Insel“. Homers weindunkle See ist zwar ein „trüber Sud“ geworden, die Rüstungen der antiken Helden sind versunken, und die moderne Sparversion des Götterboten trägt Baseballkappe und falsche Zähne. Doch noch immer ist dies die Weltgegend der großen Visionen, in der die Dinge mehr sind, als sie scheinen.
Was aber genau es da draußen, auf dem Meer, in der Vergangenheit, für die Gegenwart zu lernen geben soll, bleibt seltsam vage. Der Koloss des Titels entzieht sich, „das Ding war weg, vom Dunst verschluckt“. Übrig bleibt bestenfalls die Binsenweisheit, dass in den archaischen Tragödien schon die Wahrheit über unsere Zeit steckt: „brutale Antike / (Die immer weitergeht mit jedem der schwelenden Kriege)“. Zugleich schimmert durch manche Zeilen auch das Bedauern darüber, dass die Zeit für Helden antiken Ausmaßes vorbei ist:
Jeder geht nun für sich, ungestört, ungetröstet
In seiner Ecke des Universums im Zentrum.
Interessant ist der Gleichmut: Auch nach dem Tod
Des seltenen Helden fahren Züge nach Fahrplan
Und irgendwann, nach all den eleganten Stillleben mit Amphoren und Degenfischen, all den Exkursionen auf den Spuren alter Größe zu bedeutsamen Orten, bleibt nichts als Überdruss an dieser Masche, jedes gegenwärtige Detail mit alter Größe kurzzuschließen. „Odyssee“ ist das Zauberwort, das noch die Hochzeitsreise des Dichters zum weltgeschichtlichen Ereignis veredelt. Da wird der Vulkan vom schnöden Touristenziel zum Aschenbecher, in dem Zeus seinen letzten Glimmstängel zurückließ. Bei so viel unfreiwilliger Komik fragt man sich, ob es nicht auch mal ’ne Nummer kleiner geht.
Geht es nicht, und hier offenbart sich der wahre Sinn des Titels: Grünbein selbst ist der Koloss im Nebel, der Grieche des Herzens, den es ins Nebelland der unverständigen Germanen verschlagen hat. Hier reckt er nun sein Haupt in schwindelerregende Höhen. Im Gedicht endet die Vision vom Koloss so: „von oben ging ein himbeerfarbnes schwaches Licht aus, das pulsierte / Wie nie ein Leuchtturmfeuer, Sternenstrahl“. Da hilft nur Eich: Zu viel Abendland. Verdächtig.
Christof Siemens, Die Zeit, 15.11.2012
Überblenden der Erinnerung
– Durs Grünbein liest im Frankfurter Literaturhaus. Eben ist Koloss im Nebel erschienen. –
Sein Dichten hat einen visuellen Kern. Was aber, wenn ihm etwas den Blick verstellt? Dann erscheint bei Suhrkamp eben wie jüngst ein Koloss im Nebel. Im Frankfurter Literaturhaus sprach Durs Grünbein mit der Literaturkritikerin Insa Wilke über seinen neuen Lyrik-, nein, Gedichtband, denn: „Die Lyra ist zerbrochen, die Lyrik ist gestern gestorben.“ Der Prosa prophezeite der Dichter aus Berlin eine große Zukunft als Ergründerin der menschlichen Psyche – vor allem dem gängigen Familienroman, nach dem ihn Hausherr Hauke Hückstädt gefragt hatte. Für ihn aber sei der Vers die Vertiefungsform schlechthin. Wohin auch immer er sich bewege, habe er ein Versbuch dabei. „Ich muss Verse machen, begründungslos“, lautet sein Credo.
„Ich bin ein bildender Künstler“, lautet ein weiteres. Deshalb hat Grünbein die Gedichte in seinem neuen Buch nach dem Plan einer Ausstellung angeordnet: In sieben Abteilungen präsentiert er Reisebilder, Alltagsembleme, Selbstporträts, Historien sowie Studien zu Liebe und Sexualität. Es ist nicht leicht, ihm zuzuhören. Schon nach kurzer Zeit fühlt man sich selbst benebelt und begreift, warum dieser Abend mit dem Büchner-Preisträger von 1995 weder im Großen Saal noch im Kabinett, sondern im kleinen „Salon“ vor einem intimen Kreis von Liebhabern stattfand. Auch war man der Moderatorin dankbar, dass sie ihren Gast immer wieder ins Gespräch verwickelte, bis er das Lesen fast vergaß. Er holte es aber nach anderthalb Stunden nach.
