Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sprachverrückte Autorschaft zwischen Lyrik und Klinik – Henri Michaux (Teil 3)

Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik

Teil 7 siehe hier

HENRI MICHAUX

Insgesamt 225 Seiten (Einzelblätter oder in Heften) hat Henri Michaux zwischen 1956 und 1966 während seiner Drogenstudien und -experimente ausgeschrieben. Die von Muriel Pic beigebrachten Faksimiles lassen die sehr unterschiedliche graphische Qualität und inhaltliche Kohärenz der Schriftstücke erkennen, je nachdem, in welcher Phase der Berauschung sie abgefasst wurden – viele davon sind kaum zu entziffern, andere nehmen sich aus wie gewöhnliche Gebrauchstexte, wieder andere – wie Entwürfe zu Aufsätzen oder Gedichten.
Was vorab auffällt, ist die Uneinheitlichkeit der Textgestalt, bedingt durch die ständig wechselnde Ausformung und Grösse der Handschrift, die nicht linear, sondern in Voluten verläuft, ausgeführt mit Kugelschreiber oder Bleistift, ergänzt durch vielerlei Unterstreichungen, Einschübe und Randkommentare, durchzogen von Trennungs- oder Verbindungslinien. Entsprechend uneinheitlich ist die Sprachform all dieser Skripte – vollständige Sätze bleiben die Ausnahme, vorwiegend notiert Michaux kurze fragmentarische Wortgruppen, oft auch Einzelbegriffe, Namen, Zahlen, Daten. Motiv und Gegenstand der Aufzeichnungen sind Momente der Selbstwahrnehmung unter Drogeneinfluss (Schmerz-, Angst- und Lusterfahrungen, Bewusstseinserweiterung, Erinnerungen, Visionen), die sich bald protokollartig, bald spekulativ oder poetisch zu einer ebenso detailreichen wie widersprüchlichen Berichterstattung fügen.
Angesichts der in sich wie auch unter sich disparaten Blätter drängt sich bisweilen die Vorstellung auf, sie könnten von verschiedenen Personen beschrieben worden sein, eine Vorstellung, die vom Autor insofern bestätigt wird, als er ja selbst vom Zerfall beziehungsweise von der Vervielfachung des Ich-Bewusstseins unter Drogeneinfluss berichtet, einem Phänomen, das auch bei schizophrenen Störungen, bei religiösen Ekstasen oder bei schöpferischen Inspirationen zu beobachten ist. Durch seine Drogenexperimente hoffte Henri Michaux den gemeinsamen Grund dieser vielfältigen Grenzerfahrungen erhellen und darüber hinaus die staunenswerte Reichweite der menschliche Gefühls-, Traum- und Geisteswelt adäquat ermessen zu können.

… Fortsetzung am 4.3.2026 …

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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