– Zu Ernst Jandls Gedicht „im delikatessenladen“ aus Ernst Jandl: dingfest. –
ERNST JANDL
im delikatessenladen
bitte geben sie mir eine maiwiesenkonserve
etwas höher gelegen aber nicht zu abschüssig
so, dass man darauf noch sitzen kann.
nun, dann vielleicht eine schneehalde, tiefgekühlt
ohne wintersportler. eine fichte schön beschneit
kann dabeisein.
auch nicht. bliebe noch – hasen sehe ich haben sie da hängen.
zwei drei werden genügen. und natürlich einen jäger.
wo hängen denn die jäger?
Ernst Jandl liest „im delikatessenladen“
Brief einer 12jährigen Schülerin aus Deutschland an Ernst Jandl vom 23.4.1974
Antwort auf die Frage einer Schülerin
Wien, 7. Mai 1974
Liebe Christine,
herzlichen Dank für Deinen Brief und das hübsche bunte Bildchen, über das ich mich sehr freue. Nun zum Gedicht „im delikatessenladen“. Delikatessen sind bekanntlich besonders köstliche Dinge zum Essen. In diesem Gedicht betritt ein Mann einen Laden, wo solche besonders köstlichen Dinge, die man essen kann, verkauft werden. Er tut nun so, als erwarte er, daß er dort nicht bloß köstliche Dinge zum Essen kaufen könne, sondern auch köstliche Dinge anderer Art, diese Dinge übrigens in derselben Weise haltbar gemacht wie Speisen, die man in einem Delikatessenladen kaufen kann, also etwa tiefgekühlt oder als Konserve. Zu solchen köstlichen Dingen gehört zum Beispiel eine sonnige Landschaft im Frühling, eine blühende Wiese im Mai, irgendwo in den Bergen. Wenn die Sonne warm scheint, kann man sich dort niederlassen, die Natur genießen und alles andere vergessen. Warum tut er so, als erwarte er, daß er eine solche Wiese im Delikatessenladen kaufen kann? Nun, vielleicht gehört er zu den Leuten, die glauben, daß man im Leben alles kaufen kann; damit hat er natürlich unrecht, und schließlich bekommt er ja seine „Maiwiesenkonserve“ auch nicht. Oder [er] weiß, daß es Leute gibt, die glauben, daß man im Leben alles kaufen kann, gehört aber selbst nicht zu diesen Leuten und verlangt im Delikatessenladen die Maiwiesenkonserve, um durch dieses unsinnige Verlangen deutlich zu machen, daß man nicht alle schönen Dinge einfach kaufen kann.
Er bekommt sie nicht, doch er läßt nicht locker, sondern verlangt darauf eine schöne Winterlandschaft, also ebenfalls etwas Köstliches, das man nicht einfach kaufen kann. Wieder hat er keinen Erfolg, das heißt, es zeigt sich wiederum, daß man nicht alle schönen Dinge des Lebens einfach kaufen kann. Jetzt geschieht aber etwas Seltsames: Er bemerkt etwas, das zu beiden Landschaften gepaßt hätte, zur Frühlingswiese ebenso wie zur Winterlandschaft. Es sind Hasen, die in diesem Delikatessenladen verkauft werden. Es gibt große Delikatessenläden, wo neben tausend anderen Dingen auch Wildbret zum Verkauf angeboten wird. Die Hasen, tot, sind dann meist an den Hinterbeinen zusammengebunden und an einen Haken gehängt, also mit dem Kopf nach unten. Hier hat er in diesem Delikatessenladen nun tatsächlich etwas entdeckt, das zu der Landschaft gehört, die er ursprünglich haben wollte, ein Stück Natur. Wie zur Maiwiese die Sonne und die Blumen, und wie zur Schneehalde die schön beschneite Fichte (und auch die Wintersportler, die er nicht haben wollte), so gehört zu den Hasen in dem Zustand, in dem sie da hängen, also totgeschossen, auch der Jäger. Deshalb also die Frage: „Wo hängen denn die Jäger?“ – eine unsinnige und zugleich grausame Frage, die aber in dem Augenblick einen Sinn bekommt, wenn man nicht mehr damit einverstanden ist, daß die einen immer die Gejagten sind, und die andern immer die Jäger, und daß sich daran niemals etwas ändern soll. Aus der Sicht des Jägers ist es ganz richtig, daß die Hasen immer die Gehetzten und Gejagten sind, die schließlich totgeschossen und verkauft werden. Aus der Sicht der Hasen allerdings müßte das gleiche Recht für alle gelten. Warum sollte es den Jägern dann nicht ebenso ergehen wie den Hasen?
Das Gedicht ist also vielleicht eine Art Fabel, mit einer Lehre am Schluß. Von dort könnte man vielleicht weiterdenken, ob es hier wirklich nur um Jäger und Hasen geht, oder ob es nicht in unserer menschlichen Welt vorkommen kann, daß die einen immer die Mächtigen sind, und die andern immer die Machtlosen, und daß dieser Zustand als ein rechtmäßiger Zustand bezeichnet und verteidigt wird.
Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, Dir und den Mädchen und Jungen in Deiner Klasse das schwierige Gedicht etwas klarer zu machen.
Herzliche Grüße
Dein
Ernst Jandl
aus Ernst Jandl: Musik Rhythmus Radikale Dichtung. Herausgegeben von Bernhard Fetz, Paul Zoslnay Verlag, 2005









0 Kommentare