„Ohne Konventionen geht es nicht“
Bis dahin hatte Insa Wilke bewiesen, dass sie eine Meisterin des Insistierens ist, und Grünbein, dass er ein Kavalier der alten Schule des Taktgefühls ist. Nur einmal ließ er sich in Verlegenheit bringen: Wie er malen würde? In welchen Farben? Abstrakt oder figürlich? „Das ist schwierig zu beantworten“, fand der Dichter und entgegnete: „Mit Überblendungen von Erinnerungen.“ Eingedenk seines Debüts vor 24 Jahren (Grauzone morgens) könnte man vermuten, er bevorzuge Grautöne, in denen sich nur Athenes Eule noch zurechtfindet. Tatsächlich hat er einige Gedichte dem Totemtier des wankenden Europa gewidmet. Von Endzeitstimmung will er aber nichts wissen: „Das ist nur eine Krise.“ Auch wenn die Konturen unscharf werden, Zeitbilder verschwimmen und die Nationen im Nebel verschwinden.
Was muss man alles wissen, um ein Gedicht von Grünbein verstehen zu können? Das hätte Insa Wilke gerne von ihm, dem „poeta doctus“, erfahren. Grünbein aber hat einen sehr eigenen Begriff von Allgemeinbildung: „Ich gehe nicht von Vorwissen aus, sondern von einem Allgemeinwissen, das immer da ist, in allen Schichten. Nur dass es manchmal absinkt.“ Der Leser muss also weder Paul Klee noch Erich Heckel kennen, um die „Radiolarien in Öl“ genießen zu können. Kennt er sie doch, könnte er sie verwechseln wie Insa Wilke. Doch Grünbein setzt nach eigenen Worten nichts voraus, „was sich nicht einfach googeln ließe“. Er will also doch verstanden werden? „Ohne Konventionen geht es nicht“, gibt er zu. Aber: „Schon Catull war ein Neuerer aus Ciceros Sicht.“ Die Kunst bestehe eben darin, auf Basis der Konventionen gegen diese verstoßen zu können.
Claudia Schülke, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2012
Wortgewaltige lyrische Malereien
– Durs Grünbein im Café Vetter. –
Fast hätte die Lesung nicht stattgefunden. Der viele Schnee auf den Straßen hatte einige zu Hause bleiben lassen. Gleichwohl wollten sich viele den Georg-Büchner-Preisträger Durs Grünbein nicht entgehen lassen.
Ludwig Legge, Vorsitzender der Neuen Literarischen Gesellschaft, war etwas enttäuscht. Eigentlich hätte das Café Vetter an diesem Tag richtig voll sein müssen. Mit so einem Wetter hatte man nicht gerechnet.
Auf der engen Bühne nahm Durs Grünbein Platz und entführte sein Publikum in die Landschaften seiner Gedichte. Sein neuer Gedichtband Koloss im Nebel ist laut Grünbein wie eine Gemäldeausstellung aufgeteilt. Gedichte sind für ihn wie Malerei und wenn man seine Werke hört glaubt man ihm sofort.
Von Zeit zu Zeit versuche er sogar wie einige Maler ein Selbstbildnis von sich zu entwerfen, sagt Grünbein, der 1992 als junger, noch weitgehend unbekannter Lyriker den Marburger Literaturpreis erhielt und danach reihenweise Preise einsammelte. Wie ein Maler beschreibt er sich etwa in dem Gedicht „Selbstbildnis vor violettem Hintergrund“: „Wo willst du hin, unrasiertes Kinn“, lautet eine Zeile. Durch kleine, detaillierte Beschreibungen kann man sich seine Gedichte lebhaft vorstellen.
