Lyrik gegen Fresspakete
Gottfried Benns Comeback im Nachkrieg
Teil 1 siehe hier …
Obwohl man ihn wegen seiner angeblichen Verantwortungslosigkeit, seiner defizienten Moral, seiner offenkundigen Welt- und Menschenverachtung bald als «Schwein», als «Trottel» oder als «Prostituierten», bald als «Nihilisten» und üblen «Renegaten» öffentlich verunglimpfte, hielt Gottfried Benn an seiner apolitischen und asozialen Position bis zuletzt beharrlich fest – es war ihm nach eigenem Bekunden vollkommen «egal», was man von ihm als Person halten mochte, egal wohl auch deshalb, weil er diesbezüglich keine sonderlich hohe Meinung von sich hatte – er fand sich unansehnlich, unleidlich, alterte früh, war oft depressiv, hatte zudem vielerlei physische Beschwerden. Gesellschaftlicher Umgang war ihm zuwider, institutioneller Zuspruch mit den üblichen Ritualen (Lobreden, Preisverleihungen, Ehrenämter) irritierten ihn mehr, als dass sie ihn in seinem Tun bestärkten. Auch die sich häufenden superlativischen Belobigungen in der Presse liessen ihn eher gleichgültig: Zwar freute er sich darüber, doch ernstnehmen konnte er sie in den meisten Fällen nicht, auch machte es ihm nichts aus, sich bei ehemals militanten Nationalsozialisten wie Friedrich Sieburg oder Hans Egon Holthusen eigens für günstige Besprechungen zu bedanken.
Benn war in jeder Beziehung und zu jedem Zeitpunkt, nicht zuletzt gegenüber Frauen, ein ausgemachter Zyniker mit bisweilen ironischer oder auch melancholischer Grundierung. In einem späten Statement («Doppelleben», 1951) skizzierte er von sich selbst – als «Kunstträger» – so etwas wie ein Robotbild, das auch seinen Charakter und indirekt seine Befindlichkeit im Dritten Reich durchscheinen lässt: «Der Kunstträger ist statistisch asozial, lebt nur mit seinem inneren Material, er ist ganz uninteressiert an Verbreiterung, Flächenwirkung, Aufnahmesteigerung, an Kultur. Er ist kalt, das Material muss kaltgehalten werden, er muss ja die Idee, die Wärme, denen sich die anderen menschlich überlassen dürfen, kalt machen, härten, dem Weichen Stabilität verleihen.» Das liest sich fast schon wie ein Plädoyer für Unmenschlichkeit, jedenfalls bestätigt es Benns reduktionistisches Menschenbild, das den Homo sapiens bloss noch «in Anführungsstrichen» gelten lässt.
… Fortsetzung am 3.11.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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