Lyrik gegen Fresspakete
Gottfried Benns Comeback im Nachkrieg
«Vor meinem Fenster,
– sagt der Weise –
liegt ein Tal,
zwei Pappeln säumen einen Weg,
du weisst – wohin.»
(G. B., Statische Gedichte)
Dass Gottfried Benn nach dem Zweiten Weltkrieg – weithin verpönt wegen seiner zeitweiligen Komplizenschaft mit dem NS-Regime und fast schon vergessen als Protagonist des einstigen expressionistischen Jahrzehnts – sich im bundesdeutschen Literaturbetrieb binnen weniger Jahre erneut grossmeisterlich hat etablieren können und dass er, darüber hinaus, als verdienter «Klassiker der Moderne» zu einem Schulbuchautor geworden ist, gibt noch heute Anlass zu kritischen Rückfragen: Wie konnte Benn, von den Besatzungsbehörden mit Publikationsverbot belegt, mehr oder minder problemlos und in staunenswert rascher Folge und Anzahl neue Bücher herausbringen und damit auch eine neue Karriere begründen? Wie vermochte er sich als Lyriker, Essayist und Vortragsredner im Kontext der damaligen Trümmer- und Bewältigungsliteratur so machtvoll durchzusetzen, dass ihm bereits 1951 der Georg Büchner Preis und er in der Folge – bis zu seinem Tod 1956 – alle in Westdeutschland relevanten literarischen Ehrungen und akademischen Mitgliedschaften zugesprochen wurden? Und wie hat er selbst auf diese späten Erfolge reagiert? Was hat er ihnen künstlerisch abgewonnen?
Tatsache ist, dass sich Benn seiner obsoleten Vergangenheit als «innerer Emigrant» im Dritten Reich nie frontal gestellt hat – im Rückblick darauf («Doppelleben», 1950) distanzierte er sich jedenfalls nicht explizit davon, vielmehr war er bemüht, sein Verhalten als «aristokratische», über das Zeitgeschehen erhabene, diesbezüglich also neutrale Einstellung zu rechtfertigen und daran zu erinnern, dass ja auch er (nach seiner Abkehr vom Nationalsozialismus) in Ungnade gefallen, als Autor offiziell verfemt und für viele Jahre mit Druckverbot belegt worden sei.
Gottfried Benns grundsätzlich «gleichgültige» staatsbürgerliche Einstellung korrespondiert weitgehend mit seinem künstlerischen Selbstverständnis, demzufolge ihm sein exklusives Werk, dessen Aussenwände er mit hermetischen Parolen versehen habe, stets als Schutzraum diente. Wofür, für wen könnte und sollte er denn nun Verantwortung übernehmen?
… Fortsetzung am 2.11.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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