Statt etwas zu seiner Poesie zu sagen, las Durs Grünbein lieber die Geschichte „Der Rätselmeister“ über seinen Großvater vor. Das Publikum hing gebannt an seinen Lippen. Bei der Erzählung über die Sommerbesuche beim Großvater, der für verschiedene Zeitungen Kreuzworträtsel erfand, lernte man einiges über Grünbein und seinen feinen Sinn für Worte kennen. Die Worte im Rätsel kamen ihm damals wie Tiere im Zoo vor, die hinter Gittern ohne Kontext steckten. So lernte er auch früh schwierigere und weniger gebräuchliche Wörter kennen. Sein Großvater habe ihn in ein unsichtbares Memory-Spiel verwandelt.
In der Diskussionsrunde danach wurden zwei Gedichte besonders betrachtet: „Die Reise nach Jerusalem“ fiel mit seinen kühnen Reimen auf. Reime seien manchmal wie naive Malerei, so Grünbein, der in diesem Gedicht versuchte eine Art „Chagall-Stimmung“ zu erzeugen. Beim Gedicht „Exaltationen im Schlaf“ wollte der Dichter einmal den Fokus eher auf den Schlaf legen, der wie eine große Auszeit in jedem Leben ist. Denn obwohl jeder Mensch ein Drittel oder gar die Hälfte seines Lebens mit Schlafen verbringt, werde die Wachwelt viel dominanter dargestellt.
Entschieden wehrte sich Durs Grünbein gegen die Behauptung, die Lyrik stecke in einer Krise. In Wirklichkeit sei die Leserschaft viel größer als man denke. Außerdem gefallen ihm Dinge, die nicht die ganz große Öffentlichkeit anziehen besonders gut.
Dass Poesie nach wie vor seine Anhänger hat, bewies das Publikum im Café Vetter. Und wer weiß wie viele Menschen bei besserem Wetter zu einem Dichter seines Formates beim nächstes Mal kommen werden.
Mareike Bader, op-marburg.de, 12.12.2012
Lyriker Durs Grünbein bittet um Erleuchtung
– Er gehört seit einem Vierteljahrhundert zu den produktivsten deutschen Dichtern. Doch der neue Gedichtband des Lyrikers Durs Grünbein ist nicht durchweg geglückt. –
Für den neuen Gedichtband eines zeitgenössischen Lyrikers, der auch sonst nicht mit Veröffentlichungen geizt, ist das eher ungewöhnlich: 200 Seiten mit weit über 100 Gedichten in einer Lieferung, die Mehrzahl nicht knappen Umfangs.
Aber diese Neuerscheinung ist ja auch von Durs Grünbein. Dieser, 1962 in Dresden geboren und seit langem in Berlin lebend, gehört seit einem Vierteljahrhundert zu den produktivsten deutschen Lyrikern. Ein Dutzend ausgewachsener Gedichtbände hat er bisher vorgelegt, den letzten erst vor zwei Jahren.
Nun also – Grünbein hält es mit der alten Rechtschreibung – Koloss im Nebel. Man blättert hinein in diesen Band von Romanstärke, lässt lesend ein Gedicht aufs andere folgen, begleitet den Autor zu seinen Themenschauplätzen: Unter anderem ist es diesmal das Meer (dem auch das in mehrere Abschnitte geteilte Titelgedicht gewidmet ist); Städte sind ebenfalls wieder dabei (Rom darf bei diesem Autor nie fehlen); und auch bildende Künstler und ihre Werke bilden einen kleinen Schwerpunkt in den sieben Kapiteln der Sammlung. Grünbein, wie man ihn kennt: typisch wieder der Gestus des Flaneurs, ebenso das Aufrufen humanistischen Bildungsguts.
Das geht alles leicht zu lesen, denn der Autor intoniert ein stetes Parlando. Man gleitet regelrecht dahin auf dem sanft treibenden Sound der Wörter. Trotz der fast durchgängig langen Verszeilen bleibt der Rhythmus fließend. Ein unterschwellig distanzierter, manchmal offen schnoddriger Ton tut ein Übriges. Grünbeins Sprache widersetzt sich nicht dem Fortkommen des Lesers. Keines seiner Gedichte ruft: Stopp! Entschlüssle mich!
