Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Vom Hören und Sagen der Poesie (Teil 6)

Vom Hören und Sagen der Poesie

Teil 5 siehe hier …

Dass Alain die Natürlichkeit (Naturhaftigkeit, Naturgegebenheit) der dichterischen Rede mit deren «Wahrheit» gleichsetzt, ist eine steile romantische These mit zweifelhaftem Erkenntnis- und Nutzungswert; zu bezweifeln auch ein Satz wie dieser: «Die Schwierigkeit (bei der Abfassung von Lyrik) besteht darin, nur das Natürliche zuzulassen, das heisst das, was sich von selbst ergibt. Lyrik ist offenkundig eine Gattung der Musik, die eine naturhafte Lenkung erkennen lässt.» Die modernistische Poetik indes begreift das Gedicht gerade nicht als etwas «Gewachsenes», sondern vorzugsweise als etwas «Gemachtes», als ein Ergebnis angestrengter «handwerklicher» oder jedenfalls «technischer» Bemühung – Alains diesbezüglicher Auffassung steht sie also dezidiert entgegen, so wie er, umgekehrt, klar von ihr abrückt.
In seinen weitläufigen Kommentaren zu Paul Valérys Versdichtungen setzt Alain verschiedentlich die «Natürlichkeit» der lyrischen Rede eins zu eins mit ihrer «Wahrheit» gleich: Die Dichtung sage, indem sie Wörter und Sätze in «natürlicher Abfolge» aufreihe, stets «ganz das Wahre». Mit solchen Wahrheiten ist heute kaum noch etwas anzufangen. Zwar wird Natur in zeitgenössischer Lyrik weiterhin gern thematisiert und gilt Nature writing als eigenständiger literarischer Trend, doch ein genereller, von der Thematik unabhängiger Wahrheitsanspruch wie bei Alain ist damit nicht verbunden.
Man mag das Natur- und Sprachvertrauen des Autors als obsolet abhaken, sollte aber keinesfalls übersehen, dass dazu auch sein konkretes Vertrauen auf den menschlichen Körper – in diesem Fall auf den Körper des Dichters – gehört, ein ebenfalls «natürlicher» Bezug, der in der Lyriktheorie bisher keine adäquate Beachtung gefunden hat. Den Körper des Dichters imaginiert Alain als eine «Flöte», die durch seinen Atem und seine Stimme zum Klingen gebracht wird. Die so – organisch, physiologisch – erzeugten Klänge rufen den Gegenstand, die Thematik, letztlich die Bedeutung des Gedichts überhaupt erst hervor, entgegen der gängigen Auffassung, wonach vorab stets eine Idee, ein gegenständliches Motiv oder eine Befindlichkeit gegeben sei, die nachfolgend «in Worte gekleidet» werde.

… Fortsetzung am 17.10.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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