KREIDE
viel vermögen
buchstaben
ändert man
ihre ordnung
doch den code
unserer zellen
auszusprechen
ist noch kein gedanke
an den man sich
auf der abschüssigen seite
unserer natur
halten kann
und der unsere fragen
zu beantworten vermag
der aufruhr
in unseren zellen
aber vielleicht
ein hinweis
warum wir die suche
immer von neuem
beginnen müssen
die musik und der tanz
an den grabwänden
verlangen
dass wir hier
antworten auf armut
und leid geben
was erde ist
erfahre ich nicht
wenn ich selbst
erde bin
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Was heißt es, ein Leben zu führen,
wenn man nicht mehr an ein Leben nach dem Tod glaubt? Was bedeutet eine götterlose Welt auch für unser Verhältnis zueinander und zur Natur, die in Kawassers Gedichten immer gegenwärtig ist? Ausgehend vom Lehrgedicht De rerum natura (Über die Natur der Dinge) des römischen Dichters Lukrez beschäftigte sich Kawasser mit der Philosophie des Griechen Epikur, die durch ein innerweltliches Streben nach Seelenruhe geprägt ist. Vor diesem Hintergrund besuchte er die etruskischen Nekropolen Tarquinia und Cerveteri und fand dort in wohnhausähnlichen Grabkammern Wandmalereien vor, die den Menschen selbst im Angesicht des Todes als diesseitsorientiert darstellen – beim Speisen, Trinken, Tanzen, Jagen, beim Sport und beim Sex. Kawasser siedelt sein Poem im Spannungsfeld von Krieg, Pandemie und Klimawandel an, dessen wiederkehrende Themen nach den Farben für die etruskischen Fresken wie Umbra oder Lapislazuli benannt sind, und erkundet die nebelhafte Linie zwischen Leben und Tod; er steigt in die etruskischen Gräber hinab, um dabei das sich sinnlich aufdrängende Diesseits zu befragen.
Limbus Verlag, Klappentext, 2024
Schrift, die wir nicht entziffern können
– Gegen das drohende Nichts: Udo Kawassers finsterer und doch tröstlicher Rätsellyrikband tarquinia – gespräche im schatten. –
Offenbar hat dieses Ich nichts zu verlieren. Schon „der griff zum gepäck / in dem sich das alleinsein / aufzuheben beginnt“, macht deutlich, dass nur ein Aufbruch zu neuen Ufern Veränderung bringen wird. Dabei signalisiert der Zielort zunächst alles andere als Vitalität, handelt es sich doch um die nahe Rom gelegene Nekropole Tarquinia. Inspiriert von den Farben und Szenerien der dortigen etruskischen Wandmalereien, hat der Lyriker Udo Kawasser nun einen Band über die Sehnsüchte, Ängste und Untiefen der menschlichen Existenz verfasst.
Es sind Gedichte voller Extremsituationen: Mal fällt ein Textsubjekt ins Bodenlose, mal findet es sich in einem Haus ohne Fenster wieder. Die schönen Avatare im Cyberspace täuschen nicht über die „unmöglichkeit“ hinweg, „sich / sich noch / noch aus / punkten zu / zu sammen zu / setz setzen“. Die Welt scheint vollends in Auflösung. Ist also der Wunsch vergeblich, „zwischen wolkenbänken / so lange schauen zu können / bis alles antwort gibt“?
Sichtlich geht es dem 1965 geborenen Autor um die Frage nach der Erkenntnis in einem so finsteren wie gottlosen Dasein. Dem drohenden Nichts begegnet er, der überdies als Tänzer Schwung und Rhythmus im Blut hat, mit Unermüdlichkeit. Ohne Punkt und Komma schreibt er sich in einen Rausch hinein. Insbesondere Wiederholungen und Satzkaskaden tragen zu dem Eindruck bei, mehr und mehr in einen poetischen Fluss zu geraten.
Obwohl unser aller Ende tragisch sein mag, zeugt eben jene sprachliche Kraft von einem Ich, das nicht aufgegeben hat. Sei es der Anblick bedrohlicher Meereswogen oder der Verlust einer geliebten Gefährtin – das Subjekt sieht sich mit Vergänglichkeit und Tod konfrontiert, weiß daraus aber einen weisen Schluss zu ziehen:
erst die ferne gibt
der nähe ein maß
Gerade weil uns, so der weiterführende Gedanke, die Endlichkeit vor Augen steht, erhält das Leben seine Kontur.
Nur welche Aufgabe stellt es uns? Kawassers Canti suchen Orientierung in den Zeichen der Natur. Letztere zu lesen und zu deuten, erweist sich als Herausforderung. Wenn zum Beispiel ein Prozessionsspinner von einer Hauswand ins Erdreich vordringt, so gleichen seine Spuren einer „schrift / die wir nicht / entziffern können“. Ähnliches gilt für Mond und Wind. Sie führen Gespräche mit Blättern oder schreien des Nachts sogar, jedoch unverständlich für unsere Ohren.
Man kann an all diesen Grenzerfahrungen, denen uns der Autor in tarquinia. gespräche mit schatten aussetzt, verzweifeln – oder eben lernen, sie und ihre Rätsel zu akzeptieren. Eines trägt uns hingegen über sämtliche Risse und Brüche sicher hinweg, nämlich die Dichtung. Immer wieder bedient sich der Autor des Konjunktivs, spielt mit Hoffnungen und Projektionen. Abseits der Ernüchterung findet sich in dessen berührenden und souverän ins Kosmische ausgreifenden Gedichten daher auch ein Vielleicht, dessen Potenzial sich allein im kunstvollen Bild und Wort erschließen lässt.
Björn Hayer, Frankfurter Rundschau, 29.11.2024
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Alexander Kluy: tarquinia – gespräche mit schatten
literaturhaus-wien.at, 5.11.2024
Alexander Kluy: wir sind sterblich
poesiegalerie.at, 15.11.2024
Timo Brandt stellt von Udo Kawasser tarquinia – gespräche mit schatten und Podium-Porträt vor.
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + Facebook + Kalliope
shi 詩 yan 言 kou 口
Udo Kawasser liest sein Gedicht „muezzin über brooklyn“ beim International Poetry Festival Istanbul 2010 / Istanbul Siir Festivali 2010.








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