Auf lange Sicht jedoch stellt sich ein Ungenügen ein. So wort- und bildreich Grünbein seinen jeweiligen Gegenstand umkreist, so prägnant er ein Objekt, eine Situation, ein Fluidum zu fassen vermag, so oft bleibt dies doch reine Phänomenologie. Kaum je ein Aufschwung, der herausträte aus selbstbezüglicher Beschreibung und hinführte zu einem überraschenden, neue Saiten anschlagenden Sinnzusammenhang.
Wortkunst, die ein wenig der Oberfläche verpflichtet ist
Gewiss ist das poetologisch ein Stück weit Programm. Von einem Vogel heißt es in einem der Gedichte:
Daß er kein Abgesandter war, Symbol oder Bote
Aus welcher Tragödie auch immer, nur er selbst –
Kein Zeichen, das, nach Bedeutung schreiend
Die Welt mit sich fortriß, beruhigte uns stark.
Eine Rose ist bei diesem Dichter eben meist eine Rose – doch wird man dabei das Gefühl nicht los, dass die Grünbein’sche Wortkunst ein wenig arg der Oberfläche verpflichtet ist.
Es gibt freilich Perlen in der langen Gedichte-Galerie des neuen Bandes. Dazu gehören einige aus der Gruppe der Poeme, die einzelnen Künstlern gewidmet sind. Wie Grünbein etwa die abstrakte Kunst eines Paul Klee ins Konkrete holt, ist von tieflotender Sprachzuweisung:
Der Klee: das ist das liebliche Geräusch,
Das die Enttäuschung macht, sieht sie
Die Welt, so wie sie einmal ist, verlassen
Von allen Heiligen und Cherubim.
Eine Eule zu Beginn, eine Eule zum Schluss
Oder wenn es an anderer Stelle zur Engführung kommt zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem zeitgleichen künstlerischen Aufbruch, bezeugt mit Namen wie Apollinaire und Braque, Trakl und Beckmann:
Im Feldlazarett detonierten die Farben, die Klänge
In den Köpfen der Wundgeschossenen.
Formen jagten einander durch die sedierte Nacht
Und wurden im Morgengrauen zertrümmert,
Wenn das Morphium nachließ.
In fünf Zeilen ist hier nichts weniger als eine Genese der Moderne gefasst.
Nach solchen Höhenflügen dann aber wieder die Mühen der Ebene mit seitenweiser Deskriptionslyrik: das Meer in seinen Farbnuancen, die Welt unter Wasser, ein Seepferdchen, das vorüberschwimmt… Die Tagesthemen sucht man bei diesem Dichter vergeblich, nur manchmal erlaubt er sich ein leichtes Touchieren (etwa, wenn er Griechenlands Flagge „schlapp herab“hängen lässt). Auch nach einem Ich, das hier erkennbar subjektiv wahrnähme, empfände, ausspräche, hält man meist umsonst Ausschau – bis auf wenige Ausnahmen: Zu Anfang und Ende seiner Sammlung hat Grünbein jeweils ein „Interieur mit Eule“ gestellt. Im ersten, also auf Seite eins gewissermaßen, richtet das „Ich“ an jenes titelgebende Tier, das von alters her für seine angebliche Weisheit geschätzt wird und wohl gerade deshalb auf einer griechischen Drachme abgebildet ist, die Bitte: „erleuchte mich“.
Lesend angelangt auf der letzten Seite, ist dem „Ich“, hinter dem der Dichter selbst vermutet werden darf, Erfüllung zu wünschen für Künftiges: dass seine Gedichte (wieder) konzentrierter, emphatischer, tiefgründiger – letztlich ganz banal: packender werden mögen.
Stefan Dosch, Augsburger Allgemeine, 10.9.2012
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Jürgen Brôcan: Scheinriese mit Asphyxie
fixpoetry.com, 20.11.2012
Hans-Dieter Schütt: Wie malt man Licht?
neues deutschland, Literaturbeilage 10.-14. 10. 2012
Joseph Hanimann: Bilder einer Ausstellung
Süddeutsche Zeitung, 7. 1. 2013
Paul Whitehead: Grünbein, Durs: Koloss im Nebel
Focus on German Studies. Band.20. Cincinnati, Ohio (University of Cincinnati), 2013
Lesung von Durs Grünbein am 6.6.2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
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Durs Grünbein bei Sternstunde Philosophie vom 14.6.2009.










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