Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
Teil 4 siehe hier …
EDMUND MACH
Mit seinem Mitpatienten Walter W. teilte Edmund Mach die Lust und auch die Begabung für das Tennisspiel, ausserdem den permanenten Drang zum Wandern und Reisen, doch im Unterschied zu W. ist er nicht weit herumgekommen in der Welt – sein langjähriger Wunschtraum, per Schiff nach Amerika zu gelangen, scheiterte kurz vor dem Boarding im Hafen von Neapel, weil er vergessen hatte, sich ein Visum zu besorgen; so wurde der Wunschtraum für ihn zu einem Alptraum, der ihn zeitlebens qualvoll frustrierte. In einem Kurzgedicht aus den mittleren 1980er Jahren knüpfte er noch einmal an seine frühere Sehnsucht an, und tatsächlich gelang es ihm, den einstigen Traum in kindlich wirkenden Versen von grandioser Schlichtheit wiederherzustellen:
Ein fernes Land
Weit ausgreifend aus
den Niederungen hervorscheinend
das ist Amerika.
Es ist jedem Einwanderer
erquickend anzusehen
Auch ich möchte ins Ferne
Land einmal nach Amerika
Im Alter von 28 Jahren, 1957, trat Mach wegen schwerer psychotischer Störungen in die Gugginger Klinik ein; seine robuste Konstitution und seine hohe Intelligenz erlaubten ihm häufige Freigänge, ermöglichten bisweilen auch länger dauernde Entlassungen, doch immer wieder kehrte er zurück oder musste zurückgebracht werden; seinen Status als Patient definierte er mit den Worten: «In puncto Logik habe ich das A und B unsicher in der Hand, daraus ergibt sich ein falsches C.» Ab 1965 begann er unter Anleitung seines Arztes mit dem Schreiben von Gedichten. Täglich liess er sich ein Thema oder auch bloss einen Titel geben, begann danach sofort mit der Niederschrift, ohne zu stocken, ohne Korrekturen anzubringen. Wenn das Blatt voll war, las er den Text gewöhnlich laut vor, um ihn anschliessend emotionslos dem Arzt zu übergeben. Auf diese Weise hat Mach mit offenkundiger Leichtigkeit Hunderte von Gedichten abgefasst, darunter solche von höchstem künstlerischem Rang, aber auch viel Beiläufiges, Triviales, doch keinerlei Kitsch.
Edmund Mach hielt von seinem regelmässigen «Krixelkraxel» nicht eben viel, doch mit zunehmendem Erfolg (Lesungen und Publikationen seit 1967, das erste Buch 1982) fand er Gefallen an seiner Rolle als «Dichter»; dabei dachte er freilich primär an die nun vermehrt eingehenden Honorare: «Es ist ganz nützlich, man bekommt Geld dafür. Ich habe viele Gedichte geschrieben, man tastet sich halt vor, eben keine Lieder, sondern Gedichte.» Auf die Frage nach seinen literarischen Vorbildern antwortete Mach selbstbewusst: «Ja, ich habe doch selber Bücher geschrieben, Mach, ja!» – Dass er als unsteter Wanderer wie auch als interessierter Leser produktiv mit Goethe zugange war, belegt seine transparente Überschreibung von dessen «Nachtlied»; das nicht wirklich gelungene Transkript hat folgenden (vermutlich fragmentarischen) Wortlaut:
Das Schweigen
Das Schweigen kommt
vom Walde. Das Schweigen
im Walde. Man redet
nicht da schweigt man.
Schweigen Vorsatz
Verräter
Wie weit Machs Belesenheit reichte, ist nicht auszumachen – sein sechsemestriges (vorzeitig abgebrochenes) Anglistikstudium dürfte ihm etliche Lektüren abverlangt haben, ohne jedoch seine eigene Schreibarbeit merklich zu beeinflussen. Dass seine Gedichte gelegentlich surrealistisch anmuten, ist wohl eher auf seine Wahnvorstellungen und Traumerfahrungen zurückzuführen als auf literarische Vorbilder; beispielhaft:
Das erste Veilchen
Knapp den Frühling
ausfüllend.
kann durch einen
Möglichkeitsbesucher
es gefunden werden.
Den Marmor umrahmt es
und gibt gute Peitsche
dem Glaskasten.
Durch Bedeutungsverschiebungen, Auslassungen und asyntaktische Aussagesätze wird hier umständlich ein simpler Sachverhalt vergegenwärtigt: Das «erste Veilchen», das den Frühling ja lediglich ankündigt, füllt ihn statt dessen «knapp» (?) aus. So kann es (soll es?) von einem «Möglichkeitsbesucher», d.h. von einem zufälligen Passanten entdeckt werden. Später dann (die Zwischenzeit wird durch eine Leerzeile markiert) «umrahmt» (?) das Veilchen einen nicht näher bestimmten marmornen Gegenstand «und gibt gute Peitsche | dem Glaskasten», bei dem es sich um eine Vitrine handeln mag – dazu will allerdings weder eine «gute Peitsche» noch ein «erstes Veilchen» passen.
Wie ist dieses Gedicht, unabhängig von der geistigen Beeinträchtigung des Autors, als literarisches Produkt einzuschätzen und zu bewerten? Worin bestehen seine spezifisch künstlerischen Qualitäten? Und – ist es denn überhaupt ein Gedicht? Subjektiv kann man daran Gefallen finden, und man kann auch, umgekehrt, irritiert sein davon. Diese Ambivalenz gibt es freilich ebenso bei Texten, die fraglos als «schöne Literatur» ausgewiesen, also frei von pathologischen Besonderheiten sind, und oft sind deshalb Gedichte «normaler» und «anormaler» Autoren schwerlich zu unterscheiden.
Dennoch bleibt deren Rezeption streng getrennt. Geisteskranke Dichter werden von der literarischen Normalität separiert, in gängigen Anthologien, Periodica und vollends in der Literaturgeschichte finden sie keine gleichrangige Integration – nach wie vor gelten sie als Ausnahmeerscheinungen, und auch wenn man sie als solche mit respektvollem Interesse behandelt, ist es doch stets eine Sonderbehandlung. Diese Absonderung wird nun durch künstliche Intelligenz zusätzlich verstärkt, weil schizophrene Textproduktion (anders als die heute geläufige Belletristik) apparativ weder imitiert noch eigens bewerkstelligt werden kann – ihre unabsehbaren und unberechenbaren Normbrüche, die ja im übrigen ihre Normalität ausmachen, verhindern (oder erschweren jedenfalls) die digitale Vereinnahmung. Von daher ist anzunehmen, dass am ehesten geisteskranke Autoren, die konsequent von literarischen Gepflogenheiten und Regularien abweichen, in der Lage sein werden, dem althergebrachten künstlerischen Kriterium der Originalität gerecht zu werden.
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







0 Kommentare