Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Vom Hören und Sagen der Poesie (Teil 5)

Vom Hören und Sagen der Poesie

Teil 4 siehe hier …

Alain erkennt in der Klanglichkeit der Poesie deren natürlichen, gewissermassen organischen Anteil und in der Komposition des Sprachmaterials ihren Kunstcharakter. Doch er sieht den ursprünglich «harmonischen» Zusammenhalt der beiden Ebenen gefährdet, wenn nicht verloren dadurch, dass in der Moderne nicht mehr das Ohr, sondern das Auge für die Entstehung und Wirkung von Lyrik bestimmend sei, weshalb denn auch die Klanglichkeit ihren Vorrang gegenüber der Bildhaftigkeit (Metaphorik) eingebüsst habe: «Heute sehen wir die Sprache. Wir lesen immer weniger, indem wir einen Text sprechen … Das Auge wählt sich ein Zentrum und führt alles darauf zurück, wie in der Malerei, es setzt neu zusammen, es hebt hervor, es wählt die Perspektiven …»
Tatsächlich findet schriftlich fixierte Lautpoesie heute weder auf Autoren- noch auf Leserseite ein irgendwie relevantes Interesse. Letzte namhafte Impulse erhielt sie durch die literarischen Avantgarden der 1910er und 1920er Jahre (Futurismus, Expressionismus, Dadaismus), dann wieder durch die experimentelle Dichtung der 1960er, 1970er Jahre (etwa beim französischen Oulipo), zuletzt noch bei einzelgängerischen Autoren wie Jandl und Pastior, die sich insbesondre als Sprechkünstler profiliert haben, nach ihrem Tod jedoch, naturgemäss, rasch an Präsenz und Einfluss verloren. Statt dessen behauptet sich seither unabhängig von der Schriftform die performative, als Rezitation vorgetragene Rap- und Pop-Poetry machtvoll innerhalb des Literaturbetriebs – sie scheint den Anschluss an die von Alain privilegierte liedartige (sangbare) Lyrik gefunden zu haben, auch wenn ihre spektakuläre, oft dissonante Darbietungsweise klar davon abweicht.

… Fortsetzung am 16.10.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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