Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
Teil 5 siehe hier …
HENRI MICHAUX
Über die Sprach- und Schreibverrücktheit des belgisch-französischen Dichters Henri Michaux (der bekanntlich auch ein höchst produktiver Bildkünstler war) ist soviel schon veröffentlich worden, dass kaum noch jemand in der Lage ist, die einschlägige Sekundärliteratur – die zahlreichen Katalogwerke mit eingeschlossen – vollumfänglich und adäquat zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn, sie durch weiterführende Forschungsbeiträge zu ergänzen. Eben dies gelingt nun aber der Autorin und Herausgeberin Muriel Pic mit einer materialreichen Archivpublikation (Leçons de possession, Paris 2025), die erstmals den Zugang zu Michaux’ Originalskripten aus den Jahren seiner Drogenexperimente eröffnen, jenen Skripten also, die er später als Grundlage für seine vielbeachtete Wahnsinnspoetik und die daraus erwachsende Wahnsinnspoesie genutzt hat.
Freilich war Wahnsinn für Henri Michaux weit mehr als blosse Verrücktheit; er erkannte darin eine komplexe, letztlich unauflösbare Verquickung von Wahn und Sinn, mithin von Rausch und Rationalität, Exzentrik und Ordnungszwang, Besessenheit und Abgehobenheit, Begehren und Askese – keins vom andern zu trennen, keins gegen das andere aufzubringen oder mit dem andern zu versöhnen. Weder dem Wahn, noch dem Sinn als solchem, und auch nicht beidem in einem galt Michaux’ Interesse, vielmehr konzentrierte er sich bei seinen Experimenten wie dann ebenso in seinen diesbezüglichen Schriften auf das, was als unerschlossener, noch unbenannter Freiraum zwischen Sinn und Wahn sich auftut, sei’s als dunkler Abgrund oder lichte Höhe, sei’s als Horror oder Faszinosum. Provisorisch verwendete er dafür den neutralen Begriff der Weisse, auch der Weissheit, um diese entrückte Zone zu charakterisieren, ohne sie zu definieren.
… Fortsetzung am 2.3.2026 